Wen es stört

Ich bin gerne mal Spielverderber. Also gerne, nun ja, das vielleicht nicht – aber zu manchen Themen reisse ich gerne mal’s Maul auf und nerve damit offenbar einige. Und das, sieh an, scheint nicht so sinnlos zu sein. Wer mich seit mehr als einer Woche kennt, weiß, dass ich mit Ausländerfeindlichkeit oder gar Rassismus auf Kriegsfuß stehe. Das ist glücklicherweise inzwischen konsensfähig. Aber wenn ich dann doch mal wieder bei „harmlosen kleinen Scherzen“ sage, dass sie nicht lustig sind, stehe ich schnell wieder als spießiger Deutscher da, der sich über Dinge aufregt, die ja sonst niemanden stören. Oder so ähnlich.

Nun hatte ich neulich einen Fahrgast. Einen geradezu klassischen: vom Berghain ging’s nach Schöneberg. Er war kein Deutscher, versuchte sich aber tapfer an der Sprache. Und auf Realschulniveau war er dabei durchaus schon. Über die Frage woher er so gut Deutsch könne, kamen wir ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er Pole war. Und ja, nicht das erste Mal in Berlin. Zwar nicht so oft, wie er gerne würde, aber zumindest einmal im Jahr blieben ihm ein paar Tage zum Feiern und zum Urlaubmachen in dieser Stadt. Wie selbst die meisten Eintagstouristen lobte er die Stimmung und die Freiheit hier und bedauerte wie eingangs erwähnt nicht öfter hier zu sein.

Ein eigentlich harmloses Gespräch über nix und wieder nix. Schon gar nicht politisch.

Sollte man meinen.

Dann aber – durchaus auch zu meiner Überraschung – sagte er mir, wie sehr er sich über den Wandel Berlins freue. Ich war angemessen irritiert, schließlich hat unsere Hauptstadt genügend Probleme. Aber er fügte an:

„Weißt Du, als ich das erste Mal hier war – vor 7 Jahren oder so – da hat, wenn ich gesagt hab, dass ich aus Polen komme, wirklich jeder diesen blöden Witz gebracht: ‚Komm nach Polen, dein Auto ist schon da!‘. Heute interessiert das keinen mehr und das macht es mir echt leichter, hier zu feiern.“

Und mal ehrlich: das kann man sich schon vorstellen, oder? Aber viele drehen das ja auch noch gegen einen und schimpfen im Gegenzug auf „die anderen“, die das „ja auch machen“. Doch auch da muss ich nach der Fahrt sagen: das ist keine Einbahnstraße:

„Ich mein, ja, viele Polen haben immer noch was gegen Deutsche. Hab ich nie verstanden und regt mich auch auf. Immer wenn mir irgendein Freund was über ‚Scheiß-Deutsche‘ erzählt, dann werde ich wütend und sage ihm, wie toll es hier ist und wie nett die Deutschen zu mir sind. Seitdem sind auch zwei Freunde von mir öfter mal hier und finden’s voll toll.“

Während der 20 Minuten Fahrt sind wir noch wesentlich weiter gekommen. Aufarbeitung des Holocaust, Europäische Union etc. pp. Da sage noch einmal wer, dass es im Taxi immer bei Smalltalk bleiben muss!

Leider werden auch nach dieser Geschichte nicht alle meiner Meinung sein bei dem Thema. Aber ich frage mich ernsthaft, wie man die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft besser greifbar machen kann als durch ein fast schon freundschaftliches Gespräch zwischen zwei Menschen, deren Großeltern sich noch gegenseitig bekriegt haben. Und dennoch sind es selbst die kleinen „harmlosen Witze“, die „man ja schon immer gemacht hat“, die das ausbremsen. Und deswegen bin ich gerne Spielverderber. Nicht, weil ich keinen Spaß verstehe, sondern weil ich Spaß auch gerne mit Menschen anderer Herkunft habe!

