Die 100%-Tour

Es gibt Dinge, die passieren einem als Taxifahrer nur sehr selten bis gar nie. Etwas leichter hat man es, wenn man nebenher schreibt und einen Haufen Leser hat, die wissen, was man mag und was nicht. Von so einer – zu 100% perfekten Tour – handelt dann wohl dieser Eintrag.

Die Uhr wehte frisch und der Wind stand auf kurz nach halb eins. Oder so. Ich stand am Ostbahnhof, dritte Rücke, die nächste Fahrt so in etwa einer halben Stunde in Aussicht. Am Samstagabend sind die toten Stunden zwischen 0 und 2 Uhr nicht ganz so extrem, aber immer noch spürbar. Ich schaute ein wenig um mich, als mein Blick an einem bekannten Gesicht hängen blieb. Und das bei meiner Gesichtsblindheit! Aber ich hatte mich nicht vertan, denn das bekannte Gesicht blickte erfreut zurück und der zu dem bekannten Gesicht gehörige Mund formte betont beiläufig folgende Worte:

„Na, wir kennen uns doch!“

Allerdings.

Christian, seines Zeichens Anwalt aus der Nähe von Hamburg, saß schon einmal bei mir im Taxi und ist Blogleser und (Selten-)Kommentator der ersten Stunde. Das konnte kein Zufall sein!

War es auch nicht. Zwar hat die Bestellung bei myTaxi nicht geklappt, da uns beiden ungefähr zeitgleich das Programm abgeschmiert war – aber dank meines Trackers (dafür hab ich den also!) hat er – und das ist etwas Neues – sich extra in die Bahn gesetzt, um zu mir zum Taxi zu fahren.

„Ich bin zufällig in Berlin und wenn’s Dir recht ist, dann würde ich vorschlagen, wir fahren ein bisschen rum, gehen bei laufender Uhr einen Döner essen und Du bringst mich danach irgendwann ins Hotel zurück. Wäre das ok?“

Ob das ok wäre? Na, aber hallo!

Und dabei bin ich zunächst noch davon ausgegangen, dass wir nur mal eben nach Kreuzberg rüber zum nächsten Döner gurken. Stattdessen interessierte sich Christian aber für so allerlei Blog-spezfische Plätze und schlug vor, ich könne ihm auch gerne meinen Heimatbezirk Marzahn zeigen. Stopp an einer Bank und an einem Döner allerdings obligatorisch!

Ich hab mich anfangs ein bisschen schwer getan damit. Ziellos durch die Gegend fahren ist nun wirklich so ziemlich das Letzte, in dem man irgendwie Übung hat nach viereinhalb Jahren im Taxi. Immer geht es nur um die kürzeste Strecke, den schnellsten Weg und das letztendliche Ziel. Und nun das. Ich hab mir aus dem Ärmel eine immer noch relativ geradlinige Route nach Marzahn einfallen lassen und ihm nebenbei die Abstellplätze des Autos und alles auch nur halbwegs interessante gezeigt. Aber im Grunde war sogar das nebensächlich, denn wir haben uns vor allen Dingen gut unterhalten.
Am Ende haben wir tatsächlich im Eastgate Geld geholt und beim Döner vor meiner Haustüre gemütlich was gegessen und getrunken. Und uns weiter unterhalten. (Gemeinsamer Buchtipp übrigens: Oliver Sacks – Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte)

„Ich wusste, dass es gut wird. Aber dass es SO gut wird …“

Da konnte und kann ich auch jetzt noch nur beipflichten!

Und all das, während die Uhr in der 1925 weiter vor sich hintickte. Wenngleich die Auslegung meiner Bestellung seitens des Personals beim Döner etwas abenteuerlich war, hatten wir also unsere Unterhaltung und führten diese bis zum Ende der üppigen Portionen fort. Selbst eine Raucherpause gestand mir mein Fahrgast noch zu, während ich immer noch nicht wirklich loslassen konnte von meiner Sorge, dass ich doch wenigstens dafür die Uhr kurz … ich bin wahrscheinlich wirklich unverbesserlich.

