Zweiundsechzig

Ja, zugegeben, das ist mein Alter mal zwei. Viel schlimmer aber: Es kann in Cent auch mal ein Stundenlohn sein. Und das nicht in Sri Lanka, sondern hier in Deutschland.

Wie bereits vor kurzem angekündigt, bloggt Busfahrer Michael jetzt auch übergangsweise aus dem Taxi. Und dort hat er eben jene Erfahrung gemacht, die bei all uns Taxifahrern zum Horrorszenario gehören: ewiges Warten.
Und zwar so extrem, dass selbst meine miesesten Abende weit übertroffen werden. Leider, füge ich als chronisch unterfinanzierter Kollege gerne an.

Ein bisschen Aufmunterung tut ihm sicher gut, also los:

FiF24 – Die zweite Nachtschicht im Taxi (Teil 1)

Weniger mit Zahlen, dafür mehr mit Farben hatte es da Aro, der einen sehr schönen Text über die Landjugend geschrieben hat. Definitiv auch einen Besuch wert:

berlinstreet – Grüne Jungs

Große Scheiße!

Mein treuer Kommentator Wahlberliner hat mich darauf aufmerksam gemacht:

Süddeutsche Zeitung – Grapscher stehen gelassen, Job verloren

Laut dieser Pressemeldung wurde eine Kollegin im bayrischen Deggendorf sexuell belästigt, hat dennoch die Fahrt bis zum Ende durchgezogen (!) und dann Anzeige erstattet. An dieser Stelle gehen schon einmal Props an die Kollegin raus. Sie hätte das nicht tun sollen oder müssen, aber alleine ihr Pragmatismus und ihre Rationalität nötigen mir Respekt ab. Die Contenance haben wenige und ich gehöre definitiv zu den Leuten, die ihr einen beherzten Tritt in die Weichteile des Fahrgastes gegönnt hätten. Danach ist sie zur Polizei und hat den Typen angezeigt.

Nun wurde ihr scheinbar gekündigt, weil sie zufällig abermals auf jenen Kunden traf und ihn dann stehen ließ.

WTF?

Noch besser: selbst die Polizei sieht das offenbar nicht als Verletzung der Beförderungspflicht.

Was für eine Arschgranate ist bitte eine Chefin, die diese Umstände nicht anerkennt und der noch in der Probezeit fahrenden Kollegin kündigt, anstatt ihr Unterstützung zukommen zu lassen?
Im Ernst: Wer glaubt, irgendwer müsse bei einem beschissenen einstelligen Stundenlohn auch noch immun gegen sexuelle Belästigung sein, hat doch wohl nicht alle Tassen im Schrank und sollte besser überhaupt keine Menschen beschäftigen.

Natürlich braucht man zum Taxifahren – wie in jedem anderen Job auch – gewisse Qualifikationen und/oder Fähigkeiten. Die so gerne geforderte „Härte“, die „Coolness“ und das „Taffsein“, was man jetzt von o.g. Chefin hört, sind indes meist nichts als billige Ausreden dafür, dass irgendwelche Zustände untragbar und widerlich sind. Hier, in Form eines strafbaren Übergriffs glücklicherweise wenigstens nachvollziehbar nicht rechtens.

Meiner Meinung nach hat besagter Chefin zwar schon wer ins Hirn geschissen, einen weiteren Shitstorm muss sie jetzt trotzdem aushalten. Soll ja aber auch ’ne ganz Harte sein …

Als das Taxi noch als Käfer kam

Ich habe schon viele schlechte Berichte, Dokus, Tests usw. usf. übers Taxifahren gesehen. Vom gelesenen Schund ganz zu schweigen. Wegen der WDR-Doku „Als das Taxi noch als Käfer kam“ habe ich aber schon jetzt so viele Hinweise bekommen, dass ich mir das ansehen musste. Und die Hinweisgeber hatten Recht: Es ist eine schöne Dokumentation.

Zum einen muss ich gestehen, dass ich selbst auch einiges gelernt habe. Gerade die kurze Geschichte der Trennwand hat mich interessiert – und wie auch bei meiner Rezension zu „Ich bin Taxifahrer“ war es auch dieses Mal natürlich die geschichtliche Komponente, die mich gereizt hat: Taxifahren in den 60ern des letzten Jahrhunderts. Was für eine fremde Welt!

