Nichtwissen

Ich finde es immer schade, wenn ich mit den Ortsangaben meiner Fahrgäste nix anfangen kann. Man sollte ja besser alles und noch ein bisschen mehr wissen als Taxifahrer. Aber es gibt auch Bildung, der man sich ausgesprochen feierlich verweigert. So wurde ich die Tage allen Ernstes gefragt:

„WAAAS? GUCKEN SIE ETWA NIE BERLIN – TAG UND NACHT?“

Und ich war echt nett und hab nur gesagt, dass es mir reicht, nachts durch Berlin zu fahren. Bei allem, was ich über dieses Fernsehformat vom Hörensagen weiß, hätte ich mir bei der Erwähnung versehentlich schier selbst ins Taxi gekotzt. Entsprechend wusste ich leider leider leider auch wirklich nicht, wo genau am alten Osthafen dieses ominöse „Hausboot“ liegt.

Und ich bin auch froh, dass ich danach nicht suchen musste, sondern die Fahrgäste das dann am Hafen alleine erledigen wollten.

Beide in einen Sack …

… und dann draufhauen und nie jemand falsches erwischen.

[Selbst ich muss mich hier mal für die Sprachwahl im Text entschuldigen. Aber sie ist leider real.]

… wie oben genannt in etwa waren meine Gedanken. Bezüglich einer Kundin und eines Kollegen. Und das ist beides nicht sehr üblich, auch wenn ich mich gerne mal über dieses oder jenes ärgere.

Aber es war schon starker Tobak, den mir meine Kundin am Ende der Fahrt aufgetischt hat:

„Da hatte ich ’nen Taxifahrer, der hat gemeint, er müsse mich unterwegs mies anmachen und der meinte beim Bezahlen dann auch noch so zu mir ‚Ey Alte, mein Schwanz is‘ schon ganz hart‘ …“

0.o

Ich hätte an dieser Stelle nicht gedacht, dass ich jemandem nach so einer Erfahrung irgendwelche Sachen übelnehmen könnte. Aber diese Kundin hat es ziemlich gut geschafft:

„Aber hätte ich ja vorher wissen sollen: bei Kanaken oder Negern sollte man halt nicht einsteigen!“

Manchen Menschen wünscht man ja eine gemeinsame WG … oder oben erwähnten Sack.

-.-

Äh, … nein?

Blöde Geschichte im Grunde: Ich hatte die Uhr schon im Anrollen auf den Treptower Park ausgemacht und die Uhr schaltete nach einigen Metern auf „frei“. In dem Moment fällt der reichlich angedüdelten Kundin ein, dass ich ja eigentlich doch noch bis kurz über die Brücke fahren könnte. Was nun? Uhr nochmal neu starten würde gleich nochmal 3,40 € kosten, völlig unnötigerweise. Und mir wurde eh schon zugesichert, dass ich einen Zehner bekommen würde. Für 8,20 €.

Für mich dann trotz allen Regelverstößen völlig klar: Fahr‘ ich sie halt noch über die Brücke. War ja so gesehen nicht ihr Fehler.

Das läuft auch ganz gut, die Ampeln sind sowieso noch grün und kurz vor der wilden Renate schmeiße ich sie dann endgültig raus und stecke den Zehner ein.

„Das ist jetzt aber total nett von Dir!“

„Ach, schon ok.“

„Nein, jetzt komm‘ ich mir blöd vor …“

„Du hast fast 2 € Trinkgeld gegeben! Ist in Ordnung.“

„Nee, echt nicht! Komm‘, Du trinkst jetzt einen Sekt mit mir!“

Nichts gegen liebe Einladungen, aber Leute …! Wo kommt denn bitte die Idee her, Taxifahrern zur Belohnung Alkohol andrehen zu wollen? Und während ich am Sonntagmorgen noch überlegte, ob sowas einen Blogeintrag wert sei, kam Axel an den Ostbahnhof rangefahren und erzählte mir brühwarm, dass ein angetrunkener Fahrgast ihn fast schon zwingen wollte, einen Cocktail leerzutrinken, weil er im offenen Becher nicht transportabel, aber doch „soo teuer“ war.

