Die ersten Kurzstrecken zum neuen Tarif

Die Kurzstrecke ist bei der Tarifänderung zum 30.6. ja am meisten in Mitleidenschaft gezogen worden. Während der Kilometerpreis um 21 bis 22 Cent erhöht wurde und der Startpreis um 50 Cent, kostet die Kurzstrecke nun einen satten Euro mehr: 5,00 statt 4,00 €. Dass der Anstieg so heftig war, erklärt sich aber zum Teil auch dadurch, dass die ersten Kilometer nun schon zum zweiten Mal teurer werden, der Kurzstreckenpreis das erste Mal aber nicht erhöht wurde.

Trotzdem:

„Fünf Euro glatt, da kommt ja kein Trinkgeld mehr zusammen!“

Ich fürchte das auch. Andererseits muss ich zugeben, dass ich das auch letztes Mal befürchtet hatte, als die Kurzstrecke von 3,50 € auf 4,00 € angehoben wurde. Davor hatten die meisten mit 4 € bezahlt und es stand zu befürchten, dass da viel umverteilt werden würde. Meine Statistik nach einiger Zeit ergab damals aber eher ein anderes Bild.

Auch heute denke ich wieder:

„Ach fuck, 5 € ist so eine runde Summe, da gibt niemand was drauf!“

Und ja, da gibt es einen kleinen Schein für, ich halte das wieder für ein realistisches Szenario. Andererseits waren die zwei Zwei-Euro-Stücke auch eine Art Marke.

Für eine Statistik ist es freilich zu früh. Ich habe gerademal 1,1 Schichten zum neuen Tarif gefahren, dabei waren genau zwei Kurzstrecken. Das Ergebnis ist dennoch interessant.

Die erste Fahrt verlief getreu der schlimmsten Vermutungen. Ich bekam einen Fünfer gereicht mit dem süffisanten Hinweis, dass das jetzt sicher blöd sei, wo kein extra Trinkgeld mehr dazu kommen würde. Vielen Dank auch für die „aufmunternden“ Worte! -.-

Aber schon bei der zweiten Kurzstrecke eine halbe Stunde später bekam ich glatte 6 € auf die Hand. Vielleicht eine Ausnahme, aber in Anbetracht der letzten Erfahrungen hoffe ich mal auf das Beste …

Jetzt auch in Berlin: Taxifahren wird teurer!

Dass nach der Einführung des Mindestlohns die Tarife steigen würden, ist keine große Neuigkeit. Neu ist jetzt allenfalls die Höhe und zudem kann man jetzt den genauen Zeitraum benennen, den das Ganze eigentlich zu spät kommt, wenn man die Begründung mit dem Mindestlohn akzeptiert. Seit Oktober wurde daran herumverhandelt.

Erst einmal kurz im Überblick: So steigen die Tarife ab dem 30.6.2015 in Berlin (mit einer Übergangsphase bis zum 14.7.2015)*:

  • Der Einstiegspreis erhöht sich von 3,40 € auf nun 3,90 €.
  • Die ersten 7 Kilometer kosten fortan statt 1,79 € je 2,00 €.
  • Alle nachfolgenden Kilometer kosten statt 1,28 € dann je 1,50 €.
  • Der Wartezeittarif steigt von 25,00 € auf 30,00 € pro Stunde.
  • Die Kurzstrecke kostet nun statt 4,00 € 5.00 €.
  • Großraumfahrten kosten nun nicht mehr 1,50 € pro zusätzliche Person, sondern 5,00 € pauschal.

Tja, nun.

Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, ich bin ja grundsätzlich kein großer Befürworter von Erhöhungen, so lange so viel anderes im Argen liegt.

Aber auch die Einzelpunkte. Dieses Mal wird dann wohl wirklich eine Menge Trinkgeld bei der Kurzstrecke wegfallen und der pauschale Großraumzuschlag ist eigentlich ein Witz. OK, einer der vergleichsweise oft vorkommt in Deutschland, aber gerade wegen der Existenz von Autos wie meinem Zafira, wo ich mal eben schnell auch zwei Personen extra einladen kann … ich finde das schlicht nicht fair. Da kostet eine kurze 2km-Tour fortan ohnehin fast 8 €, und dann soll man wegen einer Person mehr 13 € verlangen?

