100% Daten. Oder so.

„Sie müssen den Taxikunden einfach 100% Daten liefern. Also sie müssen sich soweit auskennen, dass es ihnen immer möglich ist, auch bei unzureichenden Informationen genau das zu machen, was die Kundschaft will. Das ist entscheidend! Alles wissen kann man nicht, natürlich, aber sie werden sehen – auch im Hinblick auf ihre nebenberufliche … Lektüre – dass das sehr entscheidend ist. So kriegen Sie dann auch einfach mal 10 Euro extra und haben einen Stundenlohn von sagen wir mal … naja, Sie wissen ja …“

Ich will echt nicht behaupten, dass er besonders stressig war. Aber bei der ganzen Fahrt hing so eine „Ich erkläre Ihnen mal, wie’s läuft“-Stimmung in der Luft. Und bei aller Liebe für gute Tipps: Das kommt einfach arrogant rüber. Oder wie ich es einem anderen und wesentlich lockeren Kunden heute Nacht erklärt habe:

„Das Problem ist: Es fahren so viel unterschiedliche Leute Taxi – da kann man nie alles immer richtig und es allen recht machen.“

Beim zweiten ging es darum, dass er mich für die sehr gute frische Luft im Taxi gelobt hat, aber persönlich noch mehr auf einen Wunderbaum abgefahren wäre. Was ersterer mir zu erklären versucht hat, versuche ich bis dato noch zu erörtern.

Die geilste Fahrt

Es gibt eine beachtliche Nebenwirkung des Schreibens bei mir: Da ich seit nun über 7 Jahren nahezu endlos viele Touren im Rahmen von Blogeinträgen oder meinem Buch niedergeschrieben habe, fällt es mir schwer, „die geilste Fahrt“ zu benennen. Ich schreibe über so viel wichtiges und unwichtiges, tolles und blödes, kaputtes und normales. Ich hab mir nicht einfach 10 besondere Fahrten gemerkt und immer die beste parat, wenn jemand fragt.

Aber nun war es wieder soweit. Ein Typ ist an einer Ampel eingestiegen, wollte eine ultrakurze Fahrt haben und hat nach meinem zerknirschten Eingeständnis, dass eine Kurzstrecke da wohl gereicht hätte, einfach angefangen, „die geilste Fahrt“ von mir erzählt zu bekommen. Ich hab gesagt, dass mir das schwerfällt, woraufhin er erzählt hat, dass irgendein anderer Taxifahrer sogar ein Buch geschrieben hätte. Leider eines, das mir nix sagte.

Denn als wir dann bei 5,70 € vor seiner Tür standen, hat er weiterhin die geilste Geschichte gefordert und gesagt:

„Davon hängt jetzt ab, ob ich Dir 6 oder 7 Euro gebe!“

Also hab ich mal eben den „definitiven Klassiker“ ausgegraben, einfach, weil mir der immer recht schnell einfällt. Und der Kunde? Sagt folgendes:

„Mal im Ernst: Das war echt lame. Aber egal, hier haste 8 Euro.“

Waren sieben. Hat er mir aber nicht glauben wollen. Immerhin isser dann ausgestiegen.

Nervbacken

Dass es zur wilden Renate etwa neun Euro plus in dem Fall den Großraumzuschlag von einem Fünfer kosten würde, war schnell geklärt. Also für sechs der sieben Beteiligten, inklusive mir. Dann der siebte:

„Also für’n Zehner hätten wir einen Deal …“

„Sind aber 14.“

„Dann mach doch für uns einen Zehner!“

„Lass mich überlegen … nö.“

„Na dann mach‘ uns doch mal’n Preis!“

„Ich mach hier keine Preise.“

„Nee, im Ernst: Sag mal!“

„14 €. Was die Uhr anzeigt.“

„Alter, verarsch mich nicht! Mach uns ’n guten Preis!“

„OK Junge, ich arbeite in einer der wenigen Branchen, in denen das sogar illegal wäre. Auch deshalb und überhaupt: Nein!“

