Hektik

Hektik ist eine schlimme Sache in meinem Job. Insbesondere, wenn man ihn so ausübt wie ich: ohne Hektik.

Ich hab vor Ewigkeiten mal hier und da damit geprahlt, dass ich dank meines Jobs als Taxifahrer seit wasweißichwielang nicht mehr auf eine Bahn gerannt bin. Und das ist gut so. Aber manchmal haben es dann eben die Fahrgäste eilig.

Und da gibt es haufenweise Meinungen aus dem Gewerbe zu. Glücklicherweise geht der Tenor da in meine Richtung: Wir können nicht alles richten und unser Führerschein ist zweifelsohne mehr wert als ein lausiges Trinkgeld. Und selbst wenn lausig im ein oder anderen Fall mal in den zwei- oder (soll es alles schon gegeben haben) dreistelligen Bereich geht.

Dass Taxifahrer wie die Irren durch die Gegend heizen ist ein gängiges Klischee. Und wie immer gibt es natürlich auch hier Leute, die dies bestätigen. Das müssen nicht einmal die schlimmsten sein, ich kenne sogar nette Kollegen, die schon mehrmals eine „Auszeit“ vom Job nehmen mussten, weil sie wirklich schnell unterwegs waren.
Aber wie bei vielen irrationalen Verhaltensmustern von Taxen auf der Straße ist das mitunter auch den Kunden geschuldet. Das soll keine Rechtfertigung für mieses Verhalten sein, aber ja: Manchmal springen Kunden auf die Straße um uns anzuhalten und manchmal wollen sie „nach links“, wir setzen den Blinker und dann wird nach rechts gezeigt. Hatte ich alles auch schon und es ist manchmal wirklich schwer für uns, da die Kundenzufriedenheit und die Verkehrssicherheit unter einen Hut zu bringen. Letztere sollte immer im Vordergrund stehen, das ist klar – aber natürlich hab auch ich mich da schon mal falsch entschieden.

Ganz so wild war es bei der Tour nicht. Ich war bereits fast am Ostbahnhof, hab zumindest keine Winker mehr erwartet. Aber an einer Ampel stieg mir dann doch eine junge Frau zu und wollte nach Tegel. Na holla! Lockere 20 bis 25 €, das ist von der Straße weg Luftsprünge wert. Obwohl sie keinen Flieger erwischen musste, sondern nur wen abholen, war es natürlich dennoch eilig. Na klar …
Um 22 Uhr sollten wir da sein, aufgesammelt hab ich sie um 21.43 Uhr am Franz-Mehring-Platz. Dass das nix wird, hab ich ihr gesagt, aber es war ja auch klar, dass mit Landung, Gepäcksuche und Auschecken noch ein paar Minuten mehr übrig bleiben würden.

Wir haben verschiedene Routen diskutiert, sie war selbst passionierte Autofahrerin. Was schon mal schön war. Viele haben da sehr unrealistische Ideen …

Wir einigten uns auf die Linden und einen späteren Stich in den Norden, dann aber war natürlich dort Stau. Also Ausweg über die Friedrichstraße, letztlich folgten wir der Müller- bis zur Seestraße. Was für ein dusseliger Umweg! Aber vermutlich die schnellste Möglichkeit. Gibt ja doch mehrere Kenngrößen im Taxigeschäft – ich orientiere mich normalerweise halt eher am kürzesten und damit preiswertesten Weg. Da haben Tagfahrer natürlich ganz andere Gedanken, das weiß ich.

Durch das viele Hin und Her, teilweise mismutigste Ampelschaltungen und meiner Weigerung, in der Stadt schneller als 70 zu fahren, kamen wir tatsächlich erst um 22.10 Uhr an. Sollte gereicht haben. Mitbekommen habe ich es nicht mehr. Meine Kundin war so sehr in Eile, sie hat mir für die 25,40 € einfach 30 gereicht und „Stimmt so!“ gerufen, bevor sie rausgerannt ist.

Für den Preis hätte ich noch eine ganze Weile warten können und sie günstiger als die anderen Kollegen (kein Einstiegspreis, keine teureren ersten 7 km) heimbringen können. Aber um das zu sagen, hätte ich ja erst einmal die Zeit haben müssen.

