Es mit der Kurzstrecke (nicht) genau nehmen

Ob ich ihn für eine Kurzstrecke in die XY-Straße bringen könne, fragte der Fahrgast. Ich war mir nicht sicher, ob es bis ganz ans Ziel reichen würde, sagte aber grundsätzlich zu. Unterwegs erzählte er mir dann:

„Ich fahre zu meiner Freundin. Eigentlich wollte sie ja hierher kommen, aber der Taxifahrer wollte keine Kurzstrecke machen …“

„Ja, das gibt’s leider auch.“,

entschuldigte ich mich stellvertretend für die ehrlichen Kollegen. Im weiteren Verlauf hat sich das ganze aber dann doch etwas verschoben, denn er erzählte mir, dass seine Freundin doch ganz normal bestellt hätte. Da bin ich dann natürlich doch nochmal eingestiegen:

„Na, dann hat der Kollege aber absolut richtig gehandelt!“

„Wieso?“

„Naja, die Kurzstrecke ist ja eben genau eine Vergünstigung dafür, dass sie ein Taxi an der Straße anhalten. Dafür, dass Sie uns keine Anfahrt oder Wartezeit kosten. Das ist ja der Sinn des Ganzen.“

„Oh, das wussten wir nicht. Danke für die Erklärung, das ist ja logisch, das erklärt einiges!“

Seine Verwunderung hat mich nicht überrascht, die meisten merken sich irgendwie nur den günstigen Preis, nicht die Einschränkungen. Manchmal frage ich mich dann aber schon, ob die Leute glauben, sie dürften günstiger fahren, nur weil sie sich ein Wort merken konnten. 🙂

Es hat bis zum Ziel gereicht, er hat sich insbesondere für die Erklärung bedankt und ich hab am Ende der Sackgasse gewendet. Da kam er dann nochmal angesprintet und meinte:

„Ähm, das ist jetzt vielleicht blöd, aber mir ist gerade eingefallen: Würden Sie uns beide jetzt vielleicht für eine Kurzstrecke wieder zurückfahren?“

Ich hab mit einem Augenzwinkern geantwortet:

„Gewöhnen Sie sich das nicht an, da fühlt man sich schnell verarscht als Taxifahrer! Aber von der Sache her haben Sie mich natürlich völlig korrekt beim Fahren rangewunken, also warum sollte ich es nicht machen?“

Seine Freundin war auch umgehend da und er hat mich gleich als total tollen Taxifahrer vorgestellt und ihr auch gleich haarklein erzählt, wieso der Fahrer vorher das mit der Kurzstrecke nicht gemacht hätte. Auch sie nörgelte keineswegs rum, sondern stellte fest, dass das irgendwie ja gar nicht so unsinnig sei. Die hatten es einfach nicht besser gewusst und keineswegs irgendwelche Probleme mit Taxifahrern. Und für mich war die Sache mit 1,8 km hin, 1,8 km zurück und am Ende nach nicht einmal 10 Minuten mit 8+2 € wieder am Ausgangspunkt auch ein guter Deal.

Das einzige, was ich mich danach gefragt habe: Warum hat eigentlich der Kollege nicht einfach mit diesen paar Worten die Sache selbst geklärt? Wir, die wir in dem Job arbeiten, sind doch die besten Ansprechpartner bei sowas. Es sollte doch selbstverständlich sein, dass man seine eigene Dienstleistung und damit auch die Preise erklären kann. Es wird zwar immer Leute geben, die das eigentlich gar nicht wissen wollen, aber zu denen haben die beiden netten Charlottenburger definitiv nicht gehört.

Die eindeutig bessere Wahl

Ich verkündete der Kundin, dass das mit der Kurzstrecke wie von mir prophezeiht hingehauen hätte und nun vier Euro von ihr bekommen würde. Sie drückte mir allerlei Kleingeld in die Hand und fragte, ob das so stimmen würde. Ich kam alleine beim Zählen der Euro-Münzen auf sieben Euro, nebenbei lag aber noch einiges an Centbeträgen auf meiner Handfläche …

„Ja, reicht definitiv. Ich würde sogar sagen, dass das eher schon zu viel ist.“

„Dann stimmt das so. Besser zu viel als zu wenig sag ich immer!“

Die Einstellung gefällt mir. 🙂

Wie man’s wieder reinholt.

Natürlich ist es unsinnig für mich persönlich, freiwillig die Option Kurzstrecke zu erwähnen. Mache ich auch wesentlich seltener als früher, aber es kommt trotzdem immer wieder vor, dass ein Fahrgast es vergisst, rechtzeitig zu erwähnen und am Ende alle völlig genervt von 3 € Preisunterschied sind. Deswegen hab ich den etwas schüchternen Winker (vom Ostkreuz zum Sisyphos) tatsächlich vorsichtshalber gefragt, ob er jetzt eine Kurzstrecke meinen würde. Eher nicht so wirklich, denn die Antwort war ein überraschtes

„Oh? Äh … ja, das … äh, wäre natürlich toll.“.

