Füße, hart wie Kruppstahl

Mit der Beförderungspflicht ist es ja so eine Sache. Eine Auslegungssache. Im Grunde muss ich ja alle Leute mit einem Beförderungswunsch bei mir im Taxi mitnehmen. Es sei denn, sie stellen eine Gefährdung dar. Genau genommen schreibt die BOKraft zum Thema Beförderungspflicht vor:

“ […] können sie die Beförderung ablehnen, wenn Tatsachen vorliegen, die die Annahme rechtfertigen, daß die zu befördernde Person eine Gefahr für die Sicherheit und Ordnung des Betriebs oder für die Fahrgäste darstellt.“

(BOKraft §13)

Ich bin ja keiner der Taxifahrer, die die betriebliche Ordnung gleich gefährdet sehen, wenn sie zu wenige Einnahmen machen, und deswegen kurze Fahrten ablehnen. Was Betrunkene angeht: Naja… bei manchem Kotz-Kandidaten war ich kurz vor einer Ablehnung, aber letztlich gebe ich den Leuten dann doch eine Chance. Und nach wie vor würde ich sagen, dass die Falsch-Positiv-Liste meinerseits (mit derzeit 4 Einträgen) durchaus rechtfertigt, dass ich meist ein Auge zudrücke.

Manchmal kann ich aber auch einfach nichts mehr machen. Berlin als Partyhauptstadt Deutschlands hat bisweilen Drogenopfer zu bieten, deren Birne so aufgeweicht ist, dass ich sie wirklich nicht mal eben ins Taxi packen kann, weil ich letzten Endes die Sauerei mit der Leiche habe, wenn sie plötzlich vergessen sollten, einzuatmen.

Kompliziert wird das Ganze dann, wenn man an der Straße auf Leute trifft, die diesen Zustand schon vor dem Drogenkonsum haben.

Als ich neulich durch Schöneweide in Richtung Innenstadt zurückgefahren bin, fand ich mich vor einer einschlägig bekannten Lokalität plötzlich mehr oder minder in Gesellschaft von etwa 15 besoffenen Neonazis.
Alleine die Anzahl lässt ja darauf schließen, dass sie zu dieser Versammlung bundesweit mobilisiert haben, für mich hat das die Sache nicht unbedingt angenehmer gemacht.

Ich hab die Situation ohne äußere Gemütsregung kurz überflogen und bin beim ersten Grünton der umschaltenden Ampel mit Vollgas davon. Sollen die Jungs ruhig mal einen züchtigen deutschen Wanderabend machen!

Um rechtlichen Missverständnissen vorzubeugen: Die Gefährdung hab ich natürlich ausschließlich in ihrem offensichtlich überzogenen Alkoholkonsum gesehen. Tatsachen, die dafür sprechen? Na wenn ein Nazi mal beide Arme hebt! Und der hat echt wie blöde mit denen rumgefuchtelt… 😉

Jemanden ansprechen…

Aufgefallen ist sie mir schon ein paar Ausfallschritte vorher. Ich stand vor der Kulturbrauerei und wartete an zweiter Position auf Kundschaft,

„Hi. Sag mal, kanns‘ du, du kanns‘, du kanns‘ sicher was sagen.“

„Ähm, ja: Guten Abend erstmal!“

Betrunken. Kein Problem. Das Schwanken alleine war schon deutlich, aber aus ihren Taschen ragten gleich noch zwei Bierflaschen Wegzehrung, die offensichtlich nicht mehr nötig waren, um das allgemeine Absturzlevel zu erreichen. Sie floss geschmeidig um meinen Wagen, lehnte sich an die Fahrertüre und konzentrierte sich darauf, mich anzusehen.

