„Nicht so clever“

„Und? Länger weg gewesen?“

„4 Wochen Nordsee. Bohrinsel.“

„Oha, war sicher hart.“

„7 Tage, 12 Stunden.“

„Na dann Glückwunsch zur Freizeit jetzt! Hoffe, es hat sich wenigstens gelohnt.“

„Sonst würd‘ ich’s nicht machen. Weißte, ich bin halt nicht so clever. Ich hab keine andere Wahl. Ich muss halt so ’nen Scheißjob machen, um mein Geld heimzuholen. Andere sind schlauer, die verdienen die Kohle dann halt von Zuhause aus, ich muss eben raus. Aber so ist das: jeder so wie er kann …“

Er war nicht einmal sonderlich sympathisch. Und ich halte auch nicht viel vom Arbeiterklassenethos. Aber ich hab zu schätzen gewusst, dass da da einer die Größe hatte um zuzugeben, dass er nicht die Geisteskraft hat, am Schreibtisch produktiv zu sein. Das macht ihn in meinen Augen besser als viele, die sich von oben herab für schlauer halten als der Rest, obwohl sie eigentlich nur Glück hatten.

Seine zwei Wochen Freizeit, die er (inzwischen vor ein paar Tagen) angetreten hat, will er hauptsächlich mit seiner Freundin im Bett verbringen. Was ich bei so langen Außeneinsätzen nachvollziehbar finde. 🙂

Wir sollten nicht vergessen, dass es auch diese Leute sind, die unseren Wohlstand hierzulande mitgestalten, ganz ehrlich.

Meinen übrigens auch: Er hat über 20% Trinkgeld gegeben.

Die Höflichen

Zwischen all den schrägen Figuren und den durch die Berliner Schnauze so „authentischen“ Einheimischen vergisst man sie als Kundschaft fast: die ganz leisen und höflichen Gesellen. Und zu dieser Sorte gehörte der junge Mann ganz offensichtlich, der mich am Ostbahnhof an der dritten Rücke ansprach. Ob ich ihn zur Singerstraße bringen könnte, fragte er in gebrochenem Deutsch, ebenso wie viel es kosten würde. Ich fragte zurück, wohin in der Singerstraße genau – und als er, offensichtlich vorbereitet, sagte, dass es in der Nähe der Lichtenberger Straße sei, konnte ich schon einmal ziemlich gut eingrenzen, um was für eine Fahrt es gehen würde:

„Das sind zwischen 5 und 6 €.“

„OK, vielen Dank. Und wäre das in Ordnung, wenn ich … würden Sie mich fahren?“

Sicher nicht die lukrativste Tour des Abends, aber natürlich hab ich angenommen. Der Kerl war noch keine 20 Jahre alt und trotz der ziemlich guten Sprache vermutlich das erste Mal in Deutschland. Gut vorbereitet, dem Internet sei Dank – aber eben nur so weit, wie Google Maps einen bringt. Im Reallife sah das für ihn offensichtlich alles nochmal schwieriger aus. Er nutzte die zwei Minuten, mich alles über den Taxitarif in Berlin zu fragen und als wir nahe des Ziels waren, sah er sich angestrengt um.

„Ist da etwa was, was ich kennen könnte? Ein Hostel oder so …“,

fragte ich nicht ohne Hintergedanken.

„Oh ja, eine Hostel, der, die Nummer 109.“

„Ich weiß, wo das ist. Hir im Hinterhof. Nochmal rechts, dann links …“

Und da standen wir dann, er mit dem Rucksack in der Hand und sichtbar stolz, dass sein Deutsch für eine gute Taxifahrt gereicht hatte. Die Uhr habe ich bei 5,60 € auf dem Display gestoppt, da stellte er dann die Frage, die sich viele nicht zu stellen trauen: ob man denn im Taxi Trinkgeld geben würde. Ich hab’s bei der Wahrheit belassen: dass es üblich ist und man sich gerne an 10% orientieren kann, es aber freiwillig ist. Natürlich hätte ich auch 20% nennen können, oder darauf hinweisen, dass viele bei so kurzen Strecken deutlich mehr geben etc. pp. Selbst Taxifahren ist ja nicht nur der Kampf um die letzten paar Cent, die man aus einem anständigen Neukunden noch rausholen kann.