Naja. Am Ende hat er dann die Kurzstrecke mit 7 € beglichen, was – es war nicht direkt am Ostkreuz, wo er zugestiegen war – selbst auf den Normalpreis noch einen Euro Trinkgeld bedeutet hätte. So aber eben drei. 🙂

Zur Lage am Sisyphos wollte ich ohnehin noch was sagen: Da scheint die Trinkgeldbereitschaft der Kunden im Vergleich zum letzten Jahr deutlich hochgegangen zu sein, kann das ein Kollege bestätigen?

Und die letzte Fahrt noch zum Krankenhaus …

Ein eilig an seinen Klamotten nestelnder Kunde passt mich auf dem Heimweg ab und will zum Krankenhaus. Obwohl’s mir jetzt egal sein könnte und die Schicht eigentlich auch nicht schlecht war, ist das nicht gerade der beste Schichtabschluss.

„Oh, ist was schlimmes?“

„Nee, gar nicht.“

OK, das klingt gut. 🙂

„Meine Frau bekommt jetzt das Kind!“

Na, da will ich mich mal nicht beschwert haben über die letzte Tour! Auch wenn sie nur kurz ist. Einer der Fälle, wo es sich richtig gut anfühlt zu wissen, dass die Fahrgäste diese Fahrt schon eine halbe Stunde später auf ewig vergessen haben werden. Manchmal gibt’s halt wichtigeres.

Kollegen, die Fehlfahrtprobleme haben

Ich bin ja vielleicht jemand, der sich den Job Taxifahrer sehr leicht macht: Einfach rumcruisen und Kunden einsacken. Kein Funk, wenig sonstigen Stress – einfach nur die Fahrgäste und ich. Da gäbe es hier und da ein bisschen Optimierungspotenzial, das steht außer Frage. Aber ich bin im Großen und Ganzen ein Anhänger der 80/20-Theorie, die besagt, dass man mit 20% Einsatz 80% des Ergebnisses hinbekommt und die restlichen 80% Stress auf sich nimmt, um das Ergebnis um 20% zu verbessern. Natürlich stimmt das nicht immer und natürlich gibt es auch ganze Bereiche, auf die das nicht zutrifft. Aber beim Taxifahren spare ich mir die Energie und setze sie lieber in Freundlichkeit und vor allem Gemütsruhe um.

Das schafft dann auch einen freien Kopf, um zum Beispiel einfach mal mir völlig fremde Kollegen an der Halte darauf hinzuweisen, dass ihre Fackel ausgeschaltet ist. Das klingt böse, ist aber in Wirklichkeit hilfreich. Viele haben einfach vergessen, sie nach einer Bestellung wieder anzuschalten, andere bekommen dadurch erst mit, dass ein gerade nachts nicht unwichtiges Bauteil ihres Autos kaputt ist.

Heute Nacht stand wieder ein Kollege vor mir mit unbeleuchtetem Dachschild am Bahnhof, also hab ich’s ihm gesagt. Und obwohl ich das nun seit 6 Jahren ungefähr einmal pro Woche mache, kam mir diese Antwort noch nie unter:

„Ja, ich hab versehentlich eine Kurzstrecke eingetippt und wollte das jetzt noch wegkriegen. Weißt Du, wie das geht?“

„Naja, einfach ‚Kasse‘ drücken …“

„Ja, aber dann ist das ja abgespeichert.“

„Ja und?“

Natürlich: Es kann schon sein, dass er keinen toleranten Chef hat, der ihm eine Fehlfahrt abkauft. Dann sollte er sich vielleicht Gedanken über einen Firmenwechsel machen. Ich kann das sicher auch nicht zwanzig Mal monatlich machen – aber selbst zu Beginn ist mir das vielleicht ein- oder zweimal pro Monat passiert, dass ich den falschen Knopf gedrückt habe. Und wenn es ganz dumm läuft, dann zahlt man halt einmal für seinen Fauxpas. Ich vertippe mich z.B. gerne mal bei Zuschlägen, wenn ich bei einem Stopp die Uhr anhalte, es dann überraschend doch weiter geht und ich die Uhr wieder anstellen will. Da hab ich meinen Chefs in den letzten 6 Jahren halt insgesamt vielleicht einen Zehner geschenkt, weil es mir zu blöd war, die 50 Cent jedes Mal anzugeben. Niedriglohnjob hin oder her, ein bisschen Schwund ist immer.

Der Kollege heute Nacht jedenfalls wollte nicht ‚Kasse‘ drücken und ist weiter mit laufender Kurzstrecke und ausgeschalteter Fackel vorgerückt. Was immer er sich davon versprochen haben mag. Er kam sogar noch einmal zu mir und fragte, ob man nicht jetzt vielleicht noch in den Normaltarif wechseln könnte.

WTF?