Lasst das bitte nicht einreissen, ok? Wir sind auf Arbeit – und da ist Geld immer noch das bessere Mittel, sich zu bedanken. 😉

Genau jetzt

Ich mag das ja, wenn Leute sich grundlos aufregen. Ich hatte mit Warnblinker an der rechten Straßenseite gehalten und einen Kunden rausgelassen. Danach blieb ich noch ein paar Sekunden stehen, um mir die Eckdaten der Tour zu notieren. Als ich das getan hatte, startete ich den Motor und plötzlich brüllte mir ein Radfahrer links durchs Fenster:

„ACH, GENAU JETZT MUSSTE LOSFAHREN, JA?“

Ich hab mal schlagfertig reagiert und gerufen:

„Ja, genau jetzt. Wahnsinn, oder?“

Seine Beschwerde war in mehrfacher Hinsicht grotesk. Denn er hatte zwar um mich rumzufahren, aber ich hatte z.B. keinen speziellen Radweg blockiert, auf dem ich irgendwie illegal gehalten hätte. Ich hab auch keine Anstalten gemacht, ihn zu gefährden, schließlich bin ich nicht einfach blind nach links abgebogen, sondern hab das Auto langsam geradeaus anrollen lassen.

Allerdings hatte ich ihn zuvor tatsächlich nicht gesehen. Seltsam.

Aber nee, eigentlich nicht wirklich. Vierzig Meter später hab ich ihn dann meinerseits überholt … und – er hatte kein Vorderlicht. War ja nur nachts um ein Uhr in einer schlecht beleuchteten Nebenstraße.

Naja, eigentlich isses doch praktisch, wenn Idioten sich dann wenigstens durch lautes Rufen erkennbar machen …

-.-

Auch mal meckern!

Weil muss.

Ich habe inzwischen mehrere vergnügliche Unterhaltungen mit meiner Kundschaft gehabt und bin auch hier und da schon einen Umweg gefahren deswegen. Eigentlich gibt es also keinen Grund, sauer zu sein auf den Umstand, der das verursacht. Ich find’s trotzdem angebracht.

Es geht um die Ampelschaltung am Kotti.

Ich weiß nicht, ob die übergangsweise so ist, oder ob das so bleiben soll. Meiner Kundschaft gegenüber sage ich inzwischen wortwörtlich:

„Die Schaltung ist so scheiße, das müssen Sie gesehen haben!“

Und mit einem Fahrgast habe ich sogar zu erörtern versucht, ob das vielleicht nicht sogar ein Kunstprojekt ist.

Klar, Ampelschaltungen sind mal doof. Lässt sich auch nicht immer vermeiden. Aber zumindest wenn man Abends von der Adalbertstraße kommend durch den Kreisverkehr will, ist das nicht zu fassen. Zunächst steht man an der ersten Ampel mitunter mehrere Phasen, weil beim besten Willen vier, im Normalfall höchstens drei Autos durchkommen. Wenn es sich irgendwo um 22 Uhr staut, kann das nicht normal sein. Die nächste Ampel, keine 20 Meter entfernt, schaltet auf rot, 2 Sekunden bevor man bei der vorherigen grün bekommt. Dort steht man also garantiert. Um die dritte Ampel dann bei grün zu erreichen, sollte man schon sportlich fahren. Dann schaffen es auch zwei oder drei Fahrzeuge, aber wenn einer nicht Ampelduell-erprobt ist, steht man wieder garantiert. Man kann für die vielleicht 70 Meter bei nur ein paar Autos vor einem durchaus mal 5 Minuten brauchen, das ist keine Übertreibung.

