Ungeduld

Ich hab zwar am Ostbahnhof meine Lieblingshalte und stehe da auch manchmal ein bisschen länger und unterhalte mich mit Kollegen – ich fühle mich aber trotzdem wie das Gegenteil eines Flughafenfahrers beispielsweise. Dass man da auch seine Kohle macht, glaube ich ja – aber die Wartezeiten sind mir trotz der meist langen Touren zu extrem.

Am Flughafen dauert eben alles ein bisschen länger – aber das wissen wir Berliner inzwischen ja recht gut …

Kollege Mehmet hat allerdings neulich den absoluten Joker gezogen. Steht zweieinhalb Stunden in Schönefeld an und nimmt als sechster in der Reihe einen Funkauftrag in der Nähe an. Er fährt hin, wartet, wartet, wartet und wartet noch ein bisschen, aber keiner kommt. Also ist er zurück zum Flughafen und hat sich wieder hinten angestellt. Wieder zwei Stunden. Dann eine Fahrt zur Spinne in Rudow. Die erste Hälfte, die ersten 5 Stunden seiner Schicht waren das – für 10 € Umsatz.

Seine schlechte Laune konnte ich wirklich gut verstehen. Ich hatte in der selben Zeit fast 100 € auf der Uhr.

Live bei der Arbeit

Angefangen hatte alles ganz harmlos. Ein junger Mann fragte mich, ob ich ein wenig englisch spräche und ob ich fünf Leute mitnehmen könnte. Der Einfachheit halber habe ich beides mit ja beantwortet. Ach, wie toll das sei – ob ich jetzt auch noch wüsste, wie man zur Simon-Dach-Straße käme?

Ich hatte schon schönere Anfragen am Ostbahnhof. Aber gut, sechs Euro sind sechs Euro – und Zuschlag gibt es ja auch noch. Und wo wollen Großgruppen dort schon hin. Die wenigsten kommen aus dem Bahnhof und fragen mal eben an, ob man auch nach Frankfurt/Oder fährt.

Dann meinte er, dass das ja super sei und wir nur noch kurz auf die Leute warten müssten. Ich hab wahrscheinlich etwas sparsam geguckt. Nichts gegen eine kurze Tour, aber darauf warten? Eine ältere Frau wollte sich schon an ihm vorbei ins Taxi schieben und hatte auf der Stirn nur für Taxifahrer sichtbar den Aufdruck „Pankow, 17 €“ stehen. Mein Fahrgast indes war einer von den leider sehr wenigen, der die Situation verstehen konnte und meinte gleich:

„O, you can start the meter – of course I’ll pay that!“

Na dann können sich die Leute auch gerne Zeit lassen! 🙂

Also Uhr angemacht und mit ihm zum InterCity-Hotel gefahren. Dort würden die anderen dann rauskommen. Ein verfrorenes Mädel fragte gleich an, ob sie sich ins Taxi setzen könne. Sicher, dafür bezahlten sie ja.

Nun folgte der Auftritt einer anderen jungen Frau, bei der ich fälschlicherweise auf der Stirn zunächst „Fernfahrt“ gelesen habe. Sie gestand jedoch, eigentlich nur meines Blogs wegen dazusein. Sie wollte mal eben rausgucken, ob ich nicht zufällig gerade … und dann kam ich ihr mit Kundschaft direkt vor die Füße gefahren …

Während der folgenden kurzen Unterhaltung kam ich natürlich schlecht umhin, meinen zwei Fahrgästen auch zu erzählen, dass ich blogge. Der Rest der Truppe ließ weiter auf sich warten. Am Ende stand bereits ein runder Zehner auf der Uhr, was damit abgetan wurde, dass das in Schweden ganz normal sei.

(Kleiner Einschub: wenn ich meinen Fahrgästen aus dem Ausland alles glauben würde, würde ich nirgends auf diesem Planeten mehr Taxi fahren. 9 € Einstiegspreis in Italien, 10 € in Schweden und in England keine fixe Summe, sondern einfach immer 1 € mehr als meine Fahrt gekostet hat)

Sehr schön waren dann die andächtigen Worte nach dem Einstieg:

„And now keep cool. He’s a taxiblogger! Really! There was a fan waiting outside!“

Andächtige Stille.

