Zwei Tage

„Nee nee, Du, Berlin ist schon toll. Sicher, es ändert sich viel, aber anderswo isses ja auch nicht unbedingt besser …“

meinte mein Fahrgast so völlig aus dem Nichts heraus.

„Als ich aus Polen weg bin – ich komme aus Polen – da hab ich nur kurz hier gehalten. Ich wollte ganz Europa sehen. Hab ich auch gemacht: Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, Österreich … war eine tolle Zeit. Und bevor ich nach Polen zurück wollte, hab ich hier noch einen Zwischenstopp geplant. So für ein, zwei Tage.“

„Und wie lange ist das jetzt her?“

„Ach, lass mich rechnen … 19 Jahre!“

Da hat er gegrinst und seinen Hund gestreichelt.

Ich mag es, wenn es Menschen gut geht. 🙂

Es mit der Kurzstrecke (nicht) genau nehmen

Ob ich ihn für eine Kurzstrecke in die XY-Straße bringen könne, fragte der Fahrgast. Ich war mir nicht sicher, ob es bis ganz ans Ziel reichen würde, sagte aber grundsätzlich zu. Unterwegs erzählte er mir dann:

„Ich fahre zu meiner Freundin. Eigentlich wollte sie ja hierher kommen, aber der Taxifahrer wollte keine Kurzstrecke machen …“

„Ja, das gibt’s leider auch.“,

entschuldigte ich mich stellvertretend für die ehrlichen Kollegen. Im weiteren Verlauf hat sich das ganze aber dann doch etwas verschoben, denn er erzählte mir, dass seine Freundin doch ganz normal bestellt hätte. Da bin ich dann natürlich doch nochmal eingestiegen:

„Na, dann hat der Kollege aber absolut richtig gehandelt!“

„Wieso?“

„Naja, die Kurzstrecke ist ja eben genau eine Vergünstigung dafür, dass sie ein Taxi an der Straße anhalten. Dafür, dass Sie uns keine Anfahrt oder Wartezeit kosten. Das ist ja der Sinn des Ganzen.“

„Oh, das wussten wir nicht. Danke für die Erklärung, das ist ja logisch, das erklärt einiges!“

Seine Verwunderung hat mich nicht überrascht, die meisten merken sich irgendwie nur den günstigen Preis, nicht die Einschränkungen. Manchmal frage ich mich dann aber schon, ob die Leute glauben, sie dürften günstiger fahren, nur weil sie sich ein Wort merken konnten. 🙂

Es hat bis zum Ziel gereicht, er hat sich insbesondere für die Erklärung bedankt und ich hab am Ende der Sackgasse gewendet. Da kam er dann nochmal angesprintet und meinte:

„Ähm, das ist jetzt vielleicht blöd, aber mir ist gerade eingefallen: Würden Sie uns beide jetzt vielleicht für eine Kurzstrecke wieder zurückfahren?“

Ich hab mit einem Augenzwinkern geantwortet:

„Gewöhnen Sie sich das nicht an, da fühlt man sich schnell verarscht als Taxifahrer! Aber von der Sache her haben Sie mich natürlich völlig korrekt beim Fahren rangewunken, also warum sollte ich es nicht machen?“

Seine Freundin war auch umgehend da und er hat mich gleich als total tollen Taxifahrer vorgestellt und ihr auch gleich haarklein erzählt, wieso der Fahrer vorher das mit der Kurzstrecke nicht gemacht hätte. Auch sie nörgelte keineswegs rum, sondern stellte fest, dass das irgendwie ja gar nicht so unsinnig sei. Die hatten es einfach nicht besser gewusst und keineswegs irgendwelche Probleme mit Taxifahrern. Und für mich war die Sache mit 1,8 km hin, 1,8 km zurück und am Ende nach nicht einmal 10 Minuten mit 8+2 € wieder am Ausgangspunkt auch ein guter Deal.

Das einzige, was ich mich danach gefragt habe: Warum hat eigentlich der Kollege nicht einfach mit diesen paar Worten die Sache selbst geklärt? Wir, die wir in dem Job arbeiten, sind doch die besten Ansprechpartner bei sowas. Es sollte doch selbstverständlich sein, dass man seine eigene Dienstleistung und damit auch die Preise erklären kann. Es wird zwar immer Leute geben, die das eigentlich gar nicht wissen wollen, aber zu denen haben die beiden netten Charlottenburger definitiv nicht gehört.

