Flexibler

„Hier! Anwesend!“

rief ich über den Vorplatz des Ostbahnhofes. Kunden sind an meinen Wagen herangetreten, während ich mich mit Kollege Eddy unterhalten habe. Er stand ein paar Plätze vor mir, deswegen stand ich bei ihm und nicht er bei mir. Aber der Kunde hat die freie Fahrzeugwahl…

Ich bin kurz rübergesprungen, da kam er mir schon entgegen. Er war so um die 30, unterwegs mit seiner Freundin, beide zusammen in etwa das Unauffälligste, was ich in den letzten Wochen gesehen habe.

„Hi, ich wollte mal fragen: Kurzstrecke geht ja nicht, wenn wir hier stehen…“

„Das ist korrekt.“

„Wir müssten nur bis zur Revaler rüber, könnten wir da vielleicht einfach einen Fünfer machen?“

„Nein.“

Ich bin meist gar nicht so einsilbig bei dem Thema, aber er war sich seiner Sache so unsicher, da haben klare Ansagen am Besten funktioniert.

„Das kostet eher so 6 bis 7 €.“

hab ich versucht, ihm dennoch die Angst vor irgendwelchen Monsterbeträgen zu nehmen.

„Naja, dann ist egal. Wir steigen ein!“

Na also. Ist zwar keine lange Tour, aber ganz ehrlich: Mein Auto stand noch keine 3 Minuten am Bahnhof, da wäre es ja doppelt unverschämt, über die Länge der Strecke zu meckern. Unterwegs meinte er dann:

„Du könntest uns ja vielleicht bei 5 € rauslassen, dann laufen wir den Rest.“

„Das kann ich gerne machen, aber das wird dann nur knapp die Hälfte der Strecke sein, während es mit ein bis zwei Euro mehr bis vor die Türe geht.“

„Du bist sicher Angestellter.“

„Ja, so sieht es aus.“

„Ja sorry, ich will ja auch nicht, dass du deinen Chef bescheisst oder so.“

„Das freut mich, da hätten sie auch keine Chance.“

„Ja, so ist es halt. Ich dachte, ich frag mal. Andere sind da ja ein bisschen flexibler…“

Ich hab mir auf die Lippen beißen müssen für die restlichen 2 Minuten im Auto. Ich hätte ja einiges sagen können, aber ich hab gedacht: Friede sei mit den Unwissenden. Flexibler? Das ist natürlich auch eine Möglichkeit, es zu umschreiben. Während ich mit einer Fahrt unter Tarif ja nur grob die Hälfte des entgangenen Geldes vermisse, würde mir als Selbstständiger die Kohle ja komplett fehlen.

Ich bin kein Unmensch und ich drücke gerne mal ein Auge zu, wenn es irgendwo angebracht erscheint. Aber wieso sollte ich auf Geld verzichten und das Vetrauen meiner Chefs untergraben, die mich diesbezüglich eben genau null kontrollieren? Die keine Sitzkontakte eingebaut haben, das Auto nicht via GPS verfolgen? Die es mir erlauben, Privatfahrten zu machen? Warum sollte ich das tun zu Gunsten irgend eines dahergelaufenen Kunden, einen der nicht einmal durch besondere Freundlichkeit auffällt oder irgendwie glaubhaft machen kann, dass es für ihn wichtig wäre?

Wir sind ja alle froh, wenn wir mal irgendwo was sparen können. Da nehme ich mich nicht aus, wirklich nicht. Aber ist es echt so, dass man bei einer Tour für 6 € im Taxi glaubt, da wäre viel Spiel nach unten?

Ich sehe schon, das wird so ein Artikel, bei dem es nachher so aussieht, ich würde wie viele Kollegen ständig über meinen Verdienst jammern 😉
Das wollte ich nun nicht – wenngleich der Januar gerade echt gemein zu mir ist…

Trinkgeld gab es für die Tour natürlich keinen Cent. Meinetwegen. Mir soll es ja recht sein, dass sie ein Taxi und nicht die S-Bahn (eine Station!) genommen haben.  6,00 € sind 6,00 €! Aber wären sie 400 Meter selbst gelaufen, hätten sie mit der Bahn 2,80 € gezahlt. Wären sie 100 Meter gelaufen und hätten auf einen Kollegen zum Ranwinken gewartet, hätten sie 4,00 € für die Kurzstrecke gezahlt. Aus irgendeinem mir nicht bekannten Grund war das zu viel Aufwand. Nicht, dass ich 2 € Aufpreis für 100 Meter für gerechtfertigt halte, aber in Anbetracht der Alternativen wüsste ich nicht, weswegen ich ihnen hätte entgegenkommen müssen.