😀

Nachdem sie am Ende rekordverdächtige 15,10 € (plus Trinkgeld) für die Fahrt gezahlt hatten, musste natürlich noch das Wesentliche geklärt werden:

„And what should we do that you’re writing about us?“

Ach, eigentlich gar nicht mal so viel … 😉

Kollegiale Hilfe

Gerade am Ostbahnhof passiert das jede zweite Nacht: Irgendein Taxifahrer hält am Stand und fragt mich oder einen der Kollegen nach einer nahe gelegenen Adresse. Berghain, Pegasus Hostel, Fritz-Club zum Beispiel. Und man hilft sich. Natürlich. Ich hab – ohne das irgendwie eingeplant zu haben – ja auch so mein Stammrevier, meine Lieblingsecke. Da kennt man am anderen Ende der Stadt nicht alles. Um ganz ehrlich zu sein: so manche Location bemerkt man auch nach hundert mal vorbeifahren nicht. Und ich würde schon sagen, dass ich seltenst mit geschlossenen Augen fahre …

Insofern ist diese Hilfe unter Kollegen sinnvoll und auch wichtig. Berlin ist groß und wenn man schon jemanden fragen muss, dann doch am Besten jemanden, der sich ebenso recht gut auskennt. Nur woanders vielleicht. Und ob über Funk oder persönliche Nachfrage ist ja egal.

Den Kollegen aus Berlin empfehle ich übrigens, sich noch mal taxi-weblog.de anzuschauen. Aro, Klaus und ich haben da mal angefangen, für Taxifahrer relevante Neuigkeiten zu sammeln und zu posten. Ich bin zwar in letzter Zeit dort zu nichts gekommen, aber jede Einsendung macht die Seite besser!

Und nun stand ich da.

Amber Suite! Nie gehört. Und zwar wirklich nie. Aber da wollte die Kundschaft hin. Das heißt, eigentlich wollten sie zum Fritz. Der Türsteher jedoch legte ihnen auf offenbar sehr charmante Art nahe, dass sie des Alters wegen vielleicht einen anderen Club suchen sollten. Ich hab schon viel schlechtes über und von Türstehern dort gehört, der hier jedoch hat sie scheinbar wirklich nicht rausgeschmissen, sondern eine Empfehlung ausgesprochen, der meine Gäste gerne gefolgt sind.

Ja schön, und nun?

Ich wollte schon Onkel Google bemühen, da meinte einer der Fahrgäste, er frage noch mal eben nach und stürmte davon.

Ich hätte die Lösung sicher – trotz aller Pannen, die dabei auftreten können – einen Kollegen gefragt, aber er sprintete schnurstracks zum Türsteher zurück. Und als er wieder ankam, fragte er nur:

„Ullstein-Haus? Sagt dir was?“

„Na klar.“

Und ab ging es. Ich will es bei den vielen Arschlöchern in vielen Berufszweigen nicht zu weit herausposaunen, aber es gibt so Momente, in denen ich die Hoffnung habe, wir Nachtarbeiter könnten uns alle irgendwann mal als Kollegen sehen und uns helfen …

Taxirufsäulen

Das ist wirklich ein Thema für sich. An sich sind die Rufsäulen nicht die dümmste Idee. Seit Handys und Taxi-Apps existieren, verlieren sie natürlich an Bedeutung – viel mehr schadet den Teilen aber, dass sie offenbar kein Mensch versteht.

