Eine Frage der Höflichkeit

Ich hab echt nichts gegen den familiären Tonfall auf Berlins Straßen. Gestern allerdings ist mir aufgefallen, wie sehr ich mich daran gewöhnt habe. Da stand plötzlich am Bahnhof eine junge Frau an meinem Auto und fragte:

„Entschuldigen Sie, dürfte ich Sie um eine Auskunft bitten?“

Und das kam mir irgendwie sehr seltsam vor. Normalerweise kommt doch eher:

„Sag mal, weißte wo hier die nächste Brücke über die Spree ist?“

Antworten gibt’s nach wie vor auf beides. 🙂

Reflexe (2)

Am Ostbahnhof tummeln sich neben einer eigentlich ganz netten Riege unserer Firma auch einige kuriose Fahrer. Das ist nicht zwingend negativ gemeint, manche sind einfach nur ein bisschen klischeehaft. Einer allerdings ist so blöd, der blickt nicht einmal, dass ich ihn für blöd halte. Der ist für einige kuriose Anekdoten hier verantwortlich – allerdings eher für die WTF-Momente, nicht die ganz krassen Dinger.

Naja, der hat gestern wohl auch wieder einen guten Tag gehabt.

Ich fahre kurz vor Mitternacht an den Bahnhof ran, eigentlich wollte ich eine rauchen. Aber was erblicken meine Augen da? Ein leerer Taxistand und wartende Kundschaft. Besagter Kollege fuhr gerade vor mir an den Gehweg ran, die Leute winkten verzweifelt, die S-Bahn war wohl ausgefallen. Da tat der Kollege das einzig sinnvolle:

Er riss das Steuer herum und schlingerte mit quietschenden Reifen und ohne Kundschaft von dannen.

WTF?

Also meine Tour war ruhig, entspannt, erschöpfte BVG-Fahrgäste mit einer Tour über Umwege bis zum Zoo. 18,40 € auf der Uhr, 23 € bar auf die Hand. Also wenn ich vor sowas immer flüchten würde …

Peppi, Peppi, Peppi …

Ich möchte zum …

„Das Berghain?“

„Gar kein Problem, das ist …“

„Ist nich weit, oder?“

„Nein, sie müssen da vorne …“

„Ah, ich dachte schon, das wär da hinten irgendwo!“

„Nein nein, einfach hier …“

„Soll ja gut sein dort.“

„Ja, sagt man. Also wenn sie …“

„Schon mal dagewesen?“

„Drinnen?“

„Ja, wie komme ich denn jetzt da hin?“

„Wollte ich ja gerade …“

„Ihr Kollege wollte mir das nicht sagen.“

„Naja, jetzt mach ich’s ja.“

„Was?“

„Ich erkläre ihnen jetzt kurz den Weg. Ist gar nicht schwierig. Nur hier vorne …“

„Das ist gut, ich hab so’n schlechtes Gedächtnis.“

„Ist nur zweimal ums Eck. Wenn sie hier links …“

„Ach, da wäre ich ja völlig falsch gelaufen!“

„Also links!“

„Was haben Sie gesagt?“

„Sie müssen hier vorne …“

„Ich bin ja nur dieses Wochenende hier …“

„Ja. Also passen sie auf: …“

„Kommt man da echt so schwer rein?“

„Ja, soll nicht leicht sein. Soll ich ihnen …“

„Ja, wie komme ich da jetzt hin?“

„Hier links, dann die nächste rechts …“

„Moment, ich würde mir das gerne aufschreiben. Wo hab ich denn jetzt meinen Stif … ach dann halt Handy!“

„Haben Sie’s nun? Ist doch nur hier links, nächste rechts und dann wied …“

„Warten Sie, warten Sie! So schnell kann ich auch nicht tippen!“

„…und dann wieder links.“

„Das klingt aber kompliziert.“

„Ach was: links, rechts, links, immer die erste Str …“

„Können Sie mich da vielleicht einfach hinfahren?“

Dreimal alleine während dieser Unterhaltung, dreimal. Mindestens -.-

N‘ Juter mit Pommes

„Ick bin’n Juter! Nimmste mich mit?“

„Kommt drauf an: was hattet ihr denn für ein Problem?“

Es ist nicht oft so, dass ich potenzielle Kundschaft über irgendwelchen Stress per se ausfrage. Dass der Kollege vor mir z.B. den Kunden abgelehnt hatte, wäre mir egal gewesen. Dass der „Jute“ allerdings kurz zuvor den Fahrer davor als Taxi-Lutscher beschimpft und bereits als ich ankam ein kleines Stelldichein mit Polizeibeamten hatte, hat mich skeptisch gestimmt.