Er hat dann halbwegs eloquent auf 6 € aufgerundet und sich weiterhin höflich verabschiedet und sich für die Fahrt bedankt. Ein zufriedener Kunde, ein guter erster Eindruck, ich hoffe, dass sich sowas auszahlt. Mehr Geld hab ich zweifelsohne mit den besoffenen Engländern 4 Stunden später gemacht, die mir nach 120 ins Ohr gelallten Fucks ihre 11,20 € auf 15,00 € aufgerundet haben – aber man kann sich insgeheim ja auch mal über die anderen Fahrten freuen, auch wenn man noch so hart im Nehmen ist.

Mission Kundenberuhigung

Ich war ja zu Beginn mehr als nur froh. Ein Winker auf dem Weg in die Stadt! Insbesondere, da ich das Auto zu Hause gehabt hatte und die Leerkilometer am Anfang den Schnitt gerne drücken bei meiner Wohnlage am Stadtrand.

Aber was für ein Schichtanfang!

Der Fahrgast war ein hagerer Typ in meinem Alter und hatte optische Anleihen eines Inders. Und er war sauer. Stinksauer.

Natürlich nicht meinetwegen, sondern wegen eines Kollegen.

„DIESES ARSCHLOCH VON TAXIFAHRER!“

„Oh, was ist los?“

„DER WOLLTE MICH ABZOCKEN!“

Ich schreibe ungerne in Großbuchstaben, deswegen mal mit meinen Worten: Der Fahrgast wollte zur Warschauer Brücke, bzw. in ein angrenzendes Gebäude. Er hatte es eilig. Ziemlich. Er musste zur Arbeit, pünktlich, und hat deswegen ein Taxi gerufen. An sich prima, denn genau dafür sind wir da. War der Kollege wohl auch. Nur hat er dann einen, nun ja, fragwürdigen Weg eingeworfen.

Ich hab mal eine Karte erstellt. Das ist nicht der genaue Routenverlauf, aber die Karte zeigt in grün den Startpunkt, in rot das Ziel und in gelb die Position, an der ich den Fahrgast aufgegabelt habe, nachdem er offenbar das andere Taxi zum Anhalten gezwungen hatte und ausgestiegen war.

Nun kann man dem Fahrgast sicher ein hitziges Gemüt unterstellen, allerdings ist wirklich nicht ersichtlich, wie er an besagten Punkt der Karte gelangt sein könnte, wenn nicht durch viel Absicht. Ich kenne natürlich nur die Version des Kunden, die muss nicht unbedingt wahr sein, das ist mir bewusst. Aber er hat den Kollegen offenbar darauf hingewiesen, dass er in die falsche Richtung fahren würde und als Antwort bekommen, das sei der kürzeste Weg.

„ABER WOHIN?“

will der Fahrgast gefragt haben:

„WOHIN IST DAS DER KÜRZESTE WEG?“

Da musste ich dann sogar etwas schmunzeln. Die Frage wäre mir so pointiert bei der Geschichte nicht in den Sinn gekommen. 🙂

Ich hab übrhaupt gute Miene zum bösen Spiel gemacht und ihn sich ein bisschen aufregen lassen. War ja nicht gegen mich gerichtet. Und das hat er auch klargestellt und uns Taxifahrern allgemein ein gutes Zeugnis ausgestellt. Er schien sich tatsächlich eher aufzuregen, weil ihm sowas noch nie passiert war und ihn die Dreistigkeit des „Kollegen“ völlig überrascht hatte.

„Der hat mich vielleicht für ’nen Touri gehalten, keine Ahnung, was mit dem abging!“

Sollte seine Schilderung der Wahrheit entsprechen, dann ist der weitere Verlauf jedenfalls passend: der Fahrer hat kein Geld gekriegt, die Zentrale ist bereits informiert und der Anruf beim LABO inzwischen vermutlich auch.

