Furchtbare Tragödie!

Er war ein bisschen ein schräger Vogel, aber einer von der ganz lieben Sorte. Ein bisschen Alt-Rocker, ein bisschen über 50 und ein bisschen angetrunken. Er winkte mich zu sich an den Straßenrand und gab als Fahrtziel an:

„Einfach gradeaus!“

„Wie weit etwa?“

„Puh, so bis Allee der Kosmonauten…“

Ich frage das bei unklaren Zielangaben gelegentlich, auch um den Leuten noch eine Chance mehr zu geben, sich an die Kurzstrecke zu erinnern. Manchmal frage ich ja auch selbst nach – obwohl ich das nicht müsste. Er war so ein Fall, bei dem ich mir vorstellen hätte können, dass er erst die Ansage vergisst und nachher überrascht ist, dass sein Geld nicht reicht.

Aber auch ich vertue mich gelegentlich bei der Einschätzung – sowohl von Leuten als auch Strecken – und die Fahrt kostete am Ende acht Euro. Wir standen inmitten einer neuen Wohnsiedlung und er hatte mir bereits erzählt, dass er auf seine alten Tage, nach dem Auszug des Sohnes, doch noch eine Eigentumswohnung erworben hat. Keine Story von Reichtum und Glück, mehr eine von verpassten Chancen, kleinen Freuden und langen Wegen zur Vernunft. Ein Soziogramm, 3 Kilometer lang, mittelschwer und irgendwie hat ihm das wohl ganz gut getan. Die einen freuen sich über anonymen Sex in bestimmten Clubs, andere quatschen sich gerne anonym aus – auch ein Anwendungsgebiet von Taxen.

Er wollte mir seinen letzten Zehner vermachen, den er schon vor Fahrtbeginn artig aus der Brieftasche gezogen hatte. Und jetzt nicht fand.

Natürlich nur vorübergehend. Dass ich am Ende mein Geld kriegen würde, war mir gleich klar. Im schlimmsten Fall mit etwas Wartezeit als Bonus, weil er kurz in die Wohnung sprintet, vielleicht auch mit drei Euro extra für eine Fahrt zur Sparkasse. Aber eigentlich war ich auch sicher, dass der Zehner irgendwo war.
Ähnlich wie ich trug der gute Mann eine Funktionsjacke mit zig Taschen und Täschchen, Einschüben und Halterungen. Je nach Kreativität kann so ein kleiner Geldschein da überall landen. Ich hab mein Sprüchlein aufgesagt:

Nur mal keine Hektik – damit fangen wir um die Uhrzeit gar nicht erst an!“

„Ja nee, aber das tut mir jetzt voll leid!“

„Was denn?“

„Na, dass ich hier so ewig suchen muss.“

„Machen sie sich mal keinen Kopf!“

„Nein, du musst ja auch weiter.“

„Ja, aber auf 2 Minuten kommt es ja nicht an.“

„Ach was, das ist doch aber Scheiße jetzt…“

„…“

„Ich bin sonst echt nicht so. Das tut mir so leid!“

„Wie gesagt: Ruhig Blut, checken sie die Taschen einfach der Reihe nach…“

„Ach Mensch, halt mich jetzt bitte nicht für so ein Arschloch!“

„Wieso sollte ich?“

„Na wenn ich dir hier die Arbeitszeit klaue, weil ich mein Geld nicht finde…“

Dieser Dialog ging noch ewig weiter und am Ende hat er doch nur drei Minuten gedauert.

Um es mal klarzustellen: Es ist nicht so, dass ich darum betteln würde, unbezahlt im Auto zu sitzen! Natürlich nicht. Bei so kleinen Verzögerungen ist aber meist das Glück ein viel entscheidenderer Faktor. Seine Tour war ein gutes Beispiel: Ich bin von ihm letzten Endes mit drei Minuten „Verspätung“ gestartet und hab auf meinem Weg nach Hause (kurz Pause machen) noch eine weitere Tour in die richtige Richtung gekriegt. Wäre ich drei Minuten vorher die Rhinstraße entlanggegurkt, hätte ich statt 7,50 € wahrscheinlich 0,00 € verdient auf diesem Weg. So viele Winker rennen gegen Mitternacht nicht durch Marzahn, da mal zwei in Folge zu erwischen, ist Wahnsinn!

Natürlich bin ich froh, schnell wieder wegzukommen. Aber eine wirkliche Katastrophe sieht dann doch anders aus…

6 Kommentare bis “Furchtbare Tragödie!”

  1. opatios sagt:

    Ich kenn das so ähnlich… nur hab in meinem Fall nicht ich das Geld vermisst, sondern der Verkäufer, der mir gegenüber stand und eben noch den Kunden vor mir fertig bedient hatte. Der fing auf einmal verzweifelt an, 100DM zu suchen, die er erst noch in die Kasse hätte legen müssen.
    Auch ich hab gesagt: „Jetzt erstmal ganz ruhig, Hektik bringt gar nichts. Wo sind Sie denn überall gewesen mit dem Geld in der Hand… hinter dieser Theke, gut, dann gehen Sie jetzt mal in jedes einzelne Thekenfach mit der Hand hinein, das Geld kann nur irgendwo obenauf liegen.“ 20 Sekunden später stand mir ein sehr erleichterter Verkäufer gegenüber, der dann auch alles daran setzte, mich gut zu bedienen.

  2. Hannah sagt:

    Auch wenn der freundliche Herr es mit seiner Aufgeregtheit ein wenig übertrieben hat, ist es doch irgendwie angenehm, dass es nicht immer als selbstverständlich angenommen wird, dass der Taxifahrer (oder jede andere Anbieter von Dienstleistungen) automatisch nach der Pfeife des Kunden tanzen muss.

  3. Sash sagt:

    @opatios:
    Auch eine nette Geschichte 😀

    @Hannah:
    Klar, da stimme ich dir zu. Aber in der Ausprägung war es dann doch ein wenig seltsam…

  4. Mein Standardspruch bei sowas ist immer:“ Steig ruhig aus, im stehen findet man die Sachen in den Taschen viel besser als im sitzen.“

    Ich kann mich nicht daran erinnern, daß mal einer das „Angebot“ angenommen hätte. Wohl aus Angst, daß ich denken könnte, sie wollten jetzt abhauen. Eine Angst, die ich bei der Sorte Fahrgast noch nei hatte und mich darin auch noch nie getäuscht habe.

    Dabei wäre es mir letztendlich oft tatsächlich lieber, wenn sie schnell ihr Geld finden. Und sich nicht ewig im Sitz rumräkeln, bis sie den Schein in den verwinkelten Hosentaschen finden.

  5. Sash sagt:

    @Torsten Bentrup:
    Zugegeben: Das hab ich noch nie probiert. Ich kenne es nur so rum, dass die Fahrgäste selbst sagen:
    „Ich muss mal kurz aufstehen, sonst komm ich nicht an meinen Geldbeutel!“ oder dergleichen…

  6. Bene sagt:

    Wieso schreibst du eigentlich ‚Sie‘ nicht groß? Btw: Indien testet atomwaffenfähige Langstreckenrakete, das schreit mein Telefon jedenfalls gerade durch die Gegend.

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