Notiz 2

Auch sehr schön: Man nimmt eine Truppe junger Schotten als Winker fast direkt nach der letzten Tour auf. Sie wollen zwar nur rund anderthalb Kilometer weit, dennoch keine Kurzstrecke. Am Ende fallen unschottische 1,80 € Trinkgeld auf nur 5,20 € Fahrpreis an. Und im Weggehen hört man noch ein Gespräch von zweien mit:

„Hey, the driver was a nice guy.“

„Yeah, really nice.“

„Berlin guys are really great, I love the city. You gave him a tip?“

„Of course …“

„I love Germany.“

Trinkgeldfreundliche Beträge

Auf runde Beträge will ich am Ende einer Tour eigentlich nie kommen. Irgendwie ist die Befürchtung groß, dass das die Leute veranlasst, doch mal kein Trinkgeld zu geben. Denn die gibt es ja. Vielleicht 10% der Fahrten haben am Ende bei mir in meinen Aufzeichnungen eine leere Stelle beim Trinkgeld stehen. Und wenn es doch welches gibt, ist es dann nicht fast schon automatisch genau ein Euro? Nicht, dass ein Euro grundsätzlich ein schlechtes Trinkgeld wäre – aber hätte der Fahrgast in diesem Moment nicht vielleicht eher 1,30 € gegeben, wenn die Uhr 20 Cent mehr angezeigt hätte?

Um ehrlich zu sein: Ich hab keine Ahnung. Ich kann mal meine Daten durchsehen und versuchen, eine Statistik zu erstellen. Aber ebenso wie die natürlich am Ende nicht repräsentativ sein wird, lässt sich das schlechte Gefühl bei 10,00 € auf der Uhr wohl nicht mit Gegenargumenten verscheuchen.

Umso mehr freute ich mich, dass mir eine Frau aus einer Gruppe ziemlich zivilisierter Partygänger am Wochenende bei oben genannten 10 € gleich einen Zweier mit den beruhigenden Worten „Stimmt so!“ in die Hand gedrückt hat. Noch besser war allerdings, dass ihre Kumpels im Anschluss wie aufgescheuchte Hühner durcheinandergackerten, man möge mir gefälligst Trinkgeld geben – und zwar ein richtiges. Und unter richtig verstanden sie, ich hab’s nachgezählt, offenbar noch einmal 2,64 €.

46% Tip sollten eigentlich Grund genug sein, meine Sorgen zu vergessen. 🙂

Ganz ruhig …

Auch ich ärgere mich ja gelegentlich ein wenig über Fahrgäste, bzw. kommentiere ihr Verhalten etwas boshaft. Und ja, das ein oder andere Mal nerven Dinge. Warum ich dennoch nicht die ganze Zeit gestresst durch die Gegend fahre, wäre da eine adäquate Frage, sofern mein Gemütszustand eine Rolle spielen sollte. Und? Weil die meisten das nicht böse meinen. Weil viele Dinge auch einfach nur deswegen nerven, weil sie wiederholt auftreten.

Die klassischen Preisfeilschereien zum Beispiel: Es ist doch eigentlich relativ verständlich, dass jemand nach einem Preisnachlass fragt. Hatte ich heute Nacht erst wieder. Die Fahrt sollte ungefähr 8 € kosten, mir wurden bei 5,50 € auf der Uhr 7,50 € Festpreis angeboten. Nervig ist nur, dass es relativ viele sind und zudem natürlich auch noch einige dabei sind, die sich aus grenzdebilem Halbwissen eine Berechtigung für einen Nachlass herleiten.

Dass Leute bei einer Kurzstrecke Stopps einlegen wollen … das kann schon mal passieren. Wenn man z.B. eine Kurzstrecke startet, dann merkt, dass man was vergessen hat und seine Pläne ändert. Dumm für mich, da ich das Taxameter nicht umstellen kann, aber ok. Ist mir ebenfalls heute Nacht passiert. Nervig isses nur dann, wenn Leute – am Besten noch gegen besseres Wissen – behaupten, das wäre normal und so vorgesehen.

Anfragen, ob man im Taxi rauchen darf. So lange da draußen haufenweise Taxifahrer rumgurken, die die Kippe im Mundwinkel hängen haben, kann ich die Frage als Raucher gut nachvollziehen. Hatte ich heute Nacht auch erst wieder. Störend wird’s eigentlich erst dadurch, dass sich manche Leute nicht mal für 5 Minuten am Riemen reißen können oder versuchen, ihre Fluppen angezündet mit ins Auto schleppen, weil sie einen für blöd halten.