Ganz klassisch lief es neulich wieder. Ich fuhr eine Straße entlang und sah plötzlich jemanden winken. Direkt am leeren Taxistand. Während ich die beiden Fahrgäste begrüße, brabbelt einer der zwei gleich empört drauf los, dass das ja alles scheiße wäre. Er hätte ja auch hier mit der Rufsäule und so – aber keiner wäre gekommen. Ich hab’s mal pragmatisch versucht:

„Das wundert mich nicht.“

„Wieso?“

„Na, sehen Sie hier ein Taxi?“

„Nein, desw …“

„Eben. Und was Sie gerade getan haben, war folgendes: Sie haben hier angerufen und es war kein Taxi da …“

Das ist offenbar inzwischen wirklich verloren gegangenes Allgemeinwissen. Zumindest mit den Säulen in Berlin fordert man keine Taxis an. Im Gegenteil. Diese Säulen stehen am Taxihalteplatz, damit wir Fahrer dort Anfragen entgegennehmen können. Ist der Stand leer, kann folglich keiner rangehen. Die Telefonnummern sind dazu gedacht, notiert zu werden, so dass man z.B. von zu Hause aus direkt vom nächsten Stand ein Taxi ordern kann. Das steht natürlich nicht drauf, da haben die Designer ganze Arbeit geleistet.

Wie gesagt: Dank Handy, Apps und all dem Zeug, das im Laufe der letzten Jahrzehnte überraschend entwickelt wurde, ist der Sinn der Säulen begrenzt. Aber auch nicht völlig von der Hand zu weisen. Gerade hier in Berlin – wo die Vermittlung über Großzentralen läuft – kann bei einer Bestellung auch mal was unklar sein. Wenn man direkt mit dem Fahrer spricht, kann man vielleicht das ein oder andere wichtige Detail im Vorfeld besprechen, was vor allem bei Sonderwünschen (man will den Hund mitnehmen, braucht ein Auto für 5 Leute) von Vorteil sein kann. Auf der anderen Seite braucht man eben das Glück, den richtigen Fahrer zu erwischen …

Was von meinen Fahrgästen folgte, war klar: Unverständnis und ein schneller Themenwechsel, um von der Peinlichkeit abzulenken, dass sie das System nicht verstanden haben. Dabei ist das wirklich eine alltägliche Sache.

Ein kleiner Funfact sei am Rande noch erwähnt: Mit ein bisschen Glück erwischt man so trotzdem ein Taxi. Die Rufsäulen senden nämlich ein Signal aus und wenn ich in der Nähe (so unter 200 – 300 Meter) vorbeifahre, piept es bei mir im Auto. Wenn ich dann noch weiß, wo jetzt genau die Rufsäule steht, fahre ich auch gerne mal vorbei um zu sehen, ob es ein verirrter Mensch ist, der gerade auf dem Telefon vor sich anruft. An die Säule selber gehe ich allerdings nicht, da unser Rufsäulenschlüssel entweder bei meinem Tagfahrer liegt oder in den Untiefen unseres Autos irgendwo vergraben ist. Wie gesagt: sonderlich häufig werden die Teile zumindest in Ostberlin nicht mehr genutzt …

Und tschüss, Jungs!

Ich bin ja allgemein doch ein ziemlich umgänglicher Mensch und es ist nun auch nicht so, dass ich bei jeder Regel immer und überall auf die strengste Auslegung wert lege. Aber manche fordern es echt heraus.

Ich hatte am Ostbahnhof schon eine Weile gewartet, allzu viele Taxen standen dennoch nicht da. Ich war gerade zweiter geworden, da quatschte mich ein junger Mann an:

„Sag mal, kannst Du auch fünfe?“

„Klar – also zumindest, wenn nicht alle zwei Meter groß sind.“

„Ah, ok. Cool. Fehlen grad noch drei, wir kommen gleich wieder.“

Und weg war er. Das „Gleich“ waren dann mindestens vier Minuten und dummerweise kamen in der Zwischenzeit andere Kunden. Irgendwie natürlich blöd, dass sonst kein Großraumtaxi dastand, aber das war nicht wirklich mein Problem. Ich hatte nun nämlich eine nette Tour mit zwei älteren Frauen, die mir von ihrer Urlaubsreise erzählt haben.

