„Dann wären wir bei genau 7 €.“
„Machen Sie mal neun. Danke für die lustige Fahrt.“
„Ach, dafür sind wir ja da.“
„Naja, so lustig sind nicht alle Fahrer …“
Wahrscheinlich auch wieder wahr 🙂
„Dann wären wir bei genau 7 €.“
„Machen Sie mal neun. Danke für die lustige Fahrt.“
„Ach, dafür sind wir ja da.“
„Naja, so lustig sind nicht alle Fahrer …“
Wahrscheinlich auch wieder wahr 🙂
In die Dessauer hätte ich die beiden ja gerne mitgenommen, das wäre gefühlt schon fast außerhalb Berlins und außerdem nicht unweit meiner Heimat hier gewesen. Aber sie haben sich nur als Dessauer Bürger zu erkennen gegeben und wollten von der Boxhagener Straße lediglich zu einem der bekannten Hotels am Alex. Damit blieb die Tour unter 10 €, aber gerade bei Winkern würde ich mich ohnehin nie auch nur ansatzweise über die Streckenlänge beschweren.
Es war ein Pärchen, Ende 30 vielleicht und vermutlich so in etwa der letzte lebende Manta-Witz. Er eher prollig gekleidet, Oberlippenbart und Vokuhila, sie mit knappem Jeans-Röckchen und blonder Dauerwelle allerdings nicht weniger klischeebeladen. Für das Auftreten waren sie aber wirklich angenehme Fahrgäste. Wir fanden schnell ins Gespräch und im Grunde wollten sie sich nur über die Großartigkeit Berlins unterhalten. So ganz ohne eigenes Wissen mussten sie auch gar nicht auskommen, die Einfahrt auf die Karl-Marx-Allee kommentierten sie selbst völlig richtig und ihnen schien vor allem daran gelegen, die Größe der Stadt zu bewundern:
„Na, det is ja nu richtich weit, ne?“
„Sagen wir es so: für Berlin ist es ein recht kurzer Weg.“
„Nu ja, wir fahr’n ja aber nu schon ewich hier lang.“
„Ach, ewig. Insgesamt sind das so um die drei Kilometer.“
„Drei? Das waren doch mindestens schon fünfzehn! Durch Dessau wären wir da schon lange durch!“
Der witzige Nebeneffekt ihrer falschen Einschätzung war, dass sie meine Ortskenntnis für diese wirklich lehrbuchhaft einfache Fahrt so gnadenlos überschätzten, dass ich am Ende ungelogen beklatscht worden bin dafür, dass ich ihr Hotel gefunden hab. Bei nur 4 mal abbiegen!
Dass sie mir mit ziemlich überschwänglicher Geste erlaubten, aus den 8,40 € ganze neun zu machen, hab ich abschließend einfach mal versucht, mit Dessauer Verhältnissen zu erklären. Ich wäre dankbar, wenn mir niemand diese Illusion raubt.
Ist ja nun wirklich schon oft gewesen, dass ich das mit dem Wechselgeld angesprochen hab: wir Taxifahrer haben in der Regel wenig dabei. Sicherheitshalber. Der eine Grund ist, im Falle eines (Über)Falles nicht unbedingt gleich zwei oder drei Schichteinnahmen verloren zu haben, der andere ist – ein wenig optimistisch – dass irgendwann auch der ein oder andere Räuber selbst aus Erfahrung gelernt hat, dass es bei uns viel weniger zu holen gibt, als gemeinhin gedacht wird.
Mit ganz blankem Portemonnaie sind wir natürlich selten unterwegs, auch die Taxiordnung schreibt uns ja z.B. vor, einen „für den üblichen Taxenverkehr ausreichenden Wechselgeldbetrag“ mitzuführen. Ein wunderbarer Gummiparagraph, dessen Vorgabe „ausreichend“ wenn es mal nicht passt für die lustigsten Vorstellungen und entsprechende Wortgefechte sorgt.
Ich für meinen Teil kann zu Beginn der Schicht auf jeden Fall auch bei einer Kurzstrecke auf einen Fuffi wechseln. Das deckt mindestens 99,9% aller Bezahlversuche ab. Und ich weiß aus dem Kollegenkreis, dass manche Fahrer da noch deutlich sparsamer sind, wobei Fünfziger dann auf der anderen Seite halt doch so verbreitet sind, dass ich mich unwohl fühlen würde.
