Kannste Dir nicht ausdenken! (3)

Ob ich es „toll“ finden würde, Nazi genannt zu werden? Was für eine bescheuerte Frage!

Während ich mich noch freute, dass mein Beifahrer bei verbleibenden 14 Kilometern mit einstimmte, dass Nazis scheiße wären, bahnte sich das Unheil seinen Lauf. Denn auch wenn mein netter Kunde keine Nazi-Attitüde an den Tag legte, outete er sich zwischen den Zeilen sehr schnell als das, was gemeinhin „Reichi“ genannt wird. Was ihn, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen, ermunterte, mir zu erklären, ich sei im Grunde offziell Nazi, egal, was ich davon hielte.

Für die uninformierten Leser: Reichis, also „Reichsideologen“ oder passender „Reichsdeppen“, sind meist rechts angehauchte Verschwörungstheoretiker, die aufgrund falscher Fakten, unvollständiger Zitate und gehöriger Dachschäden postulieren, dass es die Bundesrepublik Deutschland nicht gibt. In Wirklichkeit leben wir laut ihnen in einem nicht souveränen Staat, der nur eine Übergangslösung der Alliierten ist und rechtlich keinerlei Bestand hat. Unser Grundgesetz gilt nicht, weil es nicht Verfassung heißt, die Wiedervereinigung Deutschlands hat nie stattgefunden und die BRD ist nur eine GmbH. In Wirklichkeit existiert das deutsche Reich (Nicht jenes von Hitler zwar, aber Nazi bin ich trotzdem?) weiter und die Republik, in der wir glauben zu leben, ist eine Jahrtausendlüge biblischen Ausmaßes.
Das glauben diese Leute natürlich nicht ohne Grund, denn in dieser neuen Realität lässt es sich recht gut leben, indem man sich zum Reichskanzler ernennt, Fantasie-Führerscheine gegen Geld verscherbelt oder einfach keine Strafzettel mehr bezahlt, weil sie von einer vermeintlich illegalen Regierung unrechtmäßig ausgestellt wurden.

Ich verlinke zu dem Thema gerne die KRR-FAQ und kann mit Gewissheit sagen, dass das alles Humbug ist. Auch wenn es sich anfangs recht plausibel liest. Alle „Beweise“ sind entweder abstruse Konstruktionen mit unhaltbaren Ausgangsbedingungen, unvollständige Zitate oder gar pures Rätselraten anhand irgendwelcher Bilder und Zahlen. Aargks z.B. hat gerade auch „Reichsburgerwochen“ und polemisiert frisch über diesen Unsinn daher, kann man auch mal gucken …

Und bei mir saß nun ein zwar äußerst liebenswertes, aber leider sehr überzeugtes Exemplar dieser Reichis.

Natürlich hab ich dagegen gehalten. Durch Zufall hatte ich neulich erst wieder mehrere Sachen zu dem Thema gelesen. Dummerweise natürlich nur unter vielem anderen. Im Gegensatz zu meinem Fahrgast, der sich laut eigener Aussage seit Monaten mit kaum etwas anderem beschäftigt und der deswegen reihenweise Paragraphen herunterratterte, konnte ich ohne unterstützende Literatur aus dem Stehgreif nur wenig konkretes bieten. Zumal sich sein Interesse an einer anderen Meinung insoweit in Grenzen hielt, als dass er immer gebetsmühlenartig wiederholte, er wolle mich ja nicht überzeugen, er hätte es ja selbst nicht glauben wollen, aber es sei eben die Wahrheit. Ähm ja, puh …

Mindestens 20 Minuten hab ich mir den Scheiß trotz Gegenrede geben müssen. Ich solle halt mal dieses googeln und jenes lesen, dann würde ich schon …
ICH HAB DIESES UND JENES GEGOOGELT UND GELESEN! UND SIEHE DA: ES BLEIBT BULLSHIT!

Das hab ich ihm (in anderem Tonfall, aber klipp und klar und mehrfach) gesagt. Und was war das Ergebnis? Natürlich keines. Ich werde die Wahrheit schon noch irgendwann erkennen, schließlich sei ich ja ein cleveres Kerlchen.