Offensichtlich wollte er wirklich die nächste Tour mit dem bereits gedrückten Tarif beginnen. Was zweifelsohne völlig bescheuert ist, zumal er ja schon rund 200 Meter am Stand zurückgelegt hatte. Ich hab das Gegenreden irgendwann aufgegeben, obwohl’s natürlich in jedem Fall falsch gewesen wäre. Denn entweder hätte er unerlaubt Kunden vom Stand zum Kurzstreckentarif gefahren und sich im Falle einer kurzen Fahrt selbst um sein Geld gebracht, das er sonst mehr verdient hätte – oder aber er hätte den Kunden bei einer längeren Fahrt ein paar hundert Meter zu viel berechnet. Von den obskuren Möglichkeiten ganz abgesehen, die sich ergeben hätten, wenn die Fahrt entweder unter vier Euro gekostet hätte oder genau im Grenzbereich gelegen wäre, in dem das Taxameter nach Ende der Kurzstrecke schnell hochzählt. Wie kann man sich so einen Stress machen, wenn man ganz offensichtlich keine Ahnung hat?

Besonders kurios ist es dann am Ende geworden, als er Erster war. Er hatte Kunden, ich hatte Kunden. So sah es zumindest aus. Tatsächlich sind meine eingestiegen und hatten eine ultrakurze Fahrt in den Engeldamm im Programm. 5,00 € genau. Der Kollege wurde offenbar nur etwas gefragt und die Leute sind dann zu Fuß weitergegangen. Und da kommt der Töffel doch tatsächlich nochmal zu mir gelaufen und meint:

„Aber Kollege, eigentlich wäre ich doch dran!“

Mir ist darauf nur folgendes zu sagen eingefallen:

„Tja, siehste, sowas passiert auch manchmal!“

Also echt …

Neu im Gewerbe war ich auch mal. Und dumme Dinge gemacht oder dumme Fragen gestellt hab ich auch. Aber einem Kollegen das Taxameter, die Tarifbindung und die freie Taxiwahl der Kundschaft erklären muss ich auch nicht nebenher auf einen Rutsch machen. Für sowas gibt’s ja eben Chefs. Wobei es ironischerweise sogar witzig gewesen wäre, ihm gerade diese kurze Tour zu übergeben: bei der nämlich hätte er draufgezahlt und nicht die Kunden …

Unhandlich

„Ey Digger, was kost’n das, so freundschaftspreismäßig?“

„Lass den Fahrer doch, ich hab doch schon nach einer Kurzstrecke gefragt und er macht das!“

„Ja, immer cool bleiben, alles easy. Ich will hier ja auch nicht handeln oder so …“

Nee, gar nicht. Hab ich auch gleich gemerkt. 🙂

Kurze Freude

Heute Nacht war nicht wirklich eine Arbeitsnacht. Sie hätte eine sein sollen, ja. Aber die letzten Tage waren auch ohne Taxi anstrengend und so hab ich das mit der Arbeit bei einem „Naja, vielleicht ja noch …“ werden lassen. Was, um ehrlich zu sein, hieß, dass mich keine zehn Pferde auf die Straße kriegen würden, ich mir aber die theoretische Option offen lasse. Cheffe wird’s nicht freuen, aber ich hab nicht so sonderlich oft eine Deadline für die Manuskriptabgabe. Und im letzten Moment ist natürlich trotzdem alles zu eng, auch wenn’s davor ja „gar kein Problem“ war. 😉

Aber gut. Zeitgleich hatte meine bessere Hälfte Prüfungen und am gestrigen Abend war bei uns beiden herrlich zeitgleich alle Luft raus. Was für ein Timing! Es lief dann auf völlig hirnentleerendes Fernsehschauen mit leckerem Essen hinaus und dabei hätte es eigentlich bleiben können. Aber dann saß ich plötzlich um 2 Uhr als einzig noch wache Person in der Wohnung rum und war plötzlich nicht mehr sonderlich müde. Also denn: Raus auf die Straße, rein ins Taxi!

Ziele hatte ich keine, ich wollte nach Möglichkeit ein paar Winker mitnehmen, mehr so zum Spaß. Das aber sollte so nicht klappen. Überall freie Taxis und kaum Leute auf der Straße. Der Nieselregen hat wohl den meisten die Laune zum Weggehen verdorben. Nach einer Stunde ohne Kundschaft war mir das dann zu blöd und ich bin wieder heim. Just da hab ich dann immerhin noch eine Kurzstrecke mitgenommen. Ist eigentlich nicht der Rede wert, aber wortwörtlich besser als nix …

Gelohnt hat sich der Ausflug finanziell nicht, dafür habe ich aber einen besonders schönen Satz an einer Ampel aufgeschnappt. Ein paar junge Leute, wohl auf dem Heimweg. Und einer meinte:

„Ich schwör’s Euch! Ich hab vorher voll den Zauber-Döner gegessen!“

Die Meldungen des Tages wären aber natürlich nicht komplett ohne den Hinweis darauf, dass die unlängst aufgehobenen Verbote von Uber in Berlin und Hamburg wieder gültig sind. Jetzt, da ich das schreibe, gibt es von Uber noch keine Stellungnahme, aber ich wette, dass es in dieser um Smartphones und Innovationen sowie Wahlmöglichkeiten gehen wird. Wie immer, egal was gerade passiert.