Und wie immer wird folgendes passieren: Wir vergraulen auf der einen Seite ein paar Kunden und schicken auf der anderen Seite ein paar Taxis mehr auf die Straße. Am Ende verdienen wir wieder alle das gleiche und jammern nächstes Jahr erneut.

Mir wird die Sache schon etwas Geld bringen. Ich fahr viele Touris und Leute, denen bereits alles egal ist. Gute Ideen sehen trotzdem anders aus als diese Tariferhöhung, denn die wirklichen Probleme im Gewerbe sind und bleiben struktureller Natur. Aber gut, noch anderthalb Jahre bis zum Fiskaltaxameter …


* In einer älteren Version des Textes hab ich als Datum ohne genaues Wissen den 15.6.2015 angegeben. Das war falsch, die jetzt eingefügten Daten sind korrekt.

Nur ein Beispiel

oder

warum ich das mit der Tarifbindung für eine gute Sache halte

Dass wir Taxifahrer uns im Pflichtfahrgebiet an die jeweiligen örtlichen Taxitarife halten müssen, ist immer wieder Grund für Ärger. Wie immer, wenn’s um Geld geht. Da haben wir einmal die Kunden, die natürlich gerne weniger zahlen wollen und auf der anderen Seite die Fahrer, die mehr verdienen wollen.

Aber wär’s so schlimm, wenn beide das bekämen, was sie wollen?

Grundsätzlich natürlich nicht. Preisfindungsprozesse bei Waren und Dienstleistungen sind abgesehen von einfachen Grundregeln komplex und natürlich kann der Taxitarif wie jeder andere Preis in bestimmten Fällen falsch im Sinne von „nicht optimal“ sein. Für mich hat eine Fahrt mit 6 pöbelnden Jugendlichen auch einen anderen Wert als eine mit einem netten Rentnerpärchen. Selbst wenn sie am Ende ähnlich lang dauern und laut Taxameter gleich viel kosten. Und für den durchgefrorenen Kunden an Silvester ist das Taxi für die 8 Kilometer Heimweg sicher auch mehr wert als Samstag Abends, wenn man sowieso noch zu dritt unterwegs ist und die Bahn alle 15 Minuten fährt.

Andererseits finde ich es auch schön, dass mich die Fahrkarte der BVG nicht ausgerechnet im Berufsverkehr mehr Geld kostet, weil der Platz da besonders knapp ist und man nunmal zur Arbeit muss …

Kommen wir nun zum aktuellen Beispiel. Das betraf zwar nicht das Pflichtfahrgebiet und ist damit keine illegale Abweichung vom Tarif gewesen – aber der angesprochene Kollege hat ganz gut gezeigt, wie absurd eine freie Preisverhandlung unter Umständen laufen kann.

Er stand am Ostbahnhof und unterhielt sich mit einem anderen Taxifahrer, der beim Funk eine Vorbestellung erwischt hatte. Es stellte sich raus, dass es wirklich um eine gute Tour ging, nämlich eine bis nach Cottbus. Der wartende Fahrer schien schon sehr glücklich darüber zu sein, aber besagter Kollege redete ihm ins Gewissen:

„Du musst unbedingt mit denen reden. Sag denen, dass Du die Uhr hin und zurück anlassen musst. Da ist Spielraum, da kannst Du immer mehr rausholen als ausgemacht. Ich bin einmal für 500 € nach Cottbus gefahren, das lohnt sich, glaub mir!“

500 €. Das kann natürlich die übliche Angeberei unter Kollegen gewesen sein, aber selbst wenn es übertrieben war: An die 180 €, die ich vor geraumer Zeit mit gutem Gewissen für diese Tour genommen hab, scheint der Kollege wirklich nicht gedacht zu haben.