Ihr merkt schon: Hektik ist nicht gut, ehrlich nicht …

Guter Schichtanfang

(der von der nachfolgenden Schicht völlig konterkariert wurde, was uns jetzt aber nicht stören soll)

Hart genug, dass mein Wecker gestern bereits auf 15 Uhr gestellt war. Ich wollte pünktlich im Büro sein. Zum einen mal wieder ein bisschen Geld loswerden, zum anderen hoffentlich endgültig die Computerprobleme lösen. Dann aber schmiss mich ein nicht näher nachvollziehbarer Drang nach Licht bereits gegen 14 Uhr aus dem Bett. Uff! Ich hab mir Mühe gegeben, meine guten Vorsätze für den neuen Monat einzuhalten und bin pünktlich mit dem Klingeln meines Weckers aus dem Haus ge-, ähm … rannt! Mindestens. 😉

OK, ich will ehrlich sein: Ich hab mich ganz gemächlich rausgeschleppt, weil ich selbst noch völlig verzückt war von meiner Entscheidungsfreudigkeit.

Die Computer erwiesen sich vorerst mal als nur begrenzt zickig, was mich in die kuriose Lage brachte, in der Folge tatsächlich einmal zu früh am Abstellplatz des Autos zu landen. Mein Tagfahrer kam aber gleich nach ein paar Minuten. Da ich ausgerechnet den Kollegen, mit dem ich gewissermaßen am engsten zusammenarbeite, ja am wenigsten sehe, haben wir uns erstmal ein wenig verquatscht. Über die Umsätze auf der Straße, die alten und neuen Macken der 1925, was einen halt so umtreibt als Taxifahrer.

Mit ihm sind das glücklicherweise dennoch nicht diese ganz besonderen „Kollegengespräche„.

Er packte langsam sein Zeug, kümmerte sich um den Papierkram – und ich richtete mich im Auto ein. Anschließend beschloss ich, noch auf eine Kippe mit ihm weiterzuquasseln. Wenn schon, denn schon. Gute Entscheidung!

Drei Minuten später standen nämlich zwei Jungs am Auto.

„Sacht mal, macht ihr grad Schichtwechsel oder so?“

„Janz jenau.“

„Können wir dann vielleicht gleich … also mitfahren?“

„Klaro. Muss mich kurz am Taxameter anmelden, dann geht’s los!“

War keine lange Tour. Aber die unerwarteten – und damit wortwörtlich die ohne Wartezeit – sind am Ende dann halt doch die besten. 🙂

Computerprobleme

„Chef 1 zeigt Chef 2 das Buch, das ich geschrieben habe, während ich die Computerprobleme im Büro löse. Preisfrage: Wer fährt in diesem Unternehmen Taxi?“

Das fand ich eine schöne Formulierung für eine Situation gestern bei meinen Chefs, wäre auch fast so bei Twitter gelandet. Ist sie nicht, weil ich zu beschäftigt war. Und später ist mir der Wortlaut nicht mehr eingefallen.

Inzwischen haben sie es ja doch geschafft, nicht mehr einfach meine Chefs zu sein. Mit der ganzen Homepage-Geschichte und dem Bloggen bin ich ja gerade schon geschäftlich irgendwie mittendrin im Unternehmen, vor allem aber sind wir menschlich schon lange auf Augenhöhe. So gesehen war es nicht unbedingt verwunderlich, dass sie mich angefragt hatten, als letzte Woche ein – auch für meine Verhältnisse – eher unorthodoxes „Computerproblem“ auftrat. Hatte viel mit Netzwerken und mir völlig fremder Hardware zu tun, ich will da auch gar nicht ins Detail gehen. Mir blieb am Telefon auch nur eine Antwort übrig:

„Ich hab zwar keine Ahnung davon, aber ich kann’s versuchen.“

Und so sah’s dann aus. 3 Stunden lang hab ich Kämpfe gefochten mit einem mir unbekannten Betriebssystem, schlecht strukturierten Bedienungsanleitungen, verschollenen Zugangsdaten und mir völlig unbekannten technischen Parametern. Als Lösungsansätze hatte ich logisches Denken, gepaart mit dem Glauben an „Trial and Error“ anzubieten, das war’s eigentlich schon. Hat glücklicherweise geklappt, nicht ganz ohne Beteiligung meines ganz privaten technischen Supports in Form von Ozie. 🙂

Neben der vorherrschenden Planlosigkeit hab ich aber wirklich hart an der Fehlerfindung gearbeitet und mir einmal mehr geschworen, derartige Freundschaftsdienste künftig nur noch in Raucherhaushalten anzubieten. Am Ende – einiges ist noch offen, die Lösung aber absehbar – war ich wirklich dankbar dafür, dass erstmal Feierabend angesagt war. Noch besser fand ich, dass ich gefragt wurde, ob ich damit einverstanden wäre, wenn sie mir den Gegenwert einer durchschnittlichen Schicht dafür auf die Lohnabrechnung diesen Monat packen würden.

