Gute Tage

Dass ich mich über das gute Trinkgeld der beiden Russen so gefreut habe, ist denke ich verständlich. Es ist wirklich selten, dass die Menschen so viel Trinkgeld geben. Allerdings trifft das auf den vergangenen Sonntag gar nicht zu. Am Ende der nur halben Schicht sollte das gerade einmal das dritthöchste Trinkgeld bei 5 Fahrten gewesen sein. Und damit quasi unterdurchschnittlich.

Platz 1 war eine Lesertour. Das macht sie für mich nicht schlechter, sondern im Gegenteil besser – aber es verfälscht die Statistik natürlich ganz ordentlich, wenn ich jemanden mitnehme, der mir entweder noch fürs Bloggen danken will oder sich zumindest im Vorfeld schon total viele Gedanken übers Taxifahren und die Umstände des Taxifahrers gemacht hat. Ich schreibe das hier ja nicht zum Spaß, in Wirklichkeit ist das hier natürlich nur Teil einer Gehirnwäsche, die vom Taxigewerbe initiiert wurde. 😉

OK, weg vom Offensichtlichen.

Angefangen hatte der gute Lauf schon zu Beginn. Eine Fahrt ins Berghain, ganz lässig Abends um 7 Uhr. Was man in Berlin halt so macht. Wir führten eine nicht viel über Smalltalk hinausgehende Unterhaltung. Wie lange wird gefeiert, wie lange arbeiten Sie, wie läuft das Geschäft? So weit, so gut, aber auch nur eine Tour wie zig andere. Gleich von der Straße weg, 5 Minuten nach Losfahrt, in die „richtige“ Richtung, alles gut. Aber dass er dann die aufgelaufenen 9,80 € – ebenso wie eine Stunde später die Russen – mit glatten 15 beglich, war beeindruckend.

Wenn man trotz eines Nichtgebers am Ende pro Tour etwas über 5 € bekommen hat, dann geht man auch als Taxifahrer mal zufrieden nach Hause. 🙂

Vorurteile, mal wieder

Manchen gehe ich wohl ziemlich auf den Keks mit meiner vermeintlich „politisch korrekten“ Meinung. Ich ach so nerviger „Gutmensch“, der irgendwelche künstlichen Werte hochhält, weil: muss ja. Ich könnte das jetzt abkürzen und diejenigen Idioten nennen. Das mache ich gerne immer wieder, durchaus bewusst, und außerdem bin ich mir sicher, dass ich damit genau die Definition eines „Gutmenschen“ erfülle – nämlich ein guter Mensch versuchen zu sein und schlechten Menschen in den Arsch zu treten. So einfach könnte das sein.

Das Dumme ist: In gewisser Hinsicht verstehe ich die Schlechtmenschen (man beachte die hier nicht angebrachten Anführungszeichen!):

Denn ich bewerte Menschen auch nach ihrer Erscheinung.

Das tue ich nicht freiwillig, ich nehme mir immer wieder vor, da doch besser zu sein. Bin ich aber nicht. Ich hab auch meine Vorurteile, und noch dazu stelle ich fest, dass sie wie bei den meisten Idioten ebenso jeder Grundlage entbehren. Ich bewerte als Mann gerne attraktive Frauen höher als hässliche Kerle und stelle tatsächlich auch fest, dass mein Unterbewusstsein versucht, mich in ein rassistisches Arschloch zu verwandeln. Das tut es nicht ganz so normgerecht, ich fühle mich z.B. Menschen mit sehr dunkler Hautfarbe immer näher als Weißen. Was aber nicht minder blöd ist als andersrum.

Und ich bin vorsichtig bei „Osteuropäern“.

Was für eine Scheiße, mal ganz ehrlich!

Aber ja, liebe „Man wird ja wohl noch sagen“-Menschen: Ich weiß, wie das ist, xenophob zu sein. Ich kenne dieses Gefühl, daran glauben zu wollen,  dass man damit Recht hat. Aber glücklicherweise bin ich keiner von den Evolutionsverlierern, die dann nicht einmal logisch weiterdenken können.

Und so fehlbar, wie ich nun einmal bin, stand ich an der Ampel. Zwei etwas verwegen aussehende junge Kerle machten mir mit Gesten klar, dass sie mit mir fahren wollten. Hervorragend! Sie stiegen ein und nannten in sehr gebrochenem Deutsch eine Zieladresse. Ein wohlbekannter Platz in Lichtenberg, eine gute 10€-Tour, für mich die Freude pur. Und doch hab ich ein bisschen Zweifel gehabt. Einfach so, des Akzents wegen. Ich Idiot.