Auf dem Rückweg nahmen wir noch ein paar Eindrücke aus Marzahn, Lichtenberg und Friedrichshain mit – und nach ein bisschen Club-Sightseeing standen wir ungefähr eindreiviertel Stunden nach unserer Begegnung vor seinem Hotel und haben uns ausdauernd verabschiedet. Die Uhr zeigte knapp über 65 € an und ich nenne den Betrag nur, damit man ungefähr eine Vorstellung hat, was folgender Satz beim Bezahlen zu bedeuten hat:

„Ich weiß ja, Du magst keine großen Scheine. Aber wenn ich sage ‚Stimmt so!‘, dann geht das hoffentlich …“

Ja, es ist wahr. Die Truppe lustiger Jugendlicher mit ihrem Mördertrinkgeld haben in der Schicht leider nur den zweiten Platz gemacht. Dass mir an diesem Tag nichts mehr die Laune verderben konnte, ist wahrscheinlich verständlich, oder? 🙂

Kleines PS:

Das ist natürlich ein Erlebnis, das ich nicht meinem Beruf als Taxifahrer zu verdanken habe. Christian hat sich ausdrücklich für mein regelmäßiges und gutes Schreiben bedankt, was ich sehr zu schätzen weiß. Und ich möchte auch den Eindruck zerstreuen, das sei für mich einfach ein tolles Geschäft gewesen. Natürlich ist so eine Tour der Hammer und unter dem Gesichtspunkt hab ich’s hier natürlich auch runtergetippt. Aber übers Finanzielle hinaus war es einfach ein netter Break, eine kleine Pause im wuseligen Wochenendbusiness, ein bisschen Erholung nebst viel Spaß. Christian möchte ich zu diesem Anlass natürlich besonders danken, aber es ist ja nicht das erste nette Erlebnis mit Euch Lesern. Und ich glaube sagen zu können, mit allen von Euch Spaß gehabt zu haben.

Feierabenddeals

Wie gut so ein paar Stunden Schlaf extra einem manchmal bekommen können, davon kann ich Euch heute ein Liedchen singen. Ich lass die wörtliche Umsetzung aber besser bleiben, denn momentan ist mein Schlafrhythmus meines gestrigen „überraschenden“ Zahnarztbesuches wegen etwas aus den Fugen geraten und hat hier und da durchaus was mit Schmerzen zu tun, weswegen ich in jeden Singsang gelegentlich kleine verstörende Auas einstreuen würde.
Und in Anbetracht des letzten Satzes bin ich mir nicht sicher, ob mein Ibuprofen nicht irgendwelche psychoaktiven Bestandteile hat.

Aber das mit dem Müdesein und dem Wunsch nach Schlaf und Ruhe ereilt einen ja auch gelegentlich gegen Feierabend – vermutlich nicht nur als Taxifahrer. Aber bei uns liegt die Sache ja wieder mal ein bisschen anders, weil unser Feierabend in den Augen vieler Menschen offenbar verhandlungsoffener ist als der anderer Dienstleister. Das aber wiederum wollen wir ja manchmal auch nicht anders.

Nach meiner Schicht am vergangenen Wochenende war ich aber eigentlich bereits an dem Punkt, an dem ich keine Kompromisse mehr eingehen wollte. Ich hab die Fackel – was wirklich selten ist – bereits vor dem Abstellplatz ausgeschaltet und war ein klein wenig verärgert, als ich auf der Haltestellenanzeige einen „Außer Betrieb“-Hinweis zu lesen bekam. So lange die Bahnen morgens noch im 30-Minuten-Takt fahren, orientiere ich mich da nämlich gerne dran und teile mir die Zeit ein wenig ein. Wenn ich nur noch wenig Zeit habe, beeile ich mich mit dem Schichtabschluss, dem Einpacken, Aufräumen etc. – wenn mir noch zwanzig Minuten verbleiben, rauche ich auch gerne erst einmal neben dem Wagen eine und setze mich danach in aller Ruhe noch einmal ins Warme, bevor ich unnötig lange an der Haltestelle selbst, nur 50 Meter entfernt, rumgammle.

Und nun? Außer Betrieb.

Mit ungewissem Zeitplan ließ ich die 1925 auf den Parkplatz rollen, drehte die Musik leiser und fing an, mir die Schichtdaten zu notieren. Da stand er dann plötzlich und fragte, ob ich noch fahren würde. Puh, nee, also echt nicht. Ich hatte meine 10 Stunden fast runter, der Umsatz war ok soweit, so langsam sammelte sich der Schweiß im Hemd, ich war müde.

Aber wenn man dann so dran denkt, wie lange man sonst manchmal auf eine Tour wartet … ich werde da halt doch auch mal schwach.

