Verschätzt

Gerade hatte ich den Motor wieder angeworfen. Ich wollte mich eigentlich aus dem Boxhagener Kiez verziehen, da es noch zu früh war, um die ganzen Kneipengänger einzusammeln. Aber ich hatte mich mal wieder verschätzt. Keine 100 Meter weit bin ich gekommen, als zwei Jungs mich entdeckten und winkten.

Ich bin ja im Allgemeinen vorsichtig mit Vorurteilen, aber natürlich versuche auch ich, meine Kundschaft erstmal irgendwo einzusortieren. Meist sind das harmlose Einordnungen, d.h. ich entscheide nach dem ersten Auftritt über die Begrüßungsfloskel, den Gesprächseinstieg. Besoffene australische Touris im Alter von 20 behandel ich natürlich anders als 60-jährige Anwälte auf Geschäftsreise. Beide natürlich freundlich und mit Respekt, aber ein gut gelandeter zielgruppengerechter Spruch schadet zu Beginn nie.

Ich meine so Sachen wie

„So, erst kotzen, dann einsteigen! War nur Spaß, ihr dürft auch nach dem Aussteigen noch.“

oder anderenfalls

„Machen sie sich keine Sorgen: Wenn die das Hotel nicht über Nacht umgesetzt haben, sollte ich es heute auch noch finden.“

Alles kein Problem, und bei über 2000 Fahrgästen dieses Jahr hab ich mir bei höchstens dreien ein Schweigen eingehandelt. Aber ich tue mich schwer mit Typen, die noch minderjährig sind und Goldkettchen zum Lebensziel erklärt haben.

Und genau dieser Typus waren meine beiden Neueinsteiger. Vielleicht gerade 18 Jahre alt, insofern sogar mehr oder weniger berechtigt, vom eigenen Vater bis zum Baum im Kindergarten gegenüber alles mit „Alter“ zu anzureden. Ihren Gesprächen nach ist die Welt mehr oder minder unterteilt in coole Typen, die es voll raus haben (sie) und „Spastis, die wo schwul rumreden“ (die meisten anderen). Wenn ich sie weiterhin richtig verstanden haben, ficken die Spastis auch irgendeine Ehre, wahrscheinlich die Freundin von einem der beiden.

Das war so etwa das Niveau, das mich erwartete, und auch wenn mir dieses Weltbild per se ein wenig fremd ist, glaube ich ziemlich genau zu wissen, auf welcher Seite dort ein Taxifahrer steht, der irgendwelche spießigen Regeln bezüglich Bezahlung oder dergleichen aufstellt.

Naja, ganz so schlimm waren sie nicht, aber die Sprache wurde durchaus schnell aggressiver, als sie im Auto waren. Aber es war eine kurze Strecke, die sie fahren wollten, umdrehen, einmal abbiegen, knapp zwei Kilometer.

Fuck, 2 Kilometer? Na wenn die beiden nicht nach der Hälfte der Strecke noch auf die Idee kommen, ich könne ja Kurzstrecke machen…

Aber sie waren zunächst viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, ich hab mich in die Rolle des Fahrroboters weggestohlen, nach Konversation war mir unter den Bedingungen auch nicht wirklich.

Das Ziel haben sie nicht eindeutig definiert, aber sie gaben mir rechtzeitig die Info, ich könne sie doch an der Ampel gleich rauslassen. Ich war in Gedanken schon bei Preisfeilschereien bezüglich Kurzstrecke oder beim Polizeinotruf, weil die beiden ohne Bezahlung verduften. Irgendwie hatten sie es so oder so eilig und waren nervös… man denkt sich seinen Teil. Immerhin war es eine Scheißgegend und eine blöde Uhrzeit für einen Überfall.

