Passende Abende

„So, jetzt geht es heim.“

„Dann hoffe ich mal, Sie hatten einen schönen Abend.“

„Tatsächlich. Wir waren erst im Babylon und haben einen Film über die Volksbühne angeschaut und dann waren wir in der Kantine der Volksbühne essen.“

„Da hatten Sie ja sogar einen in sich konsistenten Abend.“

Kam gut an. 🙂

Andere härtere Baustellen

Dass beim Auftrag gleich mit angegeben war, dass es ein Krankenhaus ist, war schön. Denn damit konnte ich das Navi auslassen, auch wenn mir die Hausnummer nix sagte. Ebenso begeistert waren die drei Fahrgäste, dass ich sie so schnell gefunden habe. Von da an ging es zu einer Partylocation, sie haben das Wort Feierabend an diesem Abend wörtlich genommen, völlig ok.

Die ganze Fahrt über tratschten sie über ihren Dienst. Ein Worst-of der Patienten, es ging dabei eindeutig um den psychologischen Bereich. Sie erzählten sich gegenseitig von verstorbenen Ex-Schützlingen und deren Eskapaden, vom notorischen Glühbirnenesser bis zur klassischen Napoleon-Reinkarnation war alles dabei. Eigentlich sogar noch schlimmere Dinge. Sie haben das untereinander ähnlich grob getan, wie ich es hier auch manchmal mit z.B. vermutlich Alkoholabhängigen tue: Eigentlich etwas zu heftig für unbedarfte Ohren, aber dennoch keinesfalls respektlos. Natürlich verwundert, überrascht, erstaunt und teilweise überwältigt, aber dennoch auch mit Herz und Seele.

Und mir blieb dabei eigentlich nur Demut. Nicht nur, weil mir wiederholt klar wurde, wie glücklich man sein kann, wenn der eigene Psychohaushalt halbwegs ausgeglichen ist – nein auch, weil die drei das persönlich so gut wegstecken konnten, ohne in Stillschweigen oder allzu plumpe Lästereien abzudriften. Am Ende stand dann der fast unausweichliche Dialog:

„Na, Sie halten uns jetzt sicher auch für völlige Psychopathen, oder?“

„Ich fahre seit neun Jahren Taxi in Berlin. Sie erweitern mein Wissen zweifelsohne, aber im Grunde überschneidet sich unsere Kundschaft durchaus mal.“

„Ja, so ist das wohl. Ich hab auch manches Mal ein schlechtes Gewissen, wenn wir jemandem ein Taxi rufen und ich mir dann denke, dass ich froh bin, dass das jetzt nicht an mir hängen bleibt …“

Natürlich muss ich erst einmal sagen: Bitte macht das nicht! Wir sind dafür nicht ausgebildet!

Andererseits geht das natürlich runter wie Öl und ich stehe nach wie vor dazu, dass ich am Ende (Am Ende, nicht zwingend währenddessen!) doch auch am liebsten die Fahrten hatte, bei denen ich wirklich helfen konnte. Und von den Leuten, die den härteren Teil des Jobs machen, gewürdigt zu werden, adelt ungemein. Immer noch, ehrlich. 🙂

Man muss auch mal aufräumen …

Und da war sie dann: Die gesperrte Straße. Eine Baustelle, eine Absperrung über die ganze Straße und jeder andere Weg hätte einen Umweg von mindestens zwei, eher drei Kilometern bedeutet.

„Keine Sorge …“

sagte ich und ließ meine etwas verdutzt guckende Kundschaft kurz im Taxi zurück. Ich hab dann die Absperrung mit drei Handgriffen zur Seite geschoben und bin wieder eingestiegen. Der Autofahrer hinter mir hat indes auch geguckt wie ein Auto.

„Meinen Sie, das …“

„Hey, ich kenn doch die Leute, die nachts unterwegs sind. Da hat sich irgendein betrunkener Spaßvogel einen Scherz erlaubt.“

Und zack und durch!

Was die Kunden nicht wussten:

1. ist etwas ähnliches vor weniger als einem Jahr in nicht einmal einem Kilometer Entfernung schonmal passiert.