Das für sich ist ja wie gesagt nicht unbedingt dramatisch. Obwohl es mir in den Fingern juckt zu schreiben, dass eine bessere Bezahlung von uns Taxifahrern zwar Not tut, 500 € aber zumindest gefühlt die Grenze zum Wucher überschreiten. Wirklich bescheuert wurde es, als in diesem Moment drei junge Männer auf mich zutraten, da ich nicht ins Gespräch involviert war und mir ein „Angebot“ machten:

„Hey Digger, wir ham’n Deal für Dich: Wir geben dir 60 € und Du bringst uns nach Fürstenwalde. OK?“

„Hmm. Nö. Das ist zu wenig.“

Die Irritation der Jungs dauerte nur kurz, denn der Kollege von eben bedeutete ihnen umgehend, bei ihm einzusteigen. Er mache das schon.

Mich hat das nur bedingt gestört. Es war Samstag und ich hab in den drei Stunden, die mich die Fahrt gekostet hätte, eher so um die 80 € Umsatz gemacht. Bei einem Drittel der Kilometer und sicher mindestens dem Doppelten an Trinkgeld. 60 € waren schlicht zu wenig.

Ich glaube, ich bin halbwegs vernünftig bei der Preisermittlung, wenn ich sie ins Umland mal selbst bestimmen kann. Ich versuche darauf zu achten, dass sich der Deal für mich und meine Firma zumindest halbwegs lohnt, mache darüber hinaus aber auch möglichst niedrige Preise für die Kunden. Da kommen dann für Cottbus eben 180 € und für Fürstenwalde 100, oder ausnahmsweise auch mal 80 € raus. Und natürlich akzeptieren das manche Kunden, manche auch nicht. Den freien Markt beschwörend hat der Kollege zweifelsohne mehr rausgeholt. Er hat irgendwem 500 € für Cottbus aus dem Rücken geleiert und im Gegenzug die Jungs für 60 € nach Fürstenwalde mitgenommen. Kann man gut finden, hat ja jeder bekommen, was er will.

Auf der anderen Seite hat der Kollege jetzt zwei nicht sonderlich gute Kunden hinterlassen:

Der eine greift vermutlich nächstes Mal auf einen Hubschrauber zurück. Ich hab auf die Schnelle keine Preise gefunden, aber ich könnte mir vorstellen, dass man es mit ein wenig Glück schafft, 500 € für diese Strecke zu unterbieten. Wenn nicht, bleibt das Taxi als absurd teuer im Gedächtnis – was es im Vergleich zur Bahn auch mit mir gewesen wäre, nur halt wenigstens um die Hälfte günstiger. Auf jeden Fall aber ist das jetzt als total unberechenbar abgespeichert.

Und die drei Jungs werden in den nächsten Jahren nicht vom Glauben abfallen, dass 60 € nach Fürstenwalde für uns lohnend genug sind und alle anderen sie nur abzocken wollen. Cottbus wäre zu dem Tarif übrigens mit 120 bis 140 € erreichbar.

Und was außerhalb des Pflichtfahrgebietes legal möglich ist, trifft stellenweise eben auch für innerhalb zu. Natürlich könnte ich die ein oder andere Fahrt deutlich günstiger machen. Andere müsste ich dann halt teurer machen, denn mit den bisherigen Tarifen komme ich etwa auf Mindestlohnniveau, das abzusenken ist also keine Option. Ich könnte am Wochenende in der City Rabatte anbieten, das Pech mit teureren Fahrten hätten halt die Leute, die in den Randbezirken wohnen. Oder zur falschen Uhrzeit fahren müssen. Wenn ich mir die zugehörigen Szenarien ausmale, gewinne ich jedenfalls nicht den Eindruck, dass eine freie Preisgestaltung am Ende z.B. sozial schwache Menschen besserstellen würde und damit insgesamt fairer wäre. Denn ebenso wie die Kunden hätten auch wir Taxifahrer mehr Einfluss auf die Preise – und ein Wegfall der Beförderungspflicht würde damit zudem wohl auch einhergehen, denn was soll sonst passieren, wenn man handelt, sich aber nicht einigen kann?