An dem Abend ging es klassisch los: eine Tour knapp über 10 €, danach war halbwegs Ebbe in der Kasse. Meine Lieblingstankstellenbesatzung hat mir einmal mehr aus der Patsche geholfen und so stand ich wieder am Ostbahnhof. Es dauerte auch nicht lange, da hatte ich meine nächste Tour. Ungefährer Preis 8 €, mit Trinkgeld vielleicht 10. Kaum losgefahren fragte die junge Frau mich, ob es für mich in Ordnung sei, dass sie nur einen Fünfziger hätte.
„Selbstverständlich.“
„Aber sagen sie’s ehrlich, wenn es stört.“
„Ach, stören tut mich das gar nicht. Ich werde danach wahrscheinlich nochmal wechseln gehen, aber das ist ok.“
„Nein nein, wir können das auch anders machen! Ich könnte auch noch kurz zu dem Späti am Eck …“
„Bitte, ich will bestimmt keine Umstände machen, das gehört alles zum Job dazu.“
„Nein, ich bitte Sie! Dann hätte ich wenigstens eine Ausrede, mir heute noch eine Packung Gummibärchen zu holen …“
„In so einem Fall halte ich natürlich gerne als Argument her!“
Gesagt, getan. Mein Wechselgeld blieb unangetastet, ich war eine Ausrede für Gummibärchen und wenn ich meiner kurzzeitigen Beifahrerin Glauben schenken darf, dann war sogar der Spätiverkäufer recht froh, da er an diesem Abend eher von Kleingeld überhäuft wurde. 🙂
Am Ende kommt’s dann halt doch auf die richtigen Worte an. Und nicht einmal unbedingt die der TaxO. Und auf Gummibärchen vielleicht auch.
Berlin ist tricky mit seinen Straßennamen. Das weiß man inzwischen ja wahrscheinlich schon, wenn man hier mitliest. Viel besser noch weiß ich es also selbst. Es gibt so viele Doppel- und Mehrfachbenennungen, von ähnlich klingenden mal ganz zu schweigen. Mir ist da inzwischen auch nichts mehr grundsätzlich peinlich:
„Ich würde gerne in die Torstraße.“
„Die in Mitte oder gibt’s da noch eine zweite?“
…
„Unter den Linden bitte.“
„Sicher, dass sie nicht ‚Unter den Eichen‘ meinten?“
…
„Einmal in die Köpenicker.“
„Allee, Chaussee, Landstraße, Straße und wenn ja, welche von den acht?“
Irgendwann frage ich wahrscheinlich aus Gewohnheit beim Potsdamer Platz noch nach. Überraschenderweise fällt die Fragerunde dennoch oft aus, das sind dann die Punkte, bei denen sowas wie wirkliche Ortskunde meinerseits zu erkennen ist. Meist geben die Fahrgäste ja dann doch Tipps:
„In die Torstraße kurz hinterm Rosenthaler.“
„Unter den Linden, Ecke Friedrichstr.“
„Köpenicker, da beim A&O-Hostel.“
Und irgendwie kam ich nicht sofort auf die Idee, die beiden Jungs würden eventuell nicht in ein Marzahner Industriegebiet wollen, als sie mich baten, in die Meeraner Straße zu fahren. Die Ecke ist mir halt vertraut, nach der Straße ist eine Haltestelle benannt, die ich stets passiere, wenn ich zu meinen Chefs fahre. Nach 300 Metern auf der Leipziger in Mitte hat es mich dann aber doch kurz durchzuckt oder so, jedenfalls holte ich die Frage nach:
„Nur nochmal zur Sicherheit: wir reden über die in Marzahn!?“
„NEIN! Schöneberg.“
Ich hab’s versucht, professionell zu handhaben:
„Oh, gut. Dann wende ich wohl mal besser hier.“
Die Meraner Straße. Anders geschrieben, klar. Aber eben nicht gesprochen. Hätte ich das Navi eingeschaltet, hätten wir das Ganze vielleicht früher geklärt gehabt – aber ich war mir ja so sicher!
Die beiden Jungs haben es grundsätzlich mit Humor genommen, es entspann sich auch umgehend eine Spaßdiskussion darüber, dass sie ansonsten ja wohl gesagt hätten, sie müssten in die „Meheeeeraner Straße“, völlig logisch. Kleiner Wermutstropfen war der ernste Einwurf von einem, dass er selbstverständlich keinen Cent gezahlt hätte, wären wir in Marzahn gelandet. Da bin ich persönlich durchaus anderer Meinung, trotz Teilschuld. Das wäre sicher ein unangenehmer Abendverlauf geworden.