„Na, Du wirst uns doch wohl einen Preis machen können!?“

„Nein.“

„Na komm …“

„Nein.“

„Kannst die Uhr ja auch ganz auslassen.“

„Nein.“

„Ey, dann haste wenigstens eine Fahrt. Besser als rumstehen!“

„Ähm, ich bin zweiter.“

„Trotzdem: Besser als hier stehen isses nicht.“

„Mag sein. Vielleicht krieg ich statt Euch aber auch eine wesentlich lohnendere Tour …“

„Das kannst Du aber nicht wissen!“

„Na und? Ich riskier’s.“

„Mach uns doch einfach einen guten Preis! 12?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ach komm: Schlag die 14 € doch mal auf 6 Leute um. Selbst mit der BVG würdet Ihr mehr bezahlen.“

„Tja, BVG kostet uns aber gar nix.“

„Dann wäre das doch eine Alternative, oder?“

„Ach komm‘! Zehner?“

„Nein!“

…

Man muss anerkennen: Der Typ hat fast alles rausgeholt, was Festpreisler so rauszuholen versuchen. Und am Ende? Sind sie eigentlich sehr zufrieden zum gültigen Tarif (14,10 €) gefahren. DAS hätten wir auch schneller hingekriegt …

Mehr Geld, weniger Hirn

Ich ärgere mich ja selten über Fahrgäste. Sie bringen mir Geld und bei all ihren Eigenheiten haben sie ja auch alle ihre Geschichten und Hintergründe, über die man nicht vorschnell während 5 Minuten urteilen sollte. Und es gibt einfach völlig bescheuerte Vollidioten.

OK, ich will ehrlich sein: Ich war schon von der Fahrtstrecke wenig begeistert. Nach zwei schlechten Schichten lief diese eine endlich mal gut und ich war glücklich auf dem Heimweg. Noch vielleicht 5 Kilometer bis Zuhause. Als sie winkten, freute ich mich noch. Zwei junge Frauen, ganz offensichtlich feiernderweise hier im Osten unterwegs, müsste also ein Stich in die richtige Richtung sein. War es aber nicht:

„Was kost’n Mariendorf, Alter?“

Anfangs hatte ich noch gehofft, sie mit 30 bis 35 € überzeugen zu können, dass sie doch die Bahn nehmen, aber nein …

OK! Gute Miene zum bösen Spiel, es ist ja dann doch ein Haufen Geld und morgen warte ich vermutlich wieder ewig, bis ich so viel zusammenkriege!

Aber ach! Da waren die zwei durch die ganze Stadt in einen Laden gefahren, den ich nicht einmal als Club kannte. Von außen dachte ich immer, dass das ein Spielcasino sei. Gut, war es vermutlich auch hauptsächlich …

Die eine der beiden (es sind ja nie gleich alle doof) bemängelte dann, wie „asi“ und „voll schwul“ das alles gewesen sei. Während ihre Freundin mir mitteilte, dass sie eigentlich nur heimfahren würde, weil die Holde schon mehrmals schier mit dem Kopf auf den Tresen geknallt sei, so blau wäre sie.

Ich hab mich aus dem Gespräch ausgeklinkt, denn meistens ging es nur darum, welche Idioten jetzt wie dumm seien, wer scharf sei, aber einen kleinen Penis hätte, wie überteuert die Drinks und wie mies der Laden an sich wäre. Schon bei den kleinen Gesprächsfetzen hab ich mich gefragt, wie jemand so blöd sein kann, einen (sehr langen) Abend irgendwo zu verbringen, wo es einem nicht gefällt. Die meisten Locations haben Türen. Richtig substanzlos wurde es dann aber, als die beiden – warum bitte auch das noch? – anfingen, ein paar Worte über die Flüchtlingsmisere zu verlieren:

„Ey, ’schab kein Bock auf scheiß Asylanten!“

„Halt die Fresse! Du bist blau und selber nicht von hier!“

„Schweiß, aber die kotzen misch an, weil die ha’m ma voll die cooleren Handys als isch!“

Ich hab’s zu ignorieren versucht, aber sicher trotzdem schon beim Zuhören mehrere IQ-Punkte eingebüßt. Kurz vor dem Ziel hat sie dann auch noch angefangen, etwas kryptisch mitzuteilen, dass sie mir jetzt ja eigentlich nur nicht ins Auto kotzt, weil sie ja so eine tolle und zurückhaltende Person sei. Und Flecken am Fenster hat sie trotzdem noch großzügig hinterlassen. WTF, muss das denn alles auf einmal kurz vor’m Schlafengehen sein?