Nicht alle Taxitarife sind super hierzulande. Ob für Fahrer oder Kunden. Und selbst für die besten Tarife gibt es natürlich irgendwelche Fahrten, für die selbst sie unsinnig sind. Die einen Tarife schwächeln dank politischer Interessen, die anderen dank ungenauer Datenlage. Irgendwas ist immer, wenn man sowas festlegt. Grundsätzlich halte ich die Idee aber für richtig.
Und – das darf man nicht vergessen – sie betrifft „nur“ Taxis, die öffentlichen Verkehrsmittel. Unserer Konkurrenz wird diese Preisbindung nicht auferlegt, auch wenn Spinner wie die Gesellen von Uber z.B. das bisweilen implizieren. Dass andere Fahrdienstanbieter meist nicht oder nur wenig günstiger sind, liegt schlicht an der Wirtschaftlichkeit und hat mit der Tarifbindung überhaupt nix zu tun.

Tariferhöhung – ja oder nein?

Es war erwartbar. Angesichts des zum ersten Januar einzuführenden Mindestlohns haben die Gewerbevertretungen auch für Berlin Anträge auf eine Erhöhung des Taxitarifs gestellt. Ja, Plural – einig sind sie sich wie immer nicht. 🙁

Nun ist das ausnahmsweise mal eine schwierige Situation. Ich bin nach wie vor kein Freund von Tariferhöhungen, allerdings sowohl ein Freund des Mindestlohns als auch meines Arbeitsplatzes an sich. Und in der aktuellen Situation ist es einfach schwer, sich für oder gegen eine Erhöhung an sich zu entscheiden.

Eine Tariferhöhung sorgt in erster Linie für mehr Einkommen, schon klar. Andererseits schreckt es Kunden ab und es gäbe nach wie vor andere Möglichkeiten, den Verdienst zu erhöhen. Zusätzlich zur normalen Inflation kommt jetzt der Mindestlohn, der etliche Unternehmer einfach wegen des geringen Stundenumsatzes der Fahrer wirklich an die Grenze der Rentabilität bringt. Ist andererseits ein Stellenabbau nicht auch gut? Fragen über Fragen – und vieles eine reine Meinungs- und Gewichtungssache.

Argumente pro Tariferhöhung:

Trotz Abschreckungseffekt würden die Umsaätze im Taxigewerbe wohl etwas steigen.

Sollte das zutreffen, könnten durch einen erhöhten Tarif mehr Arbeitsplätze gerettet werden.

Argumente gegen die Tariferhöhung:

Die Kunden zahlen mehr für Taxifahrten.

Die Zahl der Kunden verringert sich (ob merklich oder nicht, es passiert).

Am Ende bleibt die Glaubensfrage, ob es um die Auslastung oder die Bezahlung gehen soll. Der (durchschnittliche) Lohn der Taxifahrer wird notgedrungen im Laufe der Zeit auf Mindestlohnniveau steigen. Mit Tariferhöhung oder ohne. Ohne würde bedeuten, dass mehr Taxifahrer ihren Job verlieren. Auch nicht zu verachten: Wenn mehr Taxifahrer ihren Job verlieren, es also weniger Taxis gibt, wird die Verfügbarkeit sinken. Ob das dramatisch wird: Keine Ahnung. Aber ja, ein Teil des Taxipreises ist immer auch der Verfügbarkeit geschuldet gewesen.

Ich persönlich schätze, dass eine auf Mindestlohnniveau „lohnende“ Arbeit drin ist, wenn einige Taxen wegfallen und die Tarife nicht erhöht werden – und das, ohne dass es die Kunden zu arg beeinträchtigt. Aber dafür hab ich keine Zahlen, es gibt vermutlich auch keine. Und im Einzelfall könnte tatsächlich deswegen mal kein Taxi verfügbar sein, das es davor noch gegeben hätte.

