Letzte Tour in Reinform

Gut, eigentlich hatte ich vor Jahren schon mal eine „Feierabendtour wie aus dem Lehrbuch„. Die heute kann aber durchaus mithalten.

Ich war mehr oder weniger satt. Mir fehlte noch ein Zehner zum Wunschumsatz und ich hatte vor, in einer Dreiviertelstunde Feierabend zu machen, aber es war mir recht egal. Ich hatte mich nochmal an den Bahnhof gestellt, weil dort nur ein Taxi stand. Hätte ich gewusst, was für ein gruseliger Kollege darin saß, wäre ich geflüchtet. Aber gut, so hatte ich drei Minuten Smalltalk from Hell. Dann kam er endlich weg und ich kurz darauf.

Heute lag mein Abstellplatz ein bisschen weiter weg als sonst, denn da das neue Getriebe für die 72 erst spät geliefert wurde, hatte ich wieder mal einen Ersatzwagen. Die 2223, die ich beim letzten Getriebeschaden auch schon mal hatte. Dank der wirklich grotesken Fehlentwicklung des Navis werde ich sie wohl nie endgültig lieb gewinnen – aber für die meisten Fahrten braucht man ja sowieso keines. Die 2223 hab ich jedenfalls an der Firma holen müssen, bei der letzten Tour wäre es mir also recht gewesen, wäre es etwas in den Südosten gegangen.

Kam natürlich anders: Steglitz. Zumindest mal ein um 120° abweichender Kurs.

Eine Dreierbesatzung aus einem vollkommen abgefüllten Schluck(auf)specht auf dem Beifahrersitz, seiner stark genervten Freundin hinten rechts und einem Tiefschläfer hinten links. Aber hey – immerhin eine Tour, bei der ich übers Ziel hinausschießen würde!

Schlucki von nebenan versuchte die ganze Zeit das zu tun, was er am wenigsten konnte: reden. Das war soweit ganz lustig, zumindest für mich. Seine Freundin sah das etwas anders und verweigerte ihm auch den Wunsch „an jeder fucking McDonald’s-Filiale unterwegs“ anzuhalten. Schnell nach Hause, dann is‘ gut!
Da ich ihre Straße nur so vom Hörensagen aus Zeiten der Ortskundeprüfung im Kopf hatte, fragte ich sie nach einem Anhaltspunkt und bekam im Gegenzug eine ausführliche Routenbeschreibung, die die beiden Kunden-Echtheitssiegel „so würde ich fahren“ und „3 km Umweg“ trug. Ich nehme geschenktes Geld zwar gerne an, hab dann aber doch abgekürzt und ein ehrliches Danke dafür erhalten. Ist ja auch mal was! 🙂

An diesem Punkt meldete das Murmeltier hinter mir, dass es mal eben eine kurze Pause wünschen würde.

„Wieso? Ist Dir schlecht?“

„Ja.“

Dieses Mal war es glücklicherweise kein Problem, dass der Kotzkandidat (wie gefühlt immer) an der Türe mit der Kindersicherung saß. Alle verließen in geordneter Formation ruhig das Taxi. Auch ich, denn ich ging gleich an die Heckklappe, um dem Auswurfaspiranten ein wenig Küchenrolle zum Abwischen zu reichen. Dass ich noch Bonbons gegen den Geschmack dabeihätte, ließ ich ihn auch wissen und setzte mich wieder ins Auto. Sollten die Jungs ruhig alleine durch Hicksen und Kotzen die Schöneberger Nacht bereichern.

Die sie begleitende Dame saß inzwischen hinter mir und staunte:

„Wow, Sie sind gut ausgerüstet!“

„Naja, eigentlich hab ich das Papier ja, um das Auto sauberzuhalten.“

Da es sonst nichts zu tun gab, erzählte sie mir auch, weswegen sie eigentlich so sauer war. Nicht wegen dem Schluckauf – um Gottes Willen! Nein, die beiden hätten sie angerufen, woraufhin sie bereit zum feiern für 30 € mit dem Taxi angereist war. Schon das Treffen war schwierig, weil die beiden ihre Handys nicht bedienen konnten und am Ende waren die Jungs schon voll wie zwei Eimer als die Freundin ankam. Keine Chance mehr, feiern zu gehen. Als ob das nicht reicht, ist der Schlaf-und-Kotz-Kumpel wohl auch noch für anderthalb Stunden unaufweckbar weggetreten, die sie stoisch ertragen hat, bis sie alle dann – mit mir – den Heimweg antraten. Eine Stunde nervige Hinfahrt, anderthalb Stunden den Kumpel wachklopfen und jetzt auf dem Rückweg auch noch ein Stopp zum Reihern. Ich konnte ihre Stimmung irgendwie nachvollziehen. Arg viel sinnloser kann man seine Zeit ja kaum verschwenden.

Mich hat das an diese Jungs hier erinnert.

Im weiteren Verlauf war die Tour an sich problemlos, nur wird sich ein Mensch aus Steglitz morgen wohl von seiner Freundin anhören dürfen, weswegen sie auf ihn sauer ist. Bis dahin wird es ihm selbstverständlich wie all meinen Fahrgästen, die ich unter widrigen Umständen nach Hause verfrachtet habe, gut gehen. Die letzten Worte, die ich von ihm vernahm, waren:

„Und jetzt, Schatz, jetzt mache ich mir alle Fischstäbchen, die wir noch zu Hause haben!“

Wen es stört

Ich bin gerne mal Spielverderber. Also gerne, nun ja, das vielleicht nicht – aber zu manchen Themen reisse ich gerne mal’s Maul auf und nerve damit offenbar einige. Und das, sieh an, scheint nicht so sinnlos zu sein. Wer mich seit mehr als einer Woche kennt, weiß, dass ich mit Ausländerfeindlichkeit oder gar Rassismus auf Kriegsfuß stehe. Das ist glücklicherweise inzwischen konsensfähig. Aber wenn ich dann doch mal wieder bei „harmlosen kleinen Scherzen“ sage, dass sie nicht lustig sind, stehe ich schnell wieder als spießiger Deutscher da, der sich über Dinge aufregt, die ja sonst niemanden stören. Oder so ähnlich.

Nun hatte ich neulich einen Fahrgast. Einen geradezu klassischen: vom Berghain ging’s nach Schöneberg. Er war kein Deutscher, versuchte sich aber tapfer an der Sprache. Und auf Realschulniveau war er dabei durchaus schon. Über die Frage woher er so gut Deutsch könne, kamen wir ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er Pole war. Und ja, nicht das erste Mal in Berlin. Zwar nicht so oft, wie er gerne würde, aber zumindest einmal im Jahr blieben ihm ein paar Tage zum Feiern und zum Urlaubmachen in dieser Stadt. Wie selbst die meisten Eintagstouristen lobte er die Stimmung und die Freiheit hier und bedauerte wie eingangs erwähnt nicht öfter hier zu sein.

Ein eigentlich harmloses Gespräch über nix und wieder nix. Schon gar nicht politisch.

Sollte man meinen.

Dann aber – durchaus auch zu meiner Überraschung – sagte er mir, wie sehr er sich über den Wandel Berlins freue. Ich war angemessen irritiert, schließlich hat unsere Hauptstadt genügend Probleme. Aber er fügte an:

„Weißt Du, als ich das erste Mal hier war – vor 7 Jahren oder so – da hat, wenn ich gesagt hab, dass ich aus Polen komme, wirklich jeder diesen blöden Witz gebracht: ‚Komm nach Polen, dein Auto ist schon da!‘. Heute interessiert das keinen mehr und das macht es mir echt leichter, hier zu feiern.“

Und mal ehrlich: das kann man sich schon vorstellen, oder? Aber viele drehen das ja auch noch gegen einen und schimpfen im Gegenzug auf „die anderen“, die das „ja auch machen“. Doch auch da muss ich nach der Fahrt sagen: das ist keine Einbahnstraße:

„Ich mein, ja, viele Polen haben immer noch was gegen Deutsche. Hab ich nie verstanden und regt mich auch auf. Immer wenn mir irgendein Freund was über ‚Scheiß-Deutsche‘ erzählt, dann werde ich wütend und sage ihm, wie toll es hier ist und wie nett die Deutschen zu mir sind. Seitdem sind auch zwei Freunde von mir öfter mal hier und finden’s voll toll.“

Während der 20 Minuten Fahrt sind wir noch wesentlich weiter gekommen. Aufarbeitung des Holocaust, Europäische Union etc. pp. Da sage noch einmal wer, dass es im Taxi immer bei Smalltalk bleiben muss!

Leider werden auch nach dieser Geschichte nicht alle meiner Meinung sein bei dem Thema. Aber ich frage mich ernsthaft, wie man die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft besser greifbar machen kann als durch ein fast schon freundschaftliches Gespräch zwischen zwei Menschen, deren Großeltern sich noch gegenseitig bekriegt haben. Und dennoch sind es selbst die kleinen „harmlosen Witze“, die „man ja schon immer gemacht hat“, die das ausbremsen. Und deswegen bin ich gerne Spielverderber. Nicht, weil ich keinen Spaß verstehe, sondern weil ich Spaß auch gerne mit Menschen anderer Herkunft habe!

Und nur so nebenbei: fast 4 € Trinkgeld.

Herr Taxifahrer

Meine bessere Hälfte fand es zumindest zu Beginn meiner Tätigkeit ziemlich lustig, dass Kunden mich oft mit „Herr Taxifahrer“ ansprechen. Was ein wenig verständlich ist, denn für jemanden, den man kennt, ist das schon eine komische Bezeichnung. Für die Kunden ist es, so lange sie meinen Namen nicht kennen, natürlich naheliegend. Selbst ich aber musste grinsen, als eine Kundin neulich das Gespräch wie folgt anfing:

„Sie, Herr Taxifahrer? Äh, … wäre es ok, wenn ich ‚Du, Herr Taxifahrer‘ sagen würde?“

Da wird’s dann wirklich absurd. 🙂

Never

„Could you bring us to the Berghain?“

Nicht wirklich das, was man sich als am Ostbahnhof wartender Taxifahrer verspricht. Aber mal ganz abgesehen von Beförderungspflicht und so sahen die beiden auch etwas verwirrt aus. Jetzt nicht die drogeninduzierte Verwirrtheit, die man von manchen Clubbesuchern kennt, sondern fast schon Verzweiflung.

„We, we know that it’s not far, must be somewhere here, but on our maps the street doesn’t exist …“

Und sie wedelten mit einem Stadtplan, der langsam Benutzungsspuren aufwies wie meiner beim Lernen auf die Ortskundeprüfung damals. Nachdem sie versichert hatten, dass sie es nicht nochmal mit Laufen versuchen wollten, bin ich kurz rüber gefahren. Ob sie das erste Mal in Berlin seien, wollte ich wissen.

„Oh, no! I’ve been here eight times. And for him it’s the sixth time! But not to the Berghain yet.“

Da es zum Berghain ja kaum länger dauert als diese Sätze ausgesprochen werden, rollten wir ran und die Schlange war für einen Sonntag beeindruckend. Ich hätte auch nicht gedacht, dass so viel los wäre dort.

„Oh my god!“

Die beiden baten mich zu warten und kamen überein:

„No. We and the Berghain – that will never happen, I guess.“

Also einmal im Kreis und dann runter zum Watergate. Immer noch keine sonderlich lange Tour, aber mit am Ende 8,60 € immerhin eine der längsten vom Ostbahnhof zum Watergate. Mit Trinkgeld ein Zehner. Und wieder ein Grund mehr, keine kurzen Touren abzulehnen …

Ich als Taxiblogger

Habe ich schon mal gesagt, dass ich das Internet liebe?

Ja, natürlich. Aber ich bin ja auch in einer komischen Situation: ausgerechnet, dass ich das Schreiben als Hobby (genau genommen als freiberufliche Nebentätigkeit) habe, sorgt für Kundschaft in meinem Hauptjob. Und das auf oft so kuriosen Umwegen …

Als ich neulich in Friedrichshain umherfuhr, eigentlich in der Hoffnung auf eine Kippenpause nach mehreren Winkern, klingelte mein Telefon. Die meisten Menschen finden das vielleicht normal, bei mir ist das nicht so. Ich bin ein ausgesprochener Telefonmuffel und schätze, dass ich nur ungefähr 10 bis 15 Anrufe im Monat bekomme. Wenn nicht weniger.
Und nun auch noch eine unbekannte Nummer. „Na gut, das schreit geradezu nach Lesertour!“, dachte ich mir und ging mal ran, nachdem ich rechts rangefahren war. Eine Frauenstimme verkündete, Mischa hätte ihr gesagt, sie solle doch mal mich anrufen. Aha.

Nein, im Ernst: der Name hat mir was gesagt. Obwohl die einzige Fahrt mit ihm an Bord 2011 stattfand (die Fahrt mit der „Diskutierband“ Rubicon), gab es seitdem ein oder zwei Anfragen von ihm, der Inbegriff der entferntesten Bekanntschaft. Aber dennoch hatte er an mich gedacht. Sehr nett, danke!

Wie der Zufall so wollte, war es eine Fahrt von Kreuzberg aus, nicht allzu weit weg. Eine ganze Stange junger Frauen, ein Großraumauftrag unproblematischster Art mit netten Gesprächen und – wie ich hoffe – Zufriedenheit auf allen Seiten. Ein Zwischenstopp, ansonsten kürzeste Route, und am Ende einmal Händeschütteln mit dem Initiator der Fahrt, der meinen Tracker genutzt hatte, um zu sehen, wann ich die Mädels aufpicke. So gut passt es leider nur selten zwischen Lesern und mir, meistens bin ich ja außer Dienst oder wenigstens am anderen Ende der Stadt bei solchen Anfragen.

Dank meiner Gesichtsblindheit hätte ich Mischa mit ungewohnt kurzen Haaren sicher auf der Straße nicht erkannt, aber das ist bei so einer Fahrt ja glücklicherweise egal. 🙂

Am Ende stand folgende Frage:

„Ich hoffe, Du hast anständig Trinkgeld gegeben?“

Ich sprang ein:

„Ja, hat sie!“

Und sie wiederum war sich unsicher:

„Jetzt, so gesagt, also eigentlich glaube ich, dass ich das nicht getan habe …“

Ach herrje! Ja, zugegeben: das Trinkgeld lag unter meinem Durchschnitt. Aber es war ok, ausreichend, gut, in Ordnung, alles bestens. Ehrlich!
Für mich als Taxiblogger ist das Trinkgeld manchmal auch einfach nur eine Fahrt, bei der ich weiß, dass sie super wird und mir nicht wegen diesem oder jenem Sorgen machen muss, weil ich die Leute nicht einschätzen kann. Und das ist bisweilen mehr wert als ein Euro extra, wirklich! 🙂

Dieses „Normal“

„Wie ist das denn so normal?“

„Normal stell‘ ich mir das ganz locker vor.“

„Ist das normal für Sie?“

Normalität ist etwas seltsames, wenn man sie im Taxi zu ergründen sucht. Insbesondere in einer Berliner Nachtschicht. Natürlich ist Taxifahren in vielen Belangen ein normaler Job. In manchen Dingen ist die Normalität da halt etwas stapazierbarer als jetzt vielleicht die eines Fließbandarbeiters.

Und die Frage wird immer wieder gestellt. Angefangen von den Leuten, die gerade irgend was „total verrücktes“ machen und selbstverständlich absolut NICHT normal sein wollen; bis hin zu jenen, die sich versichern wollen, dass ihre Tour jetzt aber hoffentlich nicht zu sehr aus dem Raster fällt. Ob das jetzt die Länge der Fahrt, die Uhrzeit, die Themen der Gespräche oder das Fahrtziel angeht – überall die Angst oder Hoffnung, normal zu sein.
Aber auch im Gewerbe, beim Bloggen – selbst jetzt bei der unseligen Uber-Diskussion – überall wird erzählt, wie was jetzt „normalerweise“ ist. Und keine Frage: ich verwende den Begriff auch oft. Ist ja normal. 😉

Meistens ist das ja egal, weil es nur ein dahergesagtes Wort für häufig ist. Traurig finde ich halt, wenn sich eine Rentnerin fürchtet, mir die Schicht zu verderben, weil ich sie vom Ostbahnhof mit einem Stapel Gepäck bis nach Mahlsdorf bringen muss. Das passiert zwar viel zu selten, ist aber abgesehen vom überdurchschnittlichen Verdienst eine ganz normale Fahrt für mich. Ebenso wie um 5 Uhr morgens zwei verknallte Kerle vom Berghain zu Tom’s Bar zu fahren eine ganz normale Fahrt ist. Die Auslöser für diesen Eintrag waren zwei Jungs, Anfang dreißig, hackedicht aber lieb. Wegen eines Junggesellenabschieds in Berlin und auf dem Weg in ihr Hotel. Für mich völlig normal, hätte ich den beiden aber nicht sagen dürfen. Für sie war es nämlich der geilste Abend der letzten Jahre.

Trinkgeld ist von 0,00 bis vielleicht 5,00 € völlig normal. Was aber – und da kommen wir der Sache näher – nicht heißt, dass es deswegen uneingeschränkt selbstverständlich ist. Oder für mich kein Grund, mich zu freuen.

Ich glaube, im Dienstleistungsbereich geht die Spanne des „Normalen“ im Vergleich zu vielen anderen Jobs bis weit vom Durchschnittswert weg. Weil Dienstleister eben auf sehr unterschiedliche Kundschaft stoßen und zumindest im Taxi beispielsweise auch unsere Arbeitsweise stark ändern können. Mag die Durchschnittsfahrt im Gewerbe 12 € bringen, wird ein Flughafenfahrer noch Touren für 40 € völlig normal finden, während mein Tagfahrer vielleicht nicht mehr ganz so normal findet, was sich betrunkene Mädels auf dem Heimweg über ihre Freunde erzählen. Ich selbst bekomme schon Probleme, wenn Kunden mich fragen, wie lange ich normal arbeite.

Ich habe einen Facebooktroll, der mich seit Monaten fragt, wie viel man „normal“ im Taxi verdient, wann man „normal“ arbeitet, was einem „normal“ erlaubt ist und nebenbei natürlich, warum ich ihm darauf nach dreimaligem Klarstellen, warum das schwierig ist, nicht mehr antworte.

Deswegen sind die meisten Jobblogs meiner Meinung nach Dienstleistungsblogs. Weil unser „Normal“ manchmal weit in den „Skurril-Bereich“ der Leser reinragt.

Das Ganze hat aber eine weitere Dimension. Nämlich die, dass es genau das ist, was uns Dienstleistern den Job so schwer macht und unsere eigentliche Qualifikation sein sollte: dass wir Dinge irgendwie „normal“ handhaben können, obwohl viele Menschen da draußen das nicht finden. Ich weiß – und bin stolz drauf – dass mich als Dienstleister auszeichnet, dass ich mit betrunkenen Jugendlichen, knausrigen Oberlehrern, wehleidigen Rentnern und streitenden Pärchen umgehen kann. Ohne immer nur das Schlechte zu sehen, ohne die Leute für Dinge verantwortlich zu machen, für die sie nichts können. Und letzten Endes auch ohne daran selbst kaputtzugehen.

Auch das ist ein Grund – und der Hinweis muss immer und immer wieder sein – warum ich mich hier so in diesen an sich lächerlichen Kampf mit Uber stürze, obwohl ich selbst immer öfter lachen muss, wenn ich den Namen höre. Im Taxi- und Mietwagen-, aber auch in jedem anderen Dienstleistungsgewerbe hat man zu kämpfen. Damit, dass nicht alles normal und geregelt ist. Diese Firma – oder zumindest ihr Diplomatiegenie an der Spitze – stuft, was ich und viele Kollegen machen, als überflüssig ein. Weil das ja auch ohne Regeln hobbymäßig für noch weniger Geld erledigt werden könnte. Wie immer an den meist schwammigen und anzweifelbaren Aussagen aus dem Hause Uber ist auch daran zumindest mal so viel richtig, dass man es schlecht als komplett falsch verwerfen kann. Abends an seiner Lieblingsbar die Stammkunden einsacken und heimfahren kann jeder. Seinen Lebensunterhalt mit dem Heimbringen derer zu bestreiten, die in Läden rumliegen, die aus Gründen niemandes Stammkneipen sind, kann halt nicht jeder. Genauso wie beispielsweise nicht jeder in der Lage ist, mir meine Wut über einen unnötigen Internetausfall durch Pfusch an der Hotline zu nehmen und das Problem sachlich und schnell zu lösen.

Normal in der Personenbeförderung jeder Art ist es, auch mal auf Fahrten warten zu müssen. Oder unliebsame, weil schwierige Fahrten für wenig Geld zu machen. Nicht nur, dass niemand einem die nervigen Kunden ewig vom Hals halten kann. Nein, am Ende brauchen wir die auch noch, um unser Geld zusammenzukriegen. Die Belohnung sind dann Fahrten wie diese:

Winker am Mariannenplatz (halbwegs normal). Sechs Leute, die zufällig ein Großraumtaxi angetroffen haben (schon eher glücklich). Meine dritte Winkertour in Folge (Wahnsinn!).
Die Größe der Passagiere passte perfekt zu den komplizierten Platzverhältnissen (sehr selten!) und nach etwas Eisbrechen gelang uns eine flüssige Konversation (normal) in englisch (ebenso normal).
Die Familie kam aus Israel (normal), war allerdings hier, weil die Mutter in der letzten Sitzreihe hier in Berlin geboren war (in der Kombination eher selten) und sie nun mal auf den Spuren der Vergangenheit wandeln und entfernte Verwandte besuchen wollten. Die eine Hälfte der Leute war still (normal), der Vater war nach allen vorbereitenden Gesprächen ein geradezu anstrengender Berlin-Enthusiast, der bei jedem Haus wissen wollte, was da drin ist und dauernd schwer zu beantwortende Fragen stellte wie „Wo kann man hier abends noch weggehen?“ (grenzwertig normal). Am Ende kamen wir auf gute 15,80 € Umsatz (normal), alle waren bester Laune (normal), aber die Mutter gab mir keinen Cent Trinkgeld (bei so einer Tour eher selten). Während mich der Vater beim Zusammenklappen der Zusatz-Sitze weiter mit Fragen löcherte (nicht mehr wirklich normal), kam einer der Söhne an und steckte mir die 4,20 € Wechselgeld zu, bei der die Mutter sich offenbar nicht getraut hatte, sie mir zu geben (normal. Quatsch, war so unerwartet natürlich extrem geil!).

Was lernen wir daraus? Nur weil das Wort „normal“ gefühlte hundert Mal in einem Blogeintrag vorkommt, muss der noch lange nicht normal sein. 😉

…

Wenn ich etwas wirklich gut unter Kontrolle hab, dann ist es meine Cholerik. Die hab ich so gut im Griff, dass die meisten Menschen, die ich kenne, abstreiten würden, dass ich Choleriker bin. Das natürlich nicht grundlos. Ich bin groß und stark und wenn ich ausraste, dann wird’s halt schnell teuer. Einer meiner ehemaligen Schulkameraden hat wohl noch heute eine Bleistiftspitze von mir im Bein stecken – und als das geschah, war ich in der dritten Klasse …

Wie gesagt: sowas passiert mir heute nicht mehr. Ich muss mich da auch nicht mehr groß zusammenreißen, ich nehme einfach viel mehr Dinge hin seitdem. Inzwischen kann man mich gefahrlos im Mensch-ärgere-dich-nicht besiegen und es schert mich nicht. Und im Job erst! Leute, die mich schneiden? Pffft … Leute, die ins Auto kotzen? Ja mei, wenn sie wenigstens nett waren …

Aber heute Nacht war ich kurz davor, einfach spontan einem Fahrgast von hinten den Schädel zu spalten. Notfalls mit meinem Haustürschlüssel.

Ich hab’s nicht gemacht, denn zum einen brauche ich meinen Schlüssel noch, zum anderen schien’s mir ein schlechtes Bild abzugeben für einen kundenfreundlichen Taxifahrer. Und wie gesagt: ich halte Lynchjustitz inzwischen als Reaktion auf manche Kleinigkeiten nicht mehr für die richtige Wahl.

Dass die Fahrt nicht die leichteste an diesem Abend werden sollte, war schnell klar. Vier verstrahlte Jugendliche mit McDonald’s-Tüten in den Händen, alle angetrunken. Aber ich will nicht unfair sein. Zwei von denen schienen schwer in Ordnung zu sein, keiner hat auch nur nach einem Preis gefragt, auch schon mal was. Die Ermittlung der Zieladresse erfolgte erst unterwegs, aber sie war davor hinreichend genau. Eine Tour nach Charlottenburg, vom Ostbahnhof aus immerhin ein Zwanni Umsatz.

Nun isses halt manchmal anstrengend. Dorf-Jugendliche aus Niedersachsen, die beim Wort Puff kichern müssen, aber voll ganz im Ernst nachher in einen gehen werden. Oder zumindest mal bis zum Schaufenster, in dem Alter reicht das ja schon, um sich die Hosen nass zu machen.

Auch wenn einer inzwischen krähte, dass er bloß 15 € bezahlen wollte, war das harmlos. Das selbe hatte er nämlich bei 5 € auf der Uhr auch über einen Zehner gesagt. Und tat es folglich bei 15 € wieder und wollte nun höchstens einen Zwanni bezahlen. Drauf geschissen. Dann fragte mich der eher schweigsame Typ auf dem Beifahrersitz, ob er vielleicht einen Happen essen könne. Obwohl einer von hinten gleich schrie:

„Nee, Du Depp! Nicht im Taxi! Vollpfosten!“,

hab ich einen auf „korrekter Typ“ gemacht, der ich laut Aussage des jungen Mannes hinter mir war (der, der immer nur 5 € mehr als bisher zahlen wollte):

„Eigentlich kein Problem. BigMäc wäre scheiße, soll ja sauber bleiben. Aber …“

„Cheeseburger?“

„Na klar, kein Thema.“

„Aber Alter, Dir is‘ schon klar, dass ich keine Gurken mag. Die nehm‘ ich runter und kleb‘ sie dir unter’n Sitz …“

Wieder der Kerl hinter mir. Die meiste Zeit lachten wir dann aber wieder, wie er versuchte, seiner Freundin im Hotel die Adresse zu entlocken, zu der sie jetzt fahren müssten. Um ganz ehrlich zu sein: die Jungs hatten mehr Humor als ich erwartet hatte und im Grunde verlief die Fahrt eigentlich vergleichsweise nett. Wobei anzumerken sei, dass mir bewusst war, dass nur arg ambitionierte Gesellen es schaffen können, nach 20 Minuten aus dem Matrix zu fliegen – was ihnen angeblich zuvor gelungen war. Nach kurzer Diskussion hielten dann wir mittig zwischen Hotel und Puff und ich bekam die 19,60 € Fahrtpreis großzügig mit einem Zwanziger bezahlt. Naja, immerhin. Und während die Jungs dann in Richtung Hotel (!) verschwanden, fand ich … tatsächlich eine Gurkenscheibe am Sitz hinter mir.

Kein großes Ding. Ich hatte gerade ein Tuch zum Abwischen in der Hand und das war eine Arbeit von vielleicht zweieinhalb Sekunden. Wahrlich ein Abgrund, in den ich sehenden Auges renne, wenn ich das Essen im Auto erlaube. Ähnliches hatte ich hier und da schon ohne es im Blog zu erwähnen. Nicht oft, aber  sicher schon zwei- oder dreimal.

Nein, was mich wirklich kochen lassen hat, war natürlich die Dreistigkeit. Denn ich denke, wir sind uns einig, dass purer Zufall eine mäßig glaubwürdige Option ist, wenn jemand androht, eine Gurkenscheibe an den Sitz zu pappen und am Ende eine Gurkenscheibe am Sitz pappt.

Ich schreibe im Internet. Ich bin durchaus gewöhnt daran, dass Leute mich für einen Idioten halten. Das passiert. Wahrscheinlich haben das jetzt einige Kollegen gelesen, die mich für blöd und unerfahren halten, weil ich die Jungs habe essen lassen. Andere vielleicht sogar, weil ich sie mitgenommen habe. Oder überhaupt am Ostbahnhof gestanden bin. Sei es drum, ich halte ja auch nicht alle Menschen da draußen für Reinkarnationen Einsteins.

Aber so ein Vollhonk, der sich was darauf einbildet, absichtlich meine Arbeit zu behindern, indem er an einer Stelle, an der ich ihn weder überwachen kann noch will, mein Auto zu verschmutzen – und sich für diese dümmlich-destruktive Meisterleistung vermutlich auf sich selbst einen runterholt – der hat schon außerordentliches Glück, dass ich ein paar Jahre Erfahrung damit habe, meinen Ruhepuls nicht für Gurkenscheiben zu überschreiten.

Entsprechend hab ich mich beherrscht. Und mir hilft der Gedanke, dass der Kerl in den nun folgenden 3 Tagen in Berlin eventuell an streitsüchtige Kollegen oder gewinnorientierte Prostituierte gerät. Oder dass ihn wahlweise der Blitz beim Scheißen trifft, den ich umgehend für ihn geordert habe.