Sich nicht sehen lassen

„Wo darf es denn hingehen?“

„In die Willibald-Alexis-Straße nach, nach …“

„Kreuzberg, nehme ich an!?“

„Ja genau! Prima, sie kennen die!“

„Ja, zugegebenermaßen eher zufällig. Ein Freund hat da mal gewohnt.“

„Nein, na so was! Wissen Sie, meine Tochter ist da hingezogen! Kennen Sie vielleicht …“

„Sicher nicht. War nur einmal da in den letzten zwei Jahren.“

„Oh. Na dann. Das kenne ich …“

„Was?“

„Ist mit ihrem Freund also …“

„Er wohnt nicht mehr da!“

„Ach, ich dachte schon, es wäre eher … naja, eher so wie bei uns.“

„Wie denn?“

Und dann hat sie die große Familiengeschichte rausgeholt und entrümpelt. Die Tochter sei eigentlich eine nette, aber naja, mit den Eltern sei es in dem Alter (mit 25) ja immer so ein Problem. Hergezogen ist sie also eher aus Protest. Die Gegend aus der die Familie kommt, bleibt mein Geheimnis, aber wenn es euch gefällt, können wir gerne das schwäbische Hinterland jenseits der Stuttgarter S-Bahn annehmen. Es hagelte damals, vor zwei Jahren, wohl das ein oder andere böse Wort. Aber mit der Zeit – man kennt sowas – haben sie sich gegenseitig dann doch eher vermisst als gehasst. Die Tochter hat die Eltern mit einer recht großen Geste nach Berlin eingeladen, in die erste eigene Wohnung. So wie die Mutter das schilderte, hatte ich meine alte WG vor Augen und was für ein Höllenstress das war, wenn sich mal irgendwelche Eltern – insbesondere der Neuzugezogenen – zum Essen oder dergleichen angekündigt haben. Da wurde wahrscheinlich wochenlang aufgeräumt.

Es war dennoch vergebens. Der Vater war ohnehin ziemlich genervt von der Aktion, aber als sie dann im Taxi saßen, ist er wohl völlig ausgeflippt. Für so alten Landadel ist Kreuzberg nicht unbedingt die schönste Gegend. Die Willibald-Alexis-Straße am Chamissoplatz ist zwar eigentlich schönstes Altbaukreuzberg, meines Wissens nach nun wirklich nicht die schlechteste Wohnlage. Der nervöse Vater hat aber irgendwo am Kotti oder am Mehringdamm – keine Ahnung, von welchem Bahnhof sie genau gekommen sind – das Handtuch geschmissen und angefangen rumzufluchen, dass er es sich ja Mühe gegeben hätte, sich aber beim besten Willen nicht „in so einer Gegend sehen lassen“ könne.

Mein Kollege muss damals die stressigste Tour des Monats gehabt haben, denn es muss einen cholerischen Streit im Fond gegeben haben, an deren Ende die Mutter nachgab und ihren Mann widerwillig wieder zum Bahnhof zurückbegleitete und mit ihm unverrichteter Dinge noch am selben Abend wieder abgefahren ist.

Ich dachte schon an der Stelle, dass das gebloggt werden muss. Der arme Kollege! Die Krönung kam aber noch.

Dass sie mit seiner Entscheidung nicht so ganz einverstanden war, zeigte sich ja bereits an der Tatsache, dass sie nun wieder – und alleine – in Berlin war. Also hab ich vorsichtig eingeworfen:

„Wovor hatte er denn Angst? Wen hätte er denn hier schon treffen sollen – außer vielleicht andere Väter, deren Töchter hierher gezogen sind?“

„Das hab ich ihm ja auch gesagt. Aber es geht ja immer nur um den Ruf! Der Ruf! Dabei weiß der gute Mann gar nicht, was er eigentlich für einen Ruf hat!“

