Klischeebremsen

Etwas alltäglicheres gibt es kaum: Ich stand am Berhain an und gefühlte 15 Minuten später hatte ich Kundschaft. Das ist das Unglaubliche am Berghain, denn die Taxischlange dort umfasst manches Mal sicher 40 Autos, dennoch kommt man unglaublich schnell weg. Erst neulich habe ich einen Kollegen im Rentenalter davon überzeugen können, dass das trotz des Andrangs nicht die schlechteste Halte in der Gegend ist.

Aber alltäglich waren hier auch die Fahrgäste: Ein schwules Pärchen. Beide hipstermäßig geschoren mit nur leichtem Anschein von Kopfhaar, dicken Brillen und die Bärte so sauber ausrasiert, dass ich mich mit meinem groben Gesichtsteppich einmal mehr fragte, wie die das machen. Oder besser, woher die Zeit nehmen, wo mir jede notwendige Rasur um nicht wie ein Yeti auszusehen auf den Sack geht.

Die beiden sind eingestiegen und ich fragte sie, wo es hingehen soll.

„Nach Schöneberg.“

„Ok, wohin da genau?“

„Kennst du Tom’s Bar?“

„Klar.“

„Haha! Dachte ich mir. Wir wollen nach Pankow. Ganz so klischeemäßig sind wir dann auch nicht.“

Ich musste grinsen.

Man muss dazu anmerken, dass das Berghain viel schwules Publikum hat und tatsächlich viele Fahrten ins „schwule Dreieck“ von Schöneberg führen. Ich habe inzwischen etliche Fahrten vom Berghain eben genau zu Tom’s Bar gemacht (die zumindest als ich den P-Schein gemacht habe sogar im Ortskundekatalog aufgeführt war) – oder in eine der Kneipen in der näheren Umgebung.

Die beiden haben dann noch ein wenig mit mir über Schwulen-Klischees rumgealbert und das Ganze ist eine verdammt nette Fahrt geworden, die auch mit einem netten Trinkgeld geendet hat.

Da es leider in dieser Gesellschaft immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, möchte ich mich an dieser Stelle auch nochmal ganz klar und eindeutig gegen Homophobie positionieren! Mit wem die Leute ins Bett steigen sagt mal überhaupt nichts über sie aus! Sicher gibt es immer Leute, die gewisse Klischees bedienen und Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Aber im Großen und Ganzen kann ich – der ich ja nun wirklich ständig unterschiedlichste Leute im Auto habe – nur feststellen, dass es überall solche und solche gibt, mir aber ganz sicher meine schwule – oder auch lesbische – Kundschaft nie besonders negativ aufgefallen ist.

14 Kommentare bis “Klischeebremsen”

  1. anna sagt:

    Natürlich gibt es gute Gründe für Schwulenhass: 1) Neid, 2) Misogynie

    ad 1): Da lebt jemand Bedürfnisse aus, die man sich selbst nicht einmal einzugestehen wagt.

    ad 2)a: Als Oberchecker, der sämtliche Frauen nach ihrer Fickbarkeit sortiert, glaubst du, dass alle Männer so ticken wie du. Daher fühlst du dich durch die schlichte Existenz von Schwulen zum Objekt degradiert.

    ad 2)b: Es gibt auch misogyne Frauen. *seufz*

    Und dann sind da noch die Ignoranten, die von Hass zwar weit entfernt sind, aber bitteschön nicht damit belästigt werden möchten, dass für andere diese Gesellschaft nicht die „beste aller möglichen Welten“ darstellt.

    Soweit mein Wort zum Mittwoch, bitte löschen falls unerwünscht.

  2. Bernd K. sagt:

    Was wäre bei Pankow klischeemäßig?

  3. SaltyCat sagt:

    schwul, lesbisch, bi, hetero – es könnte nichts egaler sein. Aber bitte – BITTE – nicht so übertrieben „tuntig“ wie z.b. das „Ehepaar Klein“, die schwulen Friseure auf Gran Canaria (Goodbye Deutschland) …

  4. Aro sagt:

    Ich kann Schwule nicht leiden.

    Die nehmen mir immer die Freunde weg 🙁

  5. Sash sagt:

    @anna:
    Wieso sollte ich das löschen wollen. Ist doch wahr…

    @Bernd K.:
    Da fällt mir auf die Schnelle nichts ein 🙂

    @SaltyCat:
    Aber auch die gibt es. Alles schon gesehen. Und warum sollten die bitte anders sein – wenn das ihre Art von Leben ist, bitte!

    @Aro:
    Das ist natürlich ein schwerwiegendes Problem. Vielleicht sollte man da mal einen Verein gründen. Oder gleich eine Partei…

  6. Wolfy sagt:

    Alle mein ein mitleidiges „ooooooooooooooooh“ für Aro 😀

    Oooooooooooooooooooooooooh!

  7. leserin sagt:

    @ SaltyCat
    wieso nicht? ich meine, du musst ja mit personen die du nicht sympathisch findest, nicht befreundet sein oder deinen eigenen lebensstil davon beeinflussen lassen…?

