Beweismodus an …

Manchmal kommt man als Dienstleister mit der Kundschaft ja nicht so ganz auf die selbe Wellenlänge. In dem Fall war die Kundin etwas irritiert, dass mir ihre Straße nix sagte und ich wusste nicht, ob diese Irritierung nun aussagte, dass sie das schlimm fand oder nicht. Sie war nett, aber obwohl ich nach drei Nachfragen wusste, wo es hingehen sollte, hat sie immer weiter Straßennamen eingeworfen, um mir zu helfen.

Da ich ohnehin noch nachfragen wollte, welchen Weg sie bevorzugt, hätte das hilfreich sein können, war es aber nicht. Straßennamen kannte sie in Wirklichkeit nämlich auch nur drei im ganzen Stadtteil und andere Wege als der ihrige waren ihr nicht bekannt. Dumm an der Sache war: Ich war mir sehr schnell sicher, dass dieser Weg nicht ging. Also „ging“. Einmal Durchfahrt verboten und einmal ein Abbiegeverbot.

„Nein nein, da meinen Sie was anderes! Ich kenne den Weg doch!“

Schnell war klar, dass ich in dem Punkt recht hatte. Aber der kürzeste legale Weg war nun hinter uns und … mein Gott, es war kaum noch Verkehr … also hab ich das Ganze als Lehrstunde betrachtet und meinen Ruf als Ortskundiger wiederhergestellt. Ich bin ihren Weg gefahren, hab ihr aber die Schilder gezeigt und auch, dass es aufgrund der Straßenbahn z.B. durchaus gar keine so dumme Idee ist, so zu fahren. Das hat immerhin geklappt.

„Ach Mensch, DAS ist ja interessant! Das erzähle ich morgen meinem Mann! Wissense, der fährt ja jeden Tag so. JEDEN TAG!“

Dann glaube ich kaum, dass es an mangelndem Wissen liegt …

Auch besoffen

Ich hab vorgestern schon wegen der persönlichen Aufarbeitung erst einmal die Kundin mit dem Totalausfall verbloggt. War halt eine Fahrt, die mich nachhaltig beschäftigt hat. Um aber zu verstehen, warum ich sowas überhaupt mache, möchte ich auch die Fahrt davor erwähnen. Und „davor“ bedeutet, dass sie noch keine 10 Minuten Vergangenheit war, als ich die Dame aufgepickt habe, die wider Erwarten inzwischen ja auch gezahlt hat.

Die Schicht war mies und ich bin unbesetzt von der Halte los, weil ich befürchtete, das Autofahren zu verlernen, bevor Kundschaft kommt.

Und dann stand er da. Und mit Stehen meine ich eine stete Folge von Ausfallschritten in alle Richtungen. Rotzebesoffen, ein guter Kandidat, um auch von 90% der Taxifahrer nicht mehr mitgenommen zu werden. Junger Typ, groß, muskulös, Kurzhaarfrisur. Könnte Soldat gewesen sein.

„Schuljng, bin bsoffn.“

„Sehe ich. Wo soll’s hingehen?“

Eine Hauptstraße, keine zwei Kilometer entfernt. Wird schon pass …

„Schmuss kotzn!“

„Rechts ran?“

„Nee, ’s ok, schsag bscheid!“

„Aber bitte rechtzeitig!“

Und er sagte Bescheid. 150 Meter weiter. Er stieg etwas hakelig aus und begann dann eine fast schon erotisch anmutende Symbiose mit einem Baum einzugehen. Die Uhr lief.

Und dann fiel er um.

Ich also raus aus dem Auto. Ich gebe zu, ich hatte bei nur 4,50€ auf der Uhr überlegt, abzuhauen, aber fuck it! Es war arschkalt, ich kann den da nicht liegen lassen!

Ich hab ihm hochgeholfen, ihm Küchenrolle zum Abwischen gegeben und ein Bonbon gegen den Geschmack verpasst. Cent-Artikel, Sekunden-Aktionen, definitiv nix, was mein Leben schlechter gemacht hat.

„Dange Mann, bis korreggder Typ, schmagdir!“

Zugegeben: Mit normaler Kundschaft hätte das vier Minuten weniger gedauert. Aber genau dafür lief ja die Uhr weiter. Am Ende war es ein Zehner mit gutem Trinkgeld und zudem das Gefühl, jemandem geholfen zu haben.

Ich weiß, es ist furchtbar in, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man jemandem nachweisen kann, dass er sich selber in die Situation gebracht hat und ihn deswegen scheiße zu finden, bzw. ihm die Hilfe zu verweigern. Ist mir ehrlich gesagt zu stressig und so war die Tour am Ende wirklich mehr als ok für mich.

Und was es für ihn bedeutet hat, dass er nicht neben seiner eigenen Kotze unter einem Baum aufgewacht ist … ich maße mir nicht einmal an, den Unterschied zu ermessen.

Kleines „Faith in Mankind restored“-Update

Überraschende Neuigkeiten!