2. bin ich die Straße eine Stunde vorher entlang gefahren. Samstag morgens um drei sperrt sich eine Baustelle ohne Arbeiter nicht selbständig neu ab.

3. kenne ich da jemanden, der sich vor 20 Jahren auch mal den Spaß gemacht hat, mit nur einem umgestellten Pylonen den eigenen Stadtteil für Stunden verkehrszuberuhigen. *hüstel*

Lebenslanges Lernen sag ich nur!

Sammler

Es war eine kurze, vor allem aber schnelle Tour. Am Ende hatte das Taxameter etwa 12 Euro zusammengerattert und der Fahrgast war großzügiger als die meisten an diesem Abend:

„Mach mal 15.“

Er reichte mir einen Fuffi und verband das mit einer Bitte:

„Wenn Du mir rausgibst … wäre cool, wenn Du es in Fünfern hättest. Ich sammle die.“

Ich hab meine drei armseeligen bis dahin verbliebenen Fünfer angeschaut und ehrlich und mit nur etwas gespieltem Bedauern gemeint, dass ich so viele dann auch nicht hätte. Und er?

„Ja ja, ich weiß. Niemand hat die. Ist ja logisch, die hab ich ja alle!“

Der war so trocken, der könnte geplant gewesen sein. 🙂

Schon etwas albern

Ich kann hier wirklich nicht genug betonen, wie egal mir Trinkgeld ist. Oder besser: Wie egal mir das Trinkgeld eines einzelnen Fahrgastes ist. Denn natürlich ist auch beim Taxifahren das Trinkgeld ein wesentlicher Bestandteil der Bezahlung, aber mein Blutdruck ist hoch genug, ich sollte mir keine Gedanken darüber machen, weswegen Kunde 1 oder Kunde 2 jetzt genau welche Summe gegeben hat. Am Monatsende ist der Schnitt eh grob der gleiche. Weil uns eben sowohl notorische Nichtgeber als auch sehr soziale Menschen in Anspruch nehmen.

Aber eigentlich hatte ich mir übers Trinkgeld noch wirklich keine Gedanken gemacht, als die Jungs mich rangewunken haben. Es waren Jugendliche, die sich noch ausprobierten, sie gaben damit an, was sie schon alles so genommen hätten und insgeheim war ihnen dann vermutlich doch eher peinlich, dass sie heute keinen mehr hochkriegen würden. Ich will ehrlich sein: Ich mutmaße das, weil ich das kenne.

Aber sie waren halt auch nett, haben sich gefreut, wie „cool“ ich sei, weil ich ihren Lieblingssender (die Jugend hört noch Radio? Ehrlich?) eingestellt habe – und waren für besoffene Achtzehnjährige überraschend hilfreich. Haben mich in ihrem Außenbezirk um ein paar Ecken gelotst, sind zur Mucke abgegangen, ohne was zu verschütten … arg viel mehr will ich ja gar nicht.

Am Ende wurde der Zielpunkt um mehr als einen Kilometer verschoben, aber mit rechtzeitiger Ansage. Ich hatte selten so wenig Stress mit Leuten oberhalb der zwei Promille.

Am Ende standen 24,90€ auf der Uhr – was auf 10ct genau dem entsprach, was ich für die Fahrt irgendwo anders hin vermutet hatte. Zielangaben waren nicht so ihr Ding.

„Alter, hier sind mal 25! Ich suche noch Kleingeld, Du kriegst Trinkgeld, weil Du so geil warst, Digger!“

Er kramte in seiner Hosentasche rum, streckte mir stolz was entgegen, steckt es dann aber wieder ein, weil:

„Haha, Digger! So’n Scheiß! Waren zwei Cent, das wär ja schon etwas albern …“

Ohne böse sein zu wollen: Ich verstand, was er meint. Hey: Hosentaschen sind Arschlöcher!

Beim zweiten Versuch wurde er aber fündig und überreichte mir sichtbar stolz … 10 Cent.

Wie gesagt: MIR ist das herzlich egal, und die üblichen 10% sind am Ende zusammengekommen.