Von der besten aller Möglichkeiten

Steht da ein zerzauster Typ mit einer Aldi-Tüte voller Bierflaschen am Straßenrand zwischen Stralau und Rummelsburg und winkt ein Taxi heran. In meinen Gedanken spulten sich die möglichen Anfragen ab:

a) „Bringst mir für’n Fünfer nach Friedrichshain?“

b) „Ich hab mich verlaufen. In welche Richtung geht’s Richtung Ostkreuz?“

c) „Haste mal’n Euro?“

d) „Du, die Aliens verfolgen mir, fahr mit mir inne Spree, das verwirrt die!“

e) „Warum halten Sie?“

Trotz geringer Wahrscheinlichkeit handelte es sich aber um einen Superwinker der Extraklasse, und der stellte dann Anfrage f):

„Reicht ein Hunni bis nach Bad Saarow?“

Hat gereicht. 🙂

Am Ende hat er mich zwar am Bahnhof dort einmal im Kreis fahren lassen, bevor er dann wirklich wieder aufgewacht ist – aber sonst war’s eine absolut grandiose Fahrt.

Überraschendes Trinkgeld

Sicher: Wirklich verlässliche Regeln gibt’s beim Trinkgeld nicht. Man kriegt gutes Trinkgeld von Menschen jeder Gehaltsklasse und schlechtes, egal ob die Fahrt gut lief oder nicht. Ebenso wird einem manchmal erzählt, man werde gutes Trinkgeld bekommen – was dann nicht stimmt (und sei es nur, weil die Leute keine Ahnung von der durchschnittlichen Trinkgeldhöhe haben) – und zu guter Letzt gibt es eben auch Tips, die man einfach nicht erwartet hat. Und auf letzteres hofft man natürlich immer, wenn man besonders nett zu den Leuten ist. Man hat oft genug das Gefühl, dass es am Trinkgeld gar nichts ändert, wie man sich verhält; da weiß man als netter Dienstleister eben zu schätzen, wenn Kunden mit Begründung mehr geben.

In dem Fall waren es drei Jungs aus England. Sie hatten schon leicht einen im Tee, waren nicht ins Sisyphos reingekommen und wollten nun ihr Glück am Berghain versuchen. Dass die sich überhaupt für mich interessiert haben, wundert schon. Aber ja, ich hab auf ihre Anfrage hin kurz nach einem Radiosender mit elektronischer Musik gesucht und die Lautstärke hochgedreht. Wie ich immer sage: Für fünf Minuten könnte mir nichts egaler sein. Die abgesehen vom Musikgeschmack eigentlich recht sympathischen Briten aber hatten nicht einmal damit gerechnet, dass man auch im Taxi ernsthaft Musik hören könnte und waren Feuer und Flamme für diese Sonderbehandlung, die eigentlich (mit Einschränkungen) in der Berliner Taxiordnung schriftlich festgehalten ist. Und so wurde mir die Fahrt von 9 € (wir sind nicht am Sisyphos gestartet, sie haben mich rangewunken) mit amtlichen 15 € beglichen. Da streift einen dann doch das Gefühl, das Richtige zu tun.

Naja, trotzdem wird irgendwann mal wieder jemand Trinkgeld geben, der mich gleichzeitig beschuldigt, einen Umweg gefahren zu sein. Oder ich bekomme keines, obwohl ich in höchsten Tönen gelobt wurde. Ganz so einfach ist das halt nicht …

Diese Gelassenheit in der Nachtschicht

Ich bin ja froh, nachts zu arbeiten. Und ich bin das, obwohl mir im Taxigewerbe die Gegenseite im Grunde fremd ist. Ja, für eine Lesertour bin ich mal tagsüber gefahren, aber eigentlich halte ich mich da raus. Kein Berufsverkehr, keine eiligen Termine – das sind im Grunde meine besten Argumente für die Nachtschicht.

