Draufzahlen

Kunden sind zweifelsohne ein rätselhaftes Völkchen. Ein Kollege erzählte mir folgendes Kleinod aus den letzten Tagen:

Ein Typ sei bei ihm eingestiegen zu einer mittelkurzen Tour. Am Ende fragte er, was er zu zahlen hätte. Der Kollege stoppte die Uhr und meinte:

„8,80 €.“

Die Antwort war ein wenig überraschend:

„Ich kann dir auch einen blasen. Aber da musste noch draufzahlen!“

Da ich diese Vergleiche so liebe: Hat irgendjemand sowas schon mal in einer Bäckerei mitgekriegt? Ich hab nämlich irgendwie die Befürchtung, das passiert wirklich nur im Taxi…

Kleinode aus Kundenmund

Im Grunde hab ich nicht viel mitbekommen von den Kunden. Ein Paar, irgendwas um die 40 und zur Abwechslung mal nett zueinander. Die beiden haben sich untereinander unterhalten, wenig mit mir. Das war schon ok, aber da ich ja auf Arbeit keine Kopfhörer trage, kann ich nun folgenden Dialog zum Besten geben:

„Schatz, ich hab da ein Problem.“

„Ja?“

„Ich will die Betten umstellen.“

„OK, warum nicht?“

„Ja, aber ich kann das nicht.“

„Wieso, was ist denn, Schatz?“

„Du liegst da immer drin…“

Stasi = Straßensicherheit?

Ich war ja schon froh, nach über einer Stunde Warten am Ostbahnhof eine Fahrt bis fast nach Schönefeld bekommen zu haben. Mal eben schnell 27 € auf der Uhr und dank zufriedener Kundschaft hab ich nicht einmal Wechselgeld rausrücken müssen. Sowas passiert uns Taxifahrern definitiv zu selten!

Wirklich gut wurde es aber, als ich auf dem Rückweg in Altglienicke an einen Winker geriet. Der hatte gerade den allerletzten Bus verpasst und sagte mir eine Adresse an, bei der er hämisch bemerkte, dass ich sie auch im Navi vergeblich suchen könne. Da mein Navi ohnehin nur eine CD von 2008 als Datengrundlage verwendet, schien mir das nicht allzu absurd – worauf er allerdings hinauswollte, war, dass wir in eine Gartenkolonie fahren würden.

Von diesen Kolonien gibt es ja Unmengen in Berlin, seine lag immerhin auch ein Stück weit entfernt. Eine Tour so um die 15 €. Er versprach mir auch gleich, mich zu lotsen und ersparte mir damit, mich wirklich durch die sicher zahlreichen Straßen mit der Nummer 5 zu kämpfen, die Berlin auch ohne die Lauben und Datschen zu bieten hätte.

Unterwegs erzählte er mir angeheitert wie er war von seinem Klassentreffen, davon, dass leider nicht mehr alle von damals leben, die übliche Beichte im Taxi nach 5 bis 10 Bier. Kurz bevor wir die Gartenkolonie erreichten, warnte er mich vor:

„Wenn wir gleich rechts… wat is’n das für’n Auto?“

„Ein Opel.„

„Ach ja, die sind ja etwas höher. Weil mit’m Daimler – haha! – da sind wir hier schon mal festjesteckt!“

Und wie erwartet, war die Straße nicht nur eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern. Schlimmer: Zwischen den Schlaglöchern befand sich keine Straße, sondern noch tiefere Schlaglöcher. Bisher hat mein Zafira all diese kleinen Buckelpisten gut überstanden, deswegen hab ich mir auch keinen Kopf gemacht und bin froh von Loch zu Loch gehoppelt mit dem 67-jährigen Rentner, dessen Bauch gelegentlich über die Handbremse schwappte.

Das taten wir gute 3 Minuten lang, relativ stillschweigend. Dann sah er mich an und meinte:

„Weeßte, die Wende is ooch een Jahr zu früh jekommen! Weeßte, wieso?“

„Nein?“

„Na, hier wollten viele vonner Stasi hin. Hätten se allet neu jemacht hier. 1990. Und dann: Nüscht!“

Naja, hat wohl jeder so seine subjektiven Bezüge zur Weltgeschichte 🙂

Schreiben ist Arbeit!

„Machen sie 14. Und eine Quittung bräuchte ich.“

„Danke. Benötigen sie Start- und Zielpunkt oder reicht Stadtfahrt?“

„Stadtfahrt ist ok.“

„Schön. Da bin ich bei ihrer Adresse ganz besonders dankbar…“

Mehr Buchstaben als die Straßennamen in ganz Paderborn zusammen... Quelle: Sash

Nie erlebt

3 Jungs sind mir vors Auto gelaufen. Anstatt sie des Alkoholpegels wegen vorsichtshalber gleich zu erlegen, hab ich sie dann aber doch eingeladen, um sie ein Stückchen mitzunehmen. Es ging von der Warschauer Straße ein Stück nach Kreuzberg rein und unterwegs haben sie dann angefangen, über den Abend zu sinnieren. Die an den Fenstern vorbeiziehende Umgebung schien sie dabei ein wenig zu verstören, denn der Dialog unter ihnen lief (in etwa) so:

„Ist das da hinten nicht…“

„Nein, wir waren wo anders.“

„Aber da ist doch das eine Haus, wo die…“

„Ja, genau da.“

„Nein, das war in Friedrichshain!“

„Ist hier Friedrichshain?“

„Wo müssen wir hin?“

„Na nicht dahin, wo wir herkommen.“

„Also da vorne…“

„Ich denke eher, dass da hinten die Bar war, wo…“

„Bar? Hier vorne sind Bars!“

„Dann sind wir falsch gelaufen.“

„Gelaufen?“

„Heute morgen.“

„Aber das war eher da drüben…“

So ging das sicher zwei oder drei Minuten lang. Dabei habe ich als schweigsamer Zuhörer weder rausgefunden, wo sie herkommen, schon waren oder ggf. neben dem eigentlichen Fahrtziel noch hinwollen könnten. Irgendwann unterbrach einer der Jungs das kryptische Gelalle und meinte laut und deutlich:

„Jungs, ihr wisst: Wenn wir wollen, haben wir das alles nie erlebt!“

Gefragt

Gefragt in meinem Beruf als Taxifahrer bin ich oft. Gefragt im Sinne von Meinungsaustausch dann doch eher seltener. Dass man die Floskel „Das frage ich sie“ auch gänzlich sinnentleert verwenden kann, bewies mir vor einiger Zeit ein Fahrgast. Vorhang auf!

Es war Herbst, es war am Ostbahnhof und ich wartete schon eine Weile. Ja, ich will mich nicht groß mit der Einleitung aufhalten. Der Fahrgast war ein sturzbetrunkener, leicht dicklicher Typ mit Brille, Reisegepäck und Milchbubigesicht. Alter: Um die 40. Kommen wir zum etwas seltsamen Dialog:

„Danziger Straße!“

„Wohin da genau?“

„139“

„OK, da muss ich jetzt selbst sehen, wie ich da am besten hinkomme. Oder wissen sie, von welcher Seite aus man da am Besten ranfährt?“

„Das frage ich sie!“

„Äh? OK. Ich mach dann mal… über die Prenzlauer!?“

„Das is hervorragend! Ich weiß das ja auch.“

„Was wissen sie?“

„Mein Job.“

„Aha?“

„Ja. Sie sagen mir, was sie tun – und ich sage ihnen, wie sie es tun!“

„Äh, worauf war das jetzt bezogen?“

„Das frage ich sie!“

„Was jetzt?“

„Das frage ich sie!“

Entschuldigen sie: Ich bin mir nicht sicher, worauf sich ihre Aussage jetzt bezieht. Auf diese Fahrt? Auf meinen Job im Allgemeinen?“

„Wissen sie, wer ich bin?“

„Nein. Müsste ich sie kennen?“

„Nein, is schon ok so. Bringen sie mich einfach zur Danziger Straße 135.“

„135? Sie haben vorher doch 139 gesagt, oder? Was ist denn nun richtig?“

„Beides!“

„Äh!? OK! Ist das also ein Häuserblock?“

„Das frage ich sie!“

„Ja, aber ich bin mir da nicht ganz sicher. Ich kenne jetzt ja auch nicht alle Hausnummern…“

„Kennen sie mich?“

„Nein, immer noch nicht.“

„Das ist gut.“

„Also die Danziger 135 stimmt? Ja?“

„Das frage ich sie!“

Irgendwann waren wir dann an seiner Zieladresse. Einem Bordell.

„Da! Da genau muss ich hin!“

Er stieg aus und stellte seine Bierflasche auf einen geparkten Mercedes. Dann zählte er sein Geld und zahlte den Betrag auf der Uhr. Ich weiss nicht einmal mehr, wie viel es war, aber irgendwas zwischen 10 und 13 Euro müssen es wohl gewesen sein. Er packte seinen Koffer und ich fand es irgendwie ein wenig absurd, wie er da stand: Mit einem Rollkoffer vor dem Puff. Aber ich habe ihn gefragt, ob alles ok sei, und er noch irgendwas benötige. Die Antwort? Klar:

„Das frage ich sie!“

Rüberfahren

Die Fahrgäste waren eine verstrahlte Dreiertruppe auf dem Weg ins fernste Marzahn. Ins so ferne Marzahn, dass der Stopp an der Ampel unweit meiner Haustüre nur ein Zwischenstopp war. Der Stundenzeiger lag längst irgendwo zwischen der 3 und der 6 in der Kurve und entsprechend leer waren die Straßen. Als ich vor dem warnenden Rotlicht ausrollte, meinte ein Typ von der Rückbank:

„Also ich wär da jetzt einfach rübergefahren…“

Ich wollte gerade zu einem langweiligen Verteidigungsmonolog ausholen, als das die Dame neben ihm übernahm:

„Na du hattest ja auch noch nie einen Führerschein.“

Damit war dann auch hinreichend geklärt, weswegen ich hinter dem Steuer sitze…