Das Köpfetauschspiel

Trotz dieses Blogs hier hab ich es mir nicht zur hauptamtlichen Aufgabe gemacht, den Fahrgästen zu lauschen. Man kriegt natürlich hier und da was mit, aber mich interessiert es meist nicht genug, um dem Gesprächsverlauf zu folgen. In dem Fall jedoch war es anders. Denn die Fahrgäste spielten nach ihrem Clubaufenthalt eine Art Spiel. Einer formulierte immer eine Frage, und alle mussten dann ehrlich darauf antworten.

Ja ja, ich hätte auch gedacht, dass das auf Fragen des Sexuallebens herauslaufen würde, aber die Jungs und Mädels hatten wesentlich abgefahrenere Sachen am Start:

„Wenn Du das Gesicht von jemandem aus unserer Gruppe haben könntest anstelle deines eigenen: Welches würdest Du wählen und warum?“

Und obwohl ich mit den Namen nix anfangen konnte, war es doch irgendwie „interessant“. 0.o

Zunächst dachte ich, dass es am Ende auch eine Hörspiel-Auflösung geben würde. Aber nein, das war wohl wirklich just for fun.

Die Irrfahrt der Woche

Der Freitag war ein Scheißtag. Ich war unausgeschlafen und früh in die Schicht gestartet, die Umsätze sollten später auch noch mies werden, aber mit Abstand am meisten hat mich die erste Tour geärgert. Ich hoffe, Ihr habt ein wenig Zeit mitgebracht an diesem Montagmorgen, denn die Fahrt war ziemlich lang …

Eingestiegen sind sie mir am Ostbahnhof noch auf der letzten Rücke. Bemerkt hatte ich das etwas ungleiche Paar genau in dem Moment, in dem der Mann mir versehentlich gegens Auto lief. Amtlicher Zustand für 20.30 Uhr, dachte ich mir. Er war jetzt allerdings keineswegs, wie die meisten vermuten werden, irgendein Spätpubertierender, der sich mit dem Alkohol maßlos verschätzt hatte, sondern ein Rentner, der die 70 auf der Lebensuhr ganz sicher schon voll hatte. Angetrunken war er zwar auch, aber man merkte auch deutlich, dass er insgesamt nicht mehr so fit war. Er wirkte in seiner fleckigen Hose etwas heruntergekommen, aber auch ganz nett, wie er sich da hinten auf der Rückbank zurechttüddelte.
Neben mir stieg eine Frau Mitte 50 ein. Breite Statur, kurzrasierte graue Haare, eher der rustikale Typ Mensch. Berliner Schnauze durch und durch und scheinbar auch ein wenig genervt von ihm. Naja, wo die Liebe halt so hinfällt.

Er machte reichlich ungelenk und in nur mäßig zusammenhängenden Sätzen klar, dass es erst einmal in die Köpenicker Straße gehen sollte, unweit des schlesischen Tores. Dort aber solle ich kurz warten. Er wolle was holen, dann zur Bank und zurück zum Bahnhof. Da wären sie gerade so nett am Trinken. Na gut. Als wir ankamen, konnte er kaum aussteigen, seine Begleiterin half ihm. Sie steckte mir ihren Ausweis zu, in zwei, drei Minuten wären sie wieder da. Ich wartete also. Eine Hausnummer weiter war ein Polizeieinsatz, ich stand also immerhin nicht alleine blöd in zweiter Reihe. Und ich stand eine ganze Weile da. Zwischenzeitlich hatte ich schon Sorge, dass sie nicht wiederkommen würden, aber in der Ausweishülle der Frau steckten auch noch ein aktuelles Monatsticket der BVG und ein paar weitere Sachen, die definitiv wert waren, wiederzukommen. Außerdem war die Polizei ja vor Ort …

Auf der Uhr waren zu den rund 6 € Fahrtkosten inzwischen weitere 6 € Wartezeittarif aufgelaufen, ein bisschen mehr als zwei, drei Minuten so kosten – aber dann kamen sie. Sie mit verdrehten Augen, er mit einer Gemütlichkeit, die ihresgleichen sucht. Den Arsch halb aus der Hose hängend zwängte er sich wieder ins Auto und verlangte, dass ich sie beide zum Kotti bringe, Berliner Sparkasse. Na jut.