Ich war gestern tatsächlich etwas voreilig. Das kann passieren, wenn man mal wirklich tagesaktuelle Dinge verbloggt. Der „Totalausfall“ war wohl gar keiner. Ich bin genauso überrascht wie Ihr, aber schon während ich noch schlief hat die gute Frau offenbar mein Gekritzel auf der Küchenrolle entziffert und mir eine SMS geschickt: Ich „lieber Taxifahrer“ solle ihr doch sagen, wann sie mir das Geld geben „darf“ und zudem hat sie sich entschuldigt.

Wir haben noch ein paar Nachrichten ausgetauscht, am Ende hab ich ihr meine Kontonummer gegeben und die letzte SMS ihrerseits sagte aus, dass sie das Geld überwiesen hat. Und auch wenn ich das jetzt noch nicht verifizieren kann, bin ich mir sicher, dass das nicht gelogen war. Warum sonst hätte sie sich melden sollen?

Zumal der Austausch jetzt echt nett war. So wie es aussieht, ist also auch das wieder ein Fall für die Akte „Es ist nicht alles so schlimm, wie man schnell denkt“.

I really really like it!

😀

Ein Beispiel fürs Gelassensein

Neukölln. Eine Kreuzung von Neben- und Hauptstraße. Ich will mich auf die Hauptstraße schlängeln, muss aber warten. Fahrradfahrer, Fußgänger, Autos, ein Typ mit Bollerwagen. Die Leuchtreklame lässt die Lichter der Autos nicht erkennen, die mein einziger Anhaltspunkt zum Losfahren sind, weil ein Lieferwagen mir die Sicht versperrt. Großstadt, Alltag, passt schon.

Aber gut, nun eine Lücke! Ich trete aufs Gas, da kommt plötzlich von Links ein Fahrradfahrer, wir beide bremsen in Sekundenbruchteilen, am Ende schiebe ich ihn doch ein paar Zentimeter weiter in die Kreuzung rein, er kippt fast um und muss sich auf meiner Motorhaube abstützen. Trotz allen unschönen Details dieser Aktion: Die Reflexe sitzen. Handbremse, Warnblinker, Tür auf, das Anbieten einer helfenden Hand.

Der Typ in meinem Alter wiegelt ab, wir beide sehen kurz nach, ob uns oder unseren Fahrzeugen was passiert ist. Und glücklicherweise ist da nix. Ich hatte ihn am Vorderreifen erwischt und einfach weggeschoben, er war nicht einmal umgefallen.

„Hey, sorry, so schnell, wie Du da ankamst, hab ich Dich echt nicht gesehen!“

„Ja, hey, passiert. Alles ok?“

„Bei mir natürlich, auch das Auto sieht gut aus. Bei Dir?“

„Nur der Schreck. Lassen wir’s so?“

„Meinetwegen gerne. Aber Du bist wirklich ok? Dein Bein …“

„Ja, hab ich weggezogen.“

„Na dann gute Heimfahrt noch!“

„Ja danke, Dir auch, Alter!“

Alternativ hätte das natürlich auch eine Polizeipressemeldung werden können: „Taxifahrer und Radfahrer kollidiert, anschließend eine Schlägerei, einer hatte eine Waffe dabei“, was weiß ich …

Ganz ehrlich: Ich hätte die Schuld nicht bei mir gesehen. Natürlich muss ich aufpassen, aber er ist nicht auf der Straße, sondern auf dem Gehweg gefahren. Und das optimistisch schnell. Andererseits verstehe ich es gut, dass jemand auf dem Kottbusser Damm nicht auf der Straße mit seinem Fahrrad fährt. Und wenn ich darüber nachdenke: Vermutlich sollte ich als Autofahrer sogar froh sein, dass das nicht alle tun. Es wäre ironischerweise sicherer, aber vermutlich hat man es da als Radler nicht leicht, weil man ständig bedrängt und beschimpft wird. Deswegen hier auch entgegen der StVO mein Verständnis.

Und wie oben erkennbar: Er war kein Arschloch. Also bin ich auch keines gewesen. Abgesehen von einem kleinen Schock (nicht zu verwechseln mit dem medizinischen Fachbegriff) ist uns beiden nix passiert, also scheiß drauf! Wir beide werden zumindest vorübergehend etwas vorsichtiger sein und damit lässt sich der Sache doch schon wesentlich mehr positives abgewinnen als negatives.

Ich hab als jemand, der an seiner Cholerik etwas arbeiten musste, immer noch Verständnis dafür, in solchen Fällen auszurasten. Aber im Sinne der Friedensstiftung frage ich hier mal nach: Gibt es irgendeine bessere Möglichkeit mit besserem Ausgang, so eine unerfreuliche Situation zu handeln?

Sportliche Nachfragen

Ein Winker, yeah! Ich hatte meinen Umweg dieses Mal nicht umsonst eingelegt!

„Entschuldigung.“

Klasse Gesprächseinstieg!

„Können Sie mich schnell zur Seestraße bringen?“

„Sicher. Meinen Sie die Seestraße in Wedding?“

„Ja, also da beim U-Bahnhof Seestraße. Schaffen wir das in 15 Minuten?“

Holy Fuck! Natürlich nicht!