Der Fahrgast kam am Ende drei Minuten zu spät, trotzdem hab zumindest ich noch ein dickes Trinkgeld bekommen. Und mit meinem offenen Ohr hoffentlich diesen Kunden für uns ehrliche Kollegen gerettet. Hoffe ich zumindest …

Trinkgeld-Abzüge

„… also hatten Sie einen entspannten Urlaub.“

fasste ich den Monolog des Mannes zusammen. Was dann kam, war eher unerwartet:

„Jetzt kiek Dir den an. Hat der mich einfach jesiezt! Wenn de das nochmal machst, jibt’s keen Trinkgeld, mein Lieba!“

An was für Regeln man sich als Dienstleister nicht alles halten muss …

Am Ende gab es trotz weiteren Fehlers noch Trinkgeld. Nicht viel, aber das war ja ganz offensichtlich meine Schuld. 😉

Naja. Sowas kann schon nerven, aber am Ende geht es zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus. Und der Kerl im Speziellen war sowieso mehr so die Marke künstlich-lustig und hat einen auf Verbrüderung machen wollen, anstatt ernsthaft zu nerven.

PS:

Der neulich angesprochene Fehler, dass man beim Kommentieren eine Timeout-Meldung bekommt, müsste inzwischen behoben sein. Falls es bei irgendwem immer noch Probleme gibt, würde ich mich über einen Hinweis freuen – bis dahin gehe ich aber einfach mal davon aus, dass die nächtliche Notoperation erfolgreich war.

„Diese Straße … 47!“

Es gibt so Fahrten, die einen ganz eigenen Typus begründen. Derer gibt es fraglich viele verschiedene. Und sicher hat jeder Fahrer so seine eigenen Schubladen, in die er die Fahrten ggf. steckt. Ich hab da beispielsweise die „Rentner vom Bahnhof in einen Außenbezirk“-Fahrten als eigene Kategorie. Die sind überwiegend stressfrei und nicht selten ertragreich beim Trinkgeld. Zusätzlich gibt’s oft interessante Infos aus der Berliner Geschichte.
Oder die „Berghain zu einer Schwulenbar nach Schöneberg“-Touren: ebenso stressfrei, meist sogar langweilig, dafür viel Englisch.

Worauf ich jetzt eigentlich raus will, sind die fast schon hobbymäßigen „Null Aufwand und damit gutes Geld“-Fahrten. Schätze, diese Sortierung nehmen andere Kollegen auch gelegentlich vor. Das sind die Fahrten, die man kriegt, wenn man sowieso in die Richtung unterwegs ist – oder etwa eine Kurzstrecke mit nur ein paar Metern Umweg serviert bekommt. Am Sonntagmorgen hatte ich z.B. meinen Umsatz beisammen, als ich einen Kunden am Adlon abgeliefert hatte. Auf dem Heimweg stieg mir an der Französischen Straße ein Winker zu und wollte zum nh Hotel „Alexanderplatz“. Das lag (abgesehen von 5 Metern Umweg in die Hotelvorfahrt) komplett auf dem Weg, den ich sowieso fahren wollte und hat mir schnell einen Zehner Umsatz gebracht, auf den ich an anderen Tagen eine Stunde warte.

Nun aber zu den zwei Trunkenbolden.

Ich war auch hier auf dem Weg nach Hause. Vor der Schicht. Ich darf das Taxi privat nutzen, also tue ich es gelegentlich. In dem Fall wollte ich zu Hause meine bessere Hälfte abholen und mit ihr zusammen zwei Sendungen aus der Packstation holen. So halten wir das öfter, gerade bei schwereren Paketen. Wann immer ich nach Hause fahre, entscheide ich je nach Laune, wann ich die Fackel ausmache. Mal will ich davor gar keine Kundschaft, mal schalte ich sie erst aus, wenn ich fast da bin. Dieses Mal habe ich sie angelassen und bekam ungelogen 100 Meter vor der Haustür – beim wunderbaren Döner, der in unserem Viertel sowohl das nächtliche Essen als auch die Rund-um-die-Uhr-Versorgung der ortsansässigen Alkoholiker gewährleistet – Winker. Zwei stark schwankende Gesellen, um 21 Uhr bereits voller als die halbe folgende Nachtschichtkundschaft zusammen.

Ihr Deutsch war mittelprächtig, wahrscheinlich waren es Russen. Der eine auf dem Beifahrersitz wies mit ausladender Geste Richtung Westen und sagte:

„Diese Straße!“

Was halb Berlin hätte bedeuten können.

