Die Kleinigkeiten unter Kollegen

Am Wochenende hatte ich mein Feuerzeug vergessen. Gut, dumme Kleinigkeit. Ein Kollege hat mir am Stand Feuer gegeben und mir dann gesagt, ich könne es behalten. Im Prinzip auch kein großes Ding, immerhin finden wir Taxifahrer in unseren Autos ja doch recht regelmäßig Feuerzeuge.

Aber stellvertretend für viele solche Kleinigkeiten (z.B. auch das Geldwechseln am Stand) möchte ich mal bedanken. Wie so oft kannte ich den Kollegen nicht bisher. Er fährt für eine andere Firma oder ist selbständig. Geschäftlich gesehen sind wir Konkurrenten, nicht Freunde. Und trotzdem hilft man sich bei sowas aus.

Das ist zweifellos zu wenig, um ein übertriebenes Loblied auf die Solidarität im Gewerbe zu singen, aber auch das gehört dazu. Und das wollte ich mal wohlmeinend anmerken. Natürlich gibt es die „Kollegen“ da draußen, die einen überholen, natürlich gibt es Fahrtenklau und so manchen Mist. Aber vielfach trifft man als Taxifahrer auf einen anderen, fragt ihn nach irgendwas – ob das jetzt Feuer, Wechselgeld oder eine Adresse ist – und die Kollegen stehen einem bei.

Bis hin zum Extremsport unter profitorientierten Konkurrenten, zur Hauptstoßzeit einen Kollegen nach Hause zu eskortieren, weil dessen Taxi streikt.

Ich kotze mich oft genug über die Idioten im Gewerbe aus. Aus Gründen. Wirklich hängen bleiben bei mir aber die positiven Erfahrungen, bei denen mir und/oder meinen Fahrgästen geholfen wurde von den Menschen, die außer einem hellelfenbeinfarbenen Arbeitsgerät nichts mit mir gemein haben.

Ein wirklich dickes Danke dafür!

Schichtentscheidend

Ob wir eine Stadtrundfahrt durch Berlin machen könnten, wurde ich kürzlich auf Twitter von @ms_pinkman gefragt.

Ich war unsicher. Stadtrundfahrt? Ich? Soo gut bin ich da ja als quasi noch Neuberliner mit ausschließlich nächtlicher Herangehensweise an die Stadt vielleicht eher ungeeignet …
Aber wie der folgende Dialog so ergab, ging es natürlich auch darum, mal im Reallife hallo zu sagen. Außerdem, so wurde mir versichert, läge eine nahezu umfassende Anspruchslosigkeit vor und meine Sicht auf Berlin als Nachttaxifahrer wäre voll in Ordnung. Das – und zugegeben auch die sehenswerte Preisvorstellung für dieses Arrangement – haben mich zustimmen lassen. Eine kleine, noch spontanere, Variante hatte ich ja schon mal.

Die letzte Woche habe ich dann damit verbracht, immer mal wieder über der Frage zu verzweifeln, wo ich eigentlich hinfahren könnte. Zwei Stunden waren als Zeitrahmen angesetzt, da wird die komplette Stadt schnell ein bisschen groß.

Aber gut, am Ende bin ich fast unvorbereitet in den entscheidenden gestrigen Abend gestartet. Die zwei Stunden waren – perfekt für mich – an den Schichtbeginn und noch vor das Fußballspiel von Uruguay gepackt. Erkannt haben wir uns am verabredeten Startpunkt lediglich durch das nette Lächeln und wir traten die Fahrt an. Von Friedrichshain über Kreuzberg und Neukölln, Tempelhof streifend nach Schöneberg, Charlottenburg und anschließend zurück über Tiergarten, Mitte, wieder Friedrichshain und Lichtenberg.

Der Zielpunkt hatte sich davor schon eher kurzfristig von „einer netten Bar“ zum Hotel verschoben, das am äußersten südöstlichen Ende Berlins lag. Das hat mich am Ende zwar die erste Halbzeit des Spiels gekostet, aber abgesehen von der finanziellen Entschädigung ist mir nach dem Ansehen der zweiten Halbzeit auch klar, dass ich bei der ersten nix verpasst habe.