Nun ist alles gut, so lange man – wie ich im Normalfall – nach Süden Richtung Neukölln will. Dann hat man eine grüne Rechtsabbieger-Ampel. Die paar armen Gesellen, die auf die Skalitzer Richtung Schlesisches Tor wollen, müssen allerdings noch einen Stopp einplanen, denn eigentlich schaltet diese Ampel auch auf rot, bevor die vorherige grün gibt.

Gut, vielleicht ging es nur so, damit es bei den anderen Fahrtrichtungen gut läuft. Vielleicht ist das eine Art Verkehrsberuhigung oder ja tatsächlich Kunst. Und ja, es gibt Möglichkeiten, den Platz (zumindest in dieser Richtung) zu umfahren. Ich als Taxifahrer sollte aber genau das ja eigentlich nicht machen. Und auch wenn es im Wesentlichen natürlich kein Problem ist, die Kundschaft zu fragen, so bleiben dann doch zumindest jene unangenehme Gesellen, die hinter der Frage eine Lüge vermuten, um auf dem Umweg mehr Geld zu verdienen.

Also wenn ich einen Wunsch äußern dürfte, was am kommenden ersten Mai am Kotti abgefackelt werden soll … 😉

„Nich‘ jewohnt …“

Aus der Reihe: Fahrgäste, die den Taxifahrer zum Kotzen bringen

Eigentlich ging es wieder nur um die Frage, ob ich über die Oberbaum- oder die Elsenbrücke fahren sollte. Wie die meisten entschied sich dieser Fahrgast für die Elsenbrücke. Warum, das musste er mir natürlich unbedingt erklären:

„Nee, wenn ick die Wahl hab‘, dann halt ick mir lieber fern von Kreuzberg.“

Mit besonderen Ambitionen offensichtlich bei einer Wohnadresse direkt in Treptow. -.-

„Dit is, darfst ma da och nich‘ falsch verstehen und so, aba dit is‘ mir nüscht. Wat da rumläuft! Ick weeß, dit is‘ jetzt nich‘ so populär in de Medien und so, sagt man halt nüscht, ne, aba wir in’n Osten sin‘ ja nich‘ mit sowas aufjewachsen. Wir sin‘ dit ja, sa’ick mal so, nich‘ jewohnt mit die Ausländer und so.“

Statistisch war er also ein Paradebeispiel. Sämtliche Studien belegen ja, dass die Ausländerfeindlichkeit dort am größten ist, wo am wenigsten Fremde leben. Was ich aber besonders beeindruckend an diesem Hohlkopf fand, war das durch die Blume vermittelte Eingeständnis, sich binnen 25 Jahren nicht an andere Menschen gewöhnt zu haben. Mit derartiger Ignoranz ausgestattet müsste ich heute mit meinen Kindergartenkumpels abhängen und gegen die Grundschule wettern – obwohl meine Kindergartenfreunde überwiegend nicht-deutsch waren …

Ich war selten so froh, dass die Fahrt nur kurz war. Nach mehr Auszügen seiner dümmlichen Gedanken war mir nämlich nicht gerade zumute.

Meistens geht es ja gut …

Hockt da so’n Typ völlig prall am Taxistand …

Das sind Worte, die könnten den Anfang von Hastenichtgesehen markieren. Anstatt eines abenteuerlichen Ritts mit einem verpeilten Typen ist es einer mit gleich vieren davon geworden. Seine Freunde kamen nämlich bald und einer fragte dann auch nett und noch halbwegs eloquent an, ob ich denn vier Leute mitnehmen würde. Da vier Leute eigentlich in keinem Taxi ein Problem sein sollten (so lange die Leute ggf. mit der Enge auf der Rückbank leben können), brannte mir eher die Frage „Der da auch?“ auf den Lippen.

Aber ich bin ja nett und gemeinhin haben bei mir alle Leute erst einmal einen Vertrauensvorschuss. In jeglicher Hinsicht übrigens, denn immerhin lasse ich mir wie fast alle Taxifahrer auf fast allen Strecken nie das Geld im Voraus geben. Obwohl ich dürfte.

(Das wollte ich nur mal wieder erwähnen. Die meisten werden es nicht wissen.)