In diesem Moment die Finanzen einsehen zu können, war so einfach auch nicht – also hab ich meine eigene bei Google hinterlegte Abrechnung zur Bestimmung der durchschnittlichen Schicht herangezogen. Organisiert sein kann ich ja. Zumindest online. 🙂

Da ich das ursprünglich tatsächlich als Freundschaftsdienst angesehen hatte, hab ich auch noch kurz zu meinen Ungunsten darauf aufmerksam gemacht, dass mein durchschnittlicher Umsatz nicht wirklich meinem durchschnittlichen Verdienst entspricht, das Spiel mit dem Andere-nicht-ausnutzen ist ja durchaus ein gegenseitiges. Nun hätte endgültig Schluss sein können an diesem eigentlich freien Tag und die meisten anderen raten in so einem Fall ja zur möglichst schnellen räumlichen Distanz zwischen Chef und Angestellten. Aber:

„Willste noch was essen? Ich lad Dich ein.“

Das war fast so gut wie die Frage nach Bezahlung. 🙂

Also folgte der ganzen Chose noch ein etwa einstündiger Aufenthalt beim Inder ums Eck, wo wir nebenbei auch noch ein paar schwierige Themen wie Rassismus im Taxigewerbe und dergleichen angesprochen haben.

Es passiert echt viel Scheiße da draußen im Gewerbe, im Niedriglohnsektor und selbst allgemein in der Arbeitswelt. Überall gibt’s Druck und Stress und alle rennen wir nur durch die Gegend um immer möglichst viel rauszuholen für uns selbst und die anderen werden dabei (gewollt oder einfach notwendigerweise) zur Seite geschubst. Das muss echt nicht sein!
Die Welt ist zwar nicht rosarot und zu meinem Leben gehört oft auch eine Menge (Selbst-)Ausbeutung, keine Frage. Um das tatsächlich loszuwerden, muss in dieser Gesellschaft ein bisschen mehr passieren. Wie man aber mit seinen Mitmenschen umgeht, hat man selbst in der Hand. Und ich umgebe mich gerne mit Leuten, die es wie meine Chefs halten.


PS: Auch wenn ihr inzwischen alle wisst, für wen ich arbeite: Das hier ist mitnichten Werbung. Ich möchte bloß mal ein Bisschen erzählen, wie es so abseits des Taxis gerade aussieht in meinem Job.

PPS: Hab nachgefragt: Der 1925 geht es soweit gut, nur die Teile müssen erst geliefert werden. Wahrscheinlich ist zu meiner Donnerstagsschicht alles schon geklärt. 🙂

Kaum brennt die Kippe …

schon kommt der Bus.

Ich will hier keine Werbung für Zigarettenmarken machen, aber diejenigen unter Euch, die in den Neunzigern schon offenen Auges durch dieses Land marschiert sind, werden sich wahrscheinlich an die Plakate erinnern. Und auch wenn man mal weg geht von den Drogen, man kennt das ja: Kaum hat man sich mal mit einer vermeintlich oder wirklich schlimmen Option abgefunden, ändert sich was. Ein Paradebeispiel für Selbsttäuschung, denn in Wahrheit passiert natürlich ähnlich oft einfach gar nix. Bestätigungsfehler oder Confirmation bias nennt man das in der Psychologie. Aber es macht halt Spaß, sich solche Zusammenhänge einzureden.

Und so bin ich im Nachhinein auch versucht, den gelungenen Abend von Henni und mir der Tatsache geschuldet zu sehen, dass wir uns über den versauten Abend aufgeregt hatten. Und so dolle war’s wirklich nicht. Es ist zwar bekannt, dass die Kuh hinten den Schwanz hebt in den Wochenendschichten, aber wir standen nun beide nach 4 Stunden an einem Freitagabend da und hatten allenfalls 35 € Umsatz in der Tasche. Wir haben beide schon darüber nachgedacht, die Flinte ins Korn zu werfen, uns nach Hause zu trollen. Aber jetzt standen wir schon eine Stunde am Bahnhof – die eine letzte Tour wollten wir dann wenigstens noch machen.