„Nee, eigentlich nicht. Feierabend. Ich war lange genug draußen, sorry.“

„Bitte.“

„Wohin soll’s denn gehen?“

„Ich muss nach Karlshorst.“

Verfluchter Mist! 20 € gleich. Auf dem Silbertablett ohne Wartezeit serviert! Das ignoriert sich irgendwie schwer, wenn man zwar müde und fertig – aber doch ganz guter Laune!  – ist. Auf der anderen Seite: Das sind auch nochmal deutlich über eine halbe Stunde Zeitaufwand, dann wäre es … shit! Soo spät?

„Nee, tut mir leid. Das ist mir jetzt echt zu weit.“

„Dann vielleicht wenigstens zur Rhinstraße? Ich warte hier schon ewig und die Bahn kommt nicht.“

(mit anderen Worten: die Bahn kommt ziemlich bald – und schließlich ist das die, die ich auch zu nehmen gedachte)

„Also Landsberger-, Ecke Rhinstraße? Das wäre ok?“

„Ja, Hauptsache ich bin hier mal weg!“

„Na gut …“

Ein Novum, wenn ich der letzten fünf Jahre richtig entsinne. Um das Fahrtziel hab ich mit der Kundschaft meines Wissens nach noch nicht gefeilscht. 🙂 Bietet sich auch wenig Anlass zu, ich hab’s auch nur gemacht, weil ich mich rein technisch schon außer Dienst gesehen hab.

Das Ergebnis hingegen war für mich OK. Nur mal kurz die Landsberger rauf würde fast einen Zehner bringen und um die Zeit dank Verkehr allenfalls 10 Minuten – inklusive Rückweg – kosten. Also hab ich ihn doch noch eingesackt. War auch ein netter Kunde, zu jeder anderen Zeit hätte ich ihn auch ans andere Ende der Stadt oder des Landes gefahren. Für den Moment war der Kompromiss aber auf beiden Seiten so das gerade noch tragbare Maximum. Und was soll’s? Am Ende isses ja ok, so lange es passt.

„Ist gut, ehrlich!“

Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob das ein Versehen war. Aber nichts spricht dafür.

Ich muss dazu sagen, dass ich am vergangenen Samstag eine fantastische Schicht hatte. Was insbesondere damit zusammenhing, dass mich gleich drei Leser aufgespürt haben. Zumindest eine der Touren werde ich gesondert erwähnen müssen, die war nämlich auch abgesehen von den mehr als nur ausgeglichenen Finanzen einfach geradezu eine entspannende Pause in einer sonst doch eher hektischen Wochenendschicht.

Nun will ich aber erst einmal das Feld von hinten aufrollen und eine der letzten Fahrten ins Visier nehmen.

Ich erhoffte, nach gutem Umsatz und noch besserem Trinkgeld, mit gutem Gewissen ein kleines Päuschen an meiner Stammhalte einlegen zu können. Ich kam auf dritter Position zu stehen, einer vor mir fuhr gleich weg, dann bekam ich aber doch noch die Gelegenheit, auszusteigen und eine Zigarette zu rauchen. Diese war noch nicht einmal zur Hälfte beendet, da wurde ich von einer Gruppe junger Leute gefragt, ob mein Auto ein Großraumtaxi sei. Ich bejahte, verwies aber auf den recht knappen Platz in der letzten Reihe.
Für diese fand sich aber problemlos eine junge Dame, der Rest ging dann schnell. Fünf Leute saßen im Auto und arbeiteten eine Route mit drei Stopps aus. Hervorragend, hatte ich doch zum Erreichen meines finanziellen Ziels allenfalls noch 7 € offen.

„Erstmal Flughafenstraße.“

Damit wäre das mit dem Geld erledigt.

Die darauffolgenden Stopps reihten sich wie Perlen auf einer Schnur, im Wesentlichen fuhr ich einen sehr an ein Rechteck angelehnten Halbkreis. Die Leute waren alle total umgänglich, ich hätte ihnen zudem im Vorbeigehen Nüchternheit attestiert. Freundschaftliche Atmosphäre, nettes Gepläkel beim Aussteigen, alles super. Die Uhr kam bei 18,60 € zum Stehen und ich verkündete der letzten Mitreisenden aus reinem Spaß an der Freude:

„Das wären dann 18,60 €. Und wegen der 1,50 € Zuschlag für die fünfte mach ich heute auch keinen Terz.“

Ich hatte kurz davor bemerkt, dass ich den Zuschlag noch nicht gedrückt hatte – und ich wollte jetzt einfach nicht noch sagen: „Da kommen aber noch …“ Manchmal siegen Faulheit und Bequemlichkeit, und wann, wenn nicht an einem Tag wie diesem, ist das mal ok?