Aber gut, wurde es nicht. Es war nett, es gab Trinkgeld, alle sind dort gelandet, wo sie wollten und ich vergesse das nächste Mal sicher nicht das fragen:
„In die Meraner Straße.“
„Welche?“
„Da gibt es zwei?“
„Natürlich. Einmal in Marzahn und einmal in Schöneberg.“
„Das wusste ich auch nicht …“
„Dafür weiß ich ja Bescheid.“
Und man wird sich freuen, meine Ortskenntnis wird gelobt werden, das volle Programm. So gesehen freue ich mich eigentlich darauf. 🙂
„Entschuldigung, wie weit isses denn etwa bis zum Kottbusser Damm?“
„So ungefähr drei Kilometer, Pi mal Daumen acht Euro mit’m Taxi.“
„Echt? O Prima. Ich würd‘ dann noch aufrauchen und wenn bis dahin keiner kommt, fahr ich mit Dir. In Ordnung?“
„Sicher doch!“
Er hat dann noch aufgeraucht, zwei Minuten später saß er schon auf dem Beifahrersitz. Ein netter junger Mann, gepflegter Bart, Kurzhaarfrisur, lässige Freizeitklamotten und eine mir nicht näher bekannte Form von Mütze auf dem Kopf. Die Strecke war nicht lang, man sollte meinen, arg weit über Smalltalk komme man dabei nicht raus. Besuch in Berlin, Freunde, Berlin ist echt schön, mal was ganz anderes und hey: Du kommst doch auch aus Süddeutschland, oder?
„Erwischt.“
„Cool, woher genau?“
„Stuttgart, direkt.“
„A Stuargarder! Ich komm aus Freiburg, war aber oft in Stuttgart zum Feiern!“
Und noch einmal vier, fünf Sätze über Berlin, Stuttgart, die Unterschiede – dann wurde er schnell nachdenklicher:
„Berlin is‘ schon geil. Alles größer, bessere Clubs … ich war gern in Stuttgart, aber hier kann ich wenigstens mal wirklich weggehen, ohne mir’n Kopf zu machen. Ich weiß nicht, wie Dir das ging, aber bei mir – schau mich an! – war’s immer erstmal nervig!“
Ich hab mich in den letzten 15 Jahren verbogen und verhaspelt, um diese Scheiße irgendwie verständlich auf den Punkt zu bringen und hab’s dabei nur selten über genervte Reaktionen meiner Gegenüber gebracht. Jetzt saß er hier neben mir, im Taxi in Berlin, und regte sich als Betroffener über den Alltagsrassismus auf. Aguso – mit diesem Namen stellte er sich zum Ende der Fahrt hin vor – war, auch Nachts unschwer zu erkennen, von schwarzer Hautfarbe. Und:
„Jedes Mal, wenn ich in Stuttgart weggegangen bin, obwohl nee – nicht übertreiben! – aber drei von vier Mal, ha’m se uns angehalten und kontrolliert, gefilzt. Das ganze Programm. Und hier: nie!“
Ich hab ihm zu verstehen gegeben, dass ich das durchaus auch kenne. Wobei ich damals natürlich den Vorteil hatte, mir meine langen Haare zusammenbinden zu können und die Antifa-Buttons von der Jacke nehmen. Dann ein Hemd angezogen und schon war ich als perfekter Deutscher niemals in der Verlegenheit, meine Taschen entleeren und zusehen zu müssen, wie sich bewaffnete Uniformierte darüber lustig machten, was ich an Lesestoff dabei hatte oder welche Kondommarke. Aguso sprach, im Übrigen ruhig und gelassen, nicht aggressiv, allenfalls frustriert, weiter:
„Ich war ja auch mal in Köln. Da is‘ schon eher wie hier. Hab da auch Leute kennengelernt, aus Eritrea. Als die das gehört ha’m, meinten die, wir wär’n ja paranoid, so’n Quatsch, alles Bullshit, sowas gibt’s doch gar nich‘ hier! Und dann waren die zu Besuch und ich – des is‘ jetzt echt scheiße, das so zu sagen – ich fand das richtig lustig, dass uns die Bullen gleich am ersten Abend gefickt haben. So richtig. Total unverschämt. Die ha’m uns so hart rangenommen, die Kölner Mädels ha’m angefangen zu flennen …“
Es ist kein Geheimnis, dass ich nicht deswegen nach Berlin bin. Ich bin nicht in Berlin, weil ich Stuttgart hasse. Im Gegenteil, ich finde es heute sehr sehr schön, gewissermaßen zwei Heimatstädte zu haben und ich hätte kaum meine Hochzeit in Stuttgart gefeiert, wenn es mich da uneingeschränkt wegziehen würde. Auf der anderen Seite liegt mir das ja durchaus auch reale schwäbisch-spießige Weltbild so fern, dass ich mich wohl selbst mit Wolfgang Thierse im Taxi recht gut unterhalten könnte (andere Meinungsverschiedenheiten natürlich nicht ausgeschlossen).