Dort wurde es dann etwas seltsam. Er gab ihr eine Bankkarte nebst PIN und blieb selbst im Auto. Aber ok, er war halt nicht mehr so fit zu Fuß. Im Auto fing er an rumzuzetern, was sie denn so lange brauche, wobei ich ihn ein wenig beruhigen konnte. Mein Gott, Automaten nerven halt manchmal. In dem Fall aber kam sie zurück und sagte, die PIN wäre falsch. Und sie zitierte exakt die Nummer, die er ihr gegeben hat. Inzwischen erfuhr ich auch, dass es gar nicht seine Bankkarte war, sondern die seiner Frau. Aber OK, ist ja nicht mein Leben.

Er schimpfte ein bisschen vor sich hin, dass er dann ja auch gleich die 150 € aus der Wohnung hätte mitnehmen können. Sie verdrehte wieder nur die Augen und die Fahrt – inzwischen waren wir bei über 20 € – sollte wieder in seine Wohnung gehen. Natürlich hab ich mir zu dem Zeitpunkt so langsam Sorgen um meine Kohle gemacht, aber wenn man mal ehrlich ist, hab ich schon seltsamere Fahrten gehabt. Zurück in der Köpenicker hielt ich abermals ziemlich blöd, dieses mal als Einziger auf weiter Flur. Die nächsten 10 Minuten bekam ich folglich ein Best-of an Beleidigungen von Rad- und Autofahrern zu hören. Aber was willste machen, wenn die Kundschaft gehbehindert ist? Mal kurz ums Eck fahren?

Irgendwann kam die Begleiterin wieder raus und meinte:

„Er sucht noch seinen Ausweis.“

„Wozu?“

„Weeß ick do’nüscht!“

Ich kam mit ihr ein bisschen ins Gespräch, so langsam wollte ich auch wissen, was hier eigentlich abging. Er ließ sich kreuz und quer durch Kreuzberg fahren, sie beklagt, dass sie schon wieder nüchtern werden würde … und sie war nicht einmal seine Frau. Hä?

Von ihr hab ich dann erfahren, dass sie den Herrn nur flüchtig kennt, ein paarmal beim Trinken getroffen, so wie an dem Abend eben. Beim Trinken hätte sich der Kerl dann in die Hose gemacht („Gut, dass Sie Ledersitze haben!“)* und außerdem noch mehr Geld holen wollen. Seine Frau gab ihm dann die Bankkarte mit. Er hatte in die illustere Runde gefragt, wer ihn begleiten wolle – aber bis auf sie hätten alle abgelehnt. Sie wisse nun auch warum, meinte sie. So eine Odyssee wolle sie sich auch kein zweites Mal mehr antun. Sie war offenbar auch davon ausgegangen, dass es einfach kurz eine fünfminütige Fahrt ums Eck sein würde – und dann, zack: nächstes Bier!

Als sie das mit dem Ausweis nochmal anspricht, sage ich ihr, dass sie ihm das besser ausredet. Die Uhr laufe schließlich und wirklich brauchen sollte er den Ausweis bei ihrem Stammkiosk ja wohl nicht ernsthaft. Daraufhin hat sie zum einen entgegnet, dass sie ohnehin vermutet, er hätte den Ausweis dort gelassen, zum anderen bemängelte sie, dass ich die Uhr ja auch ausmachen könnte, weil: Da sitzt ja keener drin!

Ich hab sie noch kurz darüber aufgeklärt, was es mit dem Wartezeittarif auf sich hat und dass ich mir auch besseres vorstellen könnte, als darauf zu warten, dass jemand mal kurz seine Wohnung auf den Kopf stellt. Und, das sei positiv angemerkt: Das hat sie verstanden und dann beschlossen, den Typen rauszuholen. Die Uhr stand nun bei 30 €, mehr als eine Stunde war seit Beginn der Fahrt verstrichen – und wir waren keinen Kilometer Luftlinie vom Start- und Zielpunkt entfernt.