Und nur so nebenbei: fast 4 € Trinkgeld.

32 Kommentare bis “Wen es stört”

  1. Reinhold sagt:

    Das beste „Rezept“ zur Völkerverständigung hat er selbst genannt. Lasst uns zusammen kommen, reden, austauschen, besuchen… Umso schwerer wird es, uns gegeneinander aufzuhetzen. Er hat von seinen zwei Freunden erzählt, die ihre Meinung geändert haben, als sie ein paar Mal in Berlin waren. Bravo!

  2. hrururur sagt:

    Das ist schön für unsere Nachbarn, wenn sich das geändert hat. Aber am Problem hat sich nix geändert. Das ist einfach mh… eine Stufe weiter weg gewandert. Jetzt sind halt deren Nachbarn unsere „Feinde“. Oder “ die Afrikaner“. Und bis das einmal um die Welt gewandert ist, war garantiert dicht bei wieder irgendwas los. Ich hab da ehrlich gesagt resigniert. Nicht, dass ich Rassismus gut finde, keinesfalls. Aber man kann nicht auf jeder Baustelle die Flagge ganz hoch halten und ich bin halt im Umweltschutz verankerter.

    Und speziell bei den Polen-klauen-Witzen war das auch einfach mal ne Weile trendig ohne jemanden beleidigen zu wollen. Die Deine-Mudda-Witze sollen ja auch weder Dicke, noch Mütter beleidigen. Das ist genau die gleiche Kerbe, nur ist halt nicht jeder Pole, aber jeder hat ne Mutter.

    Und bevor hier die große Vorurteilsdiskussion losgeht: jeder hat Vorurteile. Und das ist auch gut so. Es ist nicht sehr effizient bei allem und jedem jedes Mal auf’s Neue herauszufinden, ob es gefährlich ist. Wenn es aussieht wie ein Hund und bellt wie ein Hund, dann ist es bis zum Beweis des Gegenteils ein Hund. Jedes Mal erst rausfinden müssen, ob das jetzt ein Baum ist oder was zu essen oder eben ein Hund, können wir uns gar nicht leisten. Wir würden vor jedem Gänseblümchen weglaufen, weil wir nicht wüssten, ob es uns fressen will. Viel zu anstrengend…

    Und auch positive Vorurteile sind immernoch Vorurteile. Deutsche gelten ja als fleißig und pünktlich. Kennt ihr nur fleissige, pünktliche Deutsche? Ich nicht… Trotzdem hält sich das weltweit.

    Deswegen werden sich negative Vorurteile auch niemals abschaffen lassen. Denn wo ist die Grenze zu den positiven? Und die will kaum jemand abschaffen. Und allgemein sind wir halt auch einfach auf Vorurteile programmiert. Was keiner als Ausrede nutzen darf.

    Und es kann halt nicht jeder jedes Land besuchen und dort jeden kennen lernen. Also müssen wir uns irgendwie was anderes überlegen für ein besseres Miteinander. Die EU und die UNO sind da meiner Meinung nach gute Anfänge

  3. Thomas sagt:

    Kurzer Disclaimer vorweg: Ich möchte die Macher harmloser, kleiner Witze™ nicht in Schutz nehmen. Aber es ist auch für die nicht immer einfach. In der Vorstadt-Reihenhaussiedlung meiner Jugend waren dumme Sprüche wie der mit dem Auto, das schon da ist, nicht selten zu hören. Da hat auch die eigene Familie (mit damals wohl ca. 30 diebstahlfreien Autojahren) keine Ausnahme gemacht. In den Jahren haben sich einige unpassende Witze eingeprägt, die man sich auch mit einer vollkommen antirassistischen Überzeugung leider erstmal abgewöhnen muss.

    Umso schöner ist es aber zu lesen, dass die Abnahme solch dummer Sprüche und Überzeugungen trotz zahlreicher lautstarker Idioten von NSU bis AfD von ausländischen Gästen zu spüren ist. In diesem Sinne: Immer weiter so :-).

