Im Taxi warten

So, Schluss mit Ostern – weiter geht’s mit GNIT!

Sie hat mich etwas schief angelächelt und ich hab die Scheibe auf der Beifahrerseite heruntergelassen. Mir war nicht entgangen, dass sie mit dem Kollegen vor mir schon geredet hatte und offenbar abgeblitzt war. Das macht immer misstrauisch. Sicher, es gibt auch viele Kollegen, die normale Kundenanfragen ablehnen, aber allzu oft sind es dann eben Fragen, die man auch selbst nicht positiv beantworten kann. Festpreise, Kurzstrecke vom Stand aus, Fernfahrten zu abenteuerlichen Kursen, die Mitnahme von mehr Fahrgästen als erlaubt etc…

Was nun mochte die Frau vor dem Berghain für mich bereithalten? Das hier:

„Du, sag mal: Kann ich vielleicht bei dir im Taxi warten? Meine Freunde kommen gleich und es ist so kalt…“

Zugegeben, sonderlich häufig passiert sowas nicht. Aber für alle, die das für eine reizvolle Idee halten, möchte ich hier erstmal sagen:

„Nein!“

Und erklären, weswegen.

Erstmal gibt es natürlich keine Regel ohne Ausnahmen und hier reagiert sicher jeder Kollege auch anders. Aber ihr wisst, ich bin kein egoistisches Arschloch und wenn ich nein sage, hab ich auch Gründe dafür. Genau genommen sind es zwei:

1) Freie Fahrzeugwahl
Wenn wir am Stand stehen, haben wir uns bereitzuhalten. Auf jeder Position am Stand könnte uns ja gleich ein Kunde einsteigen. Das ist sicher auf Platz 25 unwahrscheinlicher als auf Platz 1 und theoretisch kann man ja rausspringen, sobald einer kommt. Jein. Zum einen schleichen sich Kunden manchmal wirklich hinterrücks an. Zum anderen ist das mit dem Rausspringen zwar eine theoretische Option, aber aus Erfahrung weiß ich, dass die Leute nicht lange fackeln. Wenn der erwählte Taxifahrer schläft, liest, irgendwo auf dem Gehweg eine raucht, zu lange zum reagieren braucht oder sonstwie nicht Gewehr bei Fuß steht, laufen viele Leute weiter. Ebenso wenn bereits Leute an der Türe stehen – vom drinsitzen ganz zu schweigen. Und jeder Kunde, der vorbeirennt, kostet (zumindest theoretisch) erstmal Geld oder wenigstens Zeit. Da wir das nicht freiwillig machen, sondern um Geld zu verdienen – und unsere Chefs das nebenbei in der Regel auch von uns erwarten – ist so ein kostenloses Aufwärmen im Taxi nicht ganz so kostenlos für uns, wie es vielleicht zunächst erscheint.

2) Freizeit
Gerade wenn wir für eine Umsatzbeteiligung arbeiten, ist unsere Wartezeit komplett unbezahlt. Das alleine ist nicht schlimm, wir wussten von diesem Geschäftsmodell ja, bevor wir eingestellt wurden. Aber damit sind die Wartezeiten auch die Zeiten während der Schicht, die wir für uns haben. Ich mache in vielen Schichten keine einzige reguläre Pause, sondern nutze die Zeit am Stand zum lesen, schreiben, essen etc.
So gerne ich auch mit Menschen kommuniziere und so oft ich das auch während der Wartezeit z.B. mit Kollegen mache: Diese Zeit teile ich mir ein. Und nur weil irgendwer anders seine Zeit schlecht plant, möchte ich mir deswegen auch nicht immer beim Essen zugucken lassen oder anstatt zu lesen über Dinge reden, die mich nicht interessieren. Wenn jemand im Büro Kaffeepause hat, nutzt er die in der Regel ja auch nicht (gerne), um nochmal kurz für eine andere Abteilung die Netzwerkeinstellungen zu checken, oder?

Ich hab der guten Frau das auch alles ganz nett erklärt und nebenher gleich mal mit dem Vorurteil aufräumen können, man dürfe uns nicht nehmen, wenn wir nicht an erster Stelle stehen. Zumal ich bereits auf Position 7 war, und damit sogar das erste Großraumtaxi. Sie Sie folgte mir redend, während ich vorgerückt bin, nach 2 Minuten kamen ihre Kumpels, nach 3 Minuten war ich erster und gleich danach weg. Sie ist dabei definitiv nicht erfroren 🙂

8 Kommentare bis “Im Taxi warten”

  1. Schwarzwald-Fahrer sagt:

    Ich hatte schon Leute die auf Wartezeit im Taxi gewartet haben und ein wenig quatschen wollten. ist zwar ein schlechterer Stundensatz als beim Psychologe, aber ich habe immerhin bisschen was dabei verdient.