Ich hab selten Leute mit größerer Genugtuung aus dem Auto geschmissen, als die beiden, als wir am Ziel waren. Das Trinkgeld war sogar ganz ok, das muss man ihnen lassen. Tatsächlich aber war ich am Ende fast schon ein bisschen schadenfroh, als mir zu Hause aufgefallen ist, dass ich einen deutlich kürzeren Weg hätte wählen können, um ans Ziel zu kommen. Hab ich trotz Generve nicht absichtlich gemacht, aber mein schlechtes Gewissen ist bezüglich dieser Tour trotzdem erstaunlich ruhig.

OK, dann geht das in Ordnung …

Frohes Neues erstmal! \o/

Bevor ich mich hier über die Silvesterschicht auslasse, muss ich nochmal einen Kollegen aus dem letzten Jahr loben. Dabei war mir anfänglich gar nicht danach. Er hat eine Ampel genutzt, um auf einer weniger befahrenen Spur an mir vorbeizuziehen. Mit angeschalteter Fackel natürlich – also genauso frei wie ich.

Wie ich schon öfter erwähnt habe: Das ist scheiße! Wenn man frei ist, überholt man freie Kollegen nicht. Da gibt es kein Gesetz für, es ist einfach eine stille Übereinkunft aller Taxifahrer mit einem Rest von Berufsethos. Natürlich hätten wir alle gerne die nächsten Winker, aber es gibt auch wenig Sinn, wenn immer die sie kriegen, die sich trauen, am schnellsten zu fahren …

Besagter Kollege blieb auch vor mir, denn da er ca. 65 km/h bei 50 erlaubten fuhr, schien mir ein Überholen nicht wirklich sinnvoll zu sein. Ein Arschloch eben.

Und es kam, wie es kommen musste: An der nächsten roten Ampel war er erster, und just dort standen zwei Winker, die dann auch prompt auf ihn zuliefen und einzusteigen gedachten. In meiner Fantasie ramme ich solche Kollegen ja gerne mal und gebe mich danach höchst bestürzt darüber, dass sie nun doch keine Fahrt hätten, sondern mit mir auf die Polizei warten müssten. In Wirklichkeit wünsche ich ihnen einfach eine Massenkarambolage mit 12 Gefahrenguttransportern und allem, was man sich als fantasiereicher Mensch an Folgen gerade noch so vorstellen kann. Oder kurz gesagt: Ich hab wirklich ein kleines Problem mit unfairem und unkollegialem Verhalten.

Und nun hatte die Drecksau meine Fahrgäste!

Aber nee: Der Kollege verschloss die Türen und gestikulierte winkenderweise – und am Ende kamen die Kunden, immerhin nur leicht irritiert, zu mir gewatschelt.

Offenbar wollte der Kollege doch einfach nur schnell heim, zu seiner Halte oder zu einer Bestellung und hat vergessen, die Fackel auszumachen. Oder es für unnötig erachtet oder tatsächlich nur meinetwegen aufgegeben und die Kunden weitergereicht. Ist mir von der Sache her dann sogar wieder vergleichsweise egal. Immerhin war er insofern ein fairer Mitspieler, als dass er wusste, dass er mich überholt hatte, obwohl er das eigentlich nicht hätte sollen. Dann will ich mal nix gesagt haben.

Ach ja, Schicksal, diesen „Blitz beim Scheißen“-Wunsch kannste auch ad acta legen …

„Früher hätt’s dit nich‘ jejeben …“

Kaum eingestiegen, beäugte er fachmännisch den Kilometerzähler meines Autos:

„Oh, ok, hätte nicht gedacht, dass ein Opel überhaupt so lange hält …“

„Das? Das ist nix. Die letzten beiden hab ich über 400.000 gebracht.“

„Sind wohl praktisch, wa?“

„Sicher: Geringe Kosten, geringer Verbrauch, günstiger Service, bis zu sechs Leute … haben halt auch ihre Vorteile.“

„Verstehe, da bleibt mehr unterm Strich. Egal, früher hätte es das trotzdem nicht gegeben!“

Mag sein. Früher hätte Dich ein Taxifahrer vermutlich aber auch aus dem Auto geschmissen, wenn Du außer zu meckern nix zu sagen gehabt hättest. Hab ich natürlich nicht gesagt, lustigerweise gerade, weil wir heute nicht mehr „früher“ haben.