„Nein nein nein! Ich wollte fragen: Wo ist denn hier noch was los?“

„Naja, hier in der Kulturbrauerei ist offenbar noch der ein oder andere Laden und Club offen.“

„Ja aber weissdu, versteh mich nich falsch. Ich will ja nur wissen, wo man jemanden ansprechen kann.“

„Also ich würde es da drinnen versuchen.“

Also es ist ja so – versteh mich nich falsch! – ich wohne ja eigentlich gleich da drüben. Aber ich will heute Nacht nicht alleine sein…“

„Das verstehe ich, keine Sorge!“

Ich hab unauffällig meinen Blick schweifen lassen. Ihr Alter war schätzungsweise Ende 30, die Klamotten ließen sie jünger wirken. Über der Hose trug sie einen einfachen Rock, unter ihrem offen getragenen Kapu hing das lange Shirt heraus. Ganz dem Wunsch entsprechend, die Nacht nicht alleine zu verbringen, hatte das 3 Nummern zu große Shirt einen beachtlichen Ausschnitt, der immerhin gar nicht die Frage aufkommen ließ, ob sie einen BH trug.

Sie kramte in ihren Taschen und stellte erstmal 2 Bierflaschen und 2 kleine Flachmänner auf meinem Autodach ab.

„Weissdu, manchmal is es einfach schwer, jemanden zum Reden zu finden. Ich will doch VERDAMMT NOCHMAL nur, dass jemand mit mir redet!“

Au Backe! Ich ziehe die Irren ja mal wieder an!

„Du, ich bin ja nich immer alleine gewesen. Weissdu, ich war ja auch schon im Knast, ich hab sogar mal 4 Wochen Therapie in der Psychiatrie gemacht…“

Ein großer Schluck aus der Bierflasche lockerte ihre Zunge noch weiter:

„Un es is ja nur so, dass ich… also ich will ja heute nur noch jemanden finden. Is da drin denn noch was los und was? Warum stehst du mit deinem Taxi hier?“

„Naja, ich hoffe eben genauso, dass da drin irgendwas los ist.“

„Ja, aber WARUM STEHST DU HIER?“

„Ich warte auf Kunden. Und da hier einige Leute rein und raus gehen, nehme ich an, dass ich hier Kundschaft bekommen werde.“

„Halt mal!“

Sie versucht mir, die Bierflasche anzudrehen.

„Nee, ich stell sie besser auch hier…“

Mein Dach. Mir ist ja bewusst, dass das Dach meines Autos nicht wirklich in Mitleidenschaft gezogen wird, wenn da jemand eine Flasche abstellt. Andererseits kann ich dann nicht vorrücken, wenn der erste Kollege frei wird – und überhaupt stehe ich nicht auf Bierduschen beim Einstieg…

„Ich denke, wir stellen die besser mal hier auf den Gehweg!“

„Mir egal, ich muss pissen. Sorry kurz!“

Ganz ungeniert zog sie sich die Hose herunter und hockte sich an den nächsten Baum, der bedauerlicherweise keine 2 Meter entfernt stand. Ich bemühte mich also – während ich die Flaschen vom Dach auf den Gehsteig verfrachtete – möglichst nicht weiter ihre Intimsphäre mit meinen Blicken zu verletzen.

Die Szene dauerte aber auch nicht lange, und so hatte ich sie kurz darauf wieder neben mir stehen, äußerst verärgert über meine Alk-Umpflanz-Aktion.

„Ich muss dir eine Geschichte erzählen.“

„Bitte!“

(Fuck, hab ich das wirklich gesagt?)

„Es is, also die Geschichte is eigentlich ziemlich traurig. Aber ich weiss nich, wem ich sie sonst erzählen kann.“

„Hmm… das ist doof. Aber ich höre ja zu!“

„Ja, also die Geschichte. Das is weil wegen die Geschichte. So. Und das is so…“

Sie bricht in Tränen aus und kauert sich dabei an mein Auto. Sie jammert noch desöfteren, dass sie etwas zu erzählen hätte, arg viel mehr an Inhalt höre ich indes nicht. Inzwischen fährt der erste Kollege weg und ich möchte gerne seinen Platz übernehmen.