Es werden viele traurige und schlimme Geschichten erzählt, aber auch viel einzigartiges und liebenswürdiges. Ergo: Ja, es ist eine verdammt gute Sendung! Nicht, dass ich jetzt alles total toll fand – aber es ist eine erstklassige Doku, um über irgendwelche Fragen zu diskutieren. Gerade aus heutiger Sicht. Wer Lust und Zeit hat, sollte sich die 44 Minuten nehmen, ganz ehrlich. Und wer Fragen hat, der kommentiert einfach. Ich bin mir sicher, dass sich aus der Sendung viel rausholen lässt, und ich beantworte gerne (als Kommentar oder gar eigenen Beitrag) Fragen und Diskussionsansätze. Ich würde mich freuen, wenn ein paar von euch sich dafür interessieren.

Und, liebe Kollegen: für unsereins sollte das sowieso Pflicht sein. 🙂

WDR.de – Als das Taxi noch als Käfer kam

PS: Links bei den ÖR-Anstalten lösen sich gerne schnell auf – Stichwort: Depublizieren – deswegen möglichst bald ansehen!

Übertriebene Konkurrenz

Man könnte gerade meinen, es breche die Welt zusammen fürs Berliner Taxigewerbe. Das zumindest ist der oberflächliche Eindruck, der sich wirklich geradezu aufdrängt, wenn man sich News- und Maileingänge der letzten 24 Stunden bei mir anschaut. Da waren auch nette Meldungen von interessierten Lesern dabei, denen will ich da nichts unterstellen und mich durchaus bedanken für die Hinweise – in Anbetracht der Menge und der Uniformität der Meldungen gehe ich aber von einem ziemlich clever inszenierten Schachzug in Sachen virales Marketing aus und verzichte deswegen explizit auf eine Verlinkung.

Nun, was ist so schlimmes passiert? Nix. Ein Limousinen-Service aus den USA startet nun auch in Berlin. Er ist nicht der erste, vermutlich auch weder der beste, schnellste, noch sonstwas. Es ist ein Limousinenservice, der offenbar das Marketing im Web entdeckt hat. Warum ich jetzt darüber schreibe und mich das irgendwas angeht? Weil überall in den Meldungen die Rede davon ist, dass jetzt DIE große Taxi-Konkurrenz kommt, buhu, Schock, Schauder, Horror!

Ähm, geht’s noch?

Ich will den Laden nicht kleinreden, ganz sicher nicht. Und so ein Service hat wie bisher auch natürlich eine Daseinsberechtigung im vielfältigen Mobilitätsangebot einer Stadt wie Berlin. Sie sind wahrscheinlich erfolgreich, werden ihre Kunden finden und da sind sicher auch mal ein paar potenzielle Taxi-Fahrgäste dabei. Aber schließlich gibt es uns auch trotz BVG noch.

Ein Limousinenservice ist eine tolle Sache. Gerade für geschäftliche Anlässe. Wenn sich Leute treffen, bei denen es auf die Farbe des Autos ankommt, in dem sie vorfahren, da können wir mit hellelfenbein nicht unbedingt punkten (außer bei schwer vermittelbaren Fetischen vielleicht) und es gibt die Leute, die gerne mehr bezahlen dafür, dass der Fahrer sich als Pinguin verkleidet und für zwei Euro mehr die Stunde nur nickt, statt zu antworten. Und, bevor das zu einseitig klingt: es gibt natürlich auch Fahrer, denen so ein Verhältnis lieber ist und die sich ungern mit pöbelndem Proletariervolk abgeben.

Ich persönlich bin Taxifahrer, was auch heißt: Fahrer eines öffentlichen Verkehrsmittels. Dazu gehören gewisse Standards, andere wiederum nicht. Und bei den ganzen Feilschereien ums Geld, die ich jede Nacht mitbekomme, mache ich mir keine Sorge darum, an einen Dienstleister viel von meiner Kundschaft zu verlieren, wenn dieser fast das doppelte an Geld verlangt.

Ehrlich, die „Konkurrenz“ startet nicht nur mit 1,80 € mehr auf der Uhr, sondern hat als Minimum gleich 9,00 € gesetzt. Die Kilometerpreise sind zwar ganz ok, durch die Kopplung an die Geschwindigkeit aber fast noch komplizierter als unsere. Und bei den Festpreisen (die sie ja im Gegensatz zu uns machen dürfen) sind sie dann richtig geil und verlangen mehr als ihr eigener Tarif bringen würde – wahrscheinlich, um wieder beim Doppelten des Taxitarifs zu landen.

Das kann man machen und wie eingangs erwähnt, werden sie ihre Kundschaft haben. Ich glaube, diese Kundschaft fehlt mir am Ende nicht besonders und die Konkurrenz dürfte überschaubar bleiben.

Aber Respekt an die Kollegen im weitesten Sinne: eure Werbung funktioniert!