Das Problem mit „Früher“ ist halt, dass jeder es sich zurechtbiegen kann, wie er will. Da war vielleicht mehr Lametta, andererseits war das Wort Dienstleistung noch kaum erfunden – und der dazugehörige Gedanke wurde noch mit Worten gebrandmarkt, die man heute insgesamt aus der Sprache zu drängen bemüht ist.

Und, wie ich gerne völlig emotionslos anfüge:

„Wer so schwer unter dem Auto leidet, das ich tagtäglich fahre, der soll sich halt die Minute gedulden und auf einen Mercedes warten. Oder drei oder fünfzehn. Oder extra einen Mercedes bestellen oder oder oder. Ich bin mit meinem Job beschäftigt genug, ich hab wirklich kein Interesse daran, mir künftig auch noch auszumalen, in welchen Vierteln ich Leuten damit auf den Fuß treten könnte, dass ich schneller vor Ort bin als jemand, der ein anderes Auto fährt.“

Die Nebenwirkungen des Jobs

Lustigerweise hat mich diese Woche erst ein ebenfalls Taxi fahrender Leser angequatscht und gestanden, bei Besoffenen nicht so „vorbildlich“ zu sein wie ich. Wie die meisten Kollegen also lehnt er öfter ab als ich … was natürlich ok ist. Auch Gummiparagraphen sind von der Sache her soweit ausnutzbar, wie sie es hergeben.

Mein „Glück“ ereilte mich nur wenige Stunden später in Form eines Rudels besoffener Engländer. Natürlich hab ich mich über die Tour an sich gefreut, aber dass sie zu viert auf die Rückbank kraxelten, fand ich dann nicht so toll. Zumal ich immer noch einen Zafira fahre und es da ja Optionen gibt. So gesehen wäre alles ok gewesen – wenn sie auch nur einmal im Ansatz hätten erkennen lassen, dass sie mir zuhören.

Als ich gesagt habe, dass vier Leute auf der Bank nicht gehen, wollten sie ein anderes Taxi nehmen. Als ich erklärt habe, dass ich Zusatzsitze hätte, wollten zwei wegen so einer Lappalie nicht von der Rückbank aufstehen (obwohl ich die Sitze sonst nicht ausklappen kann), und mit erstaunlicher Penetranz hat einer das dann als Aufforderung verstanden, sich in den Kofferraum zu setzen, hat dies getan und fortan mit seinen Kumpels geredet und mir gar nicht mehr zugehört.

Na, fantastisch!

Ich hab meine Lautstärke und Ausdrucksweise von einem netten „Would you please leave, I have additional seats, please give me that minute …“ steigern müssen zu einem keineswegs alltäglichen und gebrüllten „IF YOU FUCKING PRICK WON’T MOVE, I’LL KICK YOU OUT AND I WILL NEVER TRANSPORT YOU, YOU ASSHOLE!“

Aber: Alles eine Frage des Umgangstones. Er schien das als nette Bitte aufzufassen und hat ohne Anflug von Missmut getan, was ich gesagt habe. Ein Teil des Geheimnisses ist ja auch, zu wissen, bei wem man sich sowas erlauben kann …

Als ich sie letztendlich sortiert im Auto hatte, ging es eigentlich. Ja, es war etwas laut, einer hat mit seiner Gelfrisur die Scheiben verschmiert und am Ende hab ich noch ein Grablicht (WTF? 0.o) im Auto gefunden. Auf der anderen Seite standen 22,90 € Umsatz plus ein Fünfer Großraumzuschlag plus ein Trinkgeld von 2,10 € und zudem ein verlorenes Zwei-Euro-Stück.

Ich hab ja nicht gesagt, dass es immer einfach ist …