Aber gut: Der eine konnte wirklich nur sehr schlecht mit mir sprechen, der andere eigentlich ganz ordentlich. Und er war witzig, ehrlich. Untereinander haben sie sich in ihrer Heimatsprache unterhalten, wovon ich nichts verstanden habe. In der Ecke hab ich wirklich keine Anhaltspunkte. Englisch kann ich halbwegs, bei romanischen Sprachen schwingt noch ein bisschen Verständnis mit, im östlichen Bereich kann ich nicht einmal zwischen polnisch und russisch unterscheiden. Und das, obwohl ich in Ostberlin mehr als zehnmal näher an Polen als an England wohne.

Wir legten auf der Tour noch einen Zwischenstopp ein, all das kriegten wir geregelt, trotz Sprachschwierigkeiten. Kein Grund, die Tour schlechter zu bewerten als irgendeine andere. Im Wohngebiet der beiden kannte ich mich fast null aus. (obwohl ich da vor über fünf Jahren fast einmal Pakete ausgefahren hätte, siehe mein eBook). In lustiger Zusammenarbeit zeigten die beiden mir den Weg, am Ende standen wir dort, wo sie hinwollten. Die zwei hatten mich – den Taxifahrer – auf dem kürzesten Weg ganz gut gelotst.

Die Uhr zeigte nun haargenau 10,00 € an. Ich selbst war schon jetzt zufrieden, trotz runder Summe. Ich hatte von den beiden Touren zuvor schon gut Trinkgeld und als nächstes stand eine Lesertour an. Fast perfektes Timing, besser jedenfalls als ich zu hoffen gewagt hatte. Der Tag war super, auch ohne die beiden. Dann aber meinte just der mit den größten Sprachmängeln (zumindest was sein Deutsch angeht):

„Zehn? Mache fünfzehn!“

Fünfzehn!

„Und chabe gute Abend, viel Arbeit und so!“

50% Trinkgeld. Das ist hammerscheißeselten! Überhaupt ist schon ein Fünfer hammerscheißeselten! Und ich saß nun da und hab das angenommen. Von zwei Typen, die ich einfach, weil sie einen bestimmten Akzent hatten, eher negativ eingeschätzt hatte. Manchmal fühlt man sich selbst richtig blöd. In dem Fall zu Recht!

Ehrlich, Leute: Auch ich will nicht bestreiten, dass es Idioten gibt. Und ja, vielleicht gibt es sogar mehr russische Idioten als deutsche. Aber jedes Mal, wenn jemand „die Russen“ scheiße findet, schließt er damit diese beiden witzigen Kerle mit ein, die einfach mal so spontan 99% der Deutschen beim Trinkgeld übertroffen haben. Regt Euch über Arschlöcher auf, so viel Ihr wollt. Da mache ich gerne mit. Aber Rassismus ist und bleibt scheiße, weil er dumm und falsch ist.

Geschwätzig

Klasse Kunde. Nicht sehr sympathisch und nach eigener Aussage aus einem Club rausgeflogen. Zudem betrunken, und zwar sehr. Zum Straßennamen, den er mir genannt hatte, wollte er keine Nummer nennen. Stattdessen sagte er an der erstbesten Kreuzung, ich könne hier sowohl rechts, als auch links oder geradeaus fahren. Rechts hätte etwa 40.000 km Umweg bedeutet, es wäre die komplett falsche Richtung gewesen. Geradeaus war ungefähr ebenso falsch*, aber er fand es in Ordnung.

Er lotste mich letztendlich zum Ziel (war natürlich eine andere Straße als die angegebene) und gab recht überraschend ganze drei Euro Trinkgeld.

„Mach mal zwanzig! Du bist nich‘ so geschwätzig, das find ich gut!“

Mal abgesehen davon, dass wir uns die Hälfte der Fahrt unterhalten haben: DAFÜR hab ich als Dauerquassler das erste Mal Trinkgeld bekommen. Obwohl ich mir vorher schon immer dachte, dass ich die Wünsche der Kunden halbwegs erspüren und mein Verhalten entsprechend anpassen könnte. Damit lag ich dann wohl nicht so falsch. 😉

*OK, es war nur ein Kilometer Umweg, aber ich bin da halt kleinlich …

Resolute Leser

Ich hatte ja schon viele lustige Touren, darunter auch viele lange. Als mich in Prenzl’berg ein Anruf ereilte, ob ich vielleicht gerade Zeit hätte, vom Bahnhof Friedrichstraße nach Falkensee zu fahren, freute ich mich dennoch ungemein. Dankbarer Gruß an entsprechenden Leser an dieser Stelle! 🙂

Was jedoch für mich auch neu war, war die erste Ansage:

„So, jetzt erstmal zum Hauptbahnhof. Da hol‘ ich mir’n Taxigutschein!“

Die Bahn hatte mal wieder Mist gebaut, soweit nichts neues. Dass das mit dem Gutschein so gut klappte, hat mich dennoch überrascht. Aber mein eigentlich recht gut gelaunter Kunde gab zu, diesbezüglich Profi zu sein. Und zwar mit allem, was dazugehört. Am Hauptbahnhof fragte er gleich noch:

„Soll ich besser gleich einen Teil zahlen – für den Fall, dass die mich festnehmen?“

Ich habe verzichtet. Und am Ende war es mit Wartezeit eine fast glatte 50€-Tour. Ich beschwere mich über gar nichts – aber ich selbst bin ja ohnehin nicht wirklich der Typ, der gerne irgendwo Stress macht. 🙂

Und Sie so?