Touren, bei denen all das passiert … seien wir ehrlich, da braucht man wahrscheinlich wirklich die Eselsgeduld von mir. Denn ja: all das ist mir heute nacht erst passiert. Bei einer einzigen Tour. Statt auf die Finger klopfen gab’s ein paar Witze, fiese Sprüche und den Hinweis, dass sie nicht sonderlich originell sind. Das Fazit war genau wie bei Ärger eine weitgehend ordnungsgemäße Fahrt* in einem rauchfreien Auto, die mit schallend lachenden Fahrgästen** und immerhin rund 17% Trinkgeld endete.

Deswegen: In der Ruhe liegt die Kraft. 🙂

* Den Halt während der Kurzstrecke gab es, aber er blieb verdächtig nahe an einer Minute, so dass das Ergebnis passen sollte
** Zu sagen, man solle das mit der Kindersicherung links nicht persönlich nehmen, klappt immer! Fast alle müssen schmunzeln, ich schwör’s!

Kurz und weg

So, das Wochenende rückt näher. Normalerweise wäre das eine Randnotiz der Marke „Ich freue mich aufs Arbeiten“, dieses Wochenende aber nicht. Ganz entgegen meiner eigentlich Gewohnheiten verlasse ich meine Wohngrotte mal und fahre weg. Familienfeierlichkeiten treiben mich an die Küste, ein paar Stunden Bahnfahrt werden anfallen, darüber hinaus ein bisschen norddeutsche Seeluft und der ein oder andere Hopfenblütentee. GNIT werde ich in den kommenden drei Tagen nicht befüllen. Ein oder zwei Geschichten hab ich zwar immer noch in der Hinterhand, aber neben Urlaub und Taxifahren steht gerade ohnehin viel Arbeit fürs Buch an, da sind drei Tage weniger vorausschreiben hilfreich. Und ich kenn Euch, Ihr lest doch ohnehin auch noch woanders. Ihr könnt vom Taxi ja beispielsweise auch mal in die U-Bahn des Zugfahrers wechseln.

Und so lange ich da draußen nicht die ganzen kurzen Fahrten annehme, hier noch eine Wochenendgeschichte:

Ich stand (noch mit der 1925) am Ostbahnhof, da trudelte eine lustige Gruppe heran. Und mit lustig meine ich hier nicht völlig dicht und mit Realitätsverlust im Handgepäck, sondern vielleicht angeheitert, aber einfach spaßig, herumalbernd, in Feierstimmung. Einer aus der Truppe fragte mich, wo das Berghain sei, ich antwortete mit irgendeinem halbwegs blöden Spruch und schon hatte ich sie quasi an der Backe. Ob man da nicht auch mit dem Taxi und außerdem und überhaupt und sowieso …
Da mach ich ja nicht rum. Gut, ich hatte schon ein Weilchen gewartet, aber ich wusste, dass es am Berghain besser lief. Also würde ich mich dort halt gleich anstellen. Und hey, 4,40 € sind immerhin knapp 4,40 €!

Ich hab die zwei Jungs und das Mädel eingeladen, dann standen wir auch quasi schon dort. Ist ja echt nicht weit. Während ich mir die Schlange vor dem Eingang mit gewisser Genugtuung ansah, weckte sie bei meinen Fahrgästen jetzt nicht ganz so positive Gefühle. Kein Wunder, anderthalb Stunden warten hieß das auf jeden Fall. Da ist die Taxischlange schon komfortabler, auch wenn sie in Metern etwas länger ist.

Der Tendenz des Gesprächs folgend hab ich die Uhr mal noch nicht ausgemacht. Dementsprechend hätten sie gerne noch bis Mittags diskutieren können, was sie machen, aber sie befürchteten wohl aus irgendeinem Grund, dass ich sie rausschmeißen würde. Während die Uhr gerade einmal 20 Cent weitertickte, hatten sie schon mindestens 15 Namen von Clubs durchs Taxi gebrüllt, dann stand – völlig überraschend – plötzlich fest, dass es zum Watergate gehen sollte. Na also! 🙂

Ein paar Fluchereien über doofe Schlangen vor Clubs später standen wir dann vor der wesentlich moderateren Menge an Menschen an der Falckensteinstraße. Während ich noch dabei war, mich zu freuen, dass es statt 4,40 € nun immerhin 7,80 € waren, meinte der Typ hinter mir:

„Ey, das muss ja übelst stressig sein mit uns. Hierhin, dorthin, blabla … mach auf jeden Fall mal 12 €.“

Ja ja, hierhin und dorthin. Was man als Taxifahrer nicht alles machen muss … 😉

Manchmal hat’s den Anschein, dass es schon hilft, wenn man nicht gleich meckert, bloß weil mal eine kurze Tour ansteht.

So. Euch Lesern wünsche ich jetzt ein schönes Wochenende. Erholt Euch gut, wir sehen uns am Dienstag wieder. Wer will, kann mich aber gerne bei Twitter verfolgen. Da werde ich mich sicher mal melden.