Meine verbleibende Fahrgästin kramte in ihrem Portemonnaie und reichte mir ihren Fund weiter:

„Vielen Dank. Stimmt so.“

Ich war verunsichert. Ich wollte schon einfach die Kohle einsacken, beinahe hätte ich es selbst übersehen. Ich hielt ihr meine Hand mit dem Geld noch einmal hin:

„Ähm, ganz ehrlich: Sind Sie sicher? Wir waren bei 18,60.“

Sie bejahte und versicherte noch einmal:

„Glauben Sie mir, das ist gut so.“

Also hab ich das Geld eingesteckt. Die ganzen 33 €.

Herrentag die zweite

In irgendeiner Art war tatsächlich Herrentag heute. Zumindest hatte ich keine alleine reisenden Frauen im Taxi. Naja, mir isses egal. Insgesamt ist es gut gelaufen, ich hab den gewünschten Hunni so schnell wie erhofft – und damit schneller als erwartet – eingefahren. Das aber lag nicht daran, dass die Winker zeitweilig häufig waren (was der Fall war), sondern dass ich die richtigen Touren bekommen habe. Insbesondere zwei längere, die über die Hälfte meines Umsatzes ausgemacht haben.

Zunächst hatte ich ein „Wiedersehen“ (ich bin ja ein bisschen gesichtsblind, deswegen die Anführungszeichen) mit einem Stammgast des Ostbahnhofes. In meinem Auto hatte ich ihn sicher zwei oder drei Jahre nicht mehr – und ach du Scheiße, klingt das, als ob ich den Job schon ewig machen würde!
Es war jener schweigsame Mensch, der gerne seine Zeitung liest, während er sich ganz selbstverständlich vom Ostbahnhof bis ins tiefste Zehlendorf fahren lässt. Inzwischen kostet seine Fahrt ja 31,00 €, seinen drei Euro Trinkgeld ist er jedoch treu geblieben. Ich für meinen Teil hab dazugelernt und fahre inzwischen einfach die Strecke, die er gerne hätte. 🙂

Und dann waren da noch die Winker am SEZ in Friedrichshain. Typische Feiergemeinde, gemischtgeschlechtlich, jung – aber unkompliziert. Dass sie bei mir zu Hause ums Eck wollten, schien mir schon eine nette Geschichte zu sein, wäre allerdings mit grob geschätzt 15 bis 18 € nicht erwähnenswert gewesen. Dass sie unterwegs beschlossen haben, einem der Mitreisenden die Heimfahrt mit Bus und Bahn zu ersparen und deswegen einen Umweg über Kaulsdorf-Nord verlangt haben – das hat das Ergebnis spürbar aufgerundet. Auf fast 30 €. Wobei es hier noch zu erwähnen gilt, dass es wesentlich günstiger gewesen wäre, erst nach Marzahn und dann nach Kaulsdorf zu fahren …

Spektakulär im eigentlichen Herrentagssinne waren die Fahrten beide nicht. Und bei aller Liebe zu den betrunkenen Partygängern bin ich versucht zu sagen: Glücklicherweise! Manchmal ist einfach dann ja doch auch schön. 🙂

Gerüche im Taxi

OK, der ein oder andere war vielleicht ein wenig irritiert ob meiner Äußerungen bezüglich Körperausdünstungen im Taxi im letzten Artikel. Mal abgesehen davon, dass eigentlich allen klar sein sollte, dass man auch als Taxifahrer nicht für jeden Furz eine Pause einlegt, möchte ich auch ein wenig die Panik mildern: Bei mir im Taxi riecht es angeblich sehr gut.

Das ist nicht einmal selbstverständlich, ich höre immer wieder Beschwerden diesbezüglich über andere Kollegen und deren Autos. Dabei bin ich ja kein Heiliger, immerhin rauche ich ziemlich viel und komme an warmen Tagen auch gerne mal ins Schwitzen. Scheinbar passt das aber alles, wenn ich vor dem Dienst dusche, Deo benutze und zudem nur vor dem Auto rauche.
Mehr unternehme ich auch nicht.

