Die kleinen Sofortbelohnungen

Vor mir steht rechts ein Kollege am Straßenrand und möchte auf die Straße fahren. Die Fackel ist aus, aber ich weiß, dass sie gleich wieder angeht. Er hat eben Kunden ausgeladen, sie stehen neben dem Wagen. Trotzdem gebe ich Lichthupe, damit er rauszieht. Ich hab zwar keinen Fahrgast, aber auch keine Eile. Ich verzichte auf meine Vorfahrt. Es läuft gut, endlich mal wieder.

Der Kollege kann sein Glück kaum fassen und schießt hervor. Mit einem kurzen Druck auf den Warnblinker bedankt er sich, während seine Fackel wieder angeht. Die nächsten Winker vor uns wären seine. Da aber fährt er bereits rechts ran. Er möchte wenden, um sich an die Schlange vorm Tresor anzustellen. Ich fahre dann also doch noch an ihm vorbei, winke ihm im Vorbeifahren kurz zu. Ich hab ihn noch nie vorher gesehen.

Keine 100 Meter weiter winkt es. Nur eine Kurzstrecke, aber vermutlich die am ehrlichsten verdiente in dieser Nacht. 🙂

Wie Hassan und ich uns kennenlernten

… weiß ich schon gar nicht mehr. Wir stehen beide gelegentlich am Ostbahnhof und am Berghain, da werden wir uns irgendwann mal angequatscht haben. Ob einfach reflexhaft mit einem „Guten Abend!“ oder mit der Bitte ums Kleinwechseln eines Fuffis, irgendsowas wird’s gewesen sein. Er ist ein netter Kerl, so ganz grob in meinem Alter. Vielleicht isser auch älter und hat sich nur gut gehalten, keine Ahnung. Wir quatschen am Stand eigentlich fast nur übers Geschäft. Seit vielleicht zwei oder drei Jahren jetzt. Sowas ergibt sich nicht mit allen.

Wir fahren für unterschiedliche Firmen und auch sonst bilden sich unter den Fahrern gerne Grüppchen, die nicht immer durchlässig sind. Traurigerweise oft genug aufgrund blödsinnigstem Rassismus. Als Taxifahrer sind wir zwar alle auf Du und fragen uns gegenseitig nach Wechselgeld, aber wehe da hat einer dunkle Haut, der ist beim nächsten Gespräch ganz schnell wieder einer von „den Kanaken“. Kann man sich nicht ausdenken im Jahr 2015, ich hab schon einige Kontakte wegen so einem Mist einschlafen lassen …

Aber darauf wollte ich gar nicht raus, obwohl man’s schon mal erwähnen sollte.

Woher Hassan kommt, weiß ich gar nicht. Ist mir auch ziemlich egal, er ist einfach ein netter Kollege. Und – das wollte ich eigentlich sagen – er hat verdammt nochmal den Mut, der mir oft abgeht. Er hat mich nämlich am Wochenende während eines Gesprächs einfach mal gefragt, wie ich eigentlich heißen würde.

Und seinen Namen kenne ich auch erst seit diesem Gespräch.

🙂

Das kommt halt auch dabei raus, wenn man sich unter Kollegen trotz fremder Firmenzugehörigkeit immer kollegial behandelt und sogar duzt: Man quatscht ewig miteinander und so ab dem zehnten Mal isses eigentlich zu peinlich, doch noch nach dem Namen des anderen zu fragen. Und das ist kein Einzelfall, so geht es mir mit vielen Kollegen, die ich an der Halte kennengelernt habe. Allen voran der, von dem ich hier zu Hause schon ironisch als „Herr Ostbahnof“ spreche und von dem ich von Wohnungswechseln über Bastelprojekte bis hin zur Krankheitsgeschichte etliches weiß – nur nicht seinen Namen. Ebenso mein russischer Freund, der mich an Silvester gerettet hat und dessen Stories schon mal für einen Blogeintrag gut sind. Oder der, der mir Starthilfe gegeben hat. Oder oder oder …

Seltsames Gewerbe. Muss man einfach mal sagen. 🙂

Das Rauchverbot im Taxi

„Darf man bei Dir rauchen?“

„Nein.“

„Ach bitte!“

„Nein. Hey, ich verkneife mir das Rauchen im Auto den ganzen Tag, da werdet Ihr’s doch die eine Fahrt schaffen!“

„Du bist Nichtraucher!?“

„Nein. Aber ich rauche nicht im Auto.“

Diese leidige und unnötige Diskussion. Denn was war am Ende das Ergebnis:

„Ich versteh‘ schon, dass das andere stören könnte. Finde ich echt cool, dass Du das durchziehst!“

0.o

Ich hab als selbst Betroffener natürlich irgendwo Verständnis für die Bedürfnisse von Nikotin-Junkies. Aber für eine Taxifahrt? Für in dem Fall 13 Minuten eine große Diskussion starten?