  4. Tobias sagt:

    @Thomas: Die Abnahme solcher Witze kann ich z.B. nicht spüren. Insbesondere im Internet und über WhatsApp verbreiten sich immer mehr Bildchen, die einen unterschwelligen rassistischen Hintergrund haben. Ein sehr gutes Papier der Amadeu Antonio Stiftung beschreibt das aktuelle Vorgehen der rechten Szene sehr gut:

    http://www.netz-gegen-nazis.de/files/Viraler-Hass-Final.pdf

    Dort wird auch auf die „witzigen“ Bildchen und Witze allgemein eingegangen. Fazit: Lesenswert

  5. scf sagt:

    Tolles Erlebnis! Ich finds auch gut, wirklich mal als O-Ton zu lesen, dass solche Sprüche diejenigen, die sie abbekommen tatsächlich stören, und zwar mehr als nur „das nervt“-mässig, wenn es so einen Einfluss aufs generelle Gefühl hat. Ich muss zugeben, dass ich mich meist relativ hilflos fühle, wenn ichs mit Leuten zu tun hab, die dauernd solche Sprüche machen und auf Konter sowas wie „ist ja niemand dabei, dens stört“ oder „der und der ist aber auch und der lacht mit“ erwidern. Stimmt schon, irgendwann fühlt man sich als Spaßbremse und Konversationskiller, aber ehrlich, wenn DAS das höchste der Gefühle ist, was Spaß angeht und ne Konversation ohne dieses Palaver nicht möglich ist, hat man auch nix verloren.

    Zur Polenbegegnung fällt mir auch ein Erlebnis ein, dass ich mit meinem Freund im Zug von Polen nach Berlin hatte. Wir stiegen in ein Abteil und uns schlug ne mordsmässige Alkifahne entgegen, die von einem älteren Herrn ausging – hatten kurz noch überlegt, zu wechseln, sind dann aber dort geblieben. Ums abzukürzen: ein paar Stunden später hatten wir uns quasi verbrüdert, ein paar Sätze Polnisch gelernt und eine wunderbare Diskussion über das Zusammenwachsen Europas im Allgemeinen und Deutschlands und Polens im Speziellen und die Aufgabe, die wir als junge Generation darin spielen hinter uns. Auch er hat uns über Vorurteile berichtet, die er in Jahrzehnten der Arbeit auf deutscher Seite erfahren hat und gemeint, dass es immer besser würde und die Grenzen in den Köpfen abgebaut würden, auf beiden Seiten.

    Na dann hoffen wir mal, dass dieser Trend anhält. 🙂

  6. Faxin sagt:

    Die Frage ist eigentlich viel mehr, welcher Unterton sowas hat. Ich tue mich auch nicht schwer damit, einen Iraker als Kamelreiter zu betiteln. Wenn der weiß, dass ich das nicht böse meine, hat der in der Regel kein Problem damit. Den Ausdruck habe ich von einem Iraker. Auch Schlitzauge für Asiaten finde ich passend. Es ist nunmal eine andere Augenform. Aber das macht den Menschen doch nicht schlechter oder besser. Wir sind halt Glubschaugen. 🙂
    Bei den Schluchtenscheißern sind wir die Piefkes. Die Türken nennen uns Kartoffel, die Engländer „Ze Tschörmäns“.
    Solange es nicht böse gemeint ist… und gerade über „Ze Tschörmäns“ kann ich wunderbar lachen und auch ‚Kartoffel‘ finde ich passend. Ich habe mal mit einem Engländer Bier getrunken, der mich freundlich „Nazi“ nannte. So what? Vorurteile sollte man kennen und man kann wunderbar damit spielen. Wir hatten eine längere, amüsante Unterhaltung über Handtuch-Kriege bei Liegestühlen.
    Wir Deutschen sind direkt, unfreundlich und humorlos. Wichtiger Begriff ist „The German Angst“. Und das stimmt.
    Im Ausland glaubt man oft, Deutsch wäre identisch mit Oktoberfest: Lederhose, Dirndl, Brezel, Jägerhut und Kuckucksuhr.
    Und da kann man wunderbar Witze drüber machen. Solange man kein Bayer ist, kann man ja auch wunderbar seine Vorurteile über Bayern pflegen.
    Oder auch drüber diskutieren. Schön ist auch, wenn man über das Deutschsein mehr sagen kann als Weltkriege.

