Wie Hassan und ich uns kennenlernten

… weiß ich schon gar nicht mehr. Wir stehen beide gelegentlich am Ostbahnhof und am Berghain, da werden wir uns irgendwann mal angequatscht haben. Ob einfach reflexhaft mit einem „Guten Abend!“ oder mit der Bitte ums Kleinwechseln eines Fuffis, irgendsowas wird’s gewesen sein. Er ist ein netter Kerl, so ganz grob in meinem Alter. Vielleicht isser auch älter und hat sich nur gut gehalten, keine Ahnung. Wir quatschen am Stand eigentlich fast nur übers Geschäft. Seit vielleicht zwei oder drei Jahren jetzt. Sowas ergibt sich nicht mit allen.

Wir fahren für unterschiedliche Firmen und auch sonst bilden sich unter den Fahrern gerne Grüppchen, die nicht immer durchlässig sind. Traurigerweise oft genug aufgrund blödsinnigstem Rassismus. Als Taxifahrer sind wir zwar alle auf Du und fragen uns gegenseitig nach Wechselgeld, aber wehe da hat einer dunkle Haut, der ist beim nächsten Gespräch ganz schnell wieder einer von „den Kanaken“. Kann man sich nicht ausdenken im Jahr 2015, ich hab schon einige Kontakte wegen so einem Mist einschlafen lassen …

Aber darauf wollte ich gar nicht raus, obwohl man’s schon mal erwähnen sollte.

Woher Hassan kommt, weiß ich gar nicht. Ist mir auch ziemlich egal, er ist einfach ein netter Kollege. Und – das wollte ich eigentlich sagen – er hat verdammt nochmal den Mut, der mir oft abgeht. Er hat mich nämlich am Wochenende während eines Gesprächs einfach mal gefragt, wie ich eigentlich heißen würde.

Und seinen Namen kenne ich auch erst seit diesem Gespräch.

🙂

Das kommt halt auch dabei raus, wenn man sich unter Kollegen trotz fremder Firmenzugehörigkeit immer kollegial behandelt und sogar duzt: Man quatscht ewig miteinander und so ab dem zehnten Mal isses eigentlich zu peinlich, doch noch nach dem Namen des anderen zu fragen. Und das ist kein Einzelfall, so geht es mir mit vielen Kollegen, die ich an der Halte kennengelernt habe. Allen voran der, von dem ich hier zu Hause schon ironisch als „Herr Ostbahnof“ spreche und von dem ich von Wohnungswechseln über Bastelprojekte bis hin zur Krankheitsgeschichte etliches weiß – nur nicht seinen Namen. Ebenso mein russischer Freund, der mich an Silvester gerettet hat und dessen Stories schon mal für einen Blogeintrag gut sind. Oder der, der mir Starthilfe gegeben hat. Oder oder oder …

Seltsames Gewerbe. Muss man einfach mal sagen. 🙂

10 Kommentare bis “Wie Hassan und ich uns kennenlernten”

  1. Mic ha sagt:

    Hahaha, super Story, kenn ich guuut. Und dann die ewige Nachdenke wie man an den Namen kommen könnte. ‚Ich hab ja so ein beknacktes Bild im Perso. Du auch? Zeig ma.‘ 😉

  2. Beate sagt:

    Na das ist ja komisch bei euch am Ostbahnhof. Am Bahnhof Zoo kennen sich alle Stammfahrer mit Namen und zum Teil auch die Emailadressen, Telefonnummern und Gebutstage. Und dabei ist es völlig egal, ob es Türken, Iraner, Perser, Inder, Polen oder Deutsche sind. Von meiner Firma stehen gerade mal 2 weitere Fahrer dort. Natürlich bilden sich immer kleine Grüppchen den Nationalitäten entsprechend. Aber oft genug stehen wir auch alle international zusammen und quatschen und helfen uns gegenseitig. Oft geht es beim quatschen auch nicht nur um die Arbeit. Bei vielen kennt man auch ihre privaten Sorgen und Probleme.

    Ich freue mich immer auf meine tollen Kollegen und ohne sie würde mir der Job nur halbsoviel Spaß machen. 🙂

    P.S. Und wenn du nach dem zehnten Mal kaum noch wagst nach dem Namen deines Gegenübers zu fragen, dann frag dich nur mal, ob er eigentlich deinen Namen kennt und sich vielleicht auch nicht traut zu fragen. 😉 Am Zoo zum Beispiel fragt mich mein Kollege Hans heute noch regelmäßig, ob ich Siggi heiße, weil er sich einfach nicht merken kann, dass ich Beate heiße. No Problem!

  3. Beate sagt:

    @Mic ha
    Frag deinen Kollegen einfach, ob er Unternehmer ist. Wenn ja, kannst du im Winter sagen, dass es zum draußenquatschen zu kalt ist und ihr setzt euch zusammen in sein Auto. Da steht sein voller Name. 😉

  4. Mic ha sagt:

    Aber dann muss ich mir eine Story einfallen lassen! Übrigens sehr schön klingt das bei dir und deinem Arbeitsumfeld.

  5. Ozyan sagt:

    Kenne ich 😀 Ich gehöre zu den Dauerkarteninhabern eines Sportvereins und habe mich Anfang dieser Saison dann endlich mal getraut, meine Sitznachbarn zu fragen, wie sie heißen. Ist ja nicht so, dass wir seit 2009 beieinander sitzen… *hust*

    @ Mic ha
    Ich hab’s einfach mit den Worten „Auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt blamiere – wie heißt ihr eigentlich?“ gemacht. Gab in beiden Fällen überhaupt keine Probleme 😉

  6. Taxi 123 sagt:

    Taxialltag eben: einerseits vollkommen anonym und andererseits auch wieder irgendwie vertraut – manchmal sind nur die Spitznamen bekannt, aber die dann wieder allen…

  7. Sash sagt:

    @Mic ha:
    Geile Idee! 😀

    @Beate:
    Das ist nicht nur eine Stammfahrergeschichte. Aber ja, so gesehen scheint es am Zoo besser zu sein. 🙁

  8. Marco sagt:

    Ganz extrem kenn ich das aus dem Studium. Da hat man ja die Leute auch ständig getroffen und schnell auch diejenigen vom Sehen gekannt, die im selben Semester waren. Wenn man dann zwischen den Vorlesungen ins Gespräch kam, hat man sich halt nicht immer förmlich vorgestellt. Und irgendwann ist es dann so, dass der Punkt vorbei ist, nach dem Namen zu fragen. Dann kann man eigentlich nur noch warten, bis man ihn zufällig, und sei es im Rahmen von Gesprächen in größerer Runde, aufschnappt.

    Alternativ geht natürlich auch Ozyans Taktik.

  9. SaltyCat sagt:

    ist bei uns Truckern ähnlich – mit einem Unterschied: Bei uns gibts ganz oft das obligate Namens-Nummernschild im Fenster 😛

  10. Sash sagt:

    @Marco:
    Guter Vergleich.

    @SaltyCat:
    Cheater! 😉

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