Für mich ist nach der ersten Kriegste-das-hin-Anspannung eine nette Fahrt daraus geworden, während ich nebenher einfach mal über alles gequatscht habe, vovon ich einen Namen im Kopf hatte. Inklusive unnachahmlicher Currywurstbestellung und viel nettem Geplauder. Und scheinbar beruhte das auf Gegenseitigkeit. Was mich in Anbetracht dieser recht neuen Form von Fahrt wirklich sehr freut. 🙂

Aber ich habe auch einmal mehr festgestellt, dass ich mich an den Taxirhythmus gewöhnt habe. Zwei Stunden quasi am Stück durch die Gegend zu fahren, strengt doch mehr an als die üblichen Touren mit viel mehr Pause. Aber die hatte ich in dem Fall danach beim Fußballschauen zu Hause. Danach war es allerdings wirklich schwer, mich nochmal aufzuraffen und trotz dem äußerst grandiosen Start hab ich am Ende mein (dieses Mal allerdings eher großzügige) Schichtziel um 2 € verfehlt.

Aber nun ja, das ist Jammern auf hohem Niveau. Wie fast immer war das eine sehr schöne Lesertour, und dieses Mal sowas von absolut entscheidend für den Tag.

An dieser Stelle noch ein kleines Sorry an all die, bei denen es mal nicht geklappt hat. Ich mache das wirklich gerne, aber zum einen sind meine Arbeitszeiten begrenzt, zum anderen bin ich bei der Arbeit oft auch mal spontan am anderen Ende der Stadt, ohne das vorhersehen zu können. Manchmal bleibt mir nix anderes übrig, als am Handy das Gespräch kommentarlos wegzudrücken. Alles Gute ist eben nie beisammen, so isses halt.

Außer gestern Abend.

PS: Die Tour wird sicher noch lange den Rekord für die längste Fahrt innerhalb des Berliner Stadtgebietes halten. Müssten am Ende knapp 70 Kilometer gewesen sein.

PPS: Das entstandene Foto enthalte ich Euch vor. Ihr wisst schon … Aliens, meine Frisur … diese Geschichten.

PPPS: Mir wurde bei dieser Fahrt gesagt, dass bisher die Taxifahrer die freundlichsten Dienstleister in Berlin waren. Ein Dank an die Kollegen, die das immer wieder richtig gut hinkriegen!

Wer von Euch war das?

Manchmal kommen die tollsten Fahrten ziemlich ungewöhnlich daher.

„Wo soll’s hingehen?“

„Nach Mahlow.“

Uff. Ich hab’s schon oft erklärt: das Umland ist am allerwenigsten meine Stärke. Ich kenne es wirklich nur von den paar Fahrten nach außerhalb und entsprechend unsicher bin ich da immer wieder. Wenn man sein Leben lang in einer Stadt wohnt, kennt man im Umland Leute, hat mal einen Schulausflug hier- und dahin gemacht. Ich musste das lernen. Bzw. eben gerade nicht: ich musste den Berliner Stadtplan auswendig lernen und war froh, alles ab 2 cm jenseits der Stadtgrenze ignorieren zu können, weil es auch so schon umfangreich genug war. Und in Mahlow selbst bin ich meines Wissens nach auch wirklich noch kein einziges Mal in den letzten fünfeinhalb Jahren gelandet.

„OK, da muss ich jetzt selbst nachsehen, wie man da am besten …“

„Oh, wie man von hier fährt? Ich würde sagen: am Besten außenrum. Also das Adlergestell runter.“

Ähm. Nun ja. Kann man machen – und wir sind auch angekommen. Und dem Kunden hat das so gepasst und er hat ein gutes Trinkgeld gegeben. Aber ohne es am Anfang einschätzen zu können, bin ich mit dieser Tour heute Nacht den größten Umweg gefahren, seit ich im Taxi sitze.

Hier die Karte.