Von außen, als Unbeteiligter, ist man irgendwie immer gezwungen, konstruiert und aufgesetzt zu wirken. So lange man nicht selbst betroffen ist, wirkt man immer irgendwie unglaubwürdig und muss sich nicht minder konstruierte Gegenargumente anhören. Sicher, Aguso ist nicht der erste, den ich kennenlerne und ich habe selbst schon ein von der Polizei durchsuchtes Zimmer auf meiner Liste zu verzeichnen. Aber ein ums andere Mal macht das ein wenig fassungslos. Die erste Verkehrskontrolle nach 10 Jahren Führerschein ist lustig, klar. Und bei der ersten „unabhängigen Personenkontrolle“ wundert man sich allenfalls. Und ja, das für sich ist kein großes Thema.
Aber irgendwann steht man da und pfrimelt aus seinem Geldbeutel die Adressen von Kumpels, weil es die Cops nichts angeht, mit wem man zu tun hat. Da steht man in der U-Bahn, greift sich in die Tasche und denkt sich:
„Scheiße, ich hab mein Taschenmesser noch einstecken. Hoffentlich machen die da keinen Stress wegen!“
Die berühmte „Schere im Kopf“ wirkt sich plötzlich nicht „nur“ auf Kunst und Kultur, sondern aufs Alltagsleben aus. Und das wegen der Hautfarbe? Man sollte meinen, wir Menschen wären langsam mal darüber hinweg.
Aguso z.B. war wahrscheinlich das Musterbeispiel für Integration. Akzentfreies Deutsch, besser noch: leicht schwäbischer Dialekt! Lässig, aber ordentlich, Student, Maschinenbau (Fachkräftemangel, anyone?), ein sympathischer Mensch mit einem Lächeln bei jedem noch so traurigen Satz, am Stuttgarter Hauptbahnhof, etwa sechs Stunden vor unserem Treffen das letzte Mal kontrolliert,
„nur so normal, Ausweis zeigen halt.“
Unser Innenminister fordert derzeit mal wieder neue Anti-Terror-Gesetze, z.B. wegen gewaltbereiter Salafisten. Aguso wird sich künftig wahrscheinlich auch noch Gedanken darüber machen, ob sein Bart weit genug gestutzt ist. Ich hielt nach nur viel zu wenigen Minuten mit 7,80 € auf der Uhr, die wie selbstverständlich mit einem Zehner ohne Rückgeld beglichen werden. Noch ganz im Thema, verabschiedeten wir uns mit gequältem Lächeln voneinander.
„Wie heißt Du nochmal?“
„Sascha.“
„Sascha. Ich bin Aguso. Cool! Meine erste Bekanntschaft dieses Mal in Berlin. Und: a Schwoab!“
Und dann ist er feiern gegangen, vermutlich ungestört. Ich nehme an, seine Taschen hat er vorher dennoch überprüft. Sicher ist sicher.
Ich bin ja manches Mal uneins mit den Kollegen, ob eine Fahrt jetzt gut oder eher schlecht ist. Aber – auch wenn ich’s deswegen nicht für legitim halte, die Fahrt abzulehnen – bei kurzen Fahrten kann ich mir immerhin erklären, weswegen sie die Kundschaft verschmähen. Ebenso bei Leuten mit Essen oder Trinken, Betrunkene gar. Dass da jeder andere Maßstäbe hat, ist irgendwie schon klar. Nun aber das:
Drei junge, eher zierliche Mädels ziehen am Ostbahnhof an mindestens 3 Taxen vorbei. Es ist ein mäßig verdienstreicher Abend, man ist wie immer irgendwie froh, wenn man auf die Durchschnittstour kommt, sprich: sobald es auf der Uhr zweistellig wird. Denke ich zumindest mal aus Erfahrung. Unsere potenziellen Fahrgäste sind lustig, allerdings nüchtern. Sie haben kein Gepäck außer Handtaschen, kein Essen, kein Trinken, nix. Sie können zwar nur englisch, haben aber in der Hand eine Karte ihres Hostels, mit Adresse und – vielleicht für die unerfahrenen Fahrer interessant – der Erklärung, dass das Ziel direkt am Hauptbahnhof liegt. Ziemlich genau 13 € Umsatz.
Wirklich ohne den Hauch einer Ahnung frage ich nun:
Fällt irgendwem irgendein Grund ein, diese Mädels nicht einzuladen?