    Wichtig ist die Frage, ob man beleidigen möchte oder nicht. Und am Ende ist man dann sehr direkt, aber nicht böse meinend und gar nicht so humorlos, wie man zuerst eingeschätzt wurde. Prost!

    Aber wenn man selbst nicht viel mehr über sein Land weiß, als dass man irgendwie in zwei Weltkriege verwickelt war, dann ist der Deutsche im Ausland genauso humorlos, als würde man als Pole laufend aufs Autoklauen angesprochen werden. Ich halte Bayern übrigens für ein wunderschönes Land. Nur halt die Menschen sind irgendwie komisch… 😉

  7. Carom sagt:

    Ich komme gerade von einem Besuch bei der Verwandtschaft, die auf dem platten, wohlhabenden Land residiert, und muss immer noch spucken, wenn ich an all den gar nicht latenten, sondern dauernd und offen vorgetragenen Rassismus denke… „Witze“ der übel diskriminierenden Sorte allenthalben, und bei Protest gegen diesen Rassismus kommt der gelassen beschwichtigende Spruch: „Was willst Du denn? Ist doch lustig.“ Nein, ist es nicht, es ist einfach sch…. Rassismus. Und die Kinder stehen neben Oma und Opa und werden von denen indoktriniert.

    Ich hoffe wirklich, es wird besser. Mir fehlt in meiner Schockstarre gerade der Mut, daran noch zu glauben.

  8. Mic ha sagt:

    @Faxin
    100%.
    Mir fällt bei solcher Diskussion oft die Szene in „Hass“ ein, in der der Schwarze anner Rolltreppe steht und den versteckten Rassismus der ihm entgegenfahrenden Schlipsträger in Relation zum offenen der Prolls stellt. Und den versteckten weit schlimmer findet.
    Ich denke dabei, dass das laute Brandmarken solch harmloser Dinge nur zu solchen Fotzköppen führt, die dann in den Buchladen rennen und den neuen Sarrazin kaufen und sich zuhause im Wohnzimmer unheimlich darüber freuen, dass es endlich mal einer laut sagt. Denn sie sind die vermeintlich Unterdrückten, die sich nicht laut äußern dürfen. Diese schrecklichen Leute und „Bewegung“ liefert man mit so was doch nur Futter.

  9. Chris sagt:

    Das übel ist nicht der „böse“ Russe der über den „dummen“ Deutschen schimpft. Das Problem ist der latente Alltags Rassismus. Wenn ich die Sprüche in unserer Branche (Spedition) höre wird mir schlecht. Die labern irgendeine Scheiße (man verzeihe mir den Ausdruck) und sind auch noch stolz darauf.
    Ich finde es toll wenn der Gast aus Polen diesen Eindruck hat, die Wahrheit ist das aber leider nicht. Denn es wird täglich schlimmer!

  10. tom sagt:

    @Mic ha
    danke für diesen beutrag, den ich so geil nicht hätte formulieren können!
    chapeau!
    der ganze film ist übrigens ein must see!

  11. Sash sagt:

    @hrhrurur:
    Sicher, große Zusammenschlüsse sind ein guter Schritt und ganz aus der Welt kriegt man Vorurteile nicht. Aber manchmal sind’s halt auch die kleinen Dinge, die dann eben in kleinen Kreisen ein kleines Bisschen wirken. Gehört irgendwie alles zusammen.