Der direkte Weg wäre satte 10 von 30 km kürzer gewesen. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob mich da ein unbekannter Leser veräppeln wollte …

Nachvollziehbare Argumentation

Am Taxistand:

„Entschuldigen Sie, kommen wir für 13 € von hier zur X-Straße, Ecke Y-Straße?“

„Mal überlegen … ja. Auf jeden Fall! Das passt locker.“

„Oh, super. Ich hab noch 13 €, die können Sie gerne haben. Mehr halt nicht.“

Am Fahrtziel:

„Und dann … wären wir bei 9,80 €.“

„Vielen Dank. Aber ich hab gesagt, Sie kriegen meine 13 €, deswegen: bitte!“

Ein auf Ehrlichkeit basierendes Geschäftsverhältnis ist doch immer wieder schön. 😉

Nur ein Zehner …

„Was kost’s nach Hohenschönhausen?“

„Ich würde mal so 15 bis 25 € einplanen, je nachdem wohin.“

„Wir haben aber nur 10.“

„Das reicht nicht, sorry.“

„Liegt aber ganz am Anfang, Hauptstraße*.“

„Sind  in dem Fall trotzdem mindestens 15 €. Eher mehr.“

„Aber wir haben nur 10.“

„Dann habt Ihr jetzt echt ein Problem mit Eurer Ausgehstrategie.“

„Hä? Wieso?“

„Ich hätte Euch jetzt gerne den Weg mit der Straßenbahn erklärt, aber das kostet für 6 Leute 15,60 €**.“

Mal ehrlich: 6 Leute feiern einen ganzen Abend lang und wollen um 4.15 Uhr heimfahren. Von diesen 6 Leuten hätten – sofern sie überhaupt die Wahrheit gesagt haben – nur 2 je ein Bier oder vielleicht sogar nur einer einen Cocktail weniger trinken müssen, um die ganze Truppe im Taxi schnell heim zu befördern. Zu einem Preis, der dem Normalpreis der BVG zudem verdammt nahe war. Und weil es 6 Leute kollektiv zu doof ist, an sowas zu denken, sollen sowohl mein Chef als auch ich auf je ca. 3,50 € von den insgesamt wahrscheinlich 17 € Umsatz verzichten?

Ich hab nix gegen’s Feiern und noch nicht einmal was gegen Verplantheit. Solche Abende sind auch mal toll. Aber dass von 6 Leuten nicht einer noch einen Notfall-Zehner dabei hat – oder meinetwegen 8 € im Sparschwein zu Hause, Geld auf dem Konto, was weiß ich! – das ist doch schlicht Bullshit.

Ich bin – auch wenn einige das hier vielleicht anders wahrnehmen – auf der Straße gar nicht so schlecht darin, mal ein Auge zuzudrücken, wenn es dafür Gründe gibt. Aber ich verdiene leider wirklich zu wenig Geld, um nebenbei mal aus Jux und Dollerei jugendlichen Spaßvögeln ihre Sauferei zu finanzieren, bzw. ihnen durchgehen zu lassen, dass sie am Ende lieber irgendwem einen Drink bezahlen als mir meine Arbeit zu vergüten.

Der Fall jetzt war ja nur so mittelernst. Sie haben das bei mir und den zwei Kollegen am Stand schnell aufgegeben. Ich werte das auch wirklich nur als ein „Wir können ja mal versuchen, ob wir nicht auch’n Taxi kriegen …“
Aber genau deswegen habe ich auch so absolut kein schlechtes Gewissen, da nein gesagt zu haben.

*“Anfang“ ist gut. Da fährt man schon 3 Kilometer durch den Stadtteil …
** Natürlich ungeachtet von Monatskarten. Aber ich finde, in so einem Fall darf man das mal erwähnen.

Die Kotztütenfrage

Hier in den Kommentaren kommt das Thema nach jeder Geschichte mit reihernden Fahrgästen hoch, heute hat aber auch Udo Vetter in seinem nach wie vor immer lesenswerten law blog auf einen Fall aufmerksam gemacht, bei dem es um einen Taxifahrer – und Kotztüten – ging. Also schreibe ich mal was dazu.

Zunächst der Fall:

Vor Gericht war der Kollege aus Bamberg gelandet, weil er auf der Autobahn 64 km/h zu schnell war. Nix, was man sich als Fahrer so einfach erlauben sollte. Seine Begründung war nun, dass sein Fahrgast so betrunken war, dass er eventuell hätte kotzen können und er als Taxifahrer deswegen möglichst schnell ans Ziel kommen wollte.

Er ist damit in erster Instanz tatsächlich durchgekommen. Was mich schon verwundert, aber gut. Im nächsten Durchlauf am Oberlandesgericht dann wurde allerdings zurückgerudert und klargestellt, dass das Interesse an der Einhaltung der Verkehrsregeln höher zu bewerten ist als die Sorge um die Verschmutzungen eines Taxis. Zumal sich diese z.B. mit Kotztüten vermeiden ließen. Im Großen und Ganzen ein verständliches Urteil, zumal ich mir die Frage stelle, ob schnelles Fahren nicht auch zusätzlich eher ein Risiko in so einem Fall darstellt.