Eine Tariferhöhung hingegen könnte mehr Menschen in Lohn und Brot stehen lassen und damit mehr Taxen in der Stadt garantieren. Allerdings für höhere Preise, weiterhin niedrige Auslastung und auf die Gefahr hin, dass noch mehr Leute auf Alternativen umsteigen.

Obwohl ich gerne gegen eine Tariferhöhung plädiere, kann ich mich dieses Mal nicht hinstellen und sie voller Überzeugung als grenzenlos gut darstellen. Wie immer hat alles Vor- und Nachteile, und jetzt ist es schwieriger denn je, sie abzuwiegen. Von den Details der einzelnen Vorschläge will ich dabei noch nicht einmal reden. Bin ich dafür, dass mehr Kollegen arbeitslos werden oder dafür, dass die Kunden höhere Preise zahlen und weniger werden? Das ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. 🙁

Das Taxigewerbe in Berlin steht an der Wand gerade, ganz ehrlich. In Teilen selbstverschuldet, aber auch dem Senat haben wir da einiges zu verdanken. Detlef Freutel hat Recht, wenn er sagt, dass auch die Politik Schuld daran hat: im Kampf gegen Schwarzarbeit wurden wir im Stich gelassen – ja wirklich! Anfangs begeistert vom „Hamburger Modell“, das im Wesentlichen mehr Überprüfungen vorsieht, hat der Senat am Ende kaum was davon umgesetzt – am allerwenigsten die Kontrollen. So stehen die ehrlichen Firmen seit Jahren schon unter dem Druck, illegale Konkurrenz erdulden zu müssen, was natürlich die Umsätze senkt.

(Kleiner Funfact: Uber hat es also nicht einmal geschafft, in Punkto Illegalität innovativ zu sein. Gut, sie sind weiter gegangen als die Schwarztaxler, aber selbst das taugt für ihre „Voll neu!“-Legende kaum.)

DIE richtige Entscheidung gibt es beim Thema Tariferhöhung alleine also nicht. Man müsste den Wirkungsbereich ausweiten. Denn wirklich perfekt wäre tatsächlich, den Tarif nicht zu erhöhen und stattdessen einfach mal ein paar Kontrolleure loszuschicken. Dann würde sich die Zahl der Taxifahrer durch den Wegfall der schwarzen Schafe ergeben und die Kunden müssten eine geringere Einschränkung der Verfügbarkeit hinnehmen, während die Taxifahrer immer noch besser ausgelastet wären und damit besser verdienen würden. Aber dreimal dürft Ihr raten, welcher Wunsch genau nicht in Erfüllung gehen wird …

Lehnt keine Kurztouren ab!

Nachdem ich heute morgen nach Christians Beispiel mal wieder so hart gegen die Kollegen gewettert habe, die kurze Fahrten ablehnen, bzw. Fahrgäste nach hinten schicken, etc. pp., wollte ich mal einen (halbwegs) sachlichen Text für genau diese Kollegen schreiben. Um einfach eventuelle Missverständnisse auszuräumen.

Warum man keine kurzen Touren ablehnt:

1. Ihr gewinnt dabei nix!

Ich weiß, für die meisten von uns zählt in erster Linie mal der Kassenstand nach der Schicht. Unser angestrebtes Ziel erreichen wir dabei nicht immer, unser Wunschziel eigentlich nie. Und wenn man mal eine Stunde steht, will man auch eine 20€-Tour haben, um wenigstens noch eine Chance zu haben, das wieder reinzuholen.
Dabei ist die Bezahlung der kurzen Touren doch nicht schlecht. Wir verdienen mehr an ihnen als an langen Fahrten. Unser Problem ist das Warten davor. Und ratet mal, was eines der ganz großen Kriterien für die Kunden ist, nicht Taxi zu fahren? Ja, im Ernst: dass es so stressig ist, eine kurze Strecke zu fahren! Die haben Angst, dass sie am Stand angemeckert oder sowieso nicht gefahren werden. Wenn sie mal müssen, dann entschuldigen sie sich tausendfach und vermeiden es nächstes Mal trotzdem wieder. Natürlich steigt nicht jeder Kunde auf eine Alternative um, aber wer langsam kackt, kriegt auch ’nen Haufen – und ihr verkackt unser Gewerbe schon seit Jahrzehnten.
Ja, das sieht man nicht am selben Abend auf dem Taxameter. Aber seid Ihr es nicht, die mir erzählen, dass früher alles besser war? Man braucht nicht Wirtschaftswissenschaften zu studieren, um den Zusammenhang zwischen Kundenzufriedenheit und Anzahl der Kunden zu verstehen. Und statistisch verlieren alle Taxifahrer Geld, wenn auch nur eine Fahrt wegfällt. Ihr merkt das nicht sofort, aber irgendwann werdet auch Ihr auf die Fahrten länger warten müssen.
Ich weiß, dass die Miete diesen Monat bezahlt werden muss. Aber in 5 Jahren ebenfalls – und billiger wird sie kaum werden bis dahin. Und wenn Ihr jetzt behauptet, dass Eure Umsätze seitdem aber gestiegen sind: Sie hätten noch mehr steigen können.

2. Ihr nervt Leute, die nix für Eure schlechte Laune können!

Glaubt Ihr wirklich, die Kunden wollen uns ärgern mit kurzen Strecken? Wann seid Ihr das letzte Mal umgezogen, um möglichst weit vom Bahnhof weg zu wohnen, falls Ihr mal mit einem Taxi heim müsst? Seit wie vielen Generationen ist es bei Euch in der Familie üblich, sich die Beine zu brechen, um Taxifahrer mit kurzen Strecken zu nerven? Löst Ihr im Bus immer ein Ticket für alle Zonen, damit sich das für die Verkehrsgesellschaft auch richtig lohnt?
Wir sind öffentlicher NAHverkehr und unsere Fahrgäste nutzen uns dementsprechend. Es gibt unsere Jobs, weil Menschen von A nach B müssen, nicht weil wir gerne Geld hätten. Wenn man mit dem Taxi nicht mehr von A nach B kommt, interessiert sich auch keiner einen feuchten Dreck darum, ob wir dabei pleite gehen. Wenn Ihr immer nur dieselben Strecken fahren wollt, dann werdet Busfahrer! Außerdem zahlen unsere Kunden für kurze Strecken ein Schweinegeld, warum sollten wir sie da noch anmaulen? Ein Kilometer im Taxi kostet in Berlin einen Fünfer. Und das wir darauf ewig warten mussten, haben wir mehr Euch zu verdanken als dem Kunden, der gerade fahren will.

3. Ihr versucht, Eure Kollegen abzuzocken!

Obwohl das auf den ersten Blick ein Widerspruch zu 1. zu sein scheint: indem Ihr versucht, Euch die langen Fahrten zu holen, bescheißt Ihr alle ehrlichen Kollegen (und nein, nicht nur mich, auch Eure Kumpels!).
Langfristig verlieren wir alle Fahrten, aber davor betreibt Ihr auch noch Rosinenpicken. Wir haben so viele Freiheiten in dem Job, jeder kann durch seine Arbeitsweise auf vielerlei Arten versuchen, mehr Umsatz zu machen. Die richtige Zentrale wählen, mehrere Apps nutzen, Stammkunden werben, in die richtigen Ecken fahren, die besten Stände zur richtigen Zeit anfahren, Kunden mehr Trinkgeld aus den Taschen zaubern …
Warum stattdessen Fahrgäste um ihr Recht und Kollegen um ihre Fahrten betrügen? Seid Ihr so schlechte Taxifahrer, dass Ihr mich zugezogenen Neuling nicht anders überbieten könnt? Natürlich fahre ich die Fahrgäste, die Ihr zu mir nach hinten schickt. Weil ich nicht das von Euch aufgebaute Klischee von streitlustigen Taxifahrern erfüllen will und versuche, die Kunden zu halten, die Ihr beinahe vergrault hättet. Aber natürlich habe ich dadurch im Zweifelsfall eine kurze Fahrt mehr, und das, weil ich den Job mache, in dem Ihr schlicht und ergreifend versagt habt.

