Nebenher?

„Sie machen das bestimmt nur nebenher, oder?“

Die Frage gehört zweifelsohne zur Grundausstattung deutscher Taxifahrgäste. Ebenso wie man bei Shootern im Falle akuten Munitionsmangels meistens noch ein Messer zur Verteidigung in der Hand hat, greifen Fahrgäste zu diesem Satz, wenn sie sonst nicht so genau wissen, was man den Taxifahrer über seinen Job fragen könnte.

Die junge Frau mit blondierter Dauerwelle und Brille, Typ Verwaltungsfachangestellte, stellte die Frage auch.

Auf der einen Seite mag ich den Subtext nicht, der da mitschwingt – weil es immer irgendwie so klingt, als wäre Taxifahrer kein „richtiger“ Beruf oder etwas, dass man sich ja nun wirklich nicht die ganze Zeit geben kann. Auf der anderen Seite entspreche ich ja auch diesem Klischee. Ich schreibe nunmal viel „nebenher“ und inzwischen sage ich das auch meist.

„Ach echt? Und was? Auch so Bücher und so?“

Die Frage kam zur rechten Zeit, denn ich konnte – wenn auch zaghaft, weil noch unerfahren in der Rolle – einfach mal sagen:

„Ja. Mein erstes eBook erscheint die Tage bei Amazon.“

(GNIT hab ich natürlich umgehend nachgeschoben, ist ja klar 😉 )

Ja, so sieht’s aus:

BÄM!

Buch is‘ fertig und zu haben!

Ich kann nur hoffen, ihr findet das genauso cool wie meine Kundin. In dem Artikel hier drunter gibt es noch ein paar genauere Infos, aber den Link zu Amazon kann ich ja auch hier gleich mal posten:

Papa, ich geh zum Zirkus! oder: Karriere – kann man das essen?

Und ein kostenloses Probekapitel gibt es hier.

Sich nicht sehen lassen

„Wo darf es denn hingehen?“

„In die Willibald-Alexis-Straße nach, nach …“

„Kreuzberg, nehme ich an!?“

„Ja genau! Prima, sie kennen die!“

„Ja, zugegebenermaßen eher zufällig. Ein Freund hat da mal gewohnt.“

„Nein, na so was! Wissen Sie, meine Tochter ist da hingezogen! Kennen Sie vielleicht …“

„Sicher nicht. War nur einmal da in den letzten zwei Jahren.“

„Oh. Na dann. Das kenne ich …“

„Was?“

„Ist mit ihrem Freund also …“

„Er wohnt nicht mehr da!“

„Ach, ich dachte schon, es wäre eher … naja, eher so wie bei uns.“

„Wie denn?“

Und dann hat sie die große Familiengeschichte rausgeholt und entrümpelt. Die Tochter sei eigentlich eine nette, aber naja, mit den Eltern sei es in dem Alter (mit 25) ja immer so ein Problem. Hergezogen ist sie also eher aus Protest. Die Gegend aus der die Familie kommt, bleibt mein Geheimnis, aber wenn es euch gefällt, können wir gerne das schwäbische Hinterland jenseits der Stuttgarter S-Bahn annehmen. Es hagelte damals, vor zwei Jahren, wohl das ein oder andere böse Wort. Aber mit der Zeit – man kennt sowas – haben sie sich gegenseitig dann doch eher vermisst als gehasst. Die Tochter hat die Eltern mit einer recht großen Geste nach Berlin eingeladen, in die erste eigene Wohnung. So wie die Mutter das schilderte, hatte ich meine alte WG vor Augen und was für ein Höllenstress das war, wenn sich mal irgendwelche Eltern – insbesondere der Neuzugezogenen – zum Essen oder dergleichen angekündigt haben. Da wurde wahrscheinlich wochenlang aufgeräumt.

Es war dennoch vergebens. Der Vater war ohnehin ziemlich genervt von der Aktion, aber als sie dann im Taxi saßen, ist er wohl völlig ausgeflippt. Für so alten Landadel ist Kreuzberg nicht unbedingt die schönste Gegend. Die Willibald-Alexis-Straße am Chamissoplatz ist zwar eigentlich schönstes Altbaukreuzberg, meines Wissens nach nun wirklich nicht die schlechteste Wohnlage. Der nervöse Vater hat aber irgendwo am Kotti oder am Mehringdamm – keine Ahnung, von welchem Bahnhof sie genau gekommen sind – das Handtuch geschmissen und angefangen rumzufluchen, dass er es sich ja Mühe gegeben hätte, sich aber beim besten Willen nicht „in so einer Gegend sehen lassen“ könne.