Party gerettet

Wenn es mal läuft, dann läuft es. Also manchmal, in seltenen Fällen. An dem Abend auf jeden Fall. Die Schicht startete mit Winkern von Friedrichshain nach Neukölln, auf dem Rückweg eine Kurzstrecke vom schlesischen Tor zur Lausitzer, dort sofort wieder Einsteiger zum Freischwimmer und kaum, dass ich dann wenden wollte, stand er plötzlich da:

Jeans, weißes T-Shirt, ein Jacket über die Schulter geworfen, Sneakers an den Füßen, eine hellrötliche und leicht verfranste Frisur über grünen Augen und einem Gesicht mit markantem Schmiss. Und ein Lächeln, das die Narbe übers ganze Antlitz zu verlängern wusste. Ein bisschen zögernd stieg er ein, ich war beim Wenden ziemlich ugünstig an ihn rangefahren. Dass er vorne einsteigen konnte, schien ihn zu irritieren. Wie so viele. Aber er taute schnell auf, ich bin ja jetzt auch nicht unbedingt ein Eisklotz im Auto.

Es ging mal wieder darum, eiligst eine Party zu retten. Dieses Mal nicht mit einem Netzteil für den DJ-Laptop, sondern gleich mit der vergessenen Musiksammlung. Die allerdings erklärte mir mein – im übrigen mal wieder englischer – Fahrgast jedoch recht schlüssig: Sein Kumpel, für den er und ich jetzt diese Boten-Tour erledigten, hatte gar nicht vor aufzulegen. Er war einfach nur DJ und privater Gast auf einer Jungesellenabschiedsparty. Aber ebenso wenig, wie man als Blogger durchs Leben gehen kann, ohne seinen Kollegen Computerfragen zu beantworten, kann man offenbar DJ sein, ohne auf Parties aufzulegen.

Und nun waren ich und der gutgelaunte Rotschopf dabei, in der Adalbertstraße kurz eine externe Festplatte oder einen USB-Stick zu holen. Müssen ja heute glücklicherweise nicht mehr ganze Plattenkisten sein. Während die Fahrt so prima lief, dass ich dem Typen nach 5 Minuten Weg nicht einmal ein Pfand abgenommen hab, bevor er ins Haus sprintete, war das mit dem Verkehr schon ein ganz anderes Kaliber. Der südliche Teil der Adalbertstraße ist immer noch (Wahrscheinlich auf Dauer oder so -.-) nur in Nordrichtung durchfahrbar, dank des Andrangs dort in den Abendstunden fährt natürlich trotzdem jeder Vollhorst erst einmal in die enge, zugeparkte und von Fußgängern durchwatschelte Straße rein, um zu gucken, ob auf den hundert Metern nicht vielleicht ein Parkplatz frei ist. Danach wird unter Zuhilfenahme der Hupe möglichst gemeingefährlich gewendet.

Und ich stand mitten drin und hab mich irgendwann einfach neben das Taxi gestellt und grinsend eine geraucht. Für die Unterhaltung zahlen andere teuren Kino-Eintritt. 🙂

Irgendwie hab ich es ohne Beule geschafft, das Auto am Ende auch wieder herauszumanövrieren und zu wenden, an Bord wieder den gut gelaunten Briten, der sich die letzten Minuten mit einer geradezu infantilen Begeisterung mit mir über meinen Beruf unterhalten wollte. Die für die ganze Action eigentlich recht mageren 12,80 € hat er am Ende großzügig auf 15 aufgerundet und sicher noch eine Menge Spaß gehabt in der Nacht. Wie ich ja auch. Nach vier Touren inklusive einer geretteten Party wollte ich eigentlich mal wirklich Pause am Bahnhof machen. Aber selbst dazu kam ich nicht. Eine Winkerin nach Baumschulenweg.

So muss Taxifahren dort aussehen, wo die Fahrer nicht über ihre Umsätze meckern. In Utopia oder so. 🙂

Sterniges

Es war nur eine kurze Fahrt, dennoch kann ich meine inoffiziell geführte Liste der Kundenschmeicheleien nun erweitern um die Aussage:

„Du bist ein Star!“

Oder nur Stern als solches, so ganz klargeworden ist mir das nicht aus dem englisch-deutsch-italienischen Kauderwelsch, das mein sichtlich angeschlagener Kunde so von sich gab. Und hey, für die Länderstatistik: 2 € Trinkgeld aus Italien! 🙂

Fußball, Punk-Rock, Trinkgeld

In solchen Momenten weiß ich, wieso ich nachts gerne mal die Petersburger Straße runterfahre: Zwei Kerle und eine Frau mit zwei Kisten voller CD’s standen am Straßenrand und winkten mich heran. Die Platten waren schnell verladen, dann kündigten sie mir eine Tour nach Neukölln an. Klasse Geschichte, irgendwas zwischen 15 und 20 € Umsatz.