(Natürlich war uns klar, dass wir noch mindestens einen weiteren Anlauf irgendwo wagen würden, aber der Gedanke an einen schnellen Feierabend wirkt ja auch wieder motivierend.)

Plötzlich stand neben Henni ein recht kleiner Mann mit Brille, Hut und einem zwei Nummern zu groß wirkenden Trenchcoat.

„Sagen Sie, was würde es denn bis Eberswalde kosten?“

„Ma‘ nachdenken …“

meinte Henni in einer Coolness, die mir in solchen Situationen oft nicht gegeben ist.

„Also ich hab noch hundert. Wenn das noch für eine Cola und einen Döner reichen würde, dann wär’s schön …“

„Kriejen wir hin.“

Während der Fahrgast einstieg, feixte Henni mir zu, seine Schicht war schon mal wieder auf Vordermann gebracht. 90, vielleicht 95 € sind für eine Tour nach Eberswalde völlig ok. Kein total überteuerter, aber doch ein guter Preis. Irgendwo glaubte ich, eine Uhr die nullte Stunde ankündigen zu hören, dann war auch ich an der Reihe.

„Ich müsste einmal zum Zoo, also da in die Nähe, bisschen weiter. Kantstraße.“

„Komm’n se rin“

(„könn‘ se rausgucken“ hab ich mir noch gedacht.)

Naja, am Ende kamen fast 18 € dabei raus, war eine schweigsame aber angenehme Fahrt. Ich hab danach einen Blick auf’s Taxameter geworfen: Bäh, ich hatte mich bei den paar Kröten auch noch verrechnet: gerade mal 51 € bisher …
Und wenn ich jetzt ehrlich hätte abbrechen wollen, wäre auch noch ein Rückweg durch die halbe Stadt nötig gewesen. Arg weit bin ich mit dem Denken gar nicht gekommen, denn in der Budapester winkte es bereits. Hermannplatz, Neukölln, zu zwei verschiedenen Adressen. Waren auch schnelle 16,80 €. Eine Kurzstrecke in die Sonnenallee und ein paar Winker vom Kottbusser Damm aus später stand ich in Mitte an der Torstraße. Zwei lustige Japaner schälten sich aus den Sitzen, da stand plötzlich ein verlebt aussehender Typ neben mir, ledrige Haut, mit Falten, die man in der Größe sonst für gewöhnlich in zerknautschten Bettdecken findet.

„Bringst ma ins Bötzowviertel?“

Mit den Partygängern von der Warschauer zum Watergate hab ich es dann, ein Uhr dreißig war gerade durch, bereits auf meinen ersten Hunni in der Nacht geschafft. Henni hab ich in der Nacht nicht mehr gesehen. Vielleicht hat er ja tatsächlich Feierabend gemacht. Sein Stundenschnitt dürfte aber deutlich besser ausgefallen sein als vorher. Ich hab mich, frisch motiviert, am Ende noch bis nach 6 Uhr auf der Straße rumgetrieben. So einen guten Lauf hatte ich freilich kein zweites Mal – aber unzufrieden war ich nicht.

Ja, natürlich, es ist wie ich oben geschrieben habe: das passiert selten. Viel zu selten. Und ich weiß das. Es fühlt sich trotzdem nach so einem Abend irgendwie sinnvoll an, an der Halte über den Umsatz zu meckern. Und wer weiß … 😉

Ehrlich, Kollege?

Das Schlimme am Taxifahren ist, dass es wahnsinnig oft mit Lügen zu tun hat. Der Kunde, den ich gestern erwähnt habe, ist ein klassisches Beispiel – aber natürlich nur eines von vielen. Dazu gehören ebenso die Millionäre am Taxistand und die Fahrer, die sich beim Funk Fahrten erschummeln, indem sie angeben, näher dran zu sein am Kunden, als sie es eigentlich sind. Und dann wieder Kunden, die „schon 20 Minuten!!!“ auf ein Taxi warten. Ganz abgesehen von denen, die jenseits der eigentlichen Geschäftsbeziehung lügen, was das Zeug hält …

Ich mach’s kurz: Ich mag das nicht!