Was vielleicht das Schlimmste an der Sache war: er hat mir echt keine Chance gelassen, ihn z.B. rauszuschmeißen oder sonstwas. Er war die ganze Zeit nett und um es ehrlich zu sagen einer der angenehmsten Diskussionspartner, die ich je hatte, rein was die Streitkultur angeht. Und im Gegensatz zu anderen Akteuren in der Reichi-Wahnwelt hat er sich zumindest mal glasklar vom Nationalsozialsismus distanziert. Aber auf Dauer ist es einfach nicht auszuhalten, wenn einem jemand permanent Unwahrheiten an den Kopf wirft. Und gut genug informiert, um das zu wissen, war ich leider. Das war so ein bisschen das Gefühl, dass einem jemand auf dem Heimweg vom Schwimmbad erklärt, Menschen könnten eigentlich nicht schwimmen, das hätte Einstein schon bewiesen. Und dann sitzte da und versuchst irgendwas zu sagen, aber Du hast weder alle Postulate Einsteins im Kopf (wer hat das schon?), noch hat ein Schwimmbad offen, um es einfach mal kurz zu beweisen. Eine verflucht unerträgliche Situation!

Und selbst, als wir bei ihm angekommen waren, wollte er nicht locker lassen. Der wollte mir ernsthaft meine Handynummer abringen, damit wir nochmal reden könnte, wenn ich DEN einen Beweis gecheckt hätte – was ich im Übrigen getan habe und dennoch nur nochmal auf obiges zentrales Ergebnis in Großbuchstaben hinweise.

Ein Gutes hatte die Sache tatsächlich noch. Da er wie gesagt ein eigentlich netter Kerl war, hat er mir trotz gegensätzlicher Ansichten 8,20 € Trinkgeld gegeben. Aber das war meinen Vermutungen nach das voraussichtlich am schwersten verdiente Geld 2014 …

Kannste Dir nicht ausdenken! (2)

Die Momente, in denen man mit Kunden zusammen das Auto verlässt, sind vielleicht das, was man die kleinen Abenteuer des Taxifahrens nennen könnte. Also wenn es nicht nur ums Ausladen geht. Ich ließ die kleine 72 schutzlos zurück und tappste mit den beiden Männern zum Döner, wobei mir der von der Rückbank versicherte, dass der gönnerhafte Held heute eigentlich noch einen ruhigen Tag hätte. 0.o

Das hin und her im nicht gerade unbelebten Dönerladen hatte eigentlich keine besonderen Highlights. Ich suchte mir ein Pide aus, in der Hoffnung, das sei nun wenigstens eine halbwegs handliche Geschichte. Aber nein, die müssen das Ding mit Salat zusammen in einer großen Box aushändigen …

Nach ein paar Alibi-Bissen, während derer die beiden beinahe ihre kompletten Döner verschlangen, packte ich das Essen in den Kofferraum (wo ich es ja nach der Schicht beinahe vergessen hätte). Ich hatte einfach nicht genug Hunger. Blöd, aber wahr. Ich hatte um Mitternacht erst fürstlich gespeist und seitdem waren gefühlt erst zwei Stunden vergangen.

Ich registrierte beiläufig, dass es glücklicherweise keinen Strafzettel gegeben hatte und die Uhr inzwischen bei respektablen 20 € stand. Immerhin. Dann begann allerdings zu meiner großen Überraschung und Freude eine Diskussion über das weitere Fahrtziel. In der Otto-Braun-Straße wohnte nämlich nur der ruhigere Geselle von der Rückbank und es war wohl klar, dass der andere sowieso irgendwann noch heimfahren müsste.