„Was krisch‘, Alter?“

„Wir sind bei 6,40 €.“

„Ey, mach mal 8, Alter!“

Trinkgeld. Wow. Nicht mal ein schlechtes! Ich bin beeindruckt. Wo ist jetzt das blöde letzte 2€-Stück? Und die Ampel wird auch schon wieder grün, selten blöde Ecke hier an zwei Hauptstraßen…

„Fuck, Alter! Die Ampel wird grün!“

Ich hatte noch nie – wirklich noch nie – Kundschaft, die sich dafür interessiert hat, das für ihren eiligen Haltewunsch gerade gefühlt der komplette Verkehr in der Hauptstadt stillsteht. Da mag man mich bitten, ausgerechnet im baustellenbedingt einspurigen Bereich einer vierspurigen Hauptstraße anzuhalten: Aus einem fremden Taxi heraus pöbelt es sich für alle offenbar wesentlich gelassener als sonst in Richtung der zu Recht verärgerten anderen Verkehrsteilnehmer.

Und ausgerechnet diese beiden Deppen sollen das ernst meinen? Und wie:

„Weissch, behalt Rest! Ampel is grün, Alter!“

3,60 € Trinkgeld. Es ist nicht immer schön, Leute falsch einzuschätzen. Hier war es aber so.

Alter!

9 Kommentare bis “Verschätzt”

  1. Hahahaha, wie „geil“.
    Was kost die Welt ?
    Da verschätzt man sich doch gerne, obwohl, die Sprache hat ja gestimmt. Hihi..

  2. Paramantus sagt:

    Solche Typen sind ja meistens gar nicht so wie sie rüberkommen… 😉

  3. Der Maskierte sagt:

    Ich muss Paramantus zustimmen. In meinem Leben im Einzelhandel hab ich mich doch am Anfang recht oft an der Kundschaft falsche Urteile gefällt, was den Auftritt anbelangte. Aber mit der Zeit merkte ich, dass der Blick ein viel besserer Indikator ist.

  4. Chefarbeiter sagt:

    Schwäbelnde Pisaopfer in Berlin, die viel Trinkgeld geben? Finde den Fehler, alter!

  5. Cliff McLane sagt:

    @Chefarbeiter, es kommen drei Lösungsmöglichkeiten in Frage:
    a. Schwaben geben grundsätzlich kein Trinkgeld.
    b. Schwaben reisen grundsätzlich nicht nach Berlin.
    c. Schwaben können grundsädzlich den gomischen Gonsonanden in „Alter“ nicht aussprechen.

    Und bevor ich mich jetzt als Ostbayer bemühe, die schwäbisch-ordografisch gorregte Aussprache von „Alder“ hinzubekommen, bitte ich ieber den Sash darum… 😉

  6. Taxi224 sagt:

    Ick schmeiß mir weg, total verschätzt… 🙂

  7. Nick sagt:

    @Cliff McLane
    Stimmt, sie reisen nicht nach Berlin, sie ZIEHEN nach Berlin!

  8. Sash sagt:

    @Teilzeitberlinerin:
    Ja, manchmal ist die Welt eine Ansammlung von Klischees!

    @Paramantus:
    Hör mir auf! Am Ende wollen sie noch spielen 😉

    @Der Maskierte:
    Naja, falsch liegen kann man immer. Keine Frage. Aber es ist erstaunlich, wie weit man mit unqualifizierten Schnellschüssen kommt…

    @Chefarbeiter:
    Gut zusammengefasst. 🙂

    @Cliff McLane:
    Das Schwierige am Schwäbischen sind die Nasallaute, ohne die es nicht funktioniert. Da müsste Lautschrift helfen, aber ich hab die nie lesen können.

  9. Der Maskierte sagt:

    @Sash

    Unqualifizierte Schnellschüsse sind das nur, wenn man den „Erstkontakt inkl. Abschätzung“ nicht gewohnt ist. Natürlich wird man immer wieder mal verkerht liegen, aber mit der Zeit sinkt diese Quote doch erheblich.

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