Ich bin ja manchmal neugierig:

„Und, Sie sind in Eile? Oder weswegen jetzt ein Taxi?“

„Ja, komische Sache eigentlich: Eigentlich wollte ich mit dem Rad fahren, aber dann hab ich das Schloss nicht aufgekriegt. Dann bin ich zur Bahn gerannt und hab erst zu spät bemerkt, dass es die in die falsche Richtung war. Und jetzt isses auch noch so saukalt …“

Da soll nochmal jemand versichern, „niemals, auf gar keinen Fall jemals“ ein Taxi zu nutzen. Irgendwann geht halt doch mal alles schief. 🙂

… oder eben nicht.

„Wird schön werden“ hab ich gestern geschrieben. Himmel hilf! So wirklich zu getroffen hat das nämlich nicht.

Ich will nicht allzu viel jammern, da sind die Kollegen meist besser drin. Aber es lief gestern nicht. Nach dem Start in die Schicht meine Lieblingsumwege abgeklappert und doch keine Winker gefunden, danach über einstündiges Warten auf eine Tour von sage und schreibe 7,60 €. Die war für sich genau genommen schon in Ordnung, auch wenn der Fahrgast ein eher ruhiger Zeitgenosse war. Wir sind gut miteinander ausgekommen, alles lief prächtig und Trinkgeld gab’s ganz ordentliche 1,40 €. War halt jetzt mit fünfeinhalb Minuten Beschäftigung nicht gerade der große Motivator nach so langem Warten.

Meine Planung für gestern war locker und völlig stressfrei. Ich wollte zwar gerne nur etwa 5 Stunden rausfahren, aber finanziell war es mir eigentlich egal. Ich freu mich ja auf meine Wochenendschichten heute und morgen, wahrscheinlich reichen die für das, was ich mir vorgenommen hab ohnehin. Und den Sonntag hab ich ja auch noch …
Als eine Art Wunschtraum hatte ich rund 90 € Umsatz im Kopf, dann wären die Zahlen für den Monat und die kommenden Schichten fast alle ziemlich rund gewesen. Stattdessen stand ich nach der hälfte der eigentlich veranschlagten Zeit zwar auf Position 1 am Stand, aber immer noch bei 7,60 €. Fünf Stunden zuvor hatte ich in einer nur Minuten andauernden Aktion 3,45 € durch Pfandwegbringen verdient. Mein Zimmer war also lukrativer als Taxifahren – und es ist nicht so, dass ich da nicht noch ein paarmal 3,45 € zusammenbekommen würde … 😉

Natürlich dauerte das nicht ewig. Kurz darauf hatte ich eine Tour für 17 €, noch dazu mit einem zwar gestressten, dafür aber umso humorvolleren Typen. Ganz anders als der erste hat er gleich über den ersten blöden Spruch meinerseits schmunzeln können und wir haben es am Ende geschafft, einen sinnfreien Wetter-Smalltalk so unterhaltsam zu machen, dass die Zeit weniger verloren schien, als mir das manchmal nach Gesprächen mit Kollegen am Stand vorkommt. (Wobei ich da gestern immerhin Glück hatte!)

Naja, hat aber nicht gereicht, mich zu motivieren. Das Wetter war ja zudem nasskalt und ich schleppe immer noch einen ganzen Korb Müdigkeit mit mir rum, vielleicht Nachwirkungen der Erkältung neulich, im Zweifelsfall sogar mit freundlicher Unterstützung seitens des Besäufnisses am Wochenende. Man weiß es ja nicht.
Jedenfalls bin ich dann heim, wo ich meine bessere Hälfte vier Stunden mit dem Wohnungsputz wegen anstehendem Familienbesuch alleine gelassen hatte, um rund 13 € zu verdienen …

„Man muss schon Überlebenskünstler sein, wenn man Taxifahrer ist …“

meinte ein netter Kollege gestern am Stand. Da hat er wohl recht. Ich hab mich trotz Müdigkeit foglich in meine Zweitbeschäftigung gestürzt, wobei ich immerhin bei der Korrektur und Überarbeitung der Leseprobe für meine Literaturagentur sowas wie einen kleinen Durchbruch hatte. Und dieser Text hier ist ja auch in jener soeben ausklingenden Nacht geschrieben (allerdings eher, hüstel, weniger korrigiert) worden.