„Lass Dir doch von ihm hier heimbring‘! Oder willste später mit Kater heim? Is‘ ja auch bekloppt!“

Und in der Tat: Statt nur zur Otto-Braun (anderthalb Minuten Fahrtweg) durfte ich anschließend meinen neuen allerbesten Freund bis ins allerfernste Spandau bringen. Die Tour wurde plötzlich mit über 40 € und dennoch unter einer Stunde Arbeitszeit recht lukrativ, worüber ich mich sehr gefreut habe, da mir trotz leckerem Essen und nettem Gespräch in der letzten halben Stunde zumute war, als würde ich Zeit verschwenden. Das allerdings war beileibe die kleinere Geduldsübung, denn kurz nachdem der schüchterne Hinterbänkler uns verlassen hatte, wurde ich von der Beifahrerbank gefragt, ob ich es eher toll oder eher blöd finden würde, wenn ich Nazi genannt werden würde …

Kannste Dir nicht ausdenken! (1)

Die Uhr stand auf kurz vor sechs am frühen Neujahrsmorgen. Ich war bedauerlicherweise noch unter 200 € Umsatz und kurvte abenteuerlich lange ohne Kundschaft durch die Gegend. in der Konrad-Wolf-Straße wurde ich endlich fündig. Zwei junge Kerle winkten mich ran und wollten zur Otto-Braun-Straße. Nette Tour nach Mitte, irgendwas knapp über 10 €. Perfekt für Silvester! Nur in den Außenbezirken fahren zu können, hatte ich mir dieses Jahr nach der dritten Stadtdurchquerung etwa ausgeredet. Also denn.

Während der Kerl auf dem Rücksitz recht ruhig war, lief der neben mir zur Höchstform auf. Er quasselte mich dermaßen an die Wand, das schaffe nicht einmal ich, wenn die Kunden spezielle Infos von mir wollen. Er amüsierte sich darüber, dass ich deutlich größer war als er, über meine Herkunft, meinen Bart, einfach alles. Und ich meine nicht, dass er spottete! Meine Herkunft verband er mit einer Geschichtsstunde über die Hohenzollern, meinen Bart beurteilte er fachkundig als den eines Menschen, der gerne Metallica hört und die Größe war für ihn vor allem lustig, weil er sich bis dato mit seinen 1,83 nicht sonderlich klein gefühlt hatte.

Alles nette Unterhaltung gegen langsam aufkommende Müdigkeit. Dann:

„Weißte was, ich hab Hunger. Wir gehn was essen, ich lad Dich ein!“

Ich hab das nette Angebot abgelehnt und mich darauf berufen, noch arbeiten zu müssen. Aber nix da:

„Zahl ich Dir alles! Lass die Uhr laufen, wir holen uns ’nen Döner oder ’nen Burger, na los!“

Die Aussicht auf „nur“ 25 € Wartezeittarif pro Stunde hat mich nicht gerade gereizt in dieser Nacht, aber er ließ nicht locker. Während wir den Rosenthaler Platz ansteuerten, warf ich verzweifelt sogar mein Übergewicht in die Wagschale, um all dem zu entkommen, aber es half nix. Ich bin halt zu nett und er war zu penetrant. Und irgendwie isses ja schon liebenswert, von Kunden derart umfassend eingeladen zu werden.

„Und jetzt? Wo soll ich hier bitteschön parken?“

„Na, fahr mal hier rum, dann stellste Dich da hin. Und wenn Du ’n Strafzettel kriegst, gibste mir den, dann kümmer‘ ich mich darum!“

Den Spruch bringen viele und es ist immer Bullshit. Das komische war, dass ich ihm das irgendwie tatsächlich abnahm. Damit sollte ich verdammt richtig liegen. Aber wie er das gemeint hat, das konnte ich an dieser Stelle noch nicht einmal ansatzweise erahnen …

Gute Nacht, Walter!

Mit etwas Übertreibung hätte es man ja fast schon einen Unfall nennen können, wie mir der Typ gegen’s Auto gelaufen ist. Ich war vorsichtig am Wenden in einer engen Straße, als er sich gegen die Karosserie der 72 klatschen ließ, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Gewagtes Vorgehen! Aber im Grunde freute ich mich über eine weitere Tour. Der nur noch teilweise zurechnungsfähige junge Mann war in Begleitung seiner Frau und – ein bisschen überraschender – seiner Eltern.

Die angeheiterte Stimmung mündete in so manche kuriosen Dialog, z.B. als der Hauptdarsteller dieser Seifenoper  seinem Vater auf dessen Einwand hin, dass sie nun ja doch ein bisschen viel getrunken hätten, eloquent antwortete:

„Das isses doch aber, worum’s im Leben überhaupt geht. Scheiße bauen. So richtig Scheiße bauen, dass Du dann am nächsten Morgen aufwachst und sagst: Scheiße, hab ich eine Scheiße gebaut. Das isses!“

Nun ja, jeder braucht Ziele.