Ich freue mich auch über satirische Vorschläge. 😉
Wenn ich gefragt werde, was ich am Taxifahren so mag, dann erzähle ich meist eine Story über Abende wie den gestrigen. Wegen der Arbeitszeiten.
Ich bin recht spät los, saß um 20.15 Uhr erst im Taxi. Von da an lief es eigentlich recht gut, aber um 23 Uhr fragte Ozie an, ob ich nicht vielleicht noch mit ihr zur Packstation fahren würde, ein Paket abholen. Gesagt, getan: ich hab noch abgewartet, bis ich am Ostbahnhof eine Tour gekriegt habe und bin dann nach Hause gefahren. Einfach so. Nach knapp über drei Stunden. Weil es geht.
Obwohl dieses Mal sogar der Umsatz gestimmt hat: meine Arbeitslaune war nur wenig ausgeprägt. Der Unterschied zwischen mir und den meisten Menschen ist in so einem Fall: die meisten Menschen sehen mitleidig auf die Uhr und zählen die Stunden bis zum Feierabend – ich sehe wehleidig auf meinen Geldbeutel und rechne mir aus, wie viel Geld ich am Monatsende weniger habe, wenn ich jetzt Schluss mache.
So auch um die nullte Stunde herum. „Auf eine Zigarette“ bin ich vorläufig mit hoch in die Wohnung gekommen, wieder gegangen bin ich drei Stunden später – um das Auto abzustellen. Da es arschkalt war, hatte ich die Zeit gut geplant. Mir blieben am Abstellplatz ein paar Minuten zum Papierkramerledigen und dann hoffentlich nur wenig Wartezeit an der Bahnhaltestelle. Um den Plan nicht zu gefährden, hab ich auf der Fahrt gleich die Fackel ausgeschaltet gelassen. Das Auto war noch (gemessen an winterlichen Maßstäben) sauber und noch ausreichend betankt, alles kein großer Deal. Dank einer Baustelle ist allerdings der Parkplatz gerade immer ziemlich gut belegt, so dass ich ein oder zwei Runden drehte, um einen Standplatz für die 1925 zu finden. Und dann?
Wurde ich rangewunken.
WTF? Fackel war aus, wir waren auf einem düsteren Parkplatz in Lichtenberg und vor mir standen zwei Winker. Naja, wahrscheinlich wollten sie irgendwas wissen: den Weg zum Hotel oder so.
Nein, wollten sie nicht. Zwei junge Asiaten, Koreaner vielleicht, fragten in mehr als brüchigem Deutsch, ob ich sie „Okeide binga“ könne.
„Nee nee, sorry! Ich hab Feierabend!“
Noch sieben Minuten bis zur Bahn und ich hatte noch nicht einmal einen Parkplatz …
„Feiaaad?“
„Ja, ich bin fertig. Schluss, finito. Shift finished.“
„Okeida?“
Das ging noch eine Weile so weiter. Am Ende hab ich dann beschlossen, dass einfach die Kommunikationsbasis fehlt, um die Fahrt abzulehnen. Ich weiß, die meisten Kollegen hätten das eher umgekehrt gemacht, aber ich bin ja nicht die meisten Kollegen. Die Adresse hatten die unerwarteten Fahrgäste glücklicherweise ohne gröbere Patzer im Handy gespeichert und so stellte sich heraus, dass sie in die Borkheider Straße – nach Marzahn, fast schon Ahrensfelde mussten. Puh!
Im Grunde eine schöne Sache. Weite Tour – am Ende 18,00 € – und damit lohnend. Nur zähneknirschend den Feierabend verschiebend und zudem auch noch zuhause vorbeifahrend gefiel mir das eigentlich eher weniger. Aber gut, jetzt hatte ich schon ja gesagt.
Die beiden waren wirklich lieb, eine Unterhaltung war allerdings nicht möglich. Trotz aller Versuche. Ich war deutlich schneller unterwegs als sonst so in Berlin und hab nach dem Absetzen der beiden festgestellt, dass mir noch eine reelle Chance bleiben würde, nun ziemlich passgenau die Bahn zu kriegen, die eine halbe Stunde später fuhr. Und ich habe es geschafft.
40 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit, da weinen die Kollegen aus der Tagschicht aber. 🙂
OK, natürlich hatte ich so erst 30 Minuten später Feierabend. Dafür aber auch 8 € brutto mehr am Monatsende. Auf die Stunde gerechnet stinkt da selbst der Dezemberlohn gegen ab …
Ja, normalerweise ist Feierabend, wenn Feierabend ist – Ende! Aber wie sagt man so schön: Ausnahmen bestätigen die Regel. 😀