Und – wie in einem der verlinkten Artikel schon gesagt – natürlich sind wir alle mal unehrlich! Boah, voll schlimm! Auf die Frage „Wie seh‘ ich aus?“ hat noch jeder Gefragte mal gelogen, und ich brauch mir da auch keinen Heiligenschein aufsetzen, sowas kommt vor.

Aber eigentlich wollte ich das nur im Vorwort erwähnen. Denn: Ich weiß nicht, was es mit dem Wahrheitsgehalt der folgenden Geschichte auf sich hat. Eindrucksvoll genug, sie zu erwähnen, finde ich sie. Ich weiß allerdings nicht so recht, ob ich hoffen soll, dass sie wahr ist – oder eben nicht.

Mein Fahrgast schwankte bereits beträchtlich, artikulierte sich während der ersten Sätze eher lallend und ließ bei mir schon die ein oder andere Alarmglocke angehen. Da ich zahlendes Publikum aber nur ungerne vor die Tür setze, hab ich ihn mit dem üblichen Spruch bedacht:

„Nur damit wir uns einig sind: Zum Kotzen anhalten kostet 2 € für 5 Minuten! Ins Auto kotzen geht vielleicht schneller, kostet aber 200!“

Ich schaffe es offenbar immer noch, das mit genügend Sympathie rüberzubringen, denn auch er musste grinsen. Dann allerdings kam seine Geschichte:

„Ja, das weiß ich schon. Aber ich hoffe, Du hälst dann auch an. Ich hatte das wirklich mal – keine Sorge, heute geht’s mir gut! Aber als ich in Köln mal im Taxi saß, ist mir schlecht geworden. Jetzt nicht so gleich loskotzen und so. Mir war nicht gut und ich hab dem Fahrer gesagt, dass er anhalten solle – mir ginge es nicht gut. Da hat der einfach „Nein!“ gesagt. Ich so: „Bitte, mir geht’s echt nicht gut, ich glaub, ich muss kotzen!“ und er so: „Nee, da vorne, die Ampel krieg ich sonst nicht mehr!“. Ehrlich. Dann sind wir über die Ampel gebrettert, mit Mordsgeschwindigkeit noch dazu. Mir is‘ noch viel übler geworden und hab noch „Bitte, bitte, ich muss kotzen!“ gesagt. Er meinte nur: „Stell Dich mal nich‘ so an, in 5 Minuten sind wir doch da!“. Und dann hab ich ins Auto gekotzt. Echt jetzt. War mir ultrapeinlich und ich hab versucht, dass echt nix kaputtgeht. Einfach so, mehr auf mein Hemd, bisschen was auf Sitz und Fußmatte. Da hab ich dann – als er gesagt hat, dass das 50 € kostet – auch nur den Vogel gezeigt und ihn weggescheucht. Er is‘ dann auch weggefahren. Weißte, sowas versteh‘ ich dann nicht …“

Mir fiel – bei aller Wut auf die Leute, die im Taxi zu kotzen für selbstverständlich halten! – auch nix anderes ein als:

„Ich auch nicht. Wirklich nicht!“

Zeit- und Magenmanagement

Bestellungen von euch Lesern sind immer angenehme Touren gewesen. Rein statistisch kommt zwar sicher mal ein Psychopath auf die Idee, mir persönlich zu sagen, wie scheiße er mich findet, aber bislang hatte ich da Glück. 🙂
So gesehen ist das Schöne schon einmal, dass ich mir bei den Fahrgästen sicher bin, meist kommen auch noch ganz ansehnliche Strecken oder gutes Trinkgeld zusammen. Im besten Fall läuft es wie am Samstag, da traf auf eine Fahrt, die ich schon zum zweiten Mal gemacht hatte, alles oben genannte zu.

Nun haben aber auch die schönsten Dinge Schattenseiten – und bei Leserfahrten bedeutet das, dass es eben meist vorbestellte Touren sind. Und die haben die Angewohnheit, deutlich mehr Zeit zu kosten als sie eigentlich dauern: man kriegt einfach selten punktgenau eine Fahrt zum entsprechenden Zeitpunkt in die entsprechende Richtung.