    @Tobias, Carom und Chris:
    Ich weiß schon, dass Berlin da sicher auch eine Ausnahmestellung hat. Und auch da natürlich vor allem in bestimmten Kreisen. O.g. Erlebnis würde ich deswegen auch nie als Beweis dafür gelten lassen, dass inzwischen alles gut ist. Nur dafür warum es gut ist, über solche Sachen nachzudenken und auch umzusetzen.

    @Faxin und Mic ha:
    Es ist im Gegensatz zur Vermeidung nur so furchtbar anstrengend, immer unterschiedlich zu reagieren, je nachdem, wen man vor sich hat. Unter guten Freunden kann man sich ja auch Arschloch nennen und es ist kein Problem – man hat halt bei Menschen, die man weniger kennt, nicht immer eine Ahnung, wie das Gesagte wirklich wirkt. Und zwar nicht nur oberflächlich, sondern auch unterbewusst. Denn immer auf das eigene Anderssein angesprochen zu werden, und wenn nur im Scherz, dient nicht unbedingt einer erfolgreichen Integration in eine Gesellschaft oder einem besseren Auskommen miteinander.
    Natürlich ist der ganze versteckte Rassismus an sich viel schlimmer. Aber woher kommt denn diese tiefe Grundüberzeugung, dass „den anderen“ mal wer die Meinung sagen müsste?
    Sind also rassistische Beleidigungen notwendig, um Rassismus zu bekämpfen?

  12. tom sagt:

    „Sind also rassistische Beleidigungen notwendig, um Rassismus zu bekämpfen?“
    ja, leider

  13. Sash sagt:

    @tom:
    Das ist aber eine ziemlich steile These, da die Beleidigungen per se ja Rassismus fördern – und sei es beim beleidigten Gegenüber. Wenn das also überhaupt eine sinnvolle Vorgehensweise ist, dann allenfalls als zwischenzeitliche und mit definitiv bescheuertem Endziel.
    Mir ist schon klar, was Du meinst: den ganzen Idioten, die sich darüber ärgern, nicht offen rassistisch sein zu dürfen, nicht neues Futter für ihre Wahnvorstellung, sie seien die Unterdrückten, zu liefern.
    Und da muss ich doch sagen: wieso sollte man sein Handeln an Leuten ausrichten, die voll furchtbar darunter leiden, einen Witz nicht mehr in der Öffentlichkeit erzählen zu „dürfen“?
    Natürlich geht denen die Diskussion auf den Zeiger. Soll sie auch. Andersrum glauben sie an die berühmte „schweigende Masse“, die ja eigentlich hinter ihnen steht. Damit ist also auch nix gewonnen.

  14. tom sagt:

    sash,
    danke. genau wie deinerseits vermutet und beschrieben sehe ich es (ich wdh. mich aber auch hier gilt das kompliment, dass ich es kaum hätte besser formulieren können).
    „den ganzen Idioten, die sich darüber ärgern, nicht offen rassistisch sein zu dürfen, nicht neues Futter für ihre Wahnvorstellung, sie seien die Unterdrückten, zu liefern.“

    wenn dieses ausgangs- bzw. deppen- bzw. friss-was-du-bekommst-und-nehme-es-an-futter wegbricht, bricht eine säule des rassismus weg.
    utopie, ich weiß…

  15. Paul sagt:

    Ich halte es da eher wie Serdar Somuncu und diskriminiere gerne alle und jeden. Erzählst du einem Türken einen Kurdenwitz findet der das total lustig, bei nem Türkenwitz will er dich gleich „Messern“.

    Wenn dir der Pole einen Russenwitz erzählt hätte fändest du das auch lustig, ein Polenwitz ist dann wieder blöd…

    Grotesk

  16. Sash sagt:

    @tom:
    Wesensmerkmal des Rassismus ist aber, ohne konkrete Gründe etwas gegen die Anderen zu haben. Ein kleiner Aufreger weniger gegenüber Antirassisten ändert halt nichts an der Grundeinstellung.