Man kann ja Absprachen treffen und wenn die Fahrt sicher ist, dann warte ich auch mal ohne Uhr ein paar Minuten. Aber wer gleich wieder wegrennt und meint, ich hätte den ganzen Abend nichts besseres zu tun, als blindblöd jedem dahergelaufenen Spinner zu vertrauen, der muss dann halt damit leben, dass er nicht der einzige ist …

Auch nicht mehr …

„Ich möchte zum Ibis-Hotel. Das an der Schillingbrücke.“

Man kann jetzt schlecht sagen, dass das Begeisterungsstürme hervorgerufen hättet. Das ist schließlich eine Tour von 500 Metern etwa und ich werde nach wie vor nach Umsatz bezahlt. Aber so sind die Kunden eben … und sie war zudem verzweifelt. Dass es irgendwo hier sein müsste, wisse sie schon – aber nachdem sie jetzt in dem Gewerbegebiet gelandet sei …

Ich bin ja insofern immer froh, wenn Kunden bei mir landen, als dass sie nicht in Zukunft Taxen verschmähen, weil es nicht weit ist. Aber klar, im Einzalfall kann das weh tun. Und dann das:

„Machen Sie das als Kurzstrecke?“

„Nee, sicher nicht. Das geht nicht vom Stand! Aber seien sie beruhigt: das kostet auch so nicht mehr …“

War ja nicht gelogen.

Am Hotel, 4,00 € auf der Uhr, hielt ich an.

„Ach, das is ja wirklich ums Eck! Na, dann machen ’se mal 6, weil sie ihren Platz für mich geopfert haben!“

In Anbetracht der Tatsache, dass ich nun von der Chose ähnlich viel hatte wie von einer 10€-Tour ohne Trinkgeld, weiß ich einmal mehr wieder, weswegen ich das hier schreibe. Es ist ja nicht allzu schwer, auch uns Taxifahrer glücklich zu machen. Man muss es nur wissen, ne?

Being a Taxiblogger

Samstag Abend.

„Entschuldigung? Touren nach außerhalb sind doch Verhandlungssache, oder?“

„Das stimmt.“

„Kommen wir mit 50 € nach Bremen?“

„Puh! Nee sorry, nicht mal ansatzweise …“

„Komm ich damit vielleicht wenigstens ins Blog?“

Also der Preis für die beste Begrüßung am Ostbahnhof geht damit erstmal vollumfänglich an Matthias.* Hätte er nicht so schnell weiter gemusst, hätte er mich noch eine Weile kopfschüttelnd grinsen sehen können … 😀

Allerdings war er nicht der erste an diesem Wochenende. Ähnlich verdutzt (oder sollte ich vaduzt schreiben?) haben mich bereits am Freitag zwei Leser mit der Bitte nach einem Foto überrascht um mir anschließend zu erklären, sie seien aus Liechtenstein. Schon der Einwohnerzahl nach müssten das die einzigen Leser von dort gewesen sein. 😉
Auf das Foto warte ich noch – vielleicht kann ich es ja dann auch mal posten.

So langsam wird es echt zur Gewohnheit, dass ich auf GNIT angesprochen werde. Ozie meinte schon, ich könne ja froh sein, dass ich tatsächlich zu allen potenziellen Kunden erst mal nett bin und mich nicht extra verstellen muss, wenn ich befürchte, auf Leser zu treffen. Nein, es ist schön, mal ein paar von euch zu sehen – auch wenn es immer wieder seltsam ist, den Kollegen zu erklären, warum irgendwelche Passanten mich jetzt gerade fotografiert haben … 😀

Und an alle, die es nicht mal eben so zu nachtschlafender Stunde nach Berlin schaffen: Ich freue mich nach wie vor auch einfach so über Leser. Insbesondere natürlich, wenn sie GNIT auch noch weiterempfehlen oder irgendwelche sonstigen total bekloppten Dinge tun. Die Wahl der Methoden überlasse ich euch.

*Jo hätte für sein „Entschuldigung, ist hier frei?“ im Billardhouse auch einen Preis verdient gehabt. Den Witz hab ich allerdings durch pures Nichtblicken versemmelt, was mich immer noch ein wenig ärgert.