Ja, ich weiß: In der Praxis hat sich das mit dem Rauchverbot im Taxi noch nicht so wirklich durchgesetzt. Der ein oder andere Kollege trotzt dieser neumodischen Regelung, die 2007 eingeführt wurde – und ein paar quarzen mit schlechtem Gewissen hier und da mal eine. Und ich bin auch nicht fehlerfrei und hab auch schon zwei, drei Ausnahmen gemacht, wenn’s z.B. mal weit ins Umland ging. Aber eigentlich haben doch gerade wir im Alltag genügend Pausen für unser Laster. Und hier und da mal ein Lob, dass es gut riecht im Auto, ist gerade für Raucher doch eigentlich was wirklich kleidsames fürs eigene Ego. Und ja, da spreche ich aus Erfahrung.

Kollegen, die Fehlfahrtprobleme haben

Ich bin ja vielleicht jemand, der sich den Job Taxifahrer sehr leicht macht: Einfach rumcruisen und Kunden einsacken. Kein Funk, wenig sonstigen Stress – einfach nur die Fahrgäste und ich. Da gäbe es hier und da ein bisschen Optimierungspotenzial, das steht außer Frage. Aber ich bin im Großen und Ganzen ein Anhänger der 80/20-Theorie, die besagt, dass man mit 20% Einsatz 80% des Ergebnisses hinbekommt und die restlichen 80% Stress auf sich nimmt, um das Ergebnis um 20% zu verbessern. Natürlich stimmt das nicht immer und natürlich gibt es auch ganze Bereiche, auf die das nicht zutrifft. Aber beim Taxifahren spare ich mir die Energie und setze sie lieber in Freundlichkeit und vor allem Gemütsruhe um.

Das schafft dann auch einen freien Kopf, um zum Beispiel einfach mal mir völlig fremde Kollegen an der Halte darauf hinzuweisen, dass ihre Fackel ausgeschaltet ist. Das klingt böse, ist aber in Wirklichkeit hilfreich. Viele haben einfach vergessen, sie nach einer Bestellung wieder anzuschalten, andere bekommen dadurch erst mit, dass ein gerade nachts nicht unwichtiges Bauteil ihres Autos kaputt ist.

Heute Nacht stand wieder ein Kollege vor mir mit unbeleuchtetem Dachschild am Bahnhof, also hab ich’s ihm gesagt. Und obwohl ich das nun seit 6 Jahren ungefähr einmal pro Woche mache, kam mir diese Antwort noch nie unter:

„Ja, ich hab versehentlich eine Kurzstrecke eingetippt und wollte das jetzt noch wegkriegen. Weißt Du, wie das geht?“

„Naja, einfach ‚Kasse‘ drücken …“

„Ja, aber dann ist das ja abgespeichert.“

„Ja und?“

Natürlich: Es kann schon sein, dass er keinen toleranten Chef hat, der ihm eine Fehlfahrt abkauft. Dann sollte er sich vielleicht Gedanken über einen Firmenwechsel machen. Ich kann das sicher auch nicht zwanzig Mal monatlich machen – aber selbst zu Beginn ist mir das vielleicht ein- oder zweimal pro Monat passiert, dass ich den falschen Knopf gedrückt habe. Und wenn es ganz dumm läuft, dann zahlt man halt einmal für seinen Fauxpas. Ich vertippe mich z.B. gerne mal bei Zuschlägen, wenn ich bei einem Stopp die Uhr anhalte, es dann überraschend doch weiter geht und ich die Uhr wieder anstellen will. Da hab ich meinen Chefs in den letzten 6 Jahren halt insgesamt vielleicht einen Zehner geschenkt, weil es mir zu blöd war, die 50 Cent jedes Mal anzugeben. Niedriglohnjob hin oder her, ein bisschen Schwund ist immer.

Der Kollege heute Nacht jedenfalls wollte nicht ‚Kasse‘ drücken und ist weiter mit laufender Kurzstrecke und ausgeschalteter Fackel vorgerückt. Was immer er sich davon versprochen haben mag. Er kam sogar noch einmal zu mir und fragte, ob man nicht jetzt vielleicht noch in den Normaltarif wechseln könnte.

WTF?