Mein Kollege muss damals die stressigste Tour des Monats gehabt haben, denn es muss einen cholerischen Streit im Fond gegeben haben, an deren Ende die Mutter nachgab und ihren Mann widerwillig wieder zum Bahnhof zurückbegleitete und mit ihm unverrichteter Dinge noch am selben Abend wieder abgefahren ist.

Ich dachte schon an der Stelle, dass das gebloggt werden muss. Der arme Kollege! Die Krönung kam aber noch.

Dass sie mit seiner Entscheidung nicht so ganz einverstanden war, zeigte sich ja bereits an der Tatsache, dass sie nun wieder – und alleine – in Berlin war. Also hab ich vorsichtig eingeworfen:

„Wovor hatte er denn Angst? Wen hätte er denn hier schon treffen sollen – außer vielleicht andere Väter, deren Töchter hierher gezogen sind?“

„Das hab ich ihm ja auch gesagt. Aber es geht ja immer nur um den Ruf! Der Ruf! Dabei weiß der gute Mann gar nicht, was er eigentlich für einen Ruf hat!“

Der gute Mann führt wohl einen Familienbetrieb, Holzverarbeitung. Eigentlich ja nicht unbedingt das Gewerbe, bei dem man sich nicht vor einem Mehrfamilienhaus blicken lassen kann. Aber seine Frau meinte:

„Das glaubt mir ja hier eh keiner! Der is heute Morgen sogar mit mir zusammen zum Bahnhof gefahren, damit die Leute nicht reden, wenn wir getrennt weggehen. Wahrscheinlich wird er da im Hotel warten, bis ich am Sonntag abend wiederkomme. Und seine Sekretärin bumsen – der feine Herr mit dem guten Ruf! DAS weiß nämlich in Wirklichkeit auch jeder, nur traut sich keiner, ihm das zu sagen, außer …“

„Lassen Sie mich raten …“

Ich glaub, ich wahr versehentlich Statist in so einem komischen Landarzt-Roman oder sowas … 0.o

Fremde Planeten

Manchmal wüsste ich ja zu gerne, von welchem Planeten die Touristen eigentlich kommen, die Berlin besuchen. Im Falle des folgenden Beispieles war es angeblich England, einen Beweis kann ich freilich nicht bringen. Er war gerade dabei, Deutsch zu lernen und war wirklich noch sehr jung. Die 18 hatte er wahrscheinlich schon geschafft, darüber hinaus gestaltete sich seine Vorstellung vom Leben in einer Großstadt eher zurückgeblieben und provinziell:

„Sage Du ich haben Frage?“

„OK …“

„Du hast gebracht auch schon den Frauen zu Hause?“

„Ähm, ja. Sicher.“

„Und den Frauen sind auch gewesen drunk?“

„Äh … ja, manchmal.“

„Oh, das ist äh sicher funny.“

Was willste da sagen? Unglaublich funny: In fucking crazy Germany trinken auch Frauen mal einen über den Durst …

The one – der Eine

Es gibt schon Gründe, die Menschheit für nicht ganz verloren zu halten. Die Mehrheit tut oftmals nicht wirklich etwas dafür, aber in den meisten Gruppen, Staaten, Völkern etc. tauchen sie dann doch auf: die „Einen“. Ich mag den englischen Begriff „The one“ ganz gerne, weil da im Subtext ein wenig „der Auserwählte“ mitschwingt.

Bezug zum Taxi? Hier isser:

Gruppen von jugendlichen Fahrgästen sind mitunter schwierig. Das hat viele Gründe, einige davon sind hormoneller Natur. Desweiteren gerate ja auch ich gerade mit 31 Jahren in eine Grenzregion, in der das eine Generationenfrage werden könnte. Aber in jeder dummen Gruppe befindet sich ein eher cleverer Mensch (sowie sich in erträglichen Gruppen auch meist ein Dämlack befindet. Siehe hier!). Und das hilft.

Ich hatte am Ostbahnhof bereits eine halbe Stunde Wartezeit absolviert, die Soziologiestudenten unter den Fahrern können das sicher aus dem Kopf in Wartesemester umrechnen. Es kam – wenig überraschend an einem Wochenende – eine Truppe junger Leute an und sie wollten nach Tegel. Eine schöne Tour, da sind 25 € Umsatz quasi garantiert. Also von meinem, völlig uncoolen, weil in Gesetze gegossenen Standpunkt. Folglich hatte ich sofort die Diskussion an der Backe, ob ich das nicht auch für zwanzig machen könne.