Ich will nicht zu gehässig sein, aber ich hab nicht vor, meine Dienstleistung unter Wert zu verkaufen. Ich verdiene pro Wochenendschicht (und denkt dran: Das sind die guten!) irgendwas zwischen 70 und 100 € – wenn ich stur nach Tarif die kürzesten Strecken fahre und durchschnittliches Trinkgeld kriege – dafür, dass ich eben nicht in einen Club oder eine Kneipe gehe, dafür dass ich mich nicht betrinken kann, sondern den Betrunkenen meine Dienste anbiete, um sie sicher und bequem nach Hause zu bringen. Der Rest der eingenommenen Kohle geht fürs Arbeitsmaterial drauf, für die in manchen Fällen sogar sinnvoll eingesetzten Steuern und Abgaben – und dafür, dass meine Chefs die Organisation des Ganzen übernehmen (wofür ich mir dann wiederum kein Wochenende frei nehmen muss). Ist das wirklich so viel, dass man sich da noch beschweren muss, wenn man sowieso gleich tanzender- und saufenderweise sein Geld verprassen will?

Und das frage ich als Mensch, der monatlich Miete für ein Zimmer zahlt, damit meine Kumpels eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit haben. Als Mensch, der der Bettlerin vor meinem Supermarkt von der Kohle gelegentlich zwei oder drei Euro zusteckt. Als der, der privat schon so oft Leute auf eigene Kosten von A nach B gebracht hat und gar nicht mehr zählen kann, wie viele Leute er schon irgendwo mal zum Saufen eingeladen hat.

Gewiss, die ein oder andere Ausnahme würde mich nicht umbringen. Auch meinen Chef nicht. Aber was meint ihr, wie viele Leute meinen, sie seien eine Ausnahme wert? Jetzt hat Torsten erst wieder was geschrieben über die Studis, die meinen, ein Taxi müsse umsonst sein, wenn der Fahrer so oder so in die richtige Richtung fährt – was natürlich Blödsinn ist, weil der Tarif noch höher wäre, wenn wir noch mehr Leerfahrten hätten.
Und Mia ist auf eine der vielen Frauen getroffen, die der Meinung sind, Wartezeit zu berechnen, wäre Abzocke – was im Kern aufs gleiche rauslaufen würde.

Ganz im Ernst: Ich bringe euch gerne ohne Kohle von A nach B. Aber das klappt nur, wenn das drumherum anders ist. Es würde letztlich auch bedeuten, dass ich mich dafür aus eurem Kühlschrank ernähren müsste oder laut schnarchend auf eurem Sofa pennend den Tag verbringen.

Bis wir das mal gesamtgesellschaftlich geklärt haben, werde ich wohl nicht umhin kommen, ein paar Euro dafür zu nehmen und nicht ganz so flexibel zu sein…

bezahlen

Kommunikationsprobleme gibt es immer mal wieder. Sie treten stets da auf, wo die Menschen ohnehin unterschiedlicher Ansicht sind und sorgen dann für eine ganze Menge Wirbel. Das muss kein Weltuntergang sein, kann aber handfeste Folgen haben.

Nehmen wir doch einmal das Wörtchen „bezahlen“.

Seht, ich bin Taxifahrer, Angestellter. Ein Mensch, ein Mann, deutscher Herkunft, zugezogener Neuberliner, Linker. Worte, die – je nach Situation mehr oder weniger – geeignet sein können, meinen Standpunkt zu beschreiben, mein Verständnis von der Welt zu erklären. Wie wohl jeder andere Mensch auch verlasse ich mich bei Gesprächen darauf, dass ich mit meinem Gegenüber eine gewisse Grundauffassung des besprochenen Sachverhaltes teile.

Wenn jemand in mein Taxi steigt und sagt, er möchte gerne zu einer bestimmten Adresse, dann gehe ich beispielsweise davon aus, derjenige weiss, was ein Taxi ist, weiss, dass er dafür bezahlen muss, dass ich ihn hinbringe. Er hingegen geht natürlich auch von etwas aus, nämlich davon, dass ich weiss, was ein Fahrgast ist, und dass ich ihn nicht z.B. frage, was mich sein bescheuerter Wunsch angeht, sondern dass ich ihn zum gewünschten Ziel bringe.