Der Samstag lief ja blendend. Es war ziemlich schnell klar, dass die Leser-Tour um 4 Uhr meinen Umsatz in extremen Höhen landen lassen würde, denn davor gab es kaum Pausen. Als die Uhr 3.10 Uhr anzeigte, war mir trotzdem klar, dass die nun folgende Fahrt die letzte davor sein würde, danach wäre es einfach zu eng. Dann stand es plötzlich vor mir, das junge Pärchen, und wollte nach Hellersdorf.
Ich hab mit mir gerungen, denn die Tour versprach gegensätzlichstes: zum einen war es insbesondere der Wetterlage wegen eine ziemlich abenteuerliche Vorstellung, vom Ostbahnhof nach Hellersdorf zu fahren und von dort ans Kottbusser Tor – in 50 Minuten. Zum anderen gab das aber ziemlich genau die Kohle, die ich noch brauchen würde, um mein Wochenziel zu erreichen und nach der langen Leserfahrt ins Umland nach 10 bis 11 Stunden Feierabend zu machen.

Manchmal siegt der Geldbeutel übers ungute Gefühl – ich hab sie eingeladen.

Sie eine resolute junge Frau mit blondem Kurzhaarschnitt und Lippenpiercing, er eher so ein bisschen im Britpop-Stil unterwegs, dank Alkohol jedoch eher weniger eloquent und selbstsicher. Aber das war ok. Sie machte die Ansagen und lästerte darüber, dass er etwas viel getrunken hätte. Er spielte das Spiel mit, gut gelaunt.
Während ich mich durch ein paar kleinere Nebenstraßen in Richtung Landsberger Allee durch den Schnee kämpfte, zog es plötzlich kalt an meinem Rücken, ich merkte, dass er das Fenster runterkurbelte. Beinahe zeitgleich rief ich „FUCK!“ und trat die Bremse durch (was dank vereistem Boden ein extrem angenehmes Anhalten war) während Madame fragte: „Alles ok, Schatz?“ und selbiger mehr gewollt als gekonnt aus dem Fenster spuckte.

Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber es ist recht wichtig, dass er noch nicht ernsthaft kotzte. Da kam zwar was hoch, aber er hat daraufhin das Fenster aufgemacht, um es einfach auszuspucken. Hat halbwegs geklappt, einen einzelnen kleinen Fleck an der Scheibe konnte ich gleich entfernen. Aber es war ja klar, dass das nicht alles gewesen sein würde, wenn wir die Fahrt einfach fortgesetzt hätten. Ich hab ihm die Tür aufgemacht, ihn rausgelassen und das Auto am Straßenrand in eine Lücke manövriert. Der Kollege, der sich an mir vorbeizwängte, sah mich fragend und mitleidsvoll an, ich hab den Daumen gereckt und gegrinst.

War ja nix passiert. Mein Fahrgast stand auf dem Gehsteig und versuchte, beim Kotzen die Balance zu halten. Hat geklappt, sah aber irre komisch aus. 🙂
Mit der Freundin hab ich über meinen Zeitplan gesprochen, sie aber auch beruhigt, dass ich schon wesentlich peinlicheres erlebt habe. Und ich hab angeraten, dass er ruhig alles rauslassen sollte, weil sie nicht wissen will, was ich an diesem guten Abend für ein vollgekotzes Auto für eine Rechnung ausstellen würde. Neben meiner Ansprache hab ich ihm Tücher angeboten und als er abgelehnt hat, hab ich gefragt, ob er wenigstens ein Bonbon gegen den Geschmack haben wolle. Er nahm an und formulierte seinen Dank wie folgt:

„Also schbin ja jetz – oh, sdess peinlich! – schier mit kotzn unn so, nee! Aber weissu: Du bis mal echt der wirklich voll total netteste Tassifahr, den ich jejeabtab!“

Ich hab’s etwas sachlicher beantwortet:

„Hey, ich will genauso wie ihr, dass wir die Fahrt ohne Probleme über die Bühne bringen, klar?“

Die Zeit eilte mir davon, der Minutenzeiger lag bereits im unteren Viertel des Ziffernblattes. Wir haben uns trotzdem die Minute genommen, ihm zu erklären, warum ich ihn nicht mehr an der Tür mit Kindersicherung sitzen haben will und dass er gefälligst nicht dran denken soll, ob ein Stopp peinlich wäre – sondern allenfalls, ob notwendig.

Dann ging’s auf die Landsberger, die restliche Fahrt ging bis auf einmal Abbiegen immer nur geradeaus. Das hat sicher geholfen. Mir saß ein wenig die Angst im Nacken, obwohl ich  ihn nun beobachten konnte. Wie alle Alkoholopfer, die sich von ihrem Mageninhalt überraschen lassen, war er nämlich ein fertiges, zittriges Häufchen Elend, bei dem man nie so genau wusste, ob er am einnicken oder wegkippen war. Da werden 10 Kilometer verdammt lang. Natürlich hab ich mich ein bisschen verflucht dafür, die Fahrt angenommen zu haben – aber jetzt, in dem Zustand, konnte ich die beiden gleich dreimal nicht irgendwo rauslassen. Also gute Miene zum bösen Spiel und am Ende ein immerhin recht schnelles Absetzen direkt vor der Haustüre. Keine Sekunde zu früh, direkt aus dem Wagensitz hat er nochmal eine Ladung nachgeschoben. Aber brav nach draußen. Wenigstens zurechnungsfähig war er am Ende dann doch.

Etwas missmutig hab ich am Ende festgestellt, dass auch der wirklich voll total netteste Tassifahr eine Tour von 25,40 € auf den Cent genau bezahlt bekommen kann. 🙁

Inzwischen hatten wir 3:43 Uhr. Da half alles nichts. Also hab ich telefonisch dazu angeregt, die Lesertour auf 4:10 Uhr zu verschieben. Dank extrem gutem Timing haben wir uns schon 4:09 Uhr getroffen und der Weg für die Abschlusstour war frei. Nochmal 20% Umsatz und 50% Trinkgeld auf die bisherige Schicht obenauf, wichtiger allerdings: eine nette Tour ohne jeden Ärger mit viel Spaß. Und danach hab ich Feierabend gemacht. Bei meinem Glück hätten mich dieses Mal auf dem Rückweg die selben Töffel wie damals angehalten und das wäre mir echt zu viel gewesen …

Netto

Also zuerst mal muss ich was über die Umfrage gestern sagen:

Faszinierend, dass sich über 60% dazu entschieden haben, Deko zu sein. 😀
Ich sollte wohl beim Formulieren etwas weniger witzig sein …

Große Stories hab ich nicht mehr rumliegen, außerdem tut mir das Tippen gerade etwas weh, weil ich mir – hier dürfen alle Beteiligten lachen – den Fingernagel am rechten Zeigefinger eingerissen hab. Die Rahmenbedingungen könnten also besser sein für einen langen Blogeintrag. Aber was kurzes zwischendurch:

Das mit der Wegfindung ist in manchen Ecken ja etwas schwieriger. Vor allem, wenn man zwar sein Navi nutzen kann, aber nicht einmal eine Hausnummer vom Fahrgast kriegt. Der, den ich vor ein paar Tagen im Auto hatte, hat sich der Informationspreisgabe durch sofortiges Einschlafen entzogen. Die Ecke in Pankow kannte ich nur so mittel, einen Kilometer vor dem Ziel wollte ich mich dann nicht mehr auf den elektronischen Helfer verlassen und hab das schnarchende Etwas geweckt:

„Hier gleich links?“

„Nee, erst beim Netto.“

Mist, find mal einen Netto nachts. War aber auch egal. Er schlief wieder ein und mein Navi korrigierte die Route auf drei Kilometer Rest. Hmm, sollte ich umdrehen? War mir dann aber egal – wahrscheinlich war das der Weg am Netto vorbei, was soll’s!

Bis ich bei ihm in der Straße stand, kam kein Netto mehr. Also vermutete ich den Netto direkt an seinem Haus IN der Straße. Hmm, auch nicht. Hab ihn dann nochmal wachgerüttelt und nach der Nummer gefragt. Er hat gesehen, dass wir schon vorbei waren – mit Wenden lag der Umweg am Ende wirklich locker bei drei Kilometern. Hab ich in dem Fall nicht an die große Glocke gehängt. Zeitlos schön dann der Abschlussdialog:

„Dann wären wir bei 20,40 €.“

„Nur? Mach mal 25.“

„Oh, danke. Eine Frage hätte ich aber noch: Wo ist bitte hier ein Netto?“

„Netto? Hier? Meine Freundin wohnt bei ’nem Netto, aber das ist in Weissensee. Wieso?“

Ach, unwichtig … 🙂