Aber WTF geht in Menschen vor, die einen 15 Minuten zulabern, selbst von ihrer Weirdness überzeugt sind und dann 8 Cent Unterschied als angemessenen Ausgleich betrachten?

Eklig?

Ich hatte mir ein paar feierwütige Mädels eingebrockt. Auf etwas ärgerliche Weise, denn dem vorweg ging eine falsche Adressangabe via Funk und am Ende habe ich die Tour eingesackt, obwohl bereits ein weiterer Kollege geordert wurde. Ich war da nicht unbedingt im Recht, schätze ich – aber die Kundinnen wollten eh nicht mehr wechseln. Und bei über 20€ will ich mal auch nix gesagt haben. Der Kollege war immerhin nicht sauer. Oder besser gesagt: Er hat’s nicht gezeigt.

Naja, im Endeffekt war’s dann aber lustig. Gut, sie hatten einen Zeitwunsch, der tagsüber etwas ambitioniert gewesen wäre, aber es war längst Nacht, also reden wir nicht darüber … 😉

Interessant wurde es, als eine der Mitreisenden unbedingt dringend rülpsen musste und sich das nach einigem Zieren auch getraut hat. Was man jetzt nicht so als Kampfschrei mit Flüssigkeitsabgabe fehlinterpretieren sollte, ein kleiner Rülpser, allenfalls auffällig durch etwas mehr Alkoholgeruch im Wagen als vorher. Nicht die feine englische Art, aber mit dem beiliegenden „Sorry, ich muss mal aufstoßen“ nicht wirklich ein Ding. Interessant war dann eher, dass danach die Diskussion aufbrandete, ob es Frauen denn „erlaubt sein sollte“ zu rülpsen.

Mal abgesehen von sehr unpassenden Situationen (und damit auch wieder nicht nur für Frauen gültig): Was für eine bescheuerte Frage! Dinge eklig finden ist ja ok, aber diese Stereotype, dass manche Dinge „halt nichts für Frauen“ sind … ich hab anschließend auf die Frage, ob ich’s eklig fand, einfach mit Nein geantwortet. Schätze, ein paar von ihnen diskutieren meine Antwort immer noch …

Vertrauenswürdig (1)

Drei Jungs am Bahnhof. Alle so um die 20 rum und dementsprechend supercool unterwegs. Aber dann die Anfrage:

„Ey Digger, folgendes: Kannste uns zur XY-Straße bringen? Wir ham keine Kohle mehr, aber ich schwör, ich geb Dir meine Nummer, kriegste morgen!“

Ja nee, is klar!

„Ey, ehrlich! Die Bahn ist gerade raus und meine Freundin wartet auf den Döner. Ich geb Dir meine Nummer, kannste anrufen, um zu checken, ob’s meine is!“

Ach fuck! Ich hätte sie gerne abgelehnt, aber das klang scheiße ehrlich. Ich wollte mir den Stress eigentlich nicht aufhalsen, andererseits stehe ich ja dazu, dass Leuten gerne helfe. Ich hab ihnen zudem sehr übel genommen, dass sie andere Fahrgäste abgewimmelt haben („Ey nee, wir nehm’n den hier!“), aber ich bin ja am Ende doch eher Mensch als perfekt funktionierende Taximaschine. Und ironischerweise fand ich es überzeugend, dass ihre Strecke eh eher kurz war.

Ich hab das mit der Telefonnummer wirklich geprüft und die drei waren ernsthaft dankbar, dass ich am Ende mit schwerem Herzen angenommen habe. Inklusive Handschlag am Ende und mit dem Lob, dass ich mal keiner sei, der in ihnen

„nur so drei Kanaken, die voll scheiße sind, weißte, Alter?“

sieht.

Wie es ausgeht, weiß ich noch nicht. Wir haben ein Telefonat heute Abend vereinbart.

Ich will ehrlich sein: Die letztlich aufgelaufenen 7,70€ Umsatz würden mich nicht umbringen, aber ich bin sehr gespannt, ob ich die Tour am Ende als super oder als Fehlfahrt verbuchen muss …