  8. Reggie sagt:

    @SaltyCat

    Ich hab schon ein paar Männer mit tuntigem Verhalten kennengelernt. Meistens sind das Leute, die gern etwas schauspielern. Aber wenn man sie etwas mehr kennt, ist das aufgesetzte Verhalten oft weg und dahinter kommt ein ganz normaler Mensch zum Vorschein.
    Unterhaltsam ist es allerdings, die Reaktion der Umwelt zu beobachten… Manche fallen da völlig aus dem Konzept.

  9. SaltyCat sagt:

    @ sash und leserin: weil Reggie es meines Erachtens genau auf den Punkt trifft. es ist schauspielerei und ein stück weit effekthascherei. ein lautes „SIEHST DU NICHT, DASS ICH SCHWUL BIN?“ … Und ja, das stört mich. Ich rauche seit einer Weile wieder (warum, ist eine andere Geschichte). Aber ich würde niemals auf die Idee kommen, jemandem, der das nicht gleich bemerkt, absichtlich den Rauch ins Gesicht zu pusten.

  10. Sash sagt:

    @SaltyCat:
    Ich stehe persönlich auch nicht auf überdrehte Selbstdarsteller, da können wir uns drauf einigen. Wo ich aber nicht mitgehe, ist der Punkt, sich gestört zu fühlen, weil jemand sein Schwulsein in dieser Form auslebt. Keine Frage, es gibt immer irgendwo Grenzen, sexuelle Belästigung geht beispielsweise nicht, klar.
    Aber wenn wir jetzt mal „Vorzeige-Tunten“ á la Trauschiff Surprise nehmen, dann wüsste ich nicht, was daran in irgendeiner Form bedenklich wäre. Es ist ja nun auch nicht so, dass wir Heteros durchgängig zurückhaltend wären und nicht auch mit Worten und Taten hier und da andeuten würden, worauf wir stehen. In jeder Kneipe wird über scharfe Mädels diskutiert, in der Öffentlichkeit wird wild rumgeknutscht und viele erzählen einfach so ungefragt von ihren Frauen. Müsste das aus Sicht eines Schwulen nicht irgendwie auch störend sein?

  11. Aro sagt:

    @ Wolfy

    Danke 🙂
    *ein bisschen rotwerd*

  12. SaltyCat sagt:

    @sash … Ist es das nicht auch aus der Sicht eines ruhigen, niveauvollen, intelligenten Heteros? Also ich für meinen Teil empfinde es durchaus als störend, wenn neben mir jemand erzählt, wie „scharf die Bitch da hinten“ ist. Und das ganz ohne schwul zu sein. Und ganz ehrlich … Traumschiff surprise ist Unterhaltung, Klamauk, ein Stückchen Satire steckt mit drin, das lebt von Überzeichnung. Kein gutes Beispiel dafür, warum man es unbedingt im wahren Leben auch so übertrieben darstellen muss. Ich denke einfach, es gibt für alles ein Maß, an dem es noch angenehm wahrgenommen werden kann, und darüber wird es unangenehm. Das gilt für jeden Bereich im leben. Ob ich nun meine besonderen Leistungen herausstelle, mein Liebesleben ausbreite oder eben mich selbst auf diese tuntige Art produziere. Und ich glaube auch, dass diejenigen, die das übertrieben tun, weder sich selbst noch dem Rest der Homosexuellen einen Gefallen tun.

  13. Sash sagt:

    @SaltyCat:
    Die Beispiele waren auch zweifelsohne ein Bisschen schwierig. Dass es dieses Maß gibt, von dem du sprichst, das bezweifel ich nicht. Aber ich glaube, dass das eher vom Betrachter abhängt. Ich persönlich finde pink eine furchtbare Farbe und wenn sich jemand komplett in Pink hüllt, hab ich auch das Gefühl, dass er da wohl ein bisschen übertreibt. Unter Freunden der Farbe sieht das natürlich anders aus.
    Und ja, ich glaube, dass sich das auch aufs Benehmen übertragen lässt. Man ist unterschiedlich anfällig, Dinge furchtbar zu finden wie hysterisches Lachen, Sprachverhalten, Stimmlagen etc. Manche können Aufdringlichkeit ganz gut ab, andere nicht. Deswegen glaube ich, dass auch „tuntiges Benehmen“ erstmal ein Verstoß gegen den eigenen Geschmack ist. Dass einem das auf den Keks gehen kann, ist also meiner Meinung nach ok. Aber ob da jetzt wirklich die Typen einen Fehler gemacht haben, die offenbar ja selbst mit diesem Bild von sich irgendwie klarkommen, das ist meines Erachtens nach fraglich.

  14. Oni sagt:

    Wenn die Klischeeschwulen Spaß an ihrer Schauspielerei haben, sollen sie doch. Ich nehme mir aber das Recht heraus, das nervig zu finden und mir andere Freunde zu suchen. Das gleiche gilt aber auch für übertriebene Hetero-Machos. Mag sein, dass das alles eigentlich ganz nette Typen sind, aber so nah werde ich sie wohl kaum kennenlernen. Ich bin halt ein zurückhaltender Typ und komme mit solch aggressiv vorgetragenem Paarungsverhalten nicht klar. Wenn die Klischeeschwulen nun aber auf der gleichen Party wie ich sind, unterhalte ich mich trotzdem gern mit ihnen über die Vor- und Nachteile von Fleisch- vs. Blutpenissen ;). Mit den Machos über Titten philosophieren könnte ich dagegen wohl nicht.

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