Ein paar Schrauben locker …

muss wohl der Kollege gehabt haben, der am Wochenende am Hauptbahnhof einen Typen mit einem Schraubenschlüssel verdreschen wollte. Ich vermute zwar durchaus, dass es irgendeinen Auslöser gab (bei den Gegebenheiten am Europaplatz ist es sehr wahrscheinlich, dass das Auto des Typen im Weg oder gar an der Taxihalte stand), so wirklich verkehrstauglich sind wilde Prügelanfälle im Straßenverkehr allerdings meines Erachtens nach nie.

Kein Wunder, dass wir nach solchen Ereignissen ständig für Psychopathen gehalten werden.

Was den speziellen „Kollegen“ angeht, so vermute ich mal, dass es sich recht schnell erledigt hat mit seinem P-Schein …

Rezension: Idiotentest

„Ich war ein Idiot, das mußte nicht mehr ertestet werden. Fehlte nur noch ein entsprechendes Tattoo auf der Stirn.“

– Henry

Idiotentest, soso. Ich hab ja im Nachhinein schon grinsen müssen, weil mir mein Chef im Büro noch sagte, ich solle den Titel des Buches nicht zu ernst nehmen. Das Buch war das diesjährige Geburtstagsgeschenk von meiner Firma und ich muss sagen, sie haben damit einen echten Volltreffer gelandet.

Sollte ich jemals eine komplett fiktive Geschichte schreiben, dann würde ich mir wünschen, sie würde genau so werden.

Und es ist auch kein Zufall, dass ich die Rezension hier bei GNIT blogge. Es ist zwar kein explizites Taxi-Buch, der Held der Geschichte, ein ziemlich heruntergekommener Bursche namens Henry, ist aber Taxifahrer. Man erfährt nichts wirklich aus dem Taxi, aber der Autor Tom Liehr hat mit Henry tatsächlich den Prototypen des kaputten freakigen und von seinem Chef abgezockten Taxlers erschaffen:

Henry wohnt in einer WG mit seinen Kumpels Gonzo und Walter, die wie er ganz besonders charmant dödelige Charaktere sind. Abgesehen davon, dass sie alle drei ziemlich ziellos und ständig blau durchs Leben treiben und sich hauptsächlich von Buchstabensuppe ernähren, haben sie auch sonst nicht viel Ahnung von allem. Henry selbst ist nach seiner schweren Kindheit mehr oder weniger beziehungsunfähig; Walter ist ein stets in Musik vertiefter, wenig erfolgreicher Fachjournalist, der einen heimlichen Traum hegt und Gonzo ein Nerd, der so nerdig ist, dass er nicht einmal blickt, dass die Mädels alle auf ihn stehen. Leben kommt in die Bude, als Henry eines morgens verkatert erwacht und feststellt, dass er was mit Andrea hatte – der Wirtin ihrer Stammkneipe, von der so ziemlich jeder im Buch was will. Da selbst das noch nicht reicht, um Henrys Leben eine andere Richtung zu verleihen, setzt er sich nach einem schweren Verlust auch noch besoffen hinters Steuer seines Taxis. Was natürlich nicht folgenlos bleibt …

Die Geschichte des Romans ist nicht kompliziert, sie ließe sich in maximal 3 Sätzen erzählen. Liehrs Begabung liegt darin, die Personen in Kürze und Prägnanz zu schildern, absurd komische Situationen und Gegebenheiten in Bilder zu packen, ohne dabei platt zu wirken. Wer gerne einen Ausflug ins kuriose Leben Neuköllns machen möchte, wer gerne auf flache Witze verzichtet, um im Gegenzug liebevoll komische Soziogramme zu finden, der ist bei diesem Buch aber sowas von richtig! Ohne mich mit Liehr vergleichen zu wollen, würde ich sogar sagen, dass alle, die hier bei GNIT gerne lesen, dieses Buch lieben müssten.

Ich empfehle es wirklich von ganzem Herzen, es ist seine läppischen 7,95 € zweifelsohne wert!

Erschienen ist es schon 2005 im Aufbau Taschenbuch Verlag und man kriegt es natürlich auch über Amazon:

Tom Liehr – Idiotentest

Vom Bus ins Taxi

Der fleißige Kommentator und Leser, „Busfahrer Michael“, sattelt kurzfristig aufs Taxi um. Zwischen zwei Jobs in seinem eigentlichen Metier, eben dem Lenken von Reisebussen, verschlägt es ihn auch in ein Auto mit gelbem Schild auf dem Dach. Auch wenn er schreibt, er erwarte in seinen Tagschichten auf dem Dorf nicht so viel Action wie bei mir hier im Blog, so denke ich doch, dass man mal reinlesen sollte – schon alleine weil es sicher etwas ganz anderes ist.

Ich jedenfalls bin dabei. 🙂

fif24.wordpress.com