„Hey, ich höre mir die Geschichte gerne an. Aber ich bin ja leider auch zum Arbeiten hier. Ich würde gerne vorrücken“

Sie starrt mich wutentbrannt an, packt ihre auf dem Boden stehenden Alkoholika und… folgt mir. Als ich eine Position weiter vorne angekommen bin, schmeisst sie sich mehr oder minder unfreiwillig gegen das Auto und meint:

„Ich will doch nur wissen, ob da drin noch jemand zum Reden ist…“

„Das kann ich nicht sicher sagen. Da müsste ich lügen. Aber ich vermute: Ja!“

„Weissdu, es is ja nicht so, dass ich dich verführen will. Ich will… obwohl… vielleicht will ich dich ja verführen… ach scheiße!“

„Was ist denn jetzt?“

„Ich, ich… sag mal: Wie kann es eigentlich sein, dass du hier einfach arbeitest?“

„Wie?“

„Wie kannst du den Job hier machen, ohne zu heulen oder einfach mal zuzuschlagen?“

„Ganz ehrlich: Manchmal ist mir durchaus nach Heulen zumute. Aber Zuschlagen halte ich einfach nicht für eine Lösung…“

An diesem Punkt sammelt sie alle ihre Getränke ein und torkelt in die Kulturbrauerei…
Endlich.

Wo wir bleiben…

Das Taxigewerbe ist für Außenstehende manchmal wie jede andere Branche ein Buch mit sieben Siegeln. Es gibt so einiges, das auf Anhieb komisch wirkt. Ein gutes Beispiel ist da der Autor Tom König vom Spiegel, der unterstellt, an Bahnhöfen und Flughäfen stünden nur diejenigen Fahrer, die

„zu dumm, zu faul oder zu inkompetent sind, um anderswo eine Fuhre zu bekommen.“

Sein Ausweg, um nicht auf diese „Galgenvögel“ zurückgreifen zu müssen, ist, sich ein Taxi zu bestellen. Sollte er das in Berlin machen, dann wird er erstaunt feststellen, dass sein Fahrer just einer von diesen komischen Vögeln ist, da man an den Taxihalten nicht nur auf Einsteiger, sondern auch auf Funkaufträge wartet.

Ich habe mir mehrmals überlegt, ob ich seinen Artikel hier verreissen soll, aber zum einen spricht er tatsächlich für sich, zum anderen würde eine Beschäftigung mit jedem krummen Satz in diesem „Artikel“ das Zitatrecht dann doch etwas überstrapazieren. Meine Lust auf Ärger mit einem Journalisten zu bekommen, der möglicherweise zu der Reihe Galgenvögel gehört, die entweder zu dumm, zu faul oder zu inkompetent sind, um einen einfachen Sachverhalt zu recherchieren, hält sich in engen Grenzen. Er hat eine Mail von mir erhalten, auf die ich wahrscheinlich keine Antwort kriegen werde. Damit ist es dann in meinen Augen gut.

Aber bleiben wir beim Rumstehen: Viele Kunden verstehen nicht, weswegen wir überhaupt „blöd rumstehen“, während anderswo die Hütte raucht.
Ganz einfach: Es gibt derzeit nicht genügend Kundschaft für alle Taxen, folglich sind wir immer eine gewisse Zeit unbesetzt. Wenn wir nicht mit 7000 Taxen den ganzen Tag wie irre sinnlos durch die Gegend fahren wollen, um ein bis zwei Kunden stündlich zu bekommen, bietet es sich an, auf Touren auch im Stillstand zu warten.

Natürlich sind wir aber froh, wenn wir vom Stand wegkommen. Stehenderweise verdient man nichts, und letztlich machen wir den Job ja auch für Geld. Manchmal versucht die werte Kundschaft es dann aber doch, diese Situation unangemessen auszunutzen.