Das klingt auf theoretischer Ebene erst einmal sehr kompliziert, in der Praxis erweist es sich jedoch als ziemlich einfach. Die Zahl der Irren, die sich in ein Taxi setzen, eine Adresse nennen und sich hinterher ärgern, dass ich sie hingebracht habe, hält sich in sehr überschaubaren Grenzen, statistisch ist das Phänomen zu vernachlässigen.

Nun kommt aber wohl immer irgendwo der Punkt, wo man sich fragen muss, ob man denn wirklich all das voraussetzen kann. Bei mir war das gestern. Es war eine leidlich beschissene Freitagsschicht, vielleicht die mieseste seit ich Taxi fahre.

Insofern war ich relativ erfreut, als am Ostbahnhof eine Frau meines Alters an mein Auto trat und mich fragte, ob ich sie zur Landsberger Allee bringen könnte.

„Jetzt ist es aber so. Mir wurde der Geldbeutel geklaut. Ich hab also kein Geld dabei. Könntest du mich zu mir nach Hause bringen, da kann ich dich dann bezahlen. Und dann könnten wir auch gleich zum Zoo fahren. Ist das ok?“

Das war – soweit mich mein dementes Hirn glauben lässt – der O-Ton meines Fahrgastes. Die etwas exotische Begründung mit dem geklauten Geldbeutel hat zwar die ein oder andere Alarmglocke bei mir schrillen lassen, aber insgesamt war das ja keine ungewöhnliche Fahrt. Unterwegs noch Geld holen, an der Bank, zu Hause, bei Freunden… wenn ich all die Leute stehen lassen würde, wären meine Pausenzeiten signifikant höher. Ich hab gleich klargestellt, dass ich gerne ein Pfand hätte, dass es aber sonst kein Problem wäre. Ihr irritiertes „Ja“ erscheint mir im Nachhinein mehr oder minder gerechtfertigt.

So ganz die hellste Leuchte östlich von Erichs Lampenladen schien sie ohnehin nicht zu sein, wie weit wir allerdings voneinander entfernt waren, wagte ich bei Fahrtantritt noch nicht zu erahnen. Ich erwiderte auf ihren Streckenwunsch hin, dass ich einen etwas kürzeren Weg kenne, was sie auch dankend angenommen hat. Eine Nette war sie durchaus, Trixi ihr Name.

Nun standen wir also an der Ampel und sie fragte mich, warum denn das Taxameter schon laufen würde.

„Naja, wir fahren ja schließlich schon.“

„Aber ich hab doch gesagt, dass ich sie bezahle, wenn wir ankommen.“

„Aber den Preis muss ich ja irgendwie feststellen, oder? Ich kann ja schlecht ohne Taxameter fahren, das merkt mein Chef dann doch.“

Eine Notlüge, die ich gerne mal gebrauche, um nervige Festpreisverhandler ruhig zu stellen. Natürlich fallen 5 oder 10 Kilometer Leerfahrt in einer Schicht auch so mal an, manchmal als private Fahrt nach Hause, manchmal als ewiges Rumgegurke auf der Suche nach Fahrgästen. Aber für die meisten ist der Chef ein besseres Argument als das Gesetz, mein Geldbeutel oder der Anstand. Arme Welt.

„Aber dein Chef will doch dann sicher, dass du ihm das Geld gibst, da machst du doch Miese bei!“

Spätestens jetzt war klar, dass wir hier ein ziemliches Problem haben. Ganz offensichtlich wollte sie wohl einen Teil der Fahrt umsonst haben oder so.

„Ich wollte dich doch zu Hause bezahlen, dann sollten wir zum Zoo fahren. Ich weiss nicht, ob du das jetzt richtig verstanden hast.“

„Ähm, ja. Ich glaube, wir haben hier ein Kommunikationsproblem.“

Die Verantwortung dafür weise ich allerdings strikt von mir. Immerhin dämmerte mir so langsam, was die gute Frau mit ihren widersprüchlichen Worten wollte. Enorm zur Aufklärung beigetragen hat sie dann selbst, als sie – und das ist kein Witz, keine entschärfte Version, kein Verfälschen! – davon sprach, sie würde mich

„mit Gummi bezahlen“.