So für den Moment wirkte der Kerl wirklich nett wie sonstnochwas und stand mir auch höflich Rede und Antwort. Der erste Fahrer hätte ihn nicht mitgenommen, weil er sich Pommes geholt hätte …

Aha. Das ist vielleicht nicht notwendig, aber hey – ich hatte auch schon Pommes im Auto verteilt und akzeptiere es, wenn Kollegen da nein sagen.

„Und dann war ich sauer und hab ihm Pommes auf die Scheibe geschmiert …“

Ach so, nee ist klar.

„Und dann hat der die Bullen gerufen! Echt jetzt Mann, die Bullen!“

„Ähm, dein Beitrag war jetzt aber auch nicht die feine englische, oder?“

„Naja, aber …“

Eine knappe Minute hat er sich damit zu rechtfertigen versucht, dass es auch schlimme Taxifahrer gibt. Tut ja auch voll was zur Sache in dem Moment. Wenn er jetzt irgendwas gegen den Kollegen hätte vorbringen können – aber nein: der Hinweis, dass er ihn mit Pommes nicht mitnehmen würde, war wohl wirklich alles. Als hab ich ihn weiter eher fragend und vorwurfsvoll angesehen. Und er so:

„Hey, ich bin nicht mehr ganz nüchtern – ok. Aber ich bin’n Juter. Ehrlich. Ich bezahl Dich, ist eine Fahrt mehr. Ich weiß, wo ich wohn, alles easy. Ist deine Entscheidung, ich lauf auch. Ehrlich, kein Problem. Wäre eine gute Tour für dich, aber wenn Du nicht willst … echt, ich will nur nach Hause, ich lauf auch, so ist es nicht, ich bin da nicht so, SCHEISSE, DANN LAUF ICH HALT!“

Sprach’s und knallte seine frisch erworbenen Pommes vor dem Taxistand auf den Boden. Ich hab wirklich nix gemacht bis dahin, war aber froh, dass sich die Geschichte so erledigt hat. So wie der drauf war, hätte der mir wahrscheinlich vor Hass auf eine rote Ampel demonstrativ ins Auto gekotzt oder sowas. Echt, Leute gibt es …

Perfekte Momente

Die Nacht verlief gut, klagen konnte ich nicht. Es zeichnete sich bereits ab, dass ich die am Wochenende angestrebten 200 € Umsatz ausnahmsweise mal recht problemlos zusammenkriegen würde. Bislang hatte ich zwar nur die Hälfte, aber es war noch nicht einmal die nullte Stunde verronnen. Mit den vielen Fahrten in den frühen Morgenstunden sollte das kein Problem mehr werden. Die Zeit zwischen 0 und 2 Uhr etwa zieht sich bei mir immer ein bisschen, ich befürchte, meine übliche Kundschaft ist da schon an ihren Zielpunkten, aber noch nicht bereit, heimzufahren. Also hätte ich noch ein bis zwei Stunden rumbringen müssen, bis es wirklich wieder losging.

Auftritt beschnauzbarteter Brillenträger mit Koffer:

„Ich hab hier so einen Gutschein …“

„Von der Bahn?“

„Genau. Nehmen Sie die?“

„Selbstverständlich.“

„Na dann: wollen wir eine schöne Fahrt machen?“

„Gerne doch. Wo soll es denn hingehen?“

„Nach Gosen.“

Meine tote Stunde mit einer 40€-Tour zu füllen, war das beste, was mir passieren konnte. Abgesehen davon gab es sogar die üblichen 10% Trinkgeld. Nein, die 200 waren an dem Abend kein Problem. Gescheitert bin ich erst 50 Cent vor den 250 € 🙂

