„Du bist einer von den Guten!“

Letztes Wochenende bin ich gelegentlich beim Wechselgeld wieder ein bisschen in die Bredouille geraten. Niemals mit Kunden, aber wenn man bei 40 € Umsatz bereits drei Fuffis in der Tasche hat, dann bleibt für den nächsten Kunden so ziemlich genau Null. Insbesondere wenn ich eine Rückkehr zum Ostbahnhof in Betracht ziehe, steuere ich in solchen Fällen meine Stammtanke an.

Die Total an der Holzmarktstraße ist eine sackteure Tanke. Insbesondere für Erdgas. Das liegt daran, dass sie jahrelang nahezu eine Monopolstellung innehatten, da die Berliner Innenstadt noch recht spärlich mit Gas-Tanken ausgestattet ist, die nachts durchgehend geöffnet haben. Da ich es nie eingesehen habe, dezikilometerweite Umwege zu fahren, um irgendwo ein paar Cent zu sparen, schlage ich seit jeher recht oft dort auf. Deswegen hatte ich schon mit einigen Nachtschichtlern dort zu tun und bisweilen sehr lustige Pausen dort erlebt. Zum Beispiel, als zwei der Mitarbeiter dort stundenlang alle Kunden mit Piepsestimme bedient haben 😀

Naja, jedenfalls hat es mich zum Wechseln auch dieses Mal dorthin verschlagen, wohlwissend, dass im Falle eines Schichtbeginns dort auch nicht immer grenzenlos was zu machen ist. Also hab ich einfach mal gesagt:

„Moin, ich komm ungern nur zum Schnorren her, aber könnt ihr vielleicht einen Fuffi kleinwechseln?“

Nach ein wenig Herumalbern über 10 € Wechselgebühr und der Gegenfrage, ob ich dann vielleicht einen Fünfhunderter in Fünfziger wechseln könne, hab ich kleine Scheine erhalten mit dem Hinweis, dass das bei einer netten Anfrage kein Problem sei. Wohlwissend, dass das nicht alle Fahrer so handhaben, hab ich auch angefügt, dass ich das zu schätzen weiß. Die haben ja auch nix davon, kein Wechselgeld mehr zu haben – lediglich größeren Spielraum als wir Taxifahrer.

„Nee, kein Ding! Du bist ja einer von den Guten. Soll ich dir aus meiner Kasse noch einen zweiten Fuffi kleinmachen?“

meinte der Kollege gleich.

Ich hab dankend angenommen und einen Zweier als „Gebühr“ liegenlassen. Freiwillig. Ebenso wie die zwei mir freiwillig entgegengekommen sind. Eine Hand wäscht die andere und außerdem sollte man nie vergessen, dass sich letztlich alles um Kommunikation dreht. Das geht insbesondere an die Kollegen, die irgendwoher wissen wollen, dass die dort an der Tanke aber total unfreundlich sind. Wie man in den Wald hineinruft…

Eine Taxischicht der Superlative!

Nein, ganz ehrlich: Rekorde im finanziellen Bereich kann ich nicht verkünden. Also wenn, dann müsste ich die Regeln ziemlich krude auslegen. Denn ich hatte zum Beispiel die lukrativste Tour, die ich jemals zweimal gefahren bin: Die beiden Mädels, die ihren Heimweg gerne vom Ostbahnhof über Hellersdorf nach Potsdam nehmen, haben mich an der Halte erkannt und mich gleich zum zweiten Mal dazu gezwungen, eine eigentlich schon aufgegebene Nacht doch erfolgreich zu beenden 🙂

Ansonsten sind Fahrten für Blogeinträge zusammengekommen, bei denen ich nicht mehr weiß, wann zur Hölle ich die alle schreiben soll, so zahlreich sind die erwähnenswerten Kunden in mein Auto gepurzelt.