Nun ja, der eine dichte Kerl saß neben mir, da hab ich sie am liebsten. Schlimmer aber war, dass aus der langsam zusammenkommenden Vierertruppe ein ähnlich abgefülltes Exemplar auf der Rückbank in der Mitte Platz nahm. Deswegen sagte ich – zweifelsohne immer noch locker – dass sie mir bitte bitte rechtzeitig Bescheid geben sollten, falls es jemand übel werden sollte.

„Ey, wir sin‘ nich‘ mehr zwölf!“

krakehlte eine weibliche Stimme von hinten rechts.

„Ich weiß. Aber es sind immer die, denen es am Anfang noch gut geht …“

warf ich ein.

30 Sekunden später:

„Mir’s schlecht.“

„Echt jetzt?“

„Schmuss kotzen!“

„Ehrlich?“

(Ich musste so oft nachfragen, wir hatten die Musik laut und alle quatschten durcheinander.)

„Nee Alter, ich hab doch nur Spaß gemacht!“

Ich hab nix gegen Spaß. Ehrlich nicht. Und: Darf auch mal derber sein, ich hab ungefähr die 250%ige Toleranzgrenze aller mir bekannten Kollegen. Aber wenn jemand zu blau ist, um irgendwie mit Motorik oder Sprachwiedergabe Ironie erkenntlich zu machen, dann muss ich vorsichtig sein, um mir die Schicht nicht zu versauen!
Und, zugegeben, es war auch eine Menge Antipathie im Spiel. Der Typ hinten in der Mitte hat zumindest besoffen wie er war wie der absolute Totalversager gewirkt. So die Marke Mensch, die sich die Baseball-Cap gleichzeitig aufzieht um größer zu wirken, als auch um dem Hohlraum unter der Stirn mehr Platz zu verschaffen. Und um darüber hinwegzutäuschen werden dann „coole“ Sprüche gemacht, um die Frau an seiner Seite zu beeindrucken. Hätte ich selber kotzen können.

„Alter, keine Sorge! Wenn ich kotze, dann in dein Auto.“

(Und ich hätte ihm die Calvin-Klein-Unterhosen ausziehen müssen, um auf dem Flohmarkt die Kosten wieder reinzukriegen, schon klar!)

Ich hab oft Besoffene an Bord und bin gerne Spielkamerad, wenn sie es brauchen. Aber wenn ich Leute mitnehme, die sonst keiner einsacken würde und Sorgen hab, dass sie ins Auto kotzen, dann hasse ich es, wenn solche geistigen Glühwürmchen mit meiner berechtigten Sorge spielen, um sich aufzuspielen.

Am Ende musste er nicht kotzen. Natürlich nicht. Hätte ich meine Sorgen entsprechend betont, hätte er wahrscheinlich darüber gelacht. Stattdessen wurde ich auf etwas umständliche Art zur – für den heutigen Abend – gemeinsamen Adresse gelotst und hatte glatte 10 € auf der Uhr. Von denen hat der Stoffel mit der großen Klappe natürlich keinen Cent beglichen. Nein, das hat dann – bevor das in wildes Sammeln von Münzen ausgeartet ist – der Typ getan, den ich anfangs für den gefährlichen Kerl hielt. Nachdem ich das Portemonnaie über dem Zehner bereits wieder geschlossen hatte, hat er mir noch einen Zweier zugeschoben. Und als wir alle ausgestiegen waren, schüttelte er mir nochmal die Hand und bedankte sich dafür, dass ich sie sicher heimgebracht hätte.

Dem Knilch mit der Kappe wäre das selbstverständlich nicht eingefallen. Der ließ sich von seiner Freundin aus dem Auto ziehen, weil er es spontan lustig fand, einfach sitzen zu bleiben und zu gucken, ob ich was dagegen unternehmen würde.

Was bin ich froh, dass das Rückbankgemüse aus irgendeinem Grund meist vernünftige Freunde hat. Auch wenn ich mir das nicht erklären kann …