Verdammt nochmal! Ich bin Taxifahrer! Wie zur Hölle soll ich denn bitte drauf kommen, dass „bezahlen“ ficken heisst?

Gut, fassen wir also zusammen: Ich hab 6 € auf der Uhr, eine Prostituierte ohne Geld im Wagen, die gewillt ist, ihre Schulden in Naturalien zu bezahlen und bis ich einem Polizisten die Absurdität dieses Kommunikationsproblems erläutert hätte, würde ich anderswo bereits 30 € Umsatz gemacht haben. Fuck it!

„So, herhören! Das mit dem ‚bezahlen‘ lassen wir jetzt mal. Du hast kein Geld, scheiß Geschichte. Du willst zur Landsberger? OK, die 2 Kilometer bring ich dich noch und dann ist gut. Zum Zoo musst du dann irgendwie anders kommen.“

Witzigerweise war das nicht einmal der Anfang eines betretenen Schweigens, sondern Auftakt einer Unterhaltung, an der mir allerdings in Anbetracht der Umstände nicht sonderlich viel lag. Ich hätte die Cops holen sollen, aber es war mir zu viel Stress. Ich hab die Uhr ausgemacht und sie kurz die 4 Minuten weiter kutschiert. Man ist ja auch kein Unmensch.

„So, und hier jetzt rein?“

„Ja, da hinten auf den Parkplatz. Oder vielleicht besser da hinten, da ist es dunkler. Dauert ja schon eher ein bisschen länger, oder?“

Das hab ich mal als Kompliment gewertet, aber nach „länger dauern“ war mir nicht wirklich in dem Moment.

„Hey hey, nichts da! Ich dreh hier gleich wieder um. Ich muss heute Abend auch noch ein bisschen Geld verdienen!“

„Aber! Aber! Nein! Ich wollte dich ja schon bezahlen!“

Kann die nicht mal mit ihrem bescheuerten „bezahlen“ aufhören? Eine Sex-Hotline mit der wäre vermutlich eine Freude für Literaturprofessoren mit einem ungesunden Interesse an Metaphern und Synonymen, aber wir sitzen hier im Taxi!

„Im Ernst: Kein Interesse! Und jetzt bitte, ich möchte gerne weiter.“

„Schade.“

Schade? Ich weiss gar nicht mehr, auf wie vielen Ebenen ich das traurig fand. Dass sie ihre Taxifahrten mit Sex bezahlt, mag ja noch eine Masche sein. Dass sie das damit de facto für einen Zehner macht, finde ich erschreckend. Und dass sie sich nicht einmal zu freuen scheint, wenn sie mal keine Arbeit hat, das ist dann endgültig gruselig.

Tür zu und weg hier. 6,20 € Fehlfahrt. Eine neue Definition des Wortes bezahlen. Und die Erkenntnis, dass manche Klischees erfüllbar sind. Man lernt nie aus.

Neujahr, 4:23 Uhr

Ich erkläre dem älteren Ehepaar in der Edisonstraße, dass ich nicht so langsam fahre, weil die Straße rutschig ist, sondern weil die Typen da vorne Böller unter fahrende Autos zu schmeißen versuchen. Einer der Vorteile, wenn man mehrmals die selbe Strecke fährt.

Dieses Mal sind die drei damit beschäftigt, sich von einem unbequem lauten Mann zusammenbrüllen zu lassen. Haben gelacht. 2 € Trinkgeld.

Durchschaubar

Wie ich an geeigneter Stelle desöfteren geschrieben habe, gibt es meist gar nicht so viel Stress Nachts im Taxi. Die meisten Betrunkenen sind supernette Typen, die einfach heim wollen, weil sie so oder so schon zu viel haben – oder sie sind aufgedreht und wollen endlich Party machen.

Die, die auf Ärger aus sind, sind eine kleine Randgruppe. Zudem sind sie meist in Gesellschaft unterwegs und werden von ihren Freunden oder Partnern zurückgehalten. Da kommt es zwar auch manchmal zu Gockeleien von Möchtegern-Helden, die sich gegenüber ihren Leuten profilieren möchten, aber tatsächlich muss man den meisten nicht einmal mit einem Rausschmiss drohen, damit sie sich wieder einkriegen.