„Alter, machste mal Kurzstrecke zum Maria?“

„Nein. Kurzstrecke mache ich sicher nicht vom Stand aus. Aber wahrscheinlich kostet es sowieso auch nur 4 €.“

Die Kurzstrecke hat als wesentlichste Einschränkung, dass man sie nur nutzen kann, wenn man sich ein Taxi heranwinkt. So böse das vielleicht für Kunden wirken mag, aber letztlich ist der Tarif nicht gemacht worden, um alle kurzen Taxifahrten billiger zu machen, sondern um zusätzliche Kundschaft ins Taxi zu locken. Natürlich müssen wir vom Stand aus auch Touren fahren, die vielleicht nur 4 € bringen – rentabel ist das natürlich für uns nicht. Deswegen ist der Startpreis schon bei (durchaus abenteuerlichen) 3,20 € und eine Fahrt von 2 Kilometern Länge kostet im Normalfall eben 6,60 €. Damit halten wir unsere Verluste niedriger, und im Gegenzug wird die Fahrt pro Kilometer ja auch günstiger, wenn sie länger wird.
Da ich das (über die Zahlen darf man sich zweifelsohne Streiten) für eine grundsätzlich faire Regelung halte – und diese zudem den aktuellen Stand der Gesetze wiedergibt – bin ich eisern und mache keine Fahrt zum Kurzstreckentarif vom Stand aus. Auch wenn es vom Geld wie im vorliegenden Fall keinen Unterschied macht.

„Ey komm, Kurzstrecke sind mal 2 Kilometer und das Maria ist ja nichtmal da vorne, Alter!“

„Ich hab auch nicht gesagt, dass ich dich nicht hinbringe, oder dass ich die 4 € nicht für angemessen halte – aber ich kann eben nicht ausschließen, dass es auch 4,20 € werden.“

„Ach ja, is ja gut! Machste?“

„Nicht mit Kurzstrecke, ansonsten gerne.“

Kleine Lügen erhalten die Freundschaft. „Gerne“ ist jetzt nicht wirklich das, was bei einer so kurzen Tour und ziemlich fragwürdiger Kundschaft die Gedankengänge wiedergibt, die mir so zu eigen sind.

Aber ich stand sowieso recht weit hinten und 4 € sind 4 €, mein Gott!

„Weissdu, das Maria hat ja mal nur noch bis 24. diesen Monat offen. Da kannst du mal froh sein, dass du da hinfahren kannst.“

„Ich sag ja nichts dagegen. Auf der anderen Seite: Schade ums Maria, aber für mich ist das nur ein Club von vielen.“

„Aber der hat nur noch bis Mitte des Monats offen!“

„Ja, das ist zweifelsohne scheiße, aber eher für die Clubgänger, weniger wegen mir.“

„Schon klar, Alter. Du stehst hier und wartest, weil du lieber nach Kreuzberg willst…“

Kreuzberg? Also wenn man 10 Kollegen am Ostbahnhof fragt, welches die unbeliebten Touren sind, dann die kurzen nach Kreuzberg. Ich denke da eher an Marzahn, Hohenschönhausen, Mahlsdorf, Köpenick, die Flughäfen…

„Aber Alter, weissdu: Nach Kreuzberg fahr ich vielleicht morgens um 5, nicht jetzt! Da ist mal völlig fürn Arsch, wenn du hier stehst. Du solltest mal froh sein, dass das Maria noch offen hat!“

„Na wenn du meinst…“

„Ja, ich meine: Das Maria hat nur noch bis zum 24. offen. Und dann? Wo bleibt ihr dann?“

Einen größeren Anfall von Egozentrik hab ich in den letzten Jahren wirklich nicht erlebt. Der hat ernsthaft geglaubt, seine Tour – für 4 € – sei das Beste, was am Ostbahnhof bis 5 Uhr früh anfällt, und außerdem sind wir ansonsten wohl nur fürs Maria zuständig. Also sowas beklopptes hab ich noch nicht mal von den größten Gegnern der Ostbahnhof-Halte gehört. 🙂

„Und weissdu, dann ist mal richtig Schicht! Wenn das Maria nicht mehr ist. Dann könnt ihr euch die Kurzstrecke mal voll in Arsch schieben. Dann ist ja hier gar nix mehr drin für euch. Ich meine, die machen ja nur noch am 24. auf. Verstehste? Ja, das ist mal Sache! Was meinst du?“