  17. Sash sagt:

    @Paul:
    Finde ich nicht. Was vermutlich daran liegt, dass ich die Einstellung nicht teile. Warum sollte ich einen Witz lustiger finden, weil ihn mir jemand anders erzählt?

  18. Faxin sagt:

    @Sash: Dinge müssen erst ein Tabu werden, um dagegen verstoßen zu können. So leid es mir tut, der Pole wird mit seinem Vorurteil leben müssen. So wie ich laufend darauf angesprochen werde, dass ich in jungen Jahren ja bereits kaum noch Haare auf’m Kopf habe, so wie Jule Stinkesocke damit leben muss, dass sie laufend darauf angesprochen werden wird, dass sie im Rollstuhl sitzt und Du immer gefragt wirst, was Du denn studierst.
    Jeder Mensch lebt mit Vorurteilen und Klischees auf die er passt – oder auch nicht. Und nur so funktioniert Denken, denn man kann nicht jeden Chinesen als Individuum sehen, soviel Hirn hat einfach kein Mensch. Man muss abstrahieren, verallgemeinern, nur so kann man sich einen Überblick verschaffen. Ein Chinese ist ein Schlitzauge. Ist so. Heißt ja nicht, dass die Chinesen nicht zu den fortschrittlichsten Völkern seit jeher gehören. Und gelegentlich lernt man einen kennen, der in seinen Charakterzügen überraschend anders ist, als man das erwartet hat. Und je mehr man kennenlernt, desto differenzierter wird das Vorurteil gegenüber der anderen Milliarde Chinesen, die man noch nicht kennengelernt hat.

    Wenn wir uns verbieten, Vorurteile auszusprechen und darüber zu diskutieren, dann machen wir ein Tabu draus und dann wird es furchtbar anstrengend, Worte zu finden, um miteinander zu sprechen. Sprechen wir vorsichtshalber nicht miteinander, dann fehlt die Chance besagte Vorurteile zu korrigieren. Überhaupt distanzieren wir uns dann wieder.
    Es ist besser ein Fettnäpfchen zu riskieren, die Sache zu bereinigen und dann drüber zu lachen, als sich aus dem Weg zu gehen.
    Der Gender-Wahnsinn ist eine Dimension davon: Kaum eine Sprache ist so frauenfreundlich wie die Deutsche, da sie eine neutrale Form und eine hörbare weibliche Form besitzt. If a girl has a friend you don’t know if it’s male or female. You have to say it if it’s important. A police office can be male or female. There is no police officerin.
    Es gibt keine männliche Form, woraus ein Idiot eben schließt, dass die neutrale Form halt männlich sein müsste, weil es ja eine weibliche gibt. Man macht aus „man“ (Bedeutung „Mensch“) ein hirnloses Konstrukt wie „man/frau“, also deklariert damit implizit, dass Frauen offenbar etwas anderes als MenschenInnen sind und das ganze schon soweit kommt, dass sich Mann und Frau vertöchtern sollten, bevor sie die deutsche Sprache mit ihrer „Political Correctness“ verneffen. (Die Worte habe ich genausowenig erfunden, wie die berühmte Salzstreuerin…)

    Man muss manche Dinge einfach akzeptieren und lernen nicht alles als Beleidigung aufzufassen. Und der einzige Weg ist dem Menschen beizubringen, nicht jeden Furz als mögliche Beleidigung zu verstehen, offen genug zu sein, Dinge klar anzusprechen und dabei eben nicht erst jeden Furz zu filtern, ob der jetzt irgendwie möglicherweise missverständlich oder gar diskriminierend rüber kommt. Raus damit und wenn derjenige sich nicht sicher ist, ob er gerade beleidigt wurde, soll er gefälligst nachfragen, ob das jetzt böse gemeint war. Ähnlich dem Konzept der Organspende. Wenn alle spenden, außer diejenigen, die nicht wollen, dann sind alle zufrieden, außer denjenigen die beleidigt sein wollen. In der Masse spielen die aber keine Rolle mehr, weil genug Organe da wären.
    Und wenn ich „Liebe Kollegen“ sage und die Frauen sind beleidigt, dann klären wir das und zwar in der Form, dass wir klären, was „Liebe Kollegen“ bedeutet und nicht, dass wir jeden Wahnsinn mitmachen, nur weil irgendwer das für besser hält. Und genauso mache ich das mit den Ausländern, mit den Juden, mit den Behinderten und allen anderen, die glauben furchtbar sensibel reagieren zu müssen, wenn sie nicht persönlich gebauchpinselt – also von den „Normalen“ getrennt behandelt, also politisch korrekt diskriminiert – werden.