Natürlich machte ich mir inzwischen Sorgen, aber wenigstens sie schien mir trotz Alkoholisierung zurechnungsfähig und auf eine ihr ganz eigene Art auch sympathisch zu sein. Meine Begeisterung hielt sich trotzdem in Grenzen, als sie nach ein paar Minuten wieder alleine rauskam und sagte:

„Dit wird nüscht mehr!“

„Wie jetzt?“

„Na, der will ohne seen Ausweis nich‘ weg hier!“

„Das ist ja meinetwegen ok. Aber wer bezahlt mir jetzt bitte die Fahrt?“

„Na, ick sicher nich‘!“

Na dann ist ja alles geklärt! -.-

Sie drückte mir noch einen Zettel von ihm in die Hand, der – so mutmaße ich mal – irgendwie ein Versprechen für eine Rechnungsbegleichung sein sollte. Allerdings war das Dokument mit vier Zeilen „Text“ sowas von komplett unleserlich, da hätten sich Ärzte noch eine Scheibe von abschneiden können. Ehrlich: Ein Wort habe ich gefühlt als „Taxi“ entziffern können, der Rest war eine Aneinanderreihung von Kringeln. Hätte auch Steno oder Arabisch sein können. Bei allem Optimismus und gutem Willen war das Ding so wertvoll wie eine Kinderzeichnung.

Da sie aber selbst noch zum Ostbahnhof zurückwollte, hab ich sie kurzerhand eingeladen und ihr gesagt, dass wir dann eben zur Polizei fahren. Sie fand das nicht unbedingt toll, hat sich aber auch nur so mittelprächtig gewehrt. Ich hab ihr (der Wahrheit entsprechend) auch nochmal gesagt, dass das jetzt nichts persönliches ist und ich von ihr auch gar nicht erwarten würde, dass sie das Geld zahlt (obwohl sie gerne dürfe!) und ich sie nur als Zeugin bräuchte, weil sie den Typen kennt. Es war eine schmale Gratwanderung, denn gepasst hat ihr der Mist natürlich überhaupt nicht. Aber ich hab sie bei ihrem Unmut über den Typen gepackt und zudem einfach auf ihr Gerechtigkeitsempfinden gesetzt:

„Ist für Sie scheiße, ist für mich scheiße, schon klar. Aber ich hab jetzt anderthalb Stunden Zeit für sie geopfert, da nehmen Sie sich bitte jetzt auch die Zeit für mich!“

Und so saßen wir dann 5 Minuten später auf dem Polizeirevier und haben uns gemeinsam ein bisschen über den Abendverlauf geärgert. Und so ewig es uns auch vorkam: Eigentlich war die Wartezeit kurz. Im Büro der Beamtin erläuterte ich kurz, wie das alles verlaufen war, die Version meiner Begleiterin war genau gleich, nur angereichert durch Wiederholungen und Unwichtigkeiten. Ein kleines Problem war dann doch die Identität des Missetäters, denn sie kannte ihn nur als „Herbert“. Die Wohnadresse, zu der wir gefahren waren, war auch nicht seine, sondern die seiner „Frau“, die aber in Wirklichkeit nur sein Freundin war.

„Hilde Schuhmann, so stand’s ja auch auf der Karte vonner Bank!“

Ein nachnamenloser Herbert also. Na klasse.

Aber was wäre die Welt ohne herzerweichend bescheuerte Zufälle!

Während die Beamtin mit hochgezogenen Augenbrauen die Anzeige aufnahm, kam einer ihrer Kollegen rein und meinte, sie solle unbedingt mal auf Wache XY anrufen, das hätte vielleicht „mit der Geschichte hier“ zu tun. Während ich mit mir selbst Wetten abschloss, ob es dabei auch wirklich um „meine Geschichte“ gehen könnte, verschwand die Polizistin zum Telefonieren. Und siehe da: Ein gewisser Herbert hatte wohl seinen Ausweis an einem Bahnhofsimbiss liegen lassen und die Cops haben da aus zwei Halbsätzen mal eben flugs einen Zusammenhang erschlossen. Fast wie bei Tatort. Ja, scheiß doch die Wand an! 😀