Nun grundsätzlich:

Ich hab nix gegen Kotztüten und sie werden ja auch in verschiedensten Situationen sinnvoll eingesetzt. Sie sind billig und je nach Ausführung platzsparend. Und zweimal hat eine Tüte – in diesen Fällen zwar keine dafür vorgesehene, aber wayne? – tatsächlich schlimmeres verhindert. Vielfach bringen sie aber gar nix.

Ich weiß nicht, wie Eure Erfahrungen mit Leuten sind, die vom Alkohol kotzen mussten (und das sind bei mir im Auto natürlich alle Fälle), aber meiner Einschätzung nach gibt es zwei nennenswerte Gruppen:

Die einen sind soweit in Ordnung und meist recht heiter drauf. Sie wissen, dass sie einen über den Durst getrunken haben und haben selbst Angst davor, Kotzen zu müssen und sagen das mitunter auch ganz offen.

Die zweite Gruppe unterteilt sich in die, die schon so hinüber sind, dass sie mit offenem Mund im Halbkoma vor sich hinsabbern – und in die, die bis ganz ganz zum Schluss der Meinung sind, sie halten das schon aus und keinen Bock haben, zwei Euro mehr fürs Taxi zu zahlen, wenn man anhält. Oder es ist ihnen peinlich vor ihren Freunden.

Die aus Gruppe eins sind problemlos. Die sagen Bescheid. Manchmal etwas sehr kurz vorher, aber ich fahre in solchen Situationen auch meist so, dass ich auf ein schnelles Anhalten vorbereitet bin. Das geht also auch schnell.

Gruppe zwei sind die, die ich die ganze Zeit im Auge behalten muss und die dann in der Regel bei stehendem Auto noch zu besoffen sind, die Tür zu öffnen oder aus dem Nichts und ohne Vorankündigung 10 Meter vor Ende der Fahrt einen dicken Strahl direkt auf die ungünstigste Stelle richten.

Und Gruppe eins beinhaltet die absolute Mehrheit der Leute, die Kotztüten noch benutzen können oder wollen. Und wenn ich dann noch miteinbeziehe, dass ich die Tüten irgendwo griffbereit haben muss … und ja: Ich! Nicht die Kunden. Denn ansonsten sind sie eh geklaut, bis der erste Kotzkandidat auftaucht.

Ich glaube, für jemanden, der all die Problemkandidaten einlädt, habe ich eine recht brauchbare Kotzerstatistik auch ohne Tüten – und sie wird immer besser. Direkte Ansprache des Themas, Ausräumung der Angst vor den Wartezeitkosten, gleichermaßen Angst machen vor den Kosten beim Kotzen ins Auto, umsichtiges Fahren … ist ja nicht so, dass man nicht viel machen kann. Wie gesagt: ich hab nix gegen Kotztüten und hab eine Zeit lang (bis sie eben geklaut waren) auch welche spazieren gefahren. Im auf sie zugeschnittenen Fall können sie prima sein. Aber ich glaube, dass sie ihrem Ruf, die Problematik der Kotzer einfach zu lösen, in der Praxis nicht gerecht werden. Die Menschen sind zu unterschiedlich als das ein so simples Hilfsmittel alle Probleme lösen könnte.

„Nicht eilig“

„Ach, ist ja schön, dass ich Sie hier treffe. Bringen Sie mich zum Hauptbahnhof?“

„Sicher. Haben Sie es denn eilig?“

„Nein, eigentlich nicht.“

„Das ist schön. Holen Sie also nur jemanden ab?“

„Nein, nein, mein Zug fährt um 0.41 Uhr.“

Zu diesem Zeitpunkt war es 0.34 Uhr und wir waren noch zwei Kilometer vom Bahnhof entfernt.

Ich hab also auf die schnellere Route gewechselt, bin so schnell gefahren, wie ich konnte und wir haben das mit der Bezahlung bereits 200 Meter vor dem Ziel erledigt, das wir mit Mühe und Not rechtzeitg erreicht haben. Aber ja: schön, dass es „eigentlich nicht eilig“ war. 😉