Offensichtlich wollte er wirklich die nächste Tour mit dem bereits gedrückten Tarif beginnen. Was zweifelsohne völlig bescheuert ist, zumal er ja schon rund 200 Meter am Stand zurückgelegt hatte. Ich hab das Gegenreden irgendwann aufgegeben, obwohl’s natürlich in jedem Fall falsch gewesen wäre. Denn entweder hätte er unerlaubt Kunden vom Stand zum Kurzstreckentarif gefahren und sich im Falle einer kurzen Fahrt selbst um sein Geld gebracht, das er sonst mehr verdient hätte – oder aber er hätte den Kunden bei einer längeren Fahrt ein paar hundert Meter zu viel berechnet. Von den obskuren Möglichkeiten ganz abgesehen, die sich ergeben hätten, wenn die Fahrt entweder unter vier Euro gekostet hätte oder genau im Grenzbereich gelegen wäre, in dem das Taxameter nach Ende der Kurzstrecke schnell hochzählt. Wie kann man sich so einen Stress machen, wenn man ganz offensichtlich keine Ahnung hat?

Besonders kurios ist es dann am Ende geworden, als er Erster war. Er hatte Kunden, ich hatte Kunden. So sah es zumindest aus. Tatsächlich sind meine eingestiegen und hatten eine ultrakurze Fahrt in den Engeldamm im Programm. 5,00 € genau. Der Kollege wurde offenbar nur etwas gefragt und die Leute sind dann zu Fuß weitergegangen. Und da kommt der Töffel doch tatsächlich nochmal zu mir gelaufen und meint:

„Aber Kollege, eigentlich wäre ich doch dran!“

Mir ist darauf nur folgendes zu sagen eingefallen:

„Tja, siehste, sowas passiert auch manchmal!“

Also echt …

Neu im Gewerbe war ich auch mal. Und dumme Dinge gemacht oder dumme Fragen gestellt hab ich auch. Aber einem Kollegen das Taxameter, die Tarifbindung und die freie Taxiwahl der Kundschaft erklären muss ich auch nicht nebenher auf einen Rutsch machen. Für sowas gibt’s ja eben Chefs. Wobei es ironischerweise sogar witzig gewesen wäre, ihm gerade diese kurze Tour zu übergeben: bei der nämlich hätte er draufgezahlt und nicht die Kunden …

Wie man sich kennenlernt

Ich glaube, jeder kennt das: Man hört irgendwo ein Wort das erste Mal und es interessiert einen so arg, dass man es nachschlägt oder jemanden fragt, was es bedeutet – und am nächsten Abend taucht dieses Wort, das man über Jahrzehnte nicht wahrgenommen hat, plötzlich in einer Fernsehsendung auf. Das hat schon manche Leute zu Verschwörungstheoretikern werden lassen, weil einem dieser Zufall so unglaublich vorkommt – obwohl man’s wohl wahrscheinlich bis dahin einfach nur überhört hat.

Das kann natürlich auch mit allem anderen passieren: Musik, Bilder – und sogar mit Menschen.

Mir ist an jenem Abend zum Beispiel eine Kollegin aufgefallen. Ich hatte sie noch nie gesehen und die Anzahl der Taxifahrerinnen ist immer noch derart gering, dass man selbst in Berlin neue Gesichter tatsächlich noch bemerkt. Und das sage ich hier, mit meiner Gesichtsblindheit.

Gut, ein wirklich einschneidendes Erlebnis war das jetzt nicht, aber ich war schon reichlich verwundert, dass eben genau jene Kollegin dann ein paar Stunden und Fahrten, die uns beide sonstwohin hätten tragen können, plötzlich am Bahnhof neben meinem Auto stand und anklopfte. Sie begrüßte mich etwas unsicher, um mir dann zu erklären, dass sie Stress mit ihrem Auto und ihr Handy vergessen hätte. Bei Kollegen bin ich da ja dann wirklich nicht so. Ich hab ihr mein Handy angeboten, damit sie ihren Chef anrufen konnte. Ich weiß ja, wie nervig das ist, wenn man da verloren rumsteht und niemanden von der eigenen Firma findet.

Und, was soll ich sagen: Ich musste zwar noch kurz warten, aber immerhin konnte ich die Kollegin dann auch auf Kosten ihres Cheffes bis zu ihrer Firma bringen – was am Ende glatte 20 € waren, mehr als es mich zu meiner Bude gekostet hätte. 🙂

Die Kollegin übrigens war dann auch ein echtes Original. Rentnerin seit mehreren Jahren, also nur nebenberuflich im Taxi – „für bissche‘ Taschegeld“, wie sie mir mitteilte. Dazu wie ich überzeugte Nachtfahrerin, wegen der lockeren Kundschaft und des ruhigen Verkehrs. „Nix Hektik, Hektik, Hektik – habe genug gehabt in Leben!“
Und wie ich auch hat sie die – wenn auch nur kleine – Hilfe unter Kollegen sehr zu schätzen gewusst. Manchmal klappt’s dann ja doch noch in dem Gewerbe und man ist froh drum, ein Teil davon zu sein. Deswegen an dieser Stelle auch einmal mehr ein Dank an alle Kollegen, die mir mal eben schnell aus der Patsche geholfen haben!