Und wenn es nicht die Kunden waren, dann waren es die anderen Verkehrsteilnehmer! Binnen weniger Stunden haben gleich drei Autofahrer nacheinander den Rekord eingestellt, wie dämlich man sich Punkte in Flensburg einfängt. Ich bin aufgrund des Rekordhalters noch nicht aus dem Staunen heraus, ehrlich…

Die letzte Tour hat weit in meinen Feierabend hineingeragt, so dass ich am Ende doch über elfeinhalb Stunden irgendwie unterwegs war, allerdings zwischenrein auch mal kurz privat. Ich bin ziemlich fertig gerade, würde aber am liebsten alles gleich niederschreiben. Ich werde euch dennoch auf morgen vertrösten müssen.

Jedenfalls hoffe ich, dass ihr auch ein geiles Wochenende hattet, ich melde mich dann wieder, wenn mein eigenes beginnt.

Frühling.

Die Tatsache, dass das Thermometer inzwischen Sprünge in den zweistelligen Bereich – und zwar im Plus-Bereich – macht, erfreut mich auch. Ich hab es zwar gerne etwas kühler, aber zum einen war es ja heute Nacht nochmal eisig und zum anderen war dieser Winter geprägt von Ärger um die Heizung im Auto, ständig geschlossene Waschanlagen, etc. Außerdem fühle ich mit den Prostituierten, die sicher wesentlich angenehmere Arbeitskleidung als Skihosen haben. 🙂

Aber ein bisschen traurig stimmt mich der langsame Abschied vom Winter dann doch. In erster Linie geht es mir um die Dunkelheit. Schon jetzt kündigt die Sonne am Wochenende gegen Schichtende bereits wieder langsam ihr Aufgehen an, die Nächte werden kürzer. Ich weiß, viele freut das und aus Gründen des Stromsparens kann ich mich auch mit ein paar hellen Stunden mehr anfreunden.
Aber über die drei Jahre im Taxi ist mir die Nacht so dermaßen ans Herz gewachsen, dass die wenigsten Tagaktiven das wohl verstehen werden. Sicher werde ich immer noch hier und da nachts müde und ein schöner Sonnenaufgang erfreut auch mein gar nicht so kleines Taxifahrerherz – aber ich weiß nicht, ob ich jemals wieder meine Liebe zur Nacht loswerde.

Zum einen ist da die ganze Arbeit: Nachts sind die Leute lockerer und lustiger, die Straßen sind freier und man erkennt Querverkehr meist schon am Licht. Aber auch all das Nebenbei: Berlin ist ein Lichtermeer, das Grau der Stadt verschwindet im Nachtschwarz. Wenn mal nicht der (über Berlin natürlich magere) Sternenhimmel seine Pracht darbietet, führt selbst Regen nur zu tausenden glitzernden Spiegelungen, nicht zur Untermalung der Tristesse.

Mein Rhythmus IST inzwischen umgestellt. Es fällt mir nicht leicht, früh ins Bett zu gehen und die aufgehende Sonne veranlasst mich viel eher zu selbigem. Viel schlimmer: Im Sommer fühle ich mich in den taghellen Abend- und Morgenstunden viel eher dem geborgenen Vorhang der Nacht entrissen, mein Drang, die Arbeit niederzulegen wächst exponentiell mit jedem Lichteinfall.

Gut, ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich freuen, spätabends noch im Shirt im Café ihrer Wahl zu sitzen und darüber zu sinnieren, wie unanständig kalt das Herabsinken unseres Zentralgestirns die Welt werden lässt. Ich bin der Typ von der anderen Seite, der euch immerhin zu sagen weiß, dass die Gerüchte über Zombies und Werwölfe weiitgehend unzutreffend sind. Also wenn es in einem halben Jahr wieder früher dunkel wird, dann ärgert euch nicht – freut euch stattdessen für mich!

Seid ihr Tag- oder Nachtmenschen?

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Kartografisches Gedächtnis?