Natürlich: Das kann trotzdem alles im Sand verlaufen. Von Hans Baecker hab ich auch nie wieder was gehört. Vielleicht ist der Kerl ja dement und mittellos, was weiß ich schon. Seine Bekannte wusste da jedenfalls auch nix. Aber mal davon ausgehend, dass er zahlen wollte und es irgendwie auch kann … vielleicht wird das ja noch was. Dann wären zwei Stunden Zeitaufwand für am Ende 37,40 € ja eigentlich doch ganz in Ordnung.

*Das war schon lange getrocknet und gerochen hat auch nix. Diesbezüglich hat mir die Fahrt genau null Ärger gemacht. Einmal abgewischt hab ich hinterher vorsichtshalber aber doch.

Wenn Fahrgäste mal RICHTIG Panik kriegen

Die drei betrunkenen Briten waren eigentlich guter Laune, aber plötzlich tippte mir der Beifahrer hektisch auf die Schulter und meinte, dass wir Probleme mit dem Auto hätten und nestelte panisch an seinem Sicherheitsgurt. Ich hab die Welt nicht mehr verstanden und folgte seinem angsterfüllten Blick auf die Mittelkonsole und musste mich beherrschen, nicht laut loszulachen.

Der Zufall war einfach zu genial. Ich muss da kurz ein wenig ausholen …

Ich höre gelegentlich zur Entspannung Musik im Auto und das tue ich manchmal auch, indem ich mich aus meiner CD-Sammlung zu Hause bediene und ganze Alben mitnehme. Da die Anzeige gerne mal Fragen aufwirft, sehe ich inzwischen aber zu, dass ich wenn Kunden einsteigen nicht nur wie immer die Musik leise mache, sondern auch auf Radio als Quelle switche. Das hatte ich dieses Mal vergessen. Die CD hatte CD-Text, und dabei zeigt das Radio nur selbigen, keine Titelnummer oder ablaufende Zeit an. Das lautlos vor sich hindudelnde Album war die gute alte Americana von The Offspring und wir waren bei Titel 10 angekommen. Die Angst des Fahrgastes lässt sich somit ganz gut nachvollziehen:

In der Tat eine, ähm, missverständliche "Warnmeldung". :) Bild später nachgestellt, Quelle: Sash

In der Tat eine, ähm, missverständliche „Warnmeldung“.
Bild später nachgestellt, Quelle: Sash

Ich überlege gerade, ob ich mir einen Sampler mit fehlinterpretierbaren Titeln zulegen sollte … Vorschläge für Lieder? 😀

Menschen, die sich kompliziert bekleiden

Das Pärchen war für die Party hergerichtet, umfassend. Auffallend insbesondere waren die engen Latexröcke, die beide trugen, sie wie er. Was die beiden deutlicher unterschied, war die Fähigkeit, ins Auto zu steigen. Während er recht schnell saß, musste die werte Dame locker 5 Anläufe nehmen, um irgendwie reinzukommen. Und der Grund war eben jener Rock, denn er war derart eng, dass sie die Beine einfach nicht weit genug außeinander bekam, um mit einem Fuß ins Auto zu steigen und den anderen derweil sicher auf dem Bordstein zu belassen. Das war in all den Jahren ungelogen das erste Mal, dass der Zafira in Sachen Einsteigen eher negativ aufgefallen ist. Sonst wird er höchstens gelobt. So gesehen tendiere ich dazu, mich über die Kleidung lustig zu machen, die derart elementar die Bewegungsfreiheit einschränkt … 😉

„Iist für soo gaajile Kurvää!“

OK, Trinkgeld fürs Heizen hat sicher jeder Taxifahrer schon mal bekommen. Die Kundschaft hat es oft eilig und ein paar von denen, die hohe Tips versprechen, halten sich dann ja doch daran. Nicht viele, aber immerhin.

Hier aber war die Sache ganz anders gelagert.