Nervig wird es, wenn sie wegen irgendetwas anderem völlig geladen sind und dann versuchen, das im Taxi loszuwerden.

So eine psychisch labile Kotztüte hatte ich neulich in Gesellschaft im Auto.

Aufgenommen habe ich eine recht lustige 5er-Truppe, die auf dem Weg von einer Party in den nächsten Club war. Dementsprechend gut war die Stimmung. Mister Knallkopf ist gar nicht gesondert aufgefallen, er war zwar ein Redenschwinger, aber es waren handelsübliche Angebereien, wie man sie an jedem Tresen umsonst bekommt, wenn man nicht sehr erfolgversprechenden Annäherungsversuchen ausgesetzt ist. Er brabbelte über dies und das und außerdem war er der wichtigste Mann im Wagen, weil das nächste Fahrtziel sein Bruder war, bei dem er noch Geld – unter anderem fürs Taxi – abholen wollte.

Die ganzen komischen Sprüche hab ich selbst schon wieder vergessen. Interessant wurde es, als er ausgestiegen ist, um bei seinem Bruder zu klingeln. Die verbleibenden 4 Mitreisenden wunderten sich über sein Benehmen und es zeichnete sich ab, dass sie ihn bis vor kurzem gar nicht kannten und dass sie ihn alle für etwas seltsam hielten.

Die Pläne, wo es nun hingehen sollte, wurden diskutiert, durcheinandergeworfen, überdacht, und immerhin meldeten sich gleich zwei der anderen zum Thema, wer das Taxi bezahle. Die Fahrt hatte uns von Kreuzberg nach Neukölln geführt, wir waren inzwischen bei über 10 € auf der Uhr, und so wie es aussah, sollte es danach zum Tacheles gehen: Oranienburger Str., Mitte. Eine schöne Tour so insgesamt, um die 30 € und immer noch in der Innenstadt, so lobe ich mir das als Fahrer 🙂

Dann kam Knallkopp zurück und meckerte erst einmal über den Preis auf der Uhr.

Zwei Leute standen Gewehr bei Fuß und meinten, sie könnten das Taxi ja zahlen, kein Problem. Das Gespräch, wo es hingehen sollte, wurde etwas komplizierter, weil er auf einmal nicht mehr mit allem einverstanden war. Die Idee mit der Oranienburger Straße fand er allerdings super, und so haben wir uns dann auf den Weg gemacht.

In der Zwischenzeit begann er, irgendwelchen Quatsch zu labern, ich würde in die falsche Richtung fahren, und als ich ihm den wahrscheinlichen Endpreis nannte, war er geradezu beleidigt und pöbelte auf wenig verletzende, aber dennoch enervierende Art herum. Die Mitfahrer entlockten ihm – der er plötzlich so ungehalten war – auch sein Geheimnis: Natürlich hatte er von seinem Bruder kein Geld bekommen, und das wurmte ihn sehr.

Die Sache mit der angeblich falschen Strecke klärte sich auch auf, gehörte er ausgerechnet zu jener unglücklichen Gesellschaftsgruppe, die sich den Unterschied zwischen Oranienstraße und Oranienburger Straße nicht merken können. Zum Tacheles  – wo die anderen hinwollten – wollte er gerne, aber natürlich nicht nach Mitte, sondern in die Oranienburger Straße. Mit anderen Worten: Er war sauer auf seinen Bruder, hatte selbst nicht den Hauch einer Ahnung und Schuld an allem war ich. Dass er indes nicht einmal ein Problem hatte – weil die anderen die Taxifahrt übernehmen wollten – war natürlich kein Grund, Ruhe zu geben.

Ja, ich war nahe dran, ihn vor die Türe zu setzen. Das wiederrum wollte ich der sehr engagierten Frau auf dem Beifahrersitz nicht antun, die sich zwar sichtlich schämte für ihre Begleitung, allerdings auf rührend einfältige Art und Weise versuchte, mich davon abzulenken, dass ich aus dem Fond hinaus beleidigt werde, indem sie mit mir versuchte, ein normales und nettes Gespräch zu führen. Je mehr Einblick ich durch die ein oder andere Äußerung in die Gruppendynamik bekam, umso komödiantischer und witziger kam mir das Ganze vor.