    Wir sind Menschen – auch die Frauen. Und die Ausländer, Juden, Behinderten. Und wer da ein Problem mit hat und mich dafür verantwortlich macht, dass ich die Menschen zu gleich behandle, egal welche Besonderheit sie haben, der diskriminiert sich selbst. Und das wiederum ist nicht mein Problem.

  19. Sash sagt:

    @Faxin:
    Da werden wir sicher nicht auf eine gemeinsame Meinung kommen.
    Ich hab nämlich keine Interesse daran, anderen Menschen zu erzählen, wegen was sie sich beschweren dürfen oder nicht, weil’s mich vielleicht hier und da eine Überlegung kostet, was ich für Worte verwende.

  20. tom sagt:

    @faxin:
    ehrenwert, dass du dir die zeit genommen hast, deinen standpunkt detailliert zu vertreten. leider kann ich nichts mit deinen ausführungen anfangen, so sehr ich auch suche.
    dennoch once again merci!

  21. tom sagt:

    „Wesensmerkmal des Rassismus ist aber, ohne konkrete Gründe etwas gegen die Anderen zu haben. Ein kleiner Aufreger weniger gegenüber Antirassisten ändert halt nichts an der Grundeinstellung.“

    leider weiß auch ich keine lösung des allgegenwärtigen rassismus-problems.

  22. Sash sagt:

    @tom:
    Das würde ich von mir auch nicht behaupten. Ich für mich hab mich dafür entschieden, es einfach im öffentlichen Raum nicht als normal anzusehen und darauf hinzuweisen. Ist nicht viel, ist nicht ausreichend, das weiß ich auch. Aber eben vielleicht ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

  23. hrururur sagt:

    Ich komm mir gerade paranoid vor… Ich guck gerade ProSieben, die Serie mit den Muffinmädels, keine Ahnung wie die heißt. Da geht es gerade darum, dass ein Schwarzer Vorurteilswitze reißt, während ich hier lese. Das ist doch krank!

  24. Lutz sagt:

    Wobei man ja auch sagen muss, das gerade diese Auto-Polen-Witze durchaus einen wahren Kern hatten…
    Allerdings hat sich in der Beziehung dort sehr viel getan und die polnische Polizei ist bei dem Thema inzwischen mehr als auf Zack. 🙂

  25. Sash sagt:

    @hrhrurur:
    Inception! 😉

    @Lutz:
    Ja, nein, jein. Wurden eine Menge Autos geklaut und nach Polen gebracht? Ja. Ist eine signifikante Anzahl an Polen im Autoschieberbusiness? Nein. Natürlich hat sowas oft einen wahren Kern. Genau wie die Behauptung, dass wir Deutsche überhart arbeitende Bürokraten und perfekte Maschinen sind. Trifft das auf mich persönlich zu? Eben so ziemlich zu null Prozent.

  26. Der Banker sagt:

    Rassismus ist nur eine Art von diesem Gruppen/Schachtel-Denken und das Herabsehen auf eben diese.
    Menschen stecken Menschen immer in irgendwelche Schachteln und leider haben viele das Bedürfnis, sich eine Schachtel auszugucken und sich als was Besseres hervorzuheben, indem man diese Schachtel runtermacht.