4. Ihr wisst doch gar nicht, was passiert!

Natürlich: eine kurze Tour ist erst einmal kurz. Und dass direkt danach ein Winker eine lange Tour hat ist auch recht selten (obwohl es regelmäßig vorkommt). Aber von jeder einzelnen Tour hängt Eure komplette Schicht ab. Jeder Tag, an dem Ihr schlechten Umsatz macht, lag es sowohl an der abgelehnten 5€-Tour, als auch an der tollen 35€-Fahrt. Glaubt ja nicht, dass das Ablehnen einer Tour am Ende wirklich zu einer besseren Schicht führt. Es kann, und Eure Chancen steigen ein wenig, sicher. Aber oft genug hat genau der Depp, der Eure Tour hinter euch annimmt, einen Hammertag deswegen.

5. Ihr habt kein plausibles Rechenmodell!

Die Punkte oben zeigen schon ganz gut, dass Euer Ablehnen von kurzen Fahrten sicher berechenbar nur für den Moment gilt. Wenn Ihr nach 20 Minuten Warten bereits eine 8€-Tour ablehnt, solltet Ihr also konsequenterweise nach 40 Minuten auch eine 16€-, nach einer Stunde auch eine 24€-Fahrt ablehnen. Einfach, damit es Sinn ergibt, was Ihr tut. Um den Stundenschnitt zu halten, den Ihr glaubt, damit erreichen zu können. Tatsächlich lehnt keiner von Euch 24€-Touren ab, und kann ich mir recht simpel erklären: Ihr seid mit absoluten Zahlen zu beeindrucken, die leider in der Regel kaum was aussagen. Eine 30€-Tour ist gut, fertig! Sicher, längere kriegt man in der Innenstadt kaum – aber Ihr seid damit nicht weiter, als wenn Ihr den kurzen Stich nach kurzer Zeit angenommen hättet. Ganz davon abgesehen, dass es z.B. Trinkeld pro Tour gibt und es prozentual bei kürzeren höher ausfällt. Glaubt es oder nicht: oft klaut Ihr damit eine Schachtel mit 10 Keksen, obwohl man Euch auf ehrlichem Wege 12 Kekse geschenkt hätte. Und damit sind wir bei 6.:

6. Ihr begebt Euch auf dünnes Eis!

Zu all den logischen Argumenten kommt noch das juristische: es ist schlicht illegal, was Ihr macht. Ihr regt euch vermutlich ähnlich wie ich gerade über Uber auf und seid doch keinen Deut besser. Ihr versucht, auf illegalem Weg aus der Personenbeförderung für euren eigenen Geldbeutel am meisten rauszuschlagen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und mit jeder abgelehnten Fahrt riskiert Ihr, dass irgendwer Euch anzeigt oder eurem Chef Bescheid sagt. Und das erste Mal ist vielleicht nicht folgenreich, das zweite Mal auch nicht. Aber Ihr seid nicht gut in Statistik und im vorausschauenden Denken, da ist das alles eine Frage der Zeit. Und wenn ich euch meistens keine Aufmerksamkeit widmen kann, weil ich eure Kunden zu betreuen hab: meine Leser sind zahlreich und die könnt Ihr nicht an einer Konzessionsnummer oder einem Bild im Internet erkennen. Ihr könnt Euch nie sicher sein, wem Ihr da die Fahrt verweigert und irgendwann geratet Ihr mal an wen, der seine Rechte kennt … und gerade Ihr unterschreibt doch gerne, dass jedes Taxi weniger auf der Straße ein Erfolg ist, nicht wahr? 😉

Das mit der Bezahlung

Am Taxistand gibt es für mich in der Regel wenige Möglichkeiten, mich für oder gegen Kunden zu entscheiden. Schon gar nicht in Bezug auf die Länge der Fahrt. In die Riege dieser Kollegen werde ich mich hoffentlich nie einreihen. Wenn es aber ums Prinzip geht, bin ich auch nicht zu allen Kompromissen bereit.