Müde bin ich allerdings immer noch. Das kuriere ich jetzt durch lesen im Bett ein wenig aus. Vielen Dank hierbei übrigens an meinen treuen Literaturlieferanten elder taxidriver: Gestern habe ich erst den Bennett beendet, momentan lasse ich mich von Ditfurths Der Geist fiel nicht vom Himmel unterhalten und bilden. Und richtig los geht es dann halt wieder heute Abend.

Sash, 31, Lotse

Ich kam gerade von der Autobahn. Quasi. Eigentlich bin ich nur von der Pasewalker Straße aus rüber auf die Prenzlauer gewechselt. Da nimmt man noch ein paar Meter Autobahn mit, eine Ecke, die einen in der Ortskundeprüfung den letzten Nerv kostet. Vor allem in die andere Richtung.

Aber gut, ich kam von der Leser-Tour und mir fehlten noch 20 Cent auf der Uhr, um ins – zumindest in meinen Augen: wohlverdiente – Wochenende zu kommen. Plötzlich gab mir der Wagen hinter mir Lichthupe. Oder war es eine Bodenunebenheit, die mich in den Fokus seiner Scheinwerfer rücken ließ? Sowas passiert ständig, aber ich bin da immer etwas nervös, weil ich so tatsächlich schon mal eine Tour bekommen habe. Das kann man hier nachlesen.

Ich fuhr also etwas langsamer und der Wagen setzte zum Überholen an. Ich dachte an vieles, z.B. auch daran, dass sie mich auf was aufmerksam machen wollten. Ich gebe auf der Straße auch hier und da mal Leuten ein Signal, damit sie z.B. das Licht einschalten. Vielleicht war ja bei mir das Rücklicht kaputt. Man weiß ja nie …

Ich ließ den Wagen überholen und sah hinüber. Ein schwarzer Kombi mit drei ziemlich grobschlächtigen Gesellen drin. Der Beifahrer hatte das Fenster runtergekurbelt und winkte mich rechts ran. Mein Gedanke war folgender: „Fuck, die Bullen! Ich bin nach der Autobahn sicher noch zu schnell gewesen …“
Wäre ja ein klassischer Einsatzort für eine Zivilstreife. Aber dann hätten sie doch die Kelle …

Wir haben also beide angehalten und einer der Typen ist wie ich ausgestiegen. Anstatt mich nun auf ungebührliches Benehmen hinzuweisen, fragte er mich, ob ich ihnen sagen könnte, wo die Storkower Straße sei. Nun, ähm, ja, schon irgendwie. In ein paar Kilometern links ab …
Bevor ich den Gedanken zu Ende bringen konnte, schlug er aber selbst vor:

„Would you bring us there? We pay!“

Eine Lotsenfahrt also. Immer gerne, auch wenn im Konvoi fahren nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen im Straßenverkehr gehört. Außerdem ist Vorkasse da geradezu Pflicht. Es kommt ja so schon gelegentlich (seltener als ich dachte) vor, dass Leute ohne Bezahlung abhauen. Aber wenn sie auch gleich noch in einem anderen Auto sitzen, ist mir die Gefahr dann doch zu groß. Für Verfolgungsjagden bin ich wohl inzwischen zu erwachsen. Traurig, aber wahr.

Das aber sollte kein Problem sein. Einer der Typen bot sich an, in meinem Auto mitzufahren und teilte mir dann mit, dass sie zum Generator Hostel wollten. Super Tour, über 10 €. Und wenn man eh nur noch 20 Cent braucht …
Ebenfalls von meinem Beifahrer erfuhr ich indirekt, warum die Fahrzeugbesatzung irgendwie nach 50 Jahren Knast aussah: Sie waren Kickboxer und zu einem Kampf angereist. Aus Dänemark.
Nun funktionierten ihre Handys im fremden Deutschland halt nicht und sie waren ohne Navigation aufgeschmissen. Sie hatten wohl schon mehrere Versuche, die Straße zu treffen, hinter sich und waren müde. Verdammt müde. Aber clever, dabei an ein Taxi zu denken! Lotsenfahrten sind ja – zumindest hierzulande – nicht gerade das häufigste Einsatzgebiet von uns. Und werden es sicher auch nie mehr werden dank Navis.

Ich hab die müden Fighter dann ohne Probleme in ein paar Minuten zu ihrem Ziel gebracht. Dort haben sie dann leider noch lernen müssen, dass 200€-Scheine fürs Taxi in Berlin echt eine Nummer zu groß sind, aber da waren sie schon dankbar und lieb und sahen weit nicht mehr so gefährlich aus wie bei unserer ersten Begegnung. Am Ende haben sie die 12,20 € in klein zusammengekriegt. Und ich hab Feierabend gemacht. 🙂