„Ganz ehrlich: Ich meine, dass das der größte unzusammenhängende Quatsch war, den ich je auf einer so kurzen Tour gehört habe. Macht im Übrigen genau 4 €.“

Mit einem Euro Trinkgeld hab ich mich zwar nur bedingt entschädigt gefühlt, aber was will man machen? Und falls es jemanden interessiert: Das Maria hatte zu…

Neues „Design“

Ach nee! Sieh mal einer an! Die Julius-Leber-Kaserne hat eine neue Taxi-Karte. Und die sieht etwas seröser aus als bisher:

Schlicht wie ein Marschbefehl: Taxi-Karte. Quelle: Sash

Schlicht wie ein Marschbefehl: Taxi-Karte. Quelle: Sash

Wer sich jetzt fragt, was daran so erwähnenswert ist, der hat offenbar die alte noch nicht gesehen, bzw. wieder vergessen. Von der gibt es ein Bild im Artikel „Ein bisschen kindisch…„.

Huhu, Herr Glietsch!

Mal ganz im Ernst: Fällt eigentlich den Nicht-Zugewanderten auf, wie doof die Bezeichnung „Der Polizeipräsident in Berlin“ als Behördenname ist. Ich persönlich denke jedes Mal, wenn ich einen Brief von dieser Behörde bekomme nach dem obligatorischen „Fuck, wie schnell war ich?“ wie bekloppt diese Bezeichnung klingt. Schon das „in“! Ich will jedes Mal schreien, sie mögen doch wenigstens ein „von“ daraus machen. Wo der Typ rumgammelt, ist mir ja egal, das soll doch eine Information über seinen Rang sein…

Aber gut, darüber wollte ich mich eigentlich gar nicht auslassen. Ich lebe in einem Bundesland, in dem die Landespolizei „Der Polizeipräsident in Berlin“ heißt. Irgendwas ist ja immer.

Und von denen hab ich jetzt Post bekommen. Nicht ganz unerwartet, schließlich ermitteln die gerade in meinem Sinne einen flüchtigen Unfallteilnehmer. Aber die Vorurteile sitzen tief, so fragte auch meine bessere Hälfte beim Anblick des Briefes gleich, ob ich geblitzt wurde. Dazu sei angemerkt, dass ich noch niemals diesbezüglich Post vom Polizeipräsidenten bekommen habe, mein einziges geahndetes Verkehrsvergehen seit meinem Umzug wurde damals von Brandenburger Cops bearbeitet, da ich in Potsdam mit 8 km/h zu viel erwischt wurde.

Ja nun, die ganze Sache ist natürlich eigentlich denkbar unspektakulär. Eine Zeugenaussage zu den Vorkommnissen hätten sie gerne. Die kriegen sie in dem Fall auch, wenngleich es immer wieder erstaunlich ist, wie sehr die Polizei darauf bedacht ist, den Eindruck zu erwecken, ich müsste mit ihnen reden. Es wird gleich darauf hingewiesen, dass ich mit der Beantwortung der Fragen eine Vorladung vermeiden kann, bzw. die „Vorsprache eines Polizeibeamten“. Auf mein Zeugnisverweigerungsrecht im Falle einer Verwandtschaft mit dem Beschuldigten oder einer notwendigen Selbstbezichtigung werde ich gleich auf der ersten Seite hingewiesen. Auf die Tatsache, dass ich nur vor einem Gericht (und nicht bei der Polizei) überhaupt aussagen muss, natürlich gar nicht. Aber diese Geschichten kann man zuhauf im lawblog nachlesen. Ich finde es nur bedenkenswert.

Aber wie vertrauenswürdig kann ein Formular schon sein, das mit folgenden Worten endet:

„Zahlungen bitte nur bargeldlos an“

Also wem heute noch beim Formatieren der Footer von der Seite fällt… lassen wir das!

Wenden wir das Blatt, sehen wir uns mal um:

Drei Teile, logisch gegliedert in

I. Fragen zur Person
II. zum Sachverhalt
III. Bei Verkehrsunfällen

Ich wirke arg pedantisch, wenn ich mich jetzt