Es gibt eine Kleinigkeit, die uns Taxifahrer vom Rest der Bevölkerung unterscheidet. Zumindest vermute ich das, das ist eine rein subjektive Feststellung meinerseits:

Wir denken „in Karten“.

Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten werden wir sehr oft mit neuen Adressen konfrontiert, die wir anfahren müssen. Zudem müssen wir auf dem kürzesten Weg dorthin gelangen. Ohne eine Ortskundeprüfung und ein tickendes Taxameter im Rücken (oder vor sich) navigiert man meist von bekanntem Punkt zu bekanntem Punkt. Da kommen dann Routen wie diese hier heraus, einfach weil sie logisch und schnell sind. Mögliche Abkürzungen treten zurück beim Blick auf bekanntes Territorium, man fährt schlicht und ergreifend den einfachsten Weg.

Nun orientiere ich mich als Taxifahrer natürlich auch an bekannten Orten, keine Frage. Aber in meinen Gedanken taucht dennoch immer wieder der Stadtplan auf. Nicht immer detailliert genug, manchmal falsch oder ungenau – aber egal, was der Kunde für eine Ansage macht, denke ich darüber nach, wo das Objekt sich genau befindet, zu dem ich fahren soll. Das gleiche ich dann ab mit den mir bekannten Straßen – so wenige es im Einzelfall auch sein mögen – und überlege mir dann eine sinnige Route.

Und ich merke, dass viele das nicht tun.

Da hatte ich neulich eine Tour, bei der mir die Straße nur sehr grob etwas sagte. Die Kundin versprach, mich zu lotsen und ich sagte zu. Ihr selbst kam es bei diesem durchaus klar quaderförmigen Häuserblock/Straßenverlauf nicht in den Sinn, es komisch zu finden, mich zweimal links abbiegen zu lassen – anstelle von einmal links und dann rechts.

Auch wenn ich in Mathe ein Loser erster Güte bin, ist mir doch bewusst, dass diese Strecke NIEMALS die kürzeste sein kann (und nein, es existierten hier keine Abbiegeverbote oder Einbahnstraßen!).

Als mein geschätzter Ortskundelehrer in den heiligen Hallen meiner Chefs irgendwann mal einen kurzen Ausflug in die Geometrie unternommen hat, um zu zeigen, dass man beim Wechsel in eine nicht ganz parallel verlaufende Straße immer die Querstraße nimmt, die am kürzesten ist, dachte ich noch, er will mich verarschen. Tatsächlich aber ist vielen Menschen diese Denkweise fremd. Das oben verlinkte Beispiel mit dem Hermannplatz ist zweifelsohne ein Extrem, aber im Kleinen passiert es immer und immer wieder, dass Leute ihrer Intuition folgen, anstelle sich auf eine objektiv bessere Route zu stürzen. Wahrscheinlich ist es ein ähnlicher Mechanismus, der Leute dazu bringt, sich der Homöopathie zuzuwenden, wenngleich selbige objektiv sinnlos ist: Es ist ein Mangel an Fachkenntnis. Den werfe ich niemandem vor, schließlich haben wir Taxifahrer ja unsere Ausbildung gemacht, um auf dem Gebiet der Ortskenntnis gewissermaßen Koryphäen zu sein.

Befremdlich wird es aber dann, wenn Menschen ihr Halbwissen noch verteidigen.

Trotz allem Wissen über abzockende Kollegen und aller Achtung vor der Ortskunde meiner Kunden (die vor allem direkt in ihrem Wohngebiet beispielsweise meiner sicher überlegen ist):

Nehmt auch mal den Rat oder die Routenwahl von uns Taxifahrern an!
Ortskunde ist ein gar nicht so einfaches Fachgebiet und in der Regel wissen wir sehr wohl, was wir tun.