Ein wenig Zeit der ansonsten durchschnittlichen Tour ging für die Frage drauf, ob sie die letzte Runde im Restaurant überhaupt bezahlt hätten und wie provinziell Berlin gegenüber einiger internationaler Städte so sei. Der junge Mann, die Buddel Astra weiterhin in der Hand haltend, bekundete Interesse an New York und Los Angeles und verkündete, dass er sich dort zu wohnen sehr gut vorstellen könne. Es entspann sich eine etwas wirre Form eines Disputes darüber, ob Deutsche oder Amerikaner oberflächlicher seien. Daraufhin driftete die Debatte ab und unser Held führte „Breaking Bad“ ins Feld, um die Fernsehkultur der Amis zu loben. Was schwer fruchten konnte, da seine Eltern die Serie nicht kannten.

„Is‘ das so’n bisschen so wie Denver-Clan?“

Unterdrückte Lachtränen bei mir, Zwischenstopp, Ausstieg der Eltern.

Auf dem verbleibenden Kilometer zum letztendlichen Ziel meinte mein Fang dann, ich hätte ihn ja argumentativ ruhig ein bisschen mehr unterstützen können. Wie sehr denn noch? Ich hatte im Beisein seiner Eltern schon bestätigt, dass ich die Serie kennen würde und sie hervorragend finde. Obwohl ich es eigentlich dabei belassen habe, war ich fortan wohl sowas wie Bruder im Geiste. Während die Frau das Zahlen übernahm, prostete er mir angedeutet zu und meinte:

„Gute Nacht, im Namen Walter Whites!“

Kannste Dir nicht ausdenken, sowas. 🙂

Abgelenkt

So oder so ähnlich kennen einige Leser mich inzwischen. Also wenn sie mit mir gefahren sind.

Die Quasselei von Taxifahrern im Taxi ist hier bei GNIT schon öfter mal Thema gewesen, andersrum hab ich das aber noch nie wirklich angesprochen. Weil es eigentlich problemlos ist, um ehrlich zu sein. Aber ja: In wenigen Momenten passiert es mal, dass man selbst als Fahrer so ins Gespräch vertieft ist, dass man sich vom eigentlichen Auftrag ablenken lässt.

Das sichere Führen des Fahrzeugs hat das bei mir (glücklicherweise) meines Wissens nach noch nie ernsthaft beeinträchtigt. Manchmal hab ich tatsächlich das Gefühl, dass Autofahren wie Laufen ist: man tut es intuitiv und unterbewusst. Selbst wenn eine Unterhaltung mich fesselt und weite Teile des Großhirns beansprucht, ist doch irgendwas ganz tief abgespeichert, das mich Abstände und Spuren einhalten, sowie auch ganz allgemein fahren lässt. Immerhin.

Aber zugegeben: Das kann zu wenig sein. Ist die Sicherheit wirklich gegeben, Gefahren rechtzeitig zu erkennen?

Ich weiß es nicht.

Und ich schätze, alleine werde ich damit nicht sein. Routine ist nicht nur beim Autofahren etwas, das sich langsam einschleicht und eine Menge gewohnter Prozesse ins Unbewusste verschiebt. Auf der einen Seite schadet das nicht, und jeder Autofahrer wird mir wohl zustimmen, wenn ich sage, dass ich froh bin, dass mich das Schalten z.B. nicht mehr so fordert, wie das während der ersten Fahrstunden der Fall war. Da ist es schön, wenn das rein gefühlsmäßig irgendwo im Hintergrund abläuft.

Auf der anderen Seite: In den besagten seltenen Fällen passiert das auch mit anderen Dingen. Der Routenplanung beispielsweise. Da steuert man während einer Unterhaltung souverän durch die Stadt, hält an roten Ampeln, blinkt beim Spurwechsel, all sowas. Und dann merkt man plötzlich, dass man vor 500 Metern links abgemusst hätte. Da lief dann unterbewusst wohl ein anderes Programm für eine andere (meist häufige) Fahrt ab.