Kotzer bei Kollegen

Manchmal weiß man auch nicht mehr, was man sagen soll. Leute, die im Taxi kotzen, sind zweifelsohne mit das Mieseste, was einem in dem Job passieren kann. Und das natürlich nicht aus irgendwelchen überhöhten Ansprüchen, sondern weil das für handfesten Ärger und eine Menge Kosten sorgt.

Da ich nun viel alkoholisierte Kundschaft habe und auch einige davon wirklich kotzen müssen, hab ich ja angefangen, das pragmatisch zu sehen. Die Kunden sollen kotzen so viel sie wollen. ABER: Die Bedingung dabei ist, dass das Auto sauber bleibt. Dann hab ich kein Problem damit, mein Magen ist tolerant und ich weiß ja auch, wie das ist, wenn man dann am Ende doch zu viel getrunken hat.
Wer also aussteigt zum Kotzen oder in eine Tüte reihert, bekommt mit mir keine Probleme. Und wenn sich das Problem andeutet, dann sage ich den meist jugendlichen Fahrgästen auch gerne mal, dass es ihnen am Ende besser bekommen wird, in ihre 200€-Designerpullis zu kotzen als in mein Auto. Oder eben in die eigene Tasche.

Natürlich halte ich eigentlich einfach an, aber dass das eine Möglichkeit ist, muss man ja auch mal sagen dürfen.

Nun hat ein Kollege davon erzählt, wie bei ihm mal eine Frau in ihre Handtasche gereihert hat. Und wirkte dabei sehr unzufrieden. Deswegen hab ich nachgefragt, was jetzt so schlimm gewesen sei. Und bei seiner Antwort hat selbst mein Magen gezuckt:

„Die wollte mit Karte zahlen.“

Und wo die Karte war, brauche ich sicher nicht erklären …

Krönender Abschluss

Ich hätte die Tour vorher nicht gebraucht. Also ja, jeder Euro zählt gerade bei mir – aber die Schicht lief unerwartet gut und ich musste das Auto sowieso bald abstellen. Aber dass und wie ich sie bekommen habe, hat mir aber immerhin mal diesen Blogbeitrag beschert. Ist ja auch was.

Das Auto war bereits gewaschen und betankt und ich hatte eigentlich gleich zur Firma durchstarten wollen. Aber wenn’s läuft, läuft’s – und das wollte ich dann doch noch ausnutzen. Und die Hoffnung, es würde in die richtige Richtung gehen, war da ja auch noch. Vor mir am Ostbahnhof nur ein weiteres Taxi, eine mir unbekannte Kollegin. Es kamen ein paar potenzielle Kunden angewatschelt und sprachen mit ihr. Ich freute mich darauf, erster zu sein.

Dann kamen die Kunden zu mir. Was nun? Kartenzahlung, Preisfeilscher oder irgendwelche kuriosen Sonderwünsche? Der Kopf rotiert ja, wenn schon die Fahrt mit einem anderen Fahrer oder einer anderen Fahrerin nicht zustande gekommen ist.

„Hallo, schöne gute Tag!“,

begrüßte mich ein etwa 40-jähriger Mann in gebrochenem Deutsch.

„Könne Sie sage, wieviel den kosten Schönefeld?“

„Zum Flughafen?“

„Ja, zu der Flughafen.“

„32 Euro.“

„Ist ok, wenn wir fahren mit Sie?“

„Natürlich!“

Sie hatten nur Handgepäck und stiegen gleich ein. Ich startete, war dann aber nach den ersten paar Metern doch etwas neugierig:

„Und die Kollegin eben? Die wollte nicht?“

„Hat sie gesagt, es kosten 50 Euro.“

Ach, sieh mal einer an: Eine Fahrt ins Pflichtfahrgebiet zu einem um 60% überhöhten Preis …

Natürlich würde ich mir wünschen, ich hätte mir ihre Nummer gemerkt. Aber fürs Erste reicht es mir schon, ihr diese fantastische Tour abgezockt zu haben. 🙂

Und die Richtung hat ja auch noch gestimmt.