Schlafen

Da ist es endlich mal Wochenende. Hauptverdienstzeit! Um 20 Uhr sitze ich im Taxi, der Feierabend ist für etwa 6 Uhr geplant. Hier und da mal eine Pause, aber volles Programm bis in die Morgenstunden. Und dann ein Kunde: Nett, anspruchslos, zufrieden. Und er verabschiedet sich um 22:30 Uhr mit folgenden Worten:

„Danke fürs Heimbringen! Schlaf gut!“

Äh…

Zufrieden

„Also ich könnte das ja nicht, immer nur Nachts…“

„Man gewöhnt sich dran.“

„Und was machen sie nachts, wenn sie nicht Taxi fahren?“

„Ganz ehrlich: Hauptsächlich schreiben.“

„Ein Buch oder wie?“

„Naja, eines ist weitgehend fertig. Ideen für 2 bis 3 weitere hab ich schon. Außerdem blogge ich regelmäßig…“

„Also ich könnte ja weder schreiben, noch Taxifahren.“

„Die Menschen sind verschieden.“

„Hauptsache, es macht ihnen Spaß.“

„Das trifft sowohl aufs Taxifahren als auch aufs Schreiben zu.“

„Dann sind sie ja ein rundum zufriedener Mensch…“

„So sieht es aus!“

„Naja, wie sie sagten: Die Menschen sind verschieden…“

Hm… 🙁

Musik und Laut

Was mich mal ganz ehrlich als Blogger und Taxifahrer gleichermaßen interessieren würde zum Wochenanfang: Wie haltet ihr es eigentlich mit Musik im Taxi? Und die Frage geht sowohl an Kunden als auch an die Fahrer unter den Lesern raus. Das ist ja doch ein interessantes und spannungsreiches Feld.

Die Taxiordnung schreibt ja (zumindest hier in Berlin) vor, dass die Wahl der Musik und deren Lautstärke den Fahrgästen obliegt. Natürlich haben wir Fahrer aber auch ein Wörtchen mitzureden. Auf Funk und Verkehrsnachrichten haben wir letztlich doch ein Anrecht, theoretisch kann man sich also schon tierisch in die Wolle bekommen, ohne auch nur einen unterschiedlichen Musikgeschmack zu haben. Und letzteres ist dann ja wahrscheinlich sogar meistens das Problem.

Ich persönlich höre gerne laut Musik, wenn ich alleine unterwegs bin, mache allerdings keinerlei Anstalten, die Kunden damit zu belästigen. Im Normalfall ist das Radio aus, bzw. auf lautlos gestellt, wenn ich besetzt bin. Meist unterhält man sich ja doch, da nervt Musik nur. Und wenn jemand einen Wunsch hat, dann spiele ich da schon mit. Die Leute freut es meist ziemlich, wenn man ihren Wünschen nachkommt. Und ehrlich: Ein paar Minuten schlechte Musik hat man auch, wenn man selbst das Radio anschmeißt oder wenn im Lieblingsclub mal ein Lied läuft, dass man nicht haben will. Das ist doch eigentlich locker wegzustecken.

Und wenn die Kundschaft dann raus ist, dann landet wieder die CD im Player und man wäscht sich erstmal die Ohren…

Haltet ihr Fahrer das ähnlich oder habt ihr das Radio einfach immer an? Und wer hier gehört zu den verdammt wenigen Leuten, die sich im Taxi eigene Musik wünschen? Ich hatte bisher nur einmal Leute, die eine eigene CD dabei hatten (hier der lesenswerte Artikel dazu: Russen-Disco!) und einmal welche, die mich (leider!) vergebens nach einem Anschluss für ihren mp3-Player gefragt haben. Dann kommen noch vielleicht 100 Anfragen nach Radiosendern dazu. Der Rest war einfach zufrieden damit, sich mit mir zu unterhalten 😀

Ach ja, aktueller Opener meiner CD ist das hier: One Man Army and the Undead Quartet – Killing Machine

Das sollte ich sowieso nicht an Kundschaft jenseits der 50 ausprobieren 😉