Der gute Mann führt wohl einen Familienbetrieb, Holzverarbeitung. Eigentlich ja nicht unbedingt das Gewerbe, bei dem man sich nicht vor einem Mehrfamilienhaus blicken lassen kann. Aber seine Frau meinte:

„Das glaubt mir ja hier eh keiner! Der is heute Morgen sogar mit mir zusammen zum Bahnhof gefahren, damit die Leute nicht reden, wenn wir getrennt weggehen. Wahrscheinlich wird er da im Hotel warten, bis ich am Sonntag abend wiederkomme. Und seine Sekretärin bumsen – der feine Herr mit dem guten Ruf! DAS weiß nämlich in Wirklichkeit auch jeder, nur traut sich keiner, ihm das zu sagen, außer …“

„Lassen Sie mich raten …“

Ich glaub, ich wahr versehentlich Statist in so einem komischen Landarzt-Roman oder sowas … 0.o

22 Kommentare bis “Sich nicht sehen lassen”

  1. Dennis sagt:

    “Lassen Sie mich raten …”

    Töchterchen weiß & sagt es? Nicht so nette Geschichte,……

  2. Hermione sagt:

    Klingt wirklich nach ner 1A-Romanvorlage! :mrgreen:

  3. Sash sagt:

    @Dennis:
    Sie HAT es gesagt, damals … 🙂

    @Hermione:
    Naja, schon ein bisschen platt, oder?

  4. Hermione sagt:

    Zur Not reicht es für ein RTL-Drehbuch. :mrgreen:

  5. elder taxidriver sagt:

    Meine Bildungsquelle war ja als Kind ‚Readers Digest‘, muss ich hier leider mal sagen. Da standen so Geschichten immer unter der Überschrift : Drama im Alltag.

  6. Ralf sagt:

    Geschichten gibts… 🙂

  7. Wahlberliner sagt:

    Haha, klasse, das nennt sich dann wohl „Generationenkonflikt“. Köstliche Geschichte, ich hätte es aber kaum für möglich gehalten, dass es sowas heute wirklich (immer)noch gibt… Für mich ist das irgendwie sowas von 20. Jahrhundert 😉

  8. elder taxidriver sagt:

    Überigens: Chamisso-Platz spricht man richtig so aus, also falsch: Schamisso-Platz..
    Und , andere Gegend : Schodowickistraße.. Das hat was für sich, oder soll man etwa , krächz,: Ch ch ch- odow-i e t – z k i straße sagen? Und dann gibt es noch die Romäng Rollang-Straße , auch ganz schwieriger Fall , jedenfalls früher für Taxizentralen. Oder Lloyd-G. Wells – Straße und Edwin – C. Dilz-Straße, in Zehlendorf. Wer das früher über Funk zum ersten Mal hörte konnte ne Krise bekommen. Das waren Luftbrückenflieger , die bei so einem Flug abgestürzt sind.
    Ich bin ja für problemlos auszusprechende Straßennamen. Schwieriger Fall auch, am Kanzleramt: Ytzchak -Rabin-Straße, gut , dass da keiner wohnt. Immerhin war der Kompaniechef von Rolf Eden, im ersten Israelischen Krieg. ‚Rolf Eden -Straße‘ wäre sprachtechnisch natürlich ideal. Sonst aber eher nicht..

    Das war heute alles in der Abt. ‚Vom Hölzchen aufs Stöckchen‘

  9. Gast sagt:

    @ elder taxidriver
    Hö, hö, da haben wir wohl eine ähnliche Kindheit gehabt. Reader’s Digest war damals wirklich toll.
    Meine Eltern haben die in solchen roten Buchdeckeln gesammelt und ich habe die (Ende 40er/Anfang 50er) immer noch hinten in meinem Bücherregal. Manchmal ist so ein Ausflug in die „Dramen des Altags“ und die Werbung der Wirtschaftswunderjahre sehr erheiternd. 🙂

  10. leopold sagt:

    Passt nicht zum Artikel, aber zum Blog und evtl. interssant, weil es einen Nachtfahrerkollegen betrifft:
    Taxifahrer fälscherlicherweise als Vergewaltiger bezeichnet
    http://www.dasmagazin.ch/dasMagazin/viewer.html?contentId=dasMagazin.2013.7.e5#article=8

  11. ednong sagt:

    @ elder …:
    Wie denn? Chja-mis-soo …? Oder eher Ka-mis-soo? Ich kenn nämlich für das beginnende „Ch“ mehrere Varianten außer der von dir genannten. „So wie geschrieben“ hilft da nicht wirklich 😉

    @ Sash:
    Hehe, irgendwoher müssen die bösen Worte doch damals gekommen sein. War schon klar, dass sie das ausspricht. Find ich korrekt. Dann wird die Mutter auch irgendwann nach Berlin ziehen? 😉 Und wieder ein paar Schwaben mehr in der Hauptstadt. Irgendwann spricht man dort nur noch schwäbisch, isch sagsch euch. Oder so.

  12. elder taxidriver sagt:

    Ja, ednong, das stimmt allerdings: Ich habe nur die Berlinischen Versionen im Kopf gehabt, also Schamisso wie Schabracke , Scharteke, Scharlatan oder Schwund , oder Karakterschwein ..den internationalen Teil könntest Du übernehmen.. Aber Vorsicht , es gibt 4000 Sprachen oder so.. Nicht gezählt Öcher Platt, wird in Belgien gesprochen.
    Habe ich mal nicht herausbekommen, obwohl ich in Urdu- und Tamil- und Armenisch-raten ganz fit war. Tiroler Bergtäler sind auch schwer.

  13. Nania sagt:

    @elder taxidriver
    Neee, Öcher (gespr: Öscher) Platt ist das Aachener Platt (da Aachen im Volksmund der Bewohner auch „Oche“ heißt) und hat mit den in Belgien gesprochenen Sprache erstmal wenig zu tun – bis auf die Grenznähe vielleicht.

  14. Sash sagt:

    @Hermione:
    Ja, vielleicht. 🙂

    @Wahlberliner:
    Ich glaube, das ist einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Stadt und Land …

    @Rest:
    Ich freue mich wirklich, dass ich bei euch noch so viel lernen kann. Und das alles, ohne meine eigene Seite zu verlassen! 🙂 *lob*

  15. elder taxidriver sagt:

    Naja, Nania , die kamen eben aus Belgien, -fertig

  16. Wahlberliner sagt:

    @Sash: Ich glaube, da verwechselst Du die Schubladen miteinander. Besser wäre es jedoch, sie ganz auszuräumen und ohne ihre Hilfe zu denken… ;-D

  17. elder taxidriver sagt:

    ‚Die Schublade ist die Grundlage des menschlichen Geistes‘

    Aus einem Roman von Henri Carre. Da steht jemand aber vor einem Sekretär, also einem Möbelstück mit 48 Schubladen, während er das denkt. Eine Schublade ist natürlich zuwenig. Aber mit 48 kann man schon was anfangen, ne?

  18. ednong sagt:

    @ elder …:
    Da haste dich ja ganz geschickt um die Beantwortung meiner Frage gedrückt … 😉

  19. Bernd sagt:

    Ja, ja, so sind´s halt, die Schwaben in Berlin!

  20. Opa Hans sagt:

    Irre. Und ehrlich nicht ausgedacht? Manchmal (aber nur ganz manchmal) wünschte ich, ich wäre Taxifahrer.

  21. Sash sagt:

    @Bernd:
    Du hast offenbar nicht so genau gelesen … 😉

    @Opa Hans:
    Manchmal hab ich selbst das Gefühl, ich würde mir die Sachen nur ausdenken – und das sind dann die, in denen ich mir komischerweise wünsche, kein Taxifahrer zu sein … 😉

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