In einem Anflug höchster Eloquenz mit der Rückbesinnung auf vier Jahre Nachtschicht und unter Einbeziehung ihres potenziellen Bildungsstandes äußerte ich aufs Wesentliche reduziert:

„Nö.“

Was folgt, können sich viele Nachtschichtkollegen ausmalen: Enttäuschung, Wut, kindische Arroganz …

„Dann neh’m wa halt’n nächsten!“

Glücklicherweise war der Taxistand mit wenigen Wagen belegt, noch dazu mit Kollegen, die auch nicht so recht ein Interesse daran hatten, ihren Lohn nun zu senken, nur weil ein paar Typen vorlaut waren, weil sie sich einen Cocktail zu viel geleistet hatten. Aber auch in dieser Truppe gab es „den Einen“, den vernünftigen. Er kam nochmal zu meinem Taxi und entschuldigte sich für seine Vorredner. Er bewies eine gewisse soziale Kompetenz und war mir sympathisch. Unsere Verhandlung war kurz und unbürokratisch. Am Ende stiegen die Typen ein und ich karrte sie nach Tegel. Jeden zu seiner Straße, zu seiner Hausnummer. Der „Chef“ gab mir am Ende mit glasigen Augen einen Zwanziger und torkelte ins Freie.

Das Taxameter zeigte 27,80 € an.

Hä?

Nein, das war in Ordnung. Ich hatte dem einzigen Vernünftigen vor der Fahrt bereits gesagt, wie viel es in etwa kosten würde. Da ich in Anbetracht der verschiedenen Adressen für 30 € meine Hand nicht ins Feuer legen konnte, hatten wir 32 ausgemacht und ich hatte die 12 € bereits in der Tasche, als der im Laufe der Fahrt überaus wortkarge „Chef“ mich bezahlte. Das Taxameter lief angeblich nur mit, weil die Kilometer protokolliert würden und mein Lieblingsfahrgast hatte mir zwei Dinge versprochen:

1. dass sich ohnehin keiner der anderen an die Fahrt und die Preisverhandlungen erinnern würde und

2. dass er ihnen beizeiten mal erzählen würde, was sie wirklich gezahlt hätten, sollte ersteres nicht zutreffen.

Ja, manchmal hilft Cheaten im Leben durchaus. Aber man muss an den richtigen Geschäftspartner geraten, „den Einen“ eben. 😉

Maria, was ’ne Strecke!

„Ey Du, sorry. Kannste uns sagen, wo’s Magdalena is?“

Das Magdalena, ehemals Maria oder ADS, direkt beim Joseph oder so. Eine Ahnung, was da hinterm Zaun wann genau wie hieß – aber wo’s ist, ist nicht so schwer zu erklären vom Ostbahnhof aus:

„Na, das ist – vereinfacht gesagt – direkt da drüben!“

„Und wie kommen wir da hin?“

„Am einfachsten hier bis zum Ende, dann links, noch über die Kreuzung und dann ist da links im Zaun …“

„Fährste uns auch?“

„Klar, kann ich machen. Kostet aber auch gleich vier Euro.“

„Alles prima. Hauptsache nicht verlaufen!“

„Auf der Strecke?“

„Man weiß ja nie.“

Also gut. Die Straße war frei, die einzige Ampel grün, die Fahrt dauerte rund 30 Sekunden.

„Und wo ist das jetzt genau?“

„Hier durch’n Zaun, dann ist nach ein paar Metern Weg der Eingang.“

„OK, cool Mann! Kurze Frage noch!“

„Jepp, was is‘?“

„Haste uns ’ne Nummer? Dann könn‘ wir dich anrufen und Du kannst uns später wieder zurück zum Bahnhof bringen!“

Also bei aller Liebe zu kurzen Touren …

„Jungs, hier fahren genug Taxen vorbei. Da müsst ihr euch notfalls einen Kollegen ranwinken!“

„Halt!“

Der piepsige Ruf kam etwas unerwartet. Papa und Mama hatten gerade ihre schweren Reiserucksäcke mit meiner Hilfe in den Kofferraum gewuchtet und waren jetzt eigentlich gewillt, im Taxi Platz zu nehmen. Aber ja, ganz fertig waren wir da hinten noch nicht. Der kleine Justin-Severin streckte mir weltmännisch seinen Rucksack entgegen, ein kleines blaues Teil von der Größe einer Saftpackung und dem Gewicht eines Federmäppchens. Und er bestand ernsten Blickes darauf, dass der selbstverständlich auch in den Kofferraum muss. Wo er Recht hat, hat er Recht!