Leser, die bereits mit mir im Auto saßen, dürfen gerne eine gegenteilige Meinung kundtun, ich bin dennoch zuversichtlich, dass das alles so passt. Denn immerhin habe ich am vergangenen Wochenende ein paar Winker eingeladen, die gerade aus dem Auto eines Kollegen gestiegen waren. Nicht des Geruchs wegen, sondern weil der Wagen wohl einen Defekt hatte und der Kollege die Schicht abbrechen wollte.

„Boah, hier riecht’s gut. Wahnsinn: Schon das zweite Taxi heute – und in beiden riecht es gut!“

Das hört man doch gerne. Ein wenig blöd war höchstens das, was einer der Fahrgäste keine Minute später äußerte:

„Darf man bei Dir rauchen?“

Nee, is klar …

JWD-Warten

Die letzte Woche lief umsatzmäßig irgendwie nicht so richtig. Das ganze Wochenende hab ich durchschnittlich gefühlt eine Stunde auf jede Fahrt gewartet. Realistisch wird’s immer noch eine halbe gewesen sein. Und dann kamen Touren zwischen 4,40 € und 11,20 € dabei raus – also zumindest mal nichts, was die Zeit wieder ausgleicht. So gesehen war ich dann außerordentlich erfreut, dass zwei Mädels eingestiegen sind und vom Ostbahnhof bis nach Tempelhof gebracht werden wollten. Immerhin mal so 15 bis 18 €!

Über die Fahrt gibt es auch gar nicht viel zu sagen, es war die durchschnittlichste Durchschnittstour mit unspektakulärem Smalltalk, mittelprächtigem Trinkgeld und langweiligen Verkehrsbedingungen. Nur solche Touren, dann wäre GNIT tot.

Aber das Leben ist ja bekanntlich eines der tollsten, so bekam ich auf dem Rückweg nach nur wenigen Metern Winker. Vier Jungs um die 25, und obwohl zweifelsfrei angetrunken sehr angenehme Kundschaft. Nicht nur erträglich, sondern sogar nett und im Gegensatz zu vielen Betrunkenen sogar ohne nervige Stammtisch-Niveau-Diskussionen.
Sie fragten mich, ob es ein Problem wäre, wenn wir an drei Adressen halten würden, zumal es – ach wie schlimm! – am Ende sogar bis nach Großbeeren rausgehen würde. Na, holla die Waldfee! Ich war schon verzückt, ohne zu wissen, dass das am Ende tatsächlich eine 30€-Tour werden würde. Schließlich kenne ich mich im Berliner Umland allenfalls ein bisschen besser aus als in London. Was wohl daran liegt, dass ich in London noch gar nicht und im Berliner Umland nur recht selten war.

Einen nach dem anderen hab ich die Jungs in den südlichen Stadtteilen rausgelassen, bis mein Beifahrer letztlich alleine bei mir saß und mir den Weg nach Großbeeren wies. Freiwillig. Ich hätte das Navi ja angeschmissen, aber er wollte mir die Strecke gerne zeigen. Seine gute Laune war leicht getrübt, denn er war rund eine Stunde später unterwegs als erwartet und er fürchtete, dass seine Freundin ihm das nicht so ohne weiteres durchgehen lassen würde …
Das aber war nicht das Einzige. Noch dazu hatte er kein Geld dabei, das würde ich erst bekommen, wenn er sich mit einem Kumpel trifft, der – warum auch immer – im Besitz seiner Bankkarte sei. Aha. Im Gegensatz zu vielen Kollegen finde ich sowas zwar mitunter erstaunlich und komisch, nicht aber schlimm.

Das Ganze verzögerte sich noch, weil der Kumpel uns wohl irgendwie entgegenfuhr, am Ende warteten wir vor der Bank im Ort. Der Heils- und Geldbringer sollte gleich kommen, also lehnte ich mich zurück. Die Uhr stand mittlerweile bei 29 € und ich sah dem Kommenden relaxt entgegen. Noch zwei bis drei Minuten Wartezeit – besser als alles, was zeitgleich in Berlin passierte, da war ich mir sicher. Und dann:

„Willste die Uhr nicht mal ausmachen?“

Trotz dieser über alle Maßen lukrativen Tour bin ich da ein bisschen allergisch. Ich werde nur nach Umsatz bezahlt und in der Zeit, in der ich nicht bezahlt werde, möchte ich machen können, was ich will. Inklusive lauter Musik, rumcruisen oder gepflegt einen Furz in die Sitzpolster drücken. Was ich natürlich nicht mache, wenn Kundschaft anwesend ist.