Ganz hinten in der dritten Sitzreihe saß ein sehr ruhiger Zeitgenosse, der sich seit Fahrtbeginn zu keiner Wortmeldung hinreissen ließ. In der Mitte giftete Mister Knallkopp irgendwas davon, dass er jetzt nicht 20 € für’n Appel und ’n Ein hinblättern würde, wobei er nicht nur den Fahrpreis unter- und seine Finanzen überschätzte, sondern zudem ein Sprichwort falsch  benutzte und die beiden Leute neben ihm ignorierte, die auf ihn einredeten, dass sie das Taxi doch zahlen. Vorne saß ich, fuhr mal Richtung Mitte, mal Richtung Kreuzberg und neben mir saß eine ungeschickte Psychologin, die mich fragte, warum ich eigentlich ausgerechnet in Marzahn wohne und mir beschwichtigend die Schulter streichelte. Vielleicht ja der Grund, weswegen ihr Freund ganz hinten so ruhig war…

Geendet hat es damit, dass ich sie zwischen allen jemals genannten Fahrtzielen an der Tanke in der Mariannenstraße abgesetzt habe, wo ich als „ordentliches Trinkgeld“ etwa 3% des Fahrpreises bekam, der sich inzwischen über die besagten 20 € hinaus erstreckte, ohne dass die Gruppe jetzt einer Party näher gewesen wäre, geschweige denn noch gute Laune hatte.

Mal ernsthaft: Durchschaubar, warum er jetzt so schlecht drauf war, war es schon. Warum solche Deppen allerdings partywillige Gruppen sprengen müssen, verschließt sich mir. Ich bin mir sicher, die hatten alle einen beschisseneren Abend als ich… *

Unschuldig!

Das richtige Einsteigen und Aussteigen bei einem PKW will gelernt sein. Insbesondere unter Drogeneinfluß verhalten sich die Leute bei dieser eigentlich nicht sehr beeindruckenden Problematik irrational. Bei manchen Fahrgastgruppen kann man daherreden, wie man will:

Der mit den längsten Beinen krabbelt in die dritte Sitzreihe, direkt nachdem ich gesagt habe, dass dort Platz für kleine Personen mit kurzen Beinen ist. Kaum dass ich dann die Rückbank zurückschiebe, wissen sie, dass es eine schlechte Idee war, weigern sich aber, von ihrem Plan abzurücken.

Die Person in der Gruppe, die mit 2,10 m Länge und 80 cm Breite am besten auf dem Beifahrersitz Platz nehmen sollte, quetscht sich hinter meinen Sitz. Auf dem mittleren Sitz sitzt dann gewöhnlich ein ziemlich breiter Fahrgast, der zwar recht kurze Beine hat, diese aber beide nach links packt, wo sie zusammen mit denen des Zwozehners und meinem Fahrersitz eine unentwirrbare Einheit werden. Ganz rechts auf der Rückbank sitzt das kleine und zierliche Mädchen, dass von den zwei Dicken zwar bis an die rechte Tür gequetscht wird, dafür hat sie aber im Fußraum noch locker Platz für zwei Reisetaschen. Die hat aber mein Beifahrer auf dem Schoß. Der passt eigentlich super auf den Sitz, weigert sich aber, ihn nach hinten zu schieben, weil er das arme Mädel in der Bewegungsfreiheit nicht einschränken will. Während er mit den zwei Reisetaschen in den Armen kämpft, die nebenbei für mich das Schalten in die Gänge 3, 4 und 5 unmöglich machen, bleibt der letzte Platz im Auto, die eine Hälfte Kofferraum, leer.

Solch extrem begabte Gruppen wiegeln Vorschläge meinerseits in der Regel mit dem Verweis auf Lieblingsplätze ab oder freuen sich darüber, dass sie jetzt über Conny lästern können, dessen Knie ich beim Fahren gelegentlich an der rechten Niere spüre, der aber so unglaublich lustig aussehen muss mit seinem schmerzverzerrten Gesicht, dass sich das ganze Chaos offenbar dafür schon gelohnt hat.

Während obige Beispieltruppe jetzt natürlich von mir besonders böswillig zusammengestellt wurde gestaltet es sich in der Regel wesentlich harmloser. So hatte ich neulich zwei Fahrgäste:

Er war ein sportlicher Mittdreißiger mit ersten Anzeichen von Glatzenbildung, 1,70 m groß und ansonsten sehr unscheinbar.