  2. Sash sagt:

    @Schwarzwald-Fahrer:
    Wenn man dafür bezahlt wird, ist das ja auch eine ganz andere Geschichte. Dagegen hab ich nichts einzuwenden. Dann trifft o.g. Argumentation ja auch in keinem Fall zu.

  3. Harry sagt:

    Moinsen und frohe Ostern gehabt zuhaben!

    Nur mal der Information halber: Neben dem Voting zum „Best of Blogs“ stehst du in der Osterausgabe unserer Tageszeitung (Neue Osnabrücker Zeitung) als Webfundstück der Woche oder so ähnlich.

    Hier mal der Link, ich kann auch gerne wenn gewünscht den Artiek aus der Zeitung an sich einscannen und zumailen.

    http://www.noz.de/artikel/62956603/sash-berichtet-auf-gestern-nacht-im-taxi-de-ueber-sein-leben-als-fahrer

    In diesem Sinne: Gute Fahrt von Kollege zu Kollege (Tagschicht Landkreis OS)

    Harry

  4. Sash sagt:

    @Harry:
    Danke! 🙂
    Einen Scan brauchste aber nicht extra anfertigen. Ich lese zwar gerne, WAS die Leute über meinen Blog schreiben, aber so akribisch sammeln, dass ich zwischen Print und online unterscheiden müsste, hab ich dann gar nicht vor 🙂

  5. Mariha sagt:

    Die zweite Argumentation ist für mich nachvollziehbar, trotzdem würde ich sie rausnehmen. Das Bereitstellen am Taxenstand gilt arbeitsrechtlich als Arbeitszeit und ersetzt nicht die Pause, somit hälst du deine Ruhezeiten nicht ein! Wenn dir oder deinem Chef jmd. ans Bein pinkeln möchte, bietet sich hiermit eine grandiose Möglichkeit dazu.

  6. Sash sagt:

    @Mariha:
    Bitte, wer will, soll diesen Versuch wagen!
    So isses nunmal. Aber ich arbeite oft kurz genug, um keine Pause machen zu müssen und Stand- oder Pausenzeiten sind im Nachhinein schlicht nicht auseinanderzuhalten. Meine Arbeitszeiten, soweit protokolliert, decken sich mit allen gültigen Vorschriften und ich habe in meinem Arbeitsvertrag unterschrieben, dass ich mich mangels anderer Möglichkeiten selbst um die Einhaltung kümmern muss. Ich würde das nicht schreiben, wenn es da Probleme geben könnte.

  7. Matthias sagt:

    @ Mariha
    Wie Sash bereits schrieb, wird es dafür kaum Pinkelmöglichkeiten geben, bzw. man würde nicht treffen. Sobald der Taxifahrer ohne Fahrgast irgendwo steht/wartet, kann er Pause machen bzw. dies zumindest behaupten.

    Bei den Bus- und Straßenbahnfahrern ist es ähnlich. An der Endstelle haben sie je nach nach Tageszeit 3 bis 20 Minuten Wendezeit und diese werden auch als Pause deklariert. Jedenfalls im Sinne der Lenkzeitenregelung, die Bezahlung läuft weiter (obwohl es da bereits auch einiges Unschöne gibt).

    Zum Thema:
    Entweder sie bezahlt ein Taxi nach Wartezeit, dann hätte Sash aber eigentlich auch zur Seite fahren müssen, oder sie kleidet sich der Temperatur entsprechend.
    Wenn man keine Jacke anzieht, weil man darin nicht gut aussieht oder um das Geld für die Garderobe zu sparen, muss man halt jemanden fürs Wärmen bezahlen oder frieren.

  8. Marco sagt:

    Ich muss ja zugeben, dass ich bis zu dem Halbsatz „(…) ist so ein kostenloses Aufwärmen im Taxi nicht ganz so kostenlos für uns, wie es vielleicht zunächst erscheint.“ davon ausgegangen war, dass die Dame den Wartezeittarif fürs Warten hätte bezahlen wollen. Dementsprechend hat mich die Argumentation bis zu diesem Punkt auch gewundert. Aber da hat Sash ja mittlerweile klargestellt, dass das bei bezahlter Wartezeit eher kein Problem wäre.

    Ich vermute aber, dass das dann recht teures Aufwärmen gewesen wäre, da zu dem überschaubaren Wartezeittarif noch die Grundgebüghr gekommen wäre, richtig? Und so kalt, dass man denkt „koste es, was es wolle“ scheint es ja doch eher nicht gewesen zu sein.
    Aber ich kann mir schon vorstellen, dass ich bei extremen Minustemperaturen, wie wir sie letzten Winter teilweise hatten, auch mal bereit wäre, 5 Euro für ein kurzes Aufwärmen zu bezahlen…

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