Ich muss hier mal anmerken, dass ich im tiefsten Marzahn rangewunken wurde und meine nicht kürzeste, aber schnellste Route satte 18 Kilometer betragen hat. Und mehr als ein Kilometer pro Minute bedeutet eben mehr als 60km/h. Im Durchschnitt. Dabei sind 60km/h auch in Berlin innerstädtisch und nur auf manchen Straßen das Maximum. Durch Ampeln und geringere Begrenzungen kommt man legal oft auf weit unter 20km/h im Schnitt. Die Anfrage war also weit jenseits von Gut und Böse.

Aber da ich beim schwierigen Interessenausgleich zwischen Kundenwünschen und StVO ja durchaus auch mal nett bin, hat die Fahrt am Ende nur 22 Minuten gedauert. Vermutlich ein Drittel von dem, was tagsüber auch nur im Entferntesten möglich gewesen wäre.

Ich will da kein Lob für, ich weiß, wann ich Punkte verdient hätte … aber in Sachen Kundenzufriedenheit hab ich damit einmal mehr irgendein imaginäres Verdienstkreuz erhalten.

Und alles gleichzeitig klappt eh nie.

Der klitzekleine Mehrwert

Ich hacke ja gerne mal auf autonomen Autos rum oder behaupte, dass mir bei aller gegenteiligen Behauptung seitens Uber die Ortskundeprüfung wirklich was gebracht hat. Dabei spitze ich natürlich oft zu und Ihr wisst ja eigentlich alle, dass ich mit meinen Fails bezüglich Ortskunde auch nicht hinterm Berg halte und all das stets mit einem Augenzwinkern tue. Aber selbst der absurd-konstruierte Randfall kommt mal vor, in diesem Fall gestern.

Ein Winker nahe des Ostbahnhofs:

„Sag mal Alter, Du hast Navi, oder?“

„Äh ja, sicher …“

„Dann mach mal U bei Charlottenburg!“

Ich weiß, dass ich derzeit das wirklich mit Abstand dümmste Navi auf diesem Planeten habe, aber es ist nun wirklich nicht das einzige, bei dem man Straßennamen nicht auf einen Stadtteil beschränken kann.

„Ähm, das wird schwierig. Worum geht’s denn?“

„Mann, ich kenn die Straße nicht. Fängt mit U an und ist Richtung Charlottenburg.“

„Also als erstes würde mir die Uhlandstraße einfallen.“

„Uhland? Ja, ja, das ist sie!“

Und nein: Da standen noch eine Menge Möglichkeiten im Raum, aber ich hab ihm vorgeführt, dass eine berlinweite Suche nach „U“ halt zu gar nix führt. Mein Navi fängt erst bei „UHL“ an, die Optionen aufzulisten. Er hatte die Adresse natürlich im Handy, aber das war halt kein normales, sondern so ein teures, dessen fruchtiger Hersteller es für Mehrwert hält, keinen USB-Anschluss zu haben. Natürlich ist es extrem unwahrscheinlich, dass das zusammentrifft: Ein völlig verstrahlter Typ mit leerem Handy und ein Taxifahrer ohne Adapter mit einem Navi, das so bescheuert ist, dass es selbst bei der Uhlandstraße in Berlin zuerst und alleinig (!) an die in Lichtenrade denkt.

Aber hey, ich hatte mit meiner Vermutung recht, wir kamen schnell und sicher an. Und während ich das schreibe, hab ich eben mal versucht, Google zu überreden, mir alle Charlottenburger Straßen mit U zu zeigen. Tja … nee, nicht so wirklich.

Wenigstens der Punkt geht dieses eine Mal also an mich. 🙂

Ach, Fuck!

Ich hab eine Kundin an einem der Oktoberfeste eingeladen. Die Zieladresse war schnell klar und sie hat auch nicht gestört, dass mir ihre Straße zunächst nix gesagt hat. Aber die Richtung war eben auch schnell ermittelt und die Fahrt damit kein Problem. Wie eigentlich fast alle. Da sie im Dirndl sichtbar vom Fest kam, hab ich eher rhetorisch gefragt, ob sie einen guten Abend gehabt hätte.

Als sie nur mit „naja“ geantwortet hat, hab ich mir noch nix gedacht. Kann ja alles überall mal so mittel sein. Aber bereits auf die Nachfrage, ob sie Stress gehabt hätte, hat sie wortkarg angemerkt, dass da halt eine Menge „komische Typen“ gewesen seien. Ich hab versucht, das nicht unsensibel anzugehen und vermutend angemerkt:

„Lassen Sie mich raten: Alle besoffen …“

„Ja, ja, das auch …“

Mir war schnell klar, dass sie mir nix näheres sagen wollte. Aber sicher, ich bin halt auch nur so ein x-beliebiger Kerl an dem Abend gewesen. Doch in Gedanken hab ich sie zum Hashtag #metoo twittern sehen und mir hat das unendlich wehgetan. Sie hat sich dann auch offensichtlich bewusst nicht bis zur (nie näher definierten) Haustüre bringen, sondern mich zwei Kreuzungen vorher stoppen lassen.

Ich verstehe das, aber ich hätte ihr gerne ein wenig mehr den Glauben in die Menschheit zurückgeben wollen.