Die Spaßigkeit der Truppe begann schon mit der Taxiwahl. Ich stand mit zwei Kollegen zusammen am Ostbahnhof und eigentlich hat sich keiner von uns davon irgendwas versprochen. Es war unter der Woche, schon nach drei Uhr; ich hab mich selbst nur in Position zwei eingereiht, weil ich mit dem Kollegen quatschen wollte. Und Nummer drei gehörte dann ebenso zu den üblichen Verdächtigen, ein Kollege aus meiner Firma noch dazu.
Während wir so quatschten, kamen die Kunden. Sie blieben vor meinem Auto stehen und einer der Vier fragte in die Runde:

„Ähm, wir würden gerne den hier nehmen …“

Ich antwortete eloquent:

„Das ist überhaupt kein Problem, und ich freue mich besonders, denn das ist meiner.“

Ich warf dem Kollegen einen gespielt mitleidigen Blick zu, denn er hatte, als er die Kunden als solche ausgemacht hatte, bereits gesagt:

„Ha, jetzt komm‘ ich weg und mach meinen Hunderter voll!“

Und ich hatte den Hunni schon in der Kasse. Auch die Autowahl war fast etwas seltsam, denn jener Kollege vor mir fuhr einen gepflegten Passat, der hinter mir bereits die neuere Zafira-Variante, den Tourer. Aber nein, sie wollten meine alte Gurke. Glaubt es oder nicht: Mich schockt das nicht mehr, die Wege der Fahrgäste sind unergründlich.

Die vier Leute entpuppten sich als drei Nicht-Muttersprachler mit starkem russischen Akzent nebst einem vermutlich deutschen Mitreisenden. Der hielt mir auch schnell eine Dose unter die Nase und fragte:

„Willste ein paar Nüsse?“

„Nee, danke. Aber: Sehr nett!“

Einer der anderen drei lotste mich nur drei Häuserblocks weiter und machte dann den Witz, dass da alle aussteigen würden. Was ich betont cool abtat und ihm erklärte, dass daran eigentlich nix witzig sei und ich selbstverständlich auch kurze Strecken fahren würde. Er stieg dann aus, nicht ohne mir noch schnell die Abkürzungen zu nennen, die ich fortan zu fahren hätte. Denn natürlich mussten die anderen noch ein ganzes Stückchen weiter.

„Und? Party vorbei für heute?“,

fragte ich meinen Beifahrer, der nicht nur das beste Deutsch sprach, sondern auch der nüchternste zu sein schien.

„Na … aber sicher! HALLOHO, ich hab Erdnüsse dabei! Wie würdest Du das einschätzen? Wie oft passiert sowas bitte!?“

„Hmm, da haste Recht.“

Und so war es auch. Den Fressflash nach dem Kiffen oder Saufen kenne ich auch. Aber die meisten Taxifahrgäste fahren noch mit dem letzten Bier heim – alles spätere ist zumindest bei mir eher selten. Wobei das auch daran liegen könnte, dass ich einer der wenigen bin, der die Leute mit Bierflasche auch noch mitnimmt.

Mir wurde nun eine Straße genannt, die mir wirklich gar nichts sagte, aber mir wurde erklärt, dass es bis fast nach Ahrensfelde gehen würde. Ja, geile Scheiße! Nicht nur eine Tour locker über 20 €, sondern vor allem auch noch in meinen Heimatbezirk – direkt zu der Zeit, zu der ich Feierabend machen wollte!

Und während wir auch darüber so quatschten, wies mich die Dame hinten links zurecht, dass ich auf die Märkische abbiegen müsse. Ohne das böse zu meinen. Ich hab mit einem Grinsen geantwortet, dass ich das wisse. Ich hätte meine Lücken im Stadtplan, aber:

