Bahnföhrer

Manchmal hab ich ja mehr oder weniger frustrierte Bahngäste an Bord. Der hier war eher belustigt. Und das hatte auch einen Grund. Sein Zug hatte Verspätung. Das wurde auch durchgesagt, leider hat das Mikro manchmal den Dienst versagt. Und so verschluckte es an etwas ungünstiger Stelle wohl das Wort „Zug“:

„Sollten Sie weitere Fragen haben, wenden sie sich bitte an den …Führer.“

Prompt schreckte eine alte Dame hoch:

„Was, der lebt noch!?“

Ich hätte  ja auch gelacht, ganz ehrlich! 🙂

Furchtbare Tragödie!

Er war ein bisschen ein schräger Vogel, aber einer von der ganz lieben Sorte. Ein bisschen Alt-Rocker, ein bisschen über 50 und ein bisschen angetrunken. Er winkte mich zu sich an den Straßenrand und gab als Fahrtziel an:

„Einfach gradeaus!“

„Wie weit etwa?“

„Puh, so bis Allee der Kosmonauten…“

Ich frage das bei unklaren Zielangaben gelegentlich, auch um den Leuten noch eine Chance mehr zu geben, sich an die Kurzstrecke zu erinnern. Manchmal frage ich ja auch selbst nach – obwohl ich das nicht müsste. Er war so ein Fall, bei dem ich mir vorstellen hätte können, dass er erst die Ansage vergisst und nachher überrascht ist, dass sein Geld nicht reicht.

Aber auch ich vertue mich gelegentlich bei der Einschätzung – sowohl von Leuten als auch Strecken – und die Fahrt kostete am Ende acht Euro. Wir standen inmitten einer neuen Wohnsiedlung und er hatte mir bereits erzählt, dass er auf seine alten Tage, nach dem Auszug des Sohnes, doch noch eine Eigentumswohnung erworben hat. Keine Story von Reichtum und Glück, mehr eine von verpassten Chancen, kleinen Freuden und langen Wegen zur Vernunft. Ein Soziogramm, 3 Kilometer lang, mittelschwer und irgendwie hat ihm das wohl ganz gut getan. Die einen freuen sich über anonymen Sex in bestimmten Clubs, andere quatschen sich gerne anonym aus – auch ein Anwendungsgebiet von Taxen.

Er wollte mir seinen letzten Zehner vermachen, den er schon vor Fahrtbeginn artig aus der Brieftasche gezogen hatte. Und jetzt nicht fand.

Natürlich nur vorübergehend. Dass ich am Ende mein Geld kriegen würde, war mir gleich klar. Im schlimmsten Fall mit etwas Wartezeit als Bonus, weil er kurz in die Wohnung sprintet, vielleicht auch mit drei Euro extra für eine Fahrt zur Sparkasse. Aber eigentlich war ich auch sicher, dass der Zehner irgendwo war.
Ähnlich wie ich trug der gute Mann eine Funktionsjacke mit zig Taschen und Täschchen, Einschüben und Halterungen. Je nach Kreativität kann so ein kleiner Geldschein da überall landen. Ich hab mein Sprüchlein aufgesagt:

„Nur mal keine Hektik – damit fangen wir um die Uhrzeit gar nicht erst an!“

„Ja nee, aber das tut mir jetzt voll leid!“

„Was denn?“

„Na, dass ich hier so ewig suchen muss.“

„Machen sie sich mal keinen Kopf!“

„Nein, du musst ja auch weiter.“

„Ja, aber auf 2 Minuten kommt es ja nicht an.“

„Ach was, das ist doch aber Scheiße jetzt…“

„…“

„Ich bin sonst echt nicht so. Das tut mir so leid!“

„Wie gesagt: Ruhig Blut, checken sie die Taschen einfach der Reihe nach…“

„Ach Mensch, halt mich jetzt bitte nicht für so ein Arschloch!“

„Wieso sollte ich?“

„Na wenn ich dir hier die Arbeitszeit klaue, weil ich mein Geld nicht finde…“

Dieser Dialog ging noch ewig weiter und am Ende hat er doch nur drei Minuten gedauert.

Um es mal klarzustellen: Es ist nicht so, dass ich darum betteln würde, unbezahlt im Auto zu sitzen! Natürlich nicht. Bei so kleinen Verzögerungen ist aber meist das Glück ein viel entscheidenderer Faktor. Seine Tour war ein gutes Beispiel: Ich bin von ihm letzten Endes mit drei Minuten „Verspätung“ gestartet und hab auf meinem Weg nach Hause (kurz Pause machen) noch eine weitere Tour in die richtige Richtung gekriegt. Wäre ich drei Minuten vorher die Rhinstraße entlanggegurkt, hätte ich statt 7,50 € wahrscheinlich 0,00 € verdient auf diesem Weg. So viele Winker rennen gegen Mitternacht nicht durch Marzahn, da mal zwei in Folge zu erwischen, ist Wahnsinn!

Natürlich bin ich froh, schnell wieder wegzukommen. Aber eine wirkliche Katastrophe sieht dann doch anders aus…

Weisheit

Marco, 23, aus Lichtenberg:

„Kein Führerschein is so günssich wie Taxi! Ich liebe mein Au-Audo, aber wennischedunken hab, dann lassischs stehn!“

An manches denkt man gar nicht…

Vor einiger Zeit ist uns mal wieder ein Kindersitz (besser gesagt: eine Sitzerhöhung) flöten gegangen. Das passiert. Wir haben sie ja nur für seltene Fälle und bedienen uns der wahrscheinlich günstigsten Styropormodelle. Die sorgen dafür, dass die Kids – wenn vorhanden – höher sitzen. Sonderlich haltbar sind sie auf Dauer nicht. Aber da im Taxi im Zweifelsfall ja sogar Kofferraummatten geklaut werden, vermute ich mal, dass man ganz gut daran tut, hier keine State-of-the-Art-Versionen zu kaufen. Aber ja, ein paarmal benutzt, hier mal eingeklemmt, da mal von betrunkenen Kiddies missbraucht und schon brechen sie durch. Wie gesagt: Passiert.