    Wenn man selber mal überlegt, in wievielen verschiedenen solcher Schachteln mal selber schon zu seinen Ungunsten gelandet ist… Die Hundehalter und die Radfahrer, die Autofahrer und die Banker – die Berufsbezeichnung, den ich da verwende, ist nicht falsch, aber wenn ich die korrekte angeben würde, lande ich ggf. in einer unbequemeren Schublade als dieser, da sie meinesgleichen beim Volk wenig Sympathie einbringt. Gelegentlich entspreche ich diesem Klischee auch, zumeist muss ich das dann einfach aus gesetzlichen Gründen etc.

    Aber zurück zum Thema: es ist immer derselbe Mechanismus, der hinter dieser Diskriminierung einer Gruppe steckt. Man macht sie runter und sucht sich als etwas besseres darzustellen.
    Wenn Leute aus irgendeinem Grund dann grad sauer sind, sind diese Klischees zudem auch eine brauchbare Quelle für Beschimpfungen.

  27. Lutz sagt:

    Ob und wie es auf den einzelnen zutrifft (Autoschieber oder Arbeitswütiger Pedant) ist für einen „Kern“ egal…
    Diese Definition legt ja eben auch genau dies („Trift nicht auf jeden zu“) so fest. Daran ist nicht zu rütteln, rein neutrale Tatsachenbetrachtung.
    🙂

  28. metro sagt:

    Je mehr soziale Gerechtigkeit in einer Gesellschaft vorherrscht, desto weniger Rassismus gibt es innerhalb ihr, ist meine Meinung. In Deutschland sind wir zurzeit gut dran, da die Arbeitslosikeit gering ist und damit kein großer Sozialneid vorherrscht, im Gegensatz zu beispielsweise Griechenland, wo Minderheiten, wie Albaner oder Sinti / Roma zurzeit keinen leichten Stand haben. Parteien, wie die Chrysi Avgi (Nazipartei), nutzen dies aus und bekommen regen Zulauf…

    Erst wenn der Mensch das Gefühl bekommt, innerhalb der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein (Sozialhilfe, Hartz 4, oder gar keine Leistungen), lässt er seine Aggression meistens an sozial noch schwächeren ab – und das sind dann größtenteils Minderheiten, die vermeintlich am sozialem Übel schuld sind. I.d.R. ist der Mensch meistens selbst, sei es durch fehlende Ausbildung usw., an seiner Lage schuld. Natürlich gibt es immer Einzelschicksale, wo Menschen von heute auf morgen sozial sehr tief abstürzen, keine Frage…

  29. Sash sagt:

    @Tk:
    Äh, ja …

    @metro:
    Natürlich haben wir es da noch recht gut. Und sicher ist Rassismus oft (wenn nicht meist) ein Nach-unten-treten. Was im Umkehrschluss nur heißen kann, auch das Thema soziale Gerechtigkeit weiter anzugehen.

  30. Pechmarie sagt:

    Nach Jahren als Deutsche in der Schweiz ( was so was ähnliches ist wie Türken oder Polen in Deutschland) kann ich nur zustimmen: auf Dauer sind diese ganzen Witzchen echt anstrengend. Dabei kommt es auch gar nicht so sehr darauf an, wie das nun gemeint war, wenn einem gerade die Oma gestorben ist oder man Stress im Job hat oder man einfach nur schlecht geschlafen hat und auch sonst einen Scheiß-Tag hat, ist so was einfach nur nervig. Weil man ( wie jeden Tag) zum tausendsten Mal auf diese eine Facette seiner Persönlichkeit reduziert wird und zum tausendsten Mal den selben Spruch hört.
    Wenn man gut drauf ist, kann man natürlich auch mal passend rausgeben, aber manchmal geht’s einfach nicht.
    Mein Tipp: solche Sprüche einfach lassen, tut gar nicht weh und man kann‘ s trotzdem noch lustig haben.

  31. Sash sagt:

    @Pechmarie:
    Ich kann es mir vorstellen. Und danke, dass Du das so geschrieben hast.

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