Sie hingegen war wahrscheinlich noch keine 30 Jahre alt, dafür mit rund 1,90 m sehr hoch gewachsen (wenn ich Frauen mal auf Augenhöhe begegne…), und gut die Hälfte davon waren Beine.

Sie quetschte sich mit ambitioniertem Gesichtsausdruck hinter meinen Sitz auf die Rückbank, allerlei Posen ausprobierend, bis sie die Beine weit nach rechts gen Mittelkonsole  streckte. Statt jetzt durchzurutschen auf die rechte Seite (wo der Beifahrersitz maximal nach vorne gestellt ist und im Fond für unglaublich viel Platz sorgt) bittet sie (!) ihren Begleiter, doch rechts zu sitzen. Dieser tut wie ihm geheißen, rennt einmal ums Auto herum und lässt sich in die endlose Leere fallen. Ich bin überzeugt davon, dass er die Beine geradewegs ausstrecken kann, aber er überprüft das langweiligerweise nicht. So denn.

Die Fahrt war nett und problemlos, die gute Frau hat sich auch kein bisschen beschwert über ihre unnötig unpraktische Platzwahl, einen Einwand meinerseits hat sie wie alle mit einem „Geht schon“ abgewiesen.

Als wir am Ziel ankommen, versucht sie ihre Beine zum Ausstieg zu entknoten, wobei sie sehr schwungvoll – wo immer sie den Schwung her hatte? – gegen meinen Sitz stieß. Das mir reflexhaft entwichene „Aua!“ galt sowohl ihr als auch meinen Rippen, ich ergänzte es aber lediglich auf sie bezogen um die Frage:

„Alles ok? Haben sie sich weh getan?“

Die Antwort kam selbst für mich überraschend:

„Ja, aua! Das ist ja fies! Dafür geb ich jetzt halt weniger Trinkgeld!“

Also bin ich schuld. Wer auch sonst?

Verschätzt

Gerade hatte ich den Motor wieder angeworfen. Ich wollte mich eigentlich aus dem Boxhagener Kiez verziehen, da es noch zu früh war, um die ganzen Kneipengänger einzusammeln. Aber ich hatte mich mal wieder verschätzt. Keine 100 Meter weit bin ich gekommen, als zwei Jungs mich entdeckten und winkten.

Ich bin ja im Allgemeinen vorsichtig mit Vorurteilen, aber natürlich versuche auch ich, meine Kundschaft erstmal irgendwo einzusortieren. Meist sind das harmlose Einordnungen, d.h. ich entscheide nach dem ersten Auftritt über die Begrüßungsfloskel, den Gesprächseinstieg. Besoffene australische Touris im Alter von 20 behandel ich natürlich anders als 60-jährige Anwälte auf Geschäftsreise. Beide natürlich freundlich und mit Respekt, aber ein gut gelandeter zielgruppengerechter Spruch schadet zu Beginn nie.

Ich meine so Sachen wie

„So, erst kotzen, dann einsteigen! War nur Spaß, ihr dürft auch nach dem Aussteigen noch.“

oder anderenfalls

„Machen sie sich keine Sorgen: Wenn die das Hotel nicht über Nacht umgesetzt haben, sollte ich es heute auch noch finden.“

Alles kein Problem, und bei über 2000 Fahrgästen dieses Jahr hab ich mir bei höchstens dreien ein Schweigen eingehandelt. Aber ich tue mich schwer mit Typen, die noch minderjährig sind und Goldkettchen zum Lebensziel erklärt haben.

Und genau dieser Typus waren meine beiden Neueinsteiger. Vielleicht gerade 18 Jahre alt, insofern sogar mehr oder weniger berechtigt, vom eigenen Vater bis zum Baum im Kindergarten gegenüber alles mit „Alter“ zu anzureden. Ihren Gesprächen nach ist die Welt mehr oder minder unterteilt in coole Typen, die es voll raus haben (sie) und „Spastis, die wo schwul rumreden“ (die meisten anderen). Wenn ich sie weiterhin richtig verstanden haben, ficken die Spastis auch irgendeine Ehre, wahrscheinlich die Freundin von einem der beiden.

Das war so etwa das Niveau, das mich erwartete, und auch wenn mir dieses Weltbild per se ein wenig fremd ist, glaube ich ziemlich genau zu wissen, auf welcher Seite dort ein Taxifahrer steht, der irgendwelche spießigen Regeln bezüglich Bezahlung oder dergleichen aufstellt.