Ich hab den Sitz zeitnah entsorgt – damit man ihn nicht doch mal „im Notfall“ nimmt, weil man es vergessen hatte und jetzt niemanden enttäuschen will… ich denke, die Kollegen wissen, was ich meine.

Mein Tagfahrer hatte bald einen neuen besorgt und ich hab mir als ich das gesehen hab nur gedacht: Oh, die gibt es auch in einer anderen Farbe. Nun hat der grell-orangene Sitz einen dunkelblauen Kollegen gekriegt. Was soll es? Ja, was wohl?

Prompt hatte ich zwei Kids im Wagen.

Mami meint noch:

„Oh, guckt mal! Ein roter und ein blauer…“

Dumme Idee:

„Ich nehm den roten.“

„Nein, ich nehm den roten!“

„Nimm doch den blauen.“

„Na gut, ich nehm den blauen.“

„Nein, ich nehm den blauen!“

Memo an mich: Nächstes Mal nach den verfügbaren Farben fragen! 😉

Klischeebremsen

Etwas alltäglicheres gibt es kaum: Ich stand am Berhain an und gefühlte 15 Minuten später hatte ich Kundschaft. Das ist das Unglaubliche am Berghain, denn die Taxischlange dort umfasst manches Mal sicher 40 Autos, dennoch kommt man unglaublich schnell weg. Erst neulich habe ich einen Kollegen im Rentenalter davon überzeugen können, dass das trotz des Andrangs nicht die schlechteste Halte in der Gegend ist.

Aber alltäglich waren hier auch die Fahrgäste: Ein schwules Pärchen. Beide hipstermäßig geschoren mit nur leichtem Anschein von Kopfhaar, dicken Brillen und die Bärte so sauber ausrasiert, dass ich mich mit meinem groben Gesichtsteppich einmal mehr fragte, wie die das machen. Oder besser, woher die Zeit nehmen, wo mir jede notwendige Rasur um nicht wie ein Yeti auszusehen auf den Sack geht.

Die beiden sind eingestiegen und ich fragte sie, wo es hingehen soll.

„Nach Schöneberg.“

„Ok, wohin da genau?“

„Kennst du Tom’s Bar?“

„Klar.“

„Haha! Dachte ich mir. Wir wollen nach Pankow. Ganz so klischeemäßig sind wir dann auch nicht.“

Ich musste grinsen.

Man muss dazu anmerken, dass das Berghain viel schwules Publikum hat und tatsächlich viele Fahrten ins „schwule Dreieck“ von Schöneberg führen. Ich habe inzwischen etliche Fahrten vom Berghain eben genau zu Tom’s Bar gemacht (die zumindest als ich den P-Schein gemacht habe sogar im Ortskundekatalog aufgeführt war) – oder in eine der Kneipen in der näheren Umgebung.

Die beiden haben dann noch ein wenig mit mir über Schwulen-Klischees rumgealbert und das Ganze ist eine verdammt nette Fahrt geworden, die auch mit einem netten Trinkgeld geendet hat.

Da es leider in dieser Gesellschaft immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, möchte ich mich an dieser Stelle auch nochmal ganz klar und eindeutig gegen Homophobie positionieren! Mit wem die Leute ins Bett steigen sagt mal überhaupt nichts über sie aus! Sicher gibt es immer Leute, die gewisse Klischees bedienen und Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Aber im Großen und Ganzen kann ich – der ich ja nun wirklich ständig unterschiedlichste Leute im Auto habe – nur feststellen, dass es überall solche und solche gibt, mir aber ganz sicher meine schwule – oder auch lesbische – Kundschaft nie besonders negativ aufgefallen ist.

Kleiner Witz am Rande

Ich hab ja einen etwas sonderbaren Humor. Deswegen musste ich mich neulich wirklich zurückhalten, als zwei junge Fahrgäste sich unterhalten haben. Der eine deutete auf eine Tankstelle und es entspann sich folgender Kurzdialog:

„Ey, hier arbeitet jetzt der Marvin.“

„Ja, als Tankschlauch vielleicht.“

Ich weiß, ich bin albern 😀

Auf der Suche…

„Hey, was macht denn die Polizei hier?“

„Kein Plan, vielleicht ’ne Hausdurchsuchung…“

Was meine beiden jungen Fahrgästinnen da vor sich hinbrabbelten, war natürlich nur eine Vermutung, Ich hab irgendwie ganz reflexmäßig eingeworfen:

„Ach was, durchsucht wird erst ab halb sieben.“

Die beiden unterhielten sich weiter:

„Um wieviel Uhr war denn deine?“

Ich glaubte es kaum. Sollte ich tatsächlich mal mit Fahrgästen auf Augenhöhe ausgerechnet über Hausdurchsuchungen reden können? Fast hätte ich ja was gesagt – dann kam die entsetzte Abfuhr:

„Die war um sechs. Aber. MEINE!? Hey, hallo! ICH bin doch nicht durchsucht worden…“

OK, dann eben nicht…