Also hab ich ihm freundlich sein Gepäck abgenommen, versucht, es nicht versehentlich zwischen meinen Fingern zu zerdrücken und es dann an den Rucksack von Mama gelehnt, die ganz offensichtlich einen Elefanten im Rucksack nach Deutschland geschmuggelt hatte. Danach durfte ich den Kofferraum zumachen und der kleine Blondschopf ist sicheren Schrittes nach vorne, wo er fast schon begeistert auf den Kindersitz gehopst ist.

Sein verantwortungsvoller Umgang mit dem Rucksack war allerdings nur von kurzer Dauer. Bei Aussteigen hatte er bereits vergessen, dass er etwas dabei hatte. Aber zwischen Mamis Daumen und Zeigefinger war noch genug Platz …

Reden ist Silber …

Über den Stellenwert von Gesprächen im Taxi kursieren ja stets unterschiedliche Meinungen. Ich persönlich unterhalte mich gerne, aber hier lesen so viele Leute, dass ich jedes Mal, wenn ich das einfach so als Aussage stehen lasse, von irgendwem die Antwort kriege, dass geschwätzige Taxifahrer voll doof wären. Dabei hab ich selbstverständlich auch mit Ruhe im Auto kein Problem. Schwierig daran ist höchstens, dass ja kaum jemand das Wort ergreift und um Ruhe bittet. Aber die meisten signalisieren ihre Haltung mittels Körpersprache oder indem sie Handy und Zeitung rausholen. Klappt alles. In den übrigen Fällen muss ich dann mit ein wenig Fingerspitzengefühl in den ersten Sekunden oder Minuten der Fahrt herausfinden, wie der Hase läuft.
Und ich würde sagen, dass das Teil dessen ist, was gute Taxifahrer ausmacht.

Meine Fahrgäste, zwei Stück an der Zahl, gemischtgeschlechtlich und wahrscheinlich in einer intimen Beziehung zueinander, passten irgendwie in kein Raster. Auf die ein, zwei einleitenden Gesprächsfetzen antwortete vor allem sie sehr nett und offen, mit einer Begeisterung, die keinesfalls mehr unterschwellig zu nennen war. Gesprächsführung hingegen war eher nicht so ihr Ding, sie sagte stets ein bis maximal zwei Sätze – und zwar dergestalt, dass ein ums andere Mal unklar war, ob ich das Thema jetzt vertiefen sollte oder könnte oder eben nicht.

„Oh, dem Gepäck nach hatten Sie wohl eine lange Reise!?“

„Ja, wir waren in der Schweiz, zwei Wochen Winterurlaub, Schifahren. War eine lange Zugfahrt, glücklicherweise ohne Bahnverspätung und jetzt sind wir ja gleich da.“

Kaum, dass ich ein Thema ansprach, wurde es schnell mit zwei Sätzen beendet – dennoch schwang dazwischen aber Lust an der Unterhaltung durch.

„Ach, Sie haben Kinder?“

„Ja, zwei Mädchen, acht und fünf. Ist schön mit den beiden. Manchmal halt auch stressig.“

Es war komisch. Auch dass ich am Anfang mit ihrer Straße nichts anzufangen wusste … das wurde nett aufgenommen – und unterschwellig enttäuscht. Zuletzt hab ich mich auf’s Fahren konzentriert und mich darüber gefreut, dass die Tour allenfalls eine Viertelstunde dauern würde. Ich war mir bewusst, dass ich gerade einer von „diesen Taxifahrern“ war. Ich wusste nur nicht so recht, welcher:

Der nervig geschwätzige Laberheini oder
der stumme, grummlige, unnahbare Sack?

Ich wollte keiner der beiden sein und ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was in meinen Kunden, insbesondere in ihr, vorging. Ich hab in Gedanken das Trinkgeld gestrichen und mich damit abgefunden, dass am nächsten Abend in einer Wohnung in Pankow über den schrägen Vogel im Taxi gequatscht werden würde, der zu viel/zu wenig geredet hat. Bin ich halt auch einmal Negativbeispiel, sowas soll vorkommen.

Am Ende hielt ich vor ihrer Türe und der Ausladevorgang bezüglich ihrer Reiseutensilien lief genauso ab wie die Fahrt. Freude und Empathielosigkeit, Nettigkeiten und eiserne Mienen.

„Dann wären wir genau bei 14 €.“

„Hier, zwanzig. Stimmt so.“

Ich raff’s bis jetzt nicht. Für ein obligatorisches Na-er-war-ja-wenigstens-kein-Vollidiot-Trinkgeld war es definitiv einige Klassen zu hoch.

0.o