Tippeditipp …

Fahrgäste haben alles in allem ein ziemlich komisches Bild von unserem Job. Besonders mag ich als Raucher z.B. die Leute, die ganz überraschend auftauchen und mich dann bitten, doch noch zu Ende zu rauchen. Wenn sie nicht selber eine Kippe in der Hand haben, quittiere ich das immer mit einem Lächeln und sage:

„Nein, steigen Sie bitte ein. Ich rauche ja nur, weil ich keine Kundschaft habe.“

Je nach Taxistand und Zeitpunkt warten wir einfach relativ lange. Viel zu lange. Vor allem viel zu lange, um uns permanent bereitzuhalten. Also nein, wir müssen uns natürlich bereithalten – schon der Taxiordnung wegen – aber natürlich sitzen wir nicht mal eben 45 Minuten in permanenter Alarmbereitschaft da, immer die Finger am Zündschlüssel.

Dass wir im Falle spontanen Kundenbesuchs nicht mal eben 5 Minuten brauchen sollten, weil wir uns noch anziehen müssen, das ist klar und da bin ich auch dafür. Aber dass wir während der Zeit lesen, fernsehen, telefonieren, essen, online gehen, rauchen etc. – das sehe ich irgendwie als selbstverständlich an. Selbst mal kurz die Augen schließen ist kein Weltuntergang – so lange man nicht in Tiefschlaf verfällt, weil man übermüdet ist. Und sicher, man sollte die Umwelt vielleicht nicht ganz aus den Augen verlieren, aber ein Taxifahrer, der sich am Taxistand entspannt, ist mit Sicherheit kein schlechter oder unvernünftiger Kollege. Im Gegenteil, es ist auch eine prima Taktik, um auch lange Schichten fit und motiviert rumzubringen.

Und so saß ich dieses Mal da, hab gelangweilt aus dem Fenster gesehen, als Kundschaft am ersten Wagen vorbeiging und dann zu mir kam. Sie stiegen ein und nannten ein recht lukratives Fahrtziel. Ohne die Kunden jetzt wieder loswerden zu wollen, musste ich nach dem Losfahren aus reiner Neugier trotzdem fragen:

„Was ist mit dem Kollegen? Wollte der nicht?“

„Ach der, der hat da auf seinem Handy getippt.“

Ich war dankbar für die lange Fahrt, aber mal im Ernst: ist es nicht echt ein bisschen zu viel verlangt, dass wir uns kein bisschen ablenken dürfen, um ja keine Fahrt zu verpassen? Und hey, auch an erster Position steht man manchmal eine halbe Stunde – hier in Berlin sogar unbezahlt. Nach einem Klopfen an die Scheibe oder dergleichen sind wir aber in der Regel alle sofort da und arbeitsbereit, also traut euch. 🙂

Wunschträume …

Wenn Kunden die Kosten beim Taxifahren zu hoch einschätzen … immer wieder schön!

Ob ich EC-Karten nehmen würde, fragte mich der junge Mann am Ostbahnhof.

„Leider nein, ich hab keinen Leser dafür.“

gab ich wahrheitsgemäß an. Ich konnte auf die Schnelle (also in 10 Sekunden oder so) auch keinen Kollegen mit Terminal auftreiben, dann entschied er sich, doch mit mir zu fahren. Ich fragte nach einer Bank, die wir vielleicht anfahren könnten, er winkte ab: das würde schon gehen. Er wolle auch nur in die Finowstraße. Mir lag auf der Zunge, zu fragen welche, da schob er ein:

„Die hier in Friedrichshain!“

Alles klar, kurze Tour. Macht nichts, besser als in die hohle Hand geschifft – wie man so schön sagt. Acht Euro vielleicht …

Eine Minute später hing er am Telefon und bat einen Freund, am Zielort runterzukommen. Kein Bargeld, Taxi hat keine Kartenzahlung, diese Geschichten. Und daraufhin:

„Äh … so fünfzehn Euro.“

Ich hab mich ohne Witz vor Schreck erst einmal umgedreht.

Leider war es dann eben doch nur Verplanung und kein herzzerreissendes Mörder-Trinkgeld. Aber ich hab für die 8,00 € einen Zehner gekriegt, das reicht ja auch. Hoffe nur mal, dass die 15 € kein Erfahrungswert waren …