Naja, ganz so schlimm waren sie nicht, aber die Sprache wurde durchaus schnell aggressiver, als sie im Auto waren. Aber es war eine kurze Strecke, die sie fahren wollten, umdrehen, einmal abbiegen, knapp zwei Kilometer.

Fuck, 2 Kilometer? Na wenn die beiden nicht nach der Hälfte der Strecke noch auf die Idee kommen, ich könne ja Kurzstrecke machen…

Aber sie waren zunächst viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, ich hab mich in die Rolle des Fahrroboters weggestohlen, nach Konversation war mir unter den Bedingungen auch nicht wirklich.

Das Ziel haben sie nicht eindeutig definiert, aber sie gaben mir rechtzeitig die Info, ich könne sie doch an der Ampel gleich rauslassen. Ich war in Gedanken schon bei Preisfeilschereien bezüglich Kurzstrecke oder beim Polizeinotruf, weil die beiden ohne Bezahlung verduften. Irgendwie hatten sie es so oder so eilig und waren nervös… man denkt sich seinen Teil. Immerhin war es eine Scheißgegend und eine blöde Uhrzeit für einen Überfall.

„Was krisch‘, Alter?“

„Wir sind bei 6,40 €.“

„Ey, mach mal 8, Alter!“

Trinkgeld. Wow. Nicht mal ein schlechtes! Ich bin beeindruckt. Wo ist jetzt das blöde letzte 2€-Stück? Und die Ampel wird auch schon wieder grün, selten blöde Ecke hier an zwei Hauptstraßen…

„Fuck, Alter! Die Ampel wird grün!“

Ich hatte noch nie – wirklich noch nie – Kundschaft, die sich dafür interessiert hat, das für ihren eiligen Haltewunsch gerade gefühlt der komplette Verkehr in der Hauptstadt stillsteht. Da mag man mich bitten, ausgerechnet im baustellenbedingt einspurigen Bereich einer vierspurigen Hauptstraße anzuhalten: Aus einem fremden Taxi heraus pöbelt es sich für alle offenbar wesentlich gelassener als sonst in Richtung der zu Recht verärgerten anderen Verkehrsteilnehmer.

Und ausgerechnet diese beiden Deppen sollen das ernst meinen? Und wie:

„Weissch, behalt Rest! Ampel is grün, Alter!“

3,60 € Trinkgeld. Es ist nicht immer schön, Leute falsch einzuschätzen. Hier war es aber so.

Alter!

Na da hab ich ja was verpasst…

„Darf ich dich mal was fragen?“

Etwas heruntergekommen wirkte der Mann, der vom InterCity-Hotel am Ostbahnhof zur 3. Rücke am Ostbahnhof herüberkam. Unrasiert, die schwarze Jacke mit 2 Fanschals mir unbekannter Mannschaften verziert und selbst nicht sonderlich gut gelaunt. Mal sehen:

„Na klar!“

„Kannst du mir ’nen Lichtenberger Taxifahrer besorgen?“

Das sind aber schon sehr spezielle Wünsche…

„Also einen der sich da auskennt. Ich muss zum Bahnhof Lichtenberg, dann in die Sparkasse…“

Für einen Moment habe ich daran gedacht, ihm zu sagen, er solle einsteigen.

Dann erging er sich in Schimpfkannonaden gegenüber Wessis. Neulich hätte er sogar mit einem Türken fahren müssen. Wenn ich ihm keinen Taxifahrer besorgen könne, dann würde er die Taxi-Genossenschaft anrufen, die gebe es ja wohl wenigstens noch?

„Äh…“

„Ach, lass es sein! Früher gab es noch Taxifahrer. Ihr braucht euch ja nicht wundern, wenn ihr bald alle arbeitslos seid! Unglaublich! Was für eine Frechheit, was man sich heute alles erlauben darf. Alles Arschlöcher, ich glaub das ja nicht…“

Den Rest seines zweifelsfrei sehr hörenswerten Monologes hab ich nicht mehr mitbekommen, weil ich mich mit einem gemurmelten „Schon gut“ grinsend in mein Taxi gesetzt habe und irgendwas betont belangloses gemacht habe, bis er endlich weg war.