Da waren gestern Abend dann diese Jungs, die nur kurz zum Pirates wollten. Knapp über einen Kilometer die Straße runter. So weit ok, aber:

„Geht gleich los. Kollege holt noch’n Burger. Dauert nur zwei Minuten. Warteste, ja?“

„Äh … nur wenn keiner kommt.“

Aber da waren sie schon weg. Auftritt von vier Mädels:

„Was kost’n des, wenn wir zur Rigaer und dann zum Berghain fahren? Und können wir auch mit Döner? Ohne Zwiebeln!“

„Kosten wird das knapp über 10 €. Vielleicht 11, vielleicht 13. Aber Döner sind so eine Sache …“

„Ohne Zwiebeln! Beide!“

„Darum geht’s mir nicht. Aber ich darf die runtergefallenen Bröckchen nachher aufsammeln. Und ich ess‘ selbst oft genug Döner um zu wissen, wie schwer das manchmal zu verhindern ist.“

„Ist ja kein Problem. Wir essen kurz auf. Warteste?“

„Ich kann Euch nur das selbe wie den Jungs eben sagen: so lange meine Uhr nicht läuft, bin ich für alle frei.“

„OK, geht ja schnell.“

Uhr anmachen wäre auch schnell gegangen und hätte mich ehrlich gesagt mehr gefreut. Die Jungs waren nämlich weitaus weniger sympathisch als sie wiederkamen und voll der Häme, den Mädels das Taxi weggeschnappt zu haben. Von ihrer kürzeren Tour ganz zu schweigen. Natürlich hab ich mich so gesehen nicht gefreut – aber was wäre gewesen, wenn die Jungs plötzlich vorgeschlagen hätten, nach Mahlsdorf zu fahren?

Man kann sicher über vieles reden. Aber wenn es doch sowieso „ganz schnell“ geht und man (Zitat der Mädels) „aber unbedingt mit diesem Taxifahrer“ fahren will, dann ist das die 60 Cent (grob geschätzt 2 Minuten Wartezeit) vielleicht ja wert. Ist nicht böse gemeint, ich hab sowas auch in seltenen Fällen schon angenommen. Und dann muss der eine noch dringend aufs Klo, die nächste holt noch einen Döner und irgendwer vergisst vor lauter telefonieren das Einsteigen weitere 5 Minuten. Und ich schicke, obwohl unbezahlt, den Typ mit der Tour nach Schönefeld weg.

Heute nacht war’s eher andersrum. Wobei ich nach den Jungs ein paar tolle Fahrten hatte, die mich sehr schnell bestätigten, im Vorfeld keine allzu falsche Entscheidung getroffen zu haben. Mal abgesehen davon, dass ich nach drei Minuten wieder am Bahnhof war, um zu sehen, ob die Mädels es auch noch sind. Wäre also wirklich „ganz schnell“ gegangen.

Der Weitsicht-Sonderpreis

… geht diesen Monat an einen Kollegen. Nicht einen der hellsten, dafür einen der lautesten.

Wir kamen am Stand ins Gespräch, ich nur eher so mittelfreiwillig. Am Ende waren wir beim Thema Mindestlohn, das so langsam wirklich bedrohlich auf die Taxibranche zurollt. Dass Firmen deswegen pleite gehen könnten und das Angebot sinkt, war für ihn keine Option. Nein, die Tarife müssen erhöht werden!

„Äh, um 30%?“

„Nee, aber so ungefähr 20 vielleicht.“

„Aber dann reicht das ja gar nicht aus …“

„Mir egal, bis dahin will ich mich eh selbständig gemacht haben.“

-.-