Kürzlich hab ich das beispielsweise auf die Spitze getrieben, indem ich mich mit einem Leser quasi am Ziel wähnend, am Flughafen Tegel verfahren habe. Gleich auf den ersten Ring und dann nach dem Bemerken die – erstmalig getestet  – etwas kuriose Wendeschleife wieder zurück. Was soll’s? Uhr ausgemacht, wieder was neues kennengelernt und den Umgang mit Peinlichkeiten geübt. Aber man – in dem Fall ich – denkt darüber nach. Ist das nicht irgendwie auch gefährlich?

Wahrscheinlich. Ich hab schon einmal irgendwo angemerkt, dass ich aus mir nicht erklärlichen Gründen bislang in allen wirklich brenzligen Situationen (die meist fremdverschuldet waren) richtig reagiert habe. Vollbremsungen, Ausweichmanöver – selbst bei einer vereisten Autobahnausfahrt bin ich gegen den gesunden Menschenverstand instinktiv von der Bremse, als ich ins Schlittern kam. Vielleicht reicht ja die eingeschränkte Aufmerksamkeit und das Verlassen auf Reflexe manchmal.

„Bitte nicht mit dem Fahrer sprechen!“

steht in so gut wie jedem Bus, aber in keinem Taxi. Dieser Unterschied macht wenig Sinn. Auch wenn ein Bus sich anders fährt als ein Taxi (Ja, ich habe schon mal einen Bus gefahren), ist es nach der Gewöhnung daran das selbe Risiko. Es mag beim Bus schlimmere Auswirkungen haben, wenn er einen Unfall baut, vom Prinzip her ist beides gleich unangenehm.

Wesentlich entscheidender als bei den potenziellen Auswirkungen eines Unfalls ist jedoch die Atmosphäre. Ich würde mir um nichts in der Welt im Taxi das Gespräch entgehen lassen, dass sich in den meisten Fällen einstellt. Auch wenn es oft nur Smalltalk ist. Meine Bindung an die Fahrgäste ist dadurch enger und nicht zuletzt erfahren ich oder sie auch mal interessante neue Dinge und man tauscht sich aus. Es ist kein Zufall, dass die Trennscheibe zwischen Fahrern und Fahrgästen im Taxi – obwohl zum Schutz vor den ehemals zahlreichen Taximorden eingeführt – letztlich ausgerechnet von den Fahrern abgelehnt wurde.

Taxi bedeutet für manche nur den Transport von A nach B, oftmals allerdings auch Gespräch, Diskussion, Vertrauen, gewissermaßen sogar Intimität. In einer ganz eigenen Form, versteht sich.

Dass das uns Fahrern nicht nur den Beruf angenehmer, sondern bisweilen auch durch Aufmerksamkeitsdefizite schwerer macht, ist ehrlich gesagt nicht schön. Für mich leitet sich daraus allerdings nur eines ab: Ich muss darin besser werden! 🙂

PS 1: Sorry, dass ich in diesen Tagen nur selten zum Schreiben und Kommentieren komme! Ich hab vorrübergehend die Aufgabe bekommen, eine neue Website für jemand anderen zu erstellen und das kostet ein paar Stunden Zeit. Diesmal ist das allerdings eine Sache von begrenzter Dauer, in ein paar Tagen werde ich da raus sein …

PS 2: Einige von Euch haben mein eBook „Papa, ich geh zum Zirkus!“ gekauft. Worüber ich mich sehr freue! Da nun das erste Weihnachten nach der Veröffentlichung naht, werde ich binnen der nächsten Woche gelegentlich hier bei GNIT kurzfristig (für ein paar Stunden oder so) Links in die aktuellen Artikel setzen, wo man das Buch kostenlos runterladen kann (mit Hinweis, keine Sorge!). Also freut Euch, wenn ihr das zufällig mal mitbekommt. 😉

Kein Taxi | Glücklich in Berlin

GNIT existiert ja nicht ohne Grund. Tatsächlich vertreiben ich und meine Kundschaft uns auch im Taxi viel Zeit mit den Geschichten rund ums angeblich zweitälteste Gewerbe der Welt. Ich hab inzwischen die ein oder andere lustige Fahrgaststory zu bieten, das wisst Ihr ja besser als alle Kunden. Auch nicht ohne sind allerdings die Erlebnisse der Kunden mit Taxifahrern. Zugegeben: Vielfach sind es ebenso wie bei mir kleinere Missverständnisse oder – traurig, aber wahr – die berüchtigten Abzockgeschichten. Ein paar hab ich hier verewigt, eine besonders lustige wollte ich verlinken, finde sie allerdings nicht mehr. Naja.