„Hier ums Eck wohne ich, hier kenne ich mich aus, keine Sorge!“

Ich weiß nicht, was mich in dem Moment geritten hat. Mit Kunden an Bord fahre ich immer sehr bedächtig, mit betrunkenen noch dazu. Aber gerade da, in der Kurve von der Landsberger auf die Märkische, einer 300°-Schleife, war mir nach Spaß mit der lockeren Besatzung. Ich kenne die Kurve, ich fahre sie zu jedem zweiten Feierabend, meist allerdings mit leerem Auto. Aber ich kenne auch das Auto mit Beladung und hab die Kurve entsprechend in „Höchstgeschwindigkeit“ genommen, was in dem Fall etwa 50 km/h sind. Ist ja nur ein Opel Zafira. Ich nahm wie immer die Sperrflächen mit und schoss astrein, mit dem linken Reifen nur leicht die Spurbegrenzung touchierend und reifenquietschend auf die Märkische Allee auf. Und während ich noch dachte, dass das jetzt vielleicht doch ein wenig zu herb war, um es mit Fahrgästen zu tun, jubilierte es hinter mir plötzlich laut:

„Sooo gaajil! Bin iich noch nie gefahren diese Kurvää soo gaajil! Kriegst Du Eextra von mjir!“

Die gute Frau war höchst verzückt, ich konnte es selbst nicht verstehen. Aber hey, ich hatte offenbar alles richtig gemacht. 😀

Das angesprochene Trinkgeld war nicht wirklich üppig. Sie hat die 23,40 € auf 25 € aufgerundet. Aber sie hat es explizit nochmal erwähnt:

„Kriiegst Du für Kurvää! War so guut, bijn ich voll gaajil!“

Ich weiß nicht, ob sie DAS so sagen wollte – aber es wäre immerhin eine Erklärung für all das. Ich jedenfalls schreibe mir jetzt „geiles Kurvenfahren“ auf meine Referenzliste. 😉

Wenn Fahrgäste philosophische Erkenntnisse haben

oder das, was sie dafür halten.

„Nee, jetzt mal ohne Scheiß: Is’n netter Abend gewesen. Aber ich hab zu viel gesoffen … ich wunder mich ja schon, was ich in meinem Alter noch wegstecken kann.“

„Na dann isses doch gut jetzt. Jeder Tag braucht mal ein Ende.“

„Du sagst es! Und war ja auch nicht leicht. Sorry, ich bin heute ein bisschen philosophisch drauf und ich muss schon sagen: Ich war ganz schön stressig heute!“

„Andere hätten’s auf andere Leute geschoben …“

„Ja, aber nee, so bin ich nicht. Ich bin mehr so philosophisch drauf. Ich hab Gott und die Welt zugelabert und war richtig anstrengend, das kannste mir glauben!“

[…]

„Was kriegste jetzt von mir?“

„9,80 €.“

„Na, dann mach mal zwölfe! Hast ja jetzt auch mich mit meiner philosophischen Art ertragen müssen. Aber jetzt haste wieder freie Fahrt! Ich quatsch‘ jetzt erstmal meine Frau und meine Kinder zu!“

Da musste ich um 3.30 Uhr nachts dann doch ein wenig schmunzelnd viel Spaß wünschen. Auf, äh, philosophische Art und Weise … 😉

Verkehrssituationen zum Selbstinterpretieren

Da fährt man, immer das Fahrtziel des Kunden im Blick, gemütlich durch Kreuzberg und plötzlich leuchtet schräg hinter einem Blaulicht auf. Wie jeder Autofahrer denke auch ich in solchen Situationen immer:

„Fuck, da war nur 30 erlaubt!“

Ich wollte abwarten, was die Cops machen, dann aber hab ich gesehen, dass sich 50 Meter vor mir ein Oberklasse-Audi mit Warnblinker halb quer über die Fahrbahn gestellt hat. OK, dann hat der wohl die Cops angelockt. Stand aber auch zu doof da. Ich musste selbst sehr vorsichtig vorbeifahren. Und als ich das tat, sah ich vor ihm auf der Straße … einen Marder sitzen.

Ich hoffe, die Beteiligten heute Nacht hatten alle noch Spaß! 🙂

PS: Ich hab wirklich keine Ahnung. Auf den ersten Blick sah der Marder nicht angefahren aus, warum das Auto so quer hielt, weiß ich nicht und was die Cops wollen, ist ja oft bis zum Gerichtstermin fraglich. Ich freu mich einfach, dass ich weiterfahren konnte.