Nun ist es aber so, dass dank der Baustellen auf der Warschauer auch mal nachts Stau ist. Da bin ich mit einer Kundin auch prompt reingeraten, aber das war ehrlich gesagt wunderbar. Natürlich ist Stau scheiße. Aber dieses Mal hat er einfach eine sonst sehr kurze Fahrt angenehm verlängert. Sicher, dank der Wartezeitunterdrückung hat mir das kein Geld gebracht – aber die nette Frau hatte so viele Fragen zum Taxigewerbe; und die konnte ich nur durch diese Zusatzzeit beantworten.

Die Fahrt war toll, das Trinkgeld gut, aber am meisten gefreut hat mich am Ende ihr Fazit:

„Da hatte ich ja Glück, dass das länger gedauert hat. Es war ein so nettes Gespräch mit Ihnen und ich hab so viele Dinge gelernt, die ich bisher nicht wusste. Ich bin so froh, dass ich heute Taxi gefahren bin und das war vermutlich die beste Fahrt meines Lebens, ich danke Ihnen von Herzen dafür!“

Es klingt immer kitschig, wenn man sagt, dass man den Job (auch) der Kunden wegen gerne macht. Aber so ein Feedback ist echt mehr Wert als ein Euro mehr auf dem Konto, ganz ehrlich!

Schichtsalat

Was will man sonst sagen …

Zunächst mal: Ich hatte Unrecht. Die 1528 ist doch kein neuer Zafira Tourer, sondern ein normaler B-Zafira, nur deutlich neuer als die 2925 – kurz vor der 100.000km-Marke. Eine Umgewöhnung war also nicht wirklich nötig. Also mal abgesehen davon, dass sie eine funktionierende Kupplung hat. Hab die Kiste gleich zum Start mal an der Ampel abgewürgt wie so’n Fahranfänger. 🙂

Und dann begann die Schicht ultragrottig. Allenfalls ein Zehner pro Stunde. Richtig mies aber war das Trinkgeld. Aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht hab ich komisch gerochen oder so. Also wenn selbst besoffene Engländer, die im Interconti hausen und nach eigener Aussage noch Chancen auf Karten fürs Championsleague-Finale heute Abend haben, kein Trinkgeld auf eine 6€-Tour geben, dann stimmt was nicht.

Umso schöner war dann der Russe, der mit schwer verständlichem Deutsch an der Frankfurter Allee stand und wollte, dass ich ihn in die neue Bahnhofstraße bringe. Er drückte mir gleich 15 € in die Hand, obwohl ich die Fahrt für eine Kurzstrecke hätte machen können. Am Ziel schaute er nochmal kurz aufs Taxameter, wo mickrige 6,60 € aufgelaufen waren und meinte:

„Daan is guut. Schöne Abend Du nooch!“

Und am Ende kamen dann doch noch genug Touren zusammen. Eigentlich wollte ich die notfalls am Sisyphos machen, genau da bin ich aber nicht einmal hingekommen, weil ich immer vorher rausgewunken wurde. Hach.

Orale Verabreichung, ausreichende

Schon die dritte Winkertruppe, die den Feierabend verzögerte. Na, sei’s drum – ich wollte ja Geld verdienen. Es ging nach Weißensee und die beiden Jungs waren für eine besoffene Männertruppe echt lustig. Einer der beiden sprach nur Russisch, der andere dolmetschte aber netterweise für mich. Wobei er das keinesfalls nur sachlich machte. Zuerst lästerten wir etwas über das immer noch doofe alte Navi in meinem Auto, dann ging es endlich ums Wesentliche: Alkohol!

Sie wären betrunken, aber das sei nicht so wild. Und der Russe, so sein Begleiter, hätte auch nur Bier zu sich genommen. Nicht Wodka, wie sonst immer. Etwas ärgerlicher sei da nur, dass ihm die Ärzte die Spritzen verboten hätten, und er sich das Bier jetzt oral verabreichen müsse.

Nachdem er das zurück ins Russische übersetzt hatte, bekam der fremdsprachliche Freund einen herzerweichenden Lachanfall, bei dem ich unweigerlich mitlachen musste.

Ja, man sollte Drogen nicht verharmlosen. Aber im Gegensatz zu dem, was manch andere unter Alkoholeinfluss von sich geben, war das dann doch einfach nur den Umständen entsprechend lustig. 🙂