Wir haben ein paar Allgemeinplätze ausgetauscht, sie haben mir die gewünschte (die kürzeste, wow!) Route angesagt, dann verfielen sie immer mehr in ihr Gespräch untereinander. Es ging viel um Fußball, Fankultur und was sie so alles machen würden für dieses oder jenes im Umfeld ihres Lieblingsvereins. Zwischenrein kam die Sprache hier und da auf Politik, und ich freute mich zu hören, dass es alte Veteranen der linken Punk-Szene waren, die sich furchtbar darüber aufregten, wie Fußballkultur hier und da – und auch in ihrem Verein – immer wieder von Nazis unterwandert würde. Zwischenrein ging es immer wieder um diese oder jene Kneipe, und wo sie wann welches Konzert besucht hatten.

Während die Frau recht unscheinbar war, war das Gespräch der Männer vor allem ihres Erscheinungsbildes wegen lustig zu beobachten. Die beiden kannten sich dem Gespräch nach eher weniger und hätten unterschiedlicher auch nicht sein können: Der Typ auf dem Beifahrersitz war wohl so um die 45, gerade so alt, dass sich zwischen den reichlich vorhandenen Muskeln um seine Tattoos erste Falten abzeichnen konnten. Ein Kinnbart, dem meinen nicht unähnlich, straff sitzendes Shirt – er wäre als Sänger einer älteren Hardcore-Band oder als Türsteher einer Metal-Kneipe eine erstklassige Besetzung gewesen.
Sein Gesprächspartner hinten jedoch hatte bereits schlohweißes Haar und auch des Gesichts und der Kleidung (ich sag nur: Trenchcoat) wegen, hätte ich ihn definitiv bei der Generation 60+ verortet. Und der saß da nun und faselte sich, einem Musikjournalisten gleich, mit breitem deutschen Akzent und mit Wonne durch seine ganz persönliche Punk-Geschichte von den „Rämonns“ bis zu „Cockspärrer“.

Als wir schon in Neukölln waren, überraschten sie mich mit einem

„Was sagen Sie denn dazu?“

„Ich?“

„Ja natürlich. Sie fahren uns hier und haben noch keinen Ton gesagt. Wir wollen Sie ja nicht nerven!“

„Ach wissen Sie: Fußball ist nicht meine Welt, da mische ich mich nicht ein. Und mit Punk-Rock können Sie mich nicht nerven, es ist also alles ok!“

Gelächter hier, Fragen nach meiner Herkunft dort, schon waren wir am ersten Ziel. Das mit dem Bezahlen war nicht einfach, aber mir wurde zunächst Geld zum Kleinwechseln gereicht, das wurde weiterverteilt, dann bekam ich von ihr schon mal einen Zwanni und untereinander ging es hin und her mit Scheinchen und Münzen. Ich hab zwischendrin aufgegeben verstehen zu wollen, was die da miteinander auszukaspern hatten. Ich war ziemlich sicher, 20 € erhalten, diese zum Wechseln wieder rausgegeben und dann von anderer Seite abermals einen Zwanni erhalten zu haben. So denn. Damit wäre die Fahrt schon mal bezahlt. Die Uhr stand bei fünfzehnnochwas und der Weg war nicht mehr weit.

Als wir am letzten Ziel waren, standen 16,60 € auf der Uhr. Ich sagte den Preis an und hoffte ganz ehrlich darauf, den Rest behalten zu können. Weit gefehlt: Die Dame hinter mir steckte mir noch einen Zehner zu und meinte, das passe jetzt.

Äh, was bitte?

„Na, Sie haben doch vorher die 20 gewechselt und dann das rausgegeben und dies bekommen, deswegen ist das so ok. Ein bisschen Trinkgeld sollen Sie ja auch noch haben.“

Das klang soweit nicht nur nett, sondern auch logisch. 3,40 € sind ein gutes Trinkgeld und ich war neben dem ganze Auslade-Gedöns genug damit beschäftigt, mir selbst noch einmal zu überlegen, wie das genau war. Fahrgäste, Plattenkisten und zuletzt auch ich verließen die Szenerie. Statt wie sonst stellte ich nicht umgehend die Musik auf laut, sondern überlegte. Und kam – in Übereinstimmung mit der Prophezeiung der Kasse zu Schichtende – zum Ergebnis, dass ich gerade tatsächlich einen Zehner zu viel bekommen hatte.

Äh, yeah!?

Ganz ehrlich: Freut mich sehr, und ich weiß auch, dass deswegen niemand Hunger leiden wird. Aber Absicht war das nicht. Und wenn die drei zufällig hier im Blog landen und sich wiedererkennen: Ich geb das Geld gerne zurück. Dann nennen wir das einfach so, wie Kollege Yok sein Buch genannt hat: Punkrocktarif. 😉