(Wobei einige insbesondere letzteres durchaus verdient hätten 😉 )

Auf der anderen Seite war er halt bislang auch wirklich nett, eine Minute warten ist eh umsonst und zwei weitere würden ohnehin nur knapp einen Euro bringen. Allerdings, so muss ich auch anmerken: Ein Preis knapp über 30 € wäre schon gut gewesen, schließlich fällt da eine psychologische Barriere beim Trinkgeld. Von 29 rundet es sich eben leicht auf 30 auf, bei 30,80 € dürfte der Durchschnitt wesentlich höher liegen. Aber hatte ich schon erwähnt, dass ich einen netten Fahrgast hatte?

„Und mach Dir mal keinen Kopp. Du kriegst sowieso 35 € von mir. Den Fünfer Trinkgeld kannste gleich haben – und mein Kumpel is‘ in zwei Minuten hier!“

Mir ging’s gut genug, um es auf einen Test ankommen zu lassen. Ich hab die Uhr bei 29,20 € gestoppt, auf die Uhr geschaut und den Fünfer einkassiert. Zwei Minuten später war der Kumpel da, nach einem kurzen Bankbesuch von unter einer Minute auch das Geld. Auch hier natürlich glatte 30 €.

Unter den Umständen kann man natürlich über alles reden. 🙂

Zum Sex überreden …

Nee, mir wäre nicht eingefallen, meine Kundin unangemessen anzubaggern. Ich bin schließlich glücklich verheiratet. Das aber soll der Wirt einer Kneipe getan, nämlich gesagt haben:

„Also wenn Du nicht mit mir schläfst, dann kriegste hier kein Bier!“

Bitte WAS?

Ich weiß, solche sexistischen Entgleisungen sind hierzulande immer noch viel zu verbreitet, aber mein Erstaunen war dennoch recht komplett. Diese Worte stammten nämlich nicht von einer gerade erst volljährigen Gymnasiastin, sondern von einer resoluten Frau, die meiner Schätzung nach ihren sechzigsten Geburtstag schon eine Weile hinter sich hatte.
Vielleicht aber war es in dem Fall auch eine etwas fragwürdige Haltung zur Wahrheit, sie hatte nämlich schon gut einen im Tee und wirkte alles andere als vertrauenserweckend. Dass sie mich überdies hinaus stets nur mit „Schatzi“ anredete, rundete den kuriosen Auftritt nur noch ab.

Eine Kneipe „hier in der Gegend“ wollte sie empfohlen haben, aber alle, die ich auch nur mit Namen kannte, waren ihrer Meinung nach aus verschiedensten Gründen nicht in Ordnung. Puh!

Glücklicherweise spielte sich das Ganze unweit des Boxhagener Kiezes ab, so dass ich immerhin sagen konnte, wir könnten ja mal schauen, ob wir dort was finden.

„Ich will ja nich‘ alleine sein heute. Aber als Begleitung will ich nur meinen Schwips!“

Ich war ehrlich froh, dass sie in ihre Planungen nicht noch den zufällig vorbeifahrenden Taxifahrer mit einbezog. Denn sowas ist mitunter deprimierender als alles andere.

Ich bot eine Kurzstrecke an, worüber sie sich sehr freute. In dem Fall waren mir die vielleicht zwei Euro auch wirklich egal. Wir schlugen uns bis zur ersten Kneipe durch und sie freute sich. Verhalten. Denn:

„Aber nicht, dass das sowas ist, wo man sich freimachen muss …“

Na klar. So ganz alle beieinander hatte sie offenbar wirklich nicht. Ich hab sie nach einem Blick ins Fenster des Lokals (Da waren wirklich keine nackten Menschen, so sehr ich es mir auch gewünscht hätte!) beruhigt und das schien ihr zu reichen:

„Na dann will ich das mal versuchen! Was kriegst Du, Schatzi?“

„Kurzstrecke hat gereicht. Also 4,00 €.“

„Hier haste fünfe. Kannste behalten!“

Das ist doch mal schön. 🙂

„Obwohl, nee …“

Bitte was? Sollte ich das Trinkgeld jetzt wieder rausrücken? Fiese Scheiße ey!

„Ich hab hier doch noch was, Schatzi. Ich weiß doch, Du arbeitest auch hart!“

Und so kullerten dann nochmal 90 Cent in meine Hand.

Nichtsdestotrotz: Ich hab keine Ahnung, ob ich das jetzt als gute oder schlechte Fahrt abspeichern soll …