Eine Taxigeschichte in dem Sinn hatte mein Kunde nicht zu bieten. Er stieg ein und erkannte gleich, dass ich nicht aus Berlin komme. Ein bisschen Smalltalk während der Fahrt, darunter das Übliche: Ja, Berlin ist super, natürlich nicht mehr so toll wie früher, aber trotzdem. Ob’s mir denn gefalle, ob ich mich nicht unwohl fühlen würde, da hinten dann links ab, bitte!

Ich bestätigte ihm, dass mich auch während der Nachtschicht nicht die nackte Panik umtreiben würde, da fing er an zu erzählen, dass er ja auch schon so einiges mitgemacht hätte. Und dann schilderte er mit einer seltsamen Mischung aus Distanz und Begeisterung, wie er sich einmal in den frühen 90ern ein Taxi heranwinken wollte und zu spät bemerkte, dass es eigentlich kein Taxi war. Stattdessen soll es sich um ein ähnlich aussehendes Fahrzeug gehandelt haben, besetzt mit einer Bande Räuber, die ahnungslose Touristen mehr oder minder wortwörtlich ausgezogen haben. Er wurde – so man ihm glauben darf – mit vorgehaltener Waffe in den Wagen gezerrt und in den Fußraum gedrückt, während seine Taschen entleert wurden, in denen sich sein ganzer Tagesumsatz befand, den er sich als Kellner mühsam verdient hatte. Sie haben ihm anscheinend alles abgenommen, was irgendwie von Wert war, um ihn danach recht rüde an einer Straßenecke aus dem Fahrzeug zu stoßen.

Nun hatte er aber offenbar Glück im Unglück und konnte bereits Sekunden später einen Streifenwagen anhalten, dessen Besatzung den Hinweis nicht nur ernst nahm, sondern ihn gleich mit, um das von ihm beschriebene Auto mit dem eher seltenen Fabrikat ggf. schnell zu identifizieren. Einfach nur ein Taxi nach Hause haben wollend saß er jetzt zum zweiten Mal auf dem Rücksitz eines Autos, das ihn nicht heimbringen sollte. Tatsächlich soll es nur wenige Minuten gedauert haben, bis eine andere Streife verkündete, sie hätten einen auf die Beschreibung passenden Wagen gestoppt. Die Fahrt, die von Kreuzberg nach Neukölln führen sollte, endete nun in Lichtenberg. Mein Fahrgast trug seinen Teil zur Identifizierung der bösen Buben bei, offenbar hauptsächlich dadurch, dass er den Beamten zutreffend schilderte, welche Form von Leergut und Unrat sich im Fußraum hinter dem Beifahrersitz des Autos befunden habe. Die Polizei stellte dann mehrere tausend Mark Bargeld sicher, von denen der arme Kellner offenbar recht unbürokratisch einen Hunderter zugesteckt bekam, was ungefähr die Summe war, die er zuvor als fehlend gemeldet hatte.

Waren offenbar andere Zeiten damals.

Lustig fand ich, wie er das erzählte, als sei das einer der besten Gründe, Berlin zu lieben. Ich bin ja auch irre und hab vielleicht nicht die Bedürfnisse der Bevölkerungsmehrheit – aber das fand ich doch erstaunlich. Natürlich, was davon wahr ist, kann ich schlecht sagen. Aber es war eine zu schöne Geschichte. Ich hab mich prächtig unterhalten gefühlt. Zu guter Letzt klopfte mir mein Fahrgast auf die Schulter und wünschte mir, dass ich in der Stadt so glücklich werde wie er. Ich für meinen Teil habe beschlossen, auf bestimmte Aspekte seiner glücklichen Beziehung mit Berlin nach Möglichkeit zu verzichten. Ansonsten aber gerne! 🙂