„47.“

Aha. Er meinte also genau diese Straße, in der wir uns befanden …

„Ach so, also Marzahner Promenade?“

„Ja. 47.“

Gut, die 47 liegt natürlich in die andere Richtung – aber für derartige Ortskenntnis hat man ja uns Taxifahrer. Und nachdem ich gewendet hatte, konnten sie mir die richtige Einfahrt auch zeigen. (Nee, ist nicht so einfach bei uns mit dem Straßenverlauf …)

Ich hatte gnädig eine Kurzstrecke eingetippt und sie nach einer Minute Fahrt mit einem zusätzlichen Euro Trinkgeld auch bezahlt bekommen. Würde ich alle drei Minuten 2,80 € (Bruttolohn-Anteil von 4 € + Trinkgeld) verdienen, wäre ich mehr als nur zufrieden. 🙂

Kurioser Nebeneffekt dieser Fahrt: Ozie hatte dieses Mal meinen Tracker im Blick, um zu wissen, wann ich komme – und sich entsprechend gewundert, dass ich quasi direkt vor der Tür nochmal umgedreht habe. Aber wenn ich mir meinen Blog so durchlese, glaube ich eh, dass der Job per se etwa kurios ist …

Immer neue Rekorde …

Gut, dass einige Kunden kein Trinkgeld geben, das kommt ungefähr jede Nacht im Taxi vor. Ist schade für mich als Fahrer, aber es ist nicht ohne Grund Trinkgeld. Und damit freiwillig.

(Und die Meinungen zu Trinkgeld allgemein gehen ja – siehe die Kommentare unter diesem Artikel – auch weit auseinander)

Nun eine Kurzstrecke (derzeit 4,00 €) mit exakt 4,05 € bezahlt zu bekommen, hab ich aber tatsächlich zuvor noch nicht erlebt. Mal nur 10 Cent auf den nächsten runden Betrag und einmal 11 Cent, weil der Fahrgast nicht mehr Geld hatte – passiert. Aber auf 5 Cent runter ist unter den Trinkgeldgebern in all den Jahren bisher bei mir noch nicht gegangen.

Ich seh’s positiv: Ich stelle mir vor, der Fahrgast hätte damit diese Fahrt von vor langer Zeit ausgeglichen. 😉

PS:
Ich weiß, ich gehe da nicht mit allen Kollegen konform. Viele sehen sowas als Beleidigung an. Dazu muss ich sagen: Natürlich KANN man ein extrem niedriges Trinkgeldmit entsprechenden Worten oder entsprechender Gestik beleidigend verwenden. Die Tatsache, dass jemand ein paar Cent mehr gibt als er muss, SIND aber nicht per se eine Beleidigung. O. g. Fahrgast war sehr nett und hat sich über die Fahrt gefreut, er hat vermutlich entweder nur sehr wenig Geld oder keinen Schimmer, wie viele Fahrten wir am Tag haben, bzw. was an Trinkgeld üblich ist. Wieso sollte ich ihn für sein Unwissen angreifen, wo er grundsätzlich doch offenbar gerne mehr gibt? Der kriegt das im Laufe seines Lebens schon noch mit. Ob er jedoch weiter gerne Trinkgeld gibt, wenn man es ablehnt oder ihm an den Kopf wirft, wage ich zu bezweifeln.

Geld zum Fenster hinauswerfen

Die Fahrt war nicht arg lang. Für eine Kurzstrecke hat es nicht mehr gereicht, aber am Ende standen dann doch nur bescheidene 8,00 € auf der Uhr. Meine Kundin hatte mich schon vorgewarnt, dass sie am Ziel klingeln müsste, um Geld zu bekommen. Hat mich nicht gestört. Sowas ist zumindest für mich als Nachtfahrer völlig normal.

Als wir da waren, bin ich ebenso ausgestiegen wie sie; obwohl ich ihr Gepäck als Sicherheit im Auto hatte. Als sie klingelte, war ich überrascht zu hören, dass sie die andere Person zu folgendem aufforderte:

„Schmeiß mir mal Geld fürs Taxi runter!“

Und tatsächlich kam der Zehner dann von einem Balkon geflattert.

Pragmatisch und nicht unsinnig. Hat mich zudem daran erinnert, dass wir in meiner ehemaligen WG mit dem Schlüssel für die Haustüre ebenso verfuhren. Natürlich mit Stoffanhängsel oder gar in einer Tasche.

Aber in diesem Fall musste ich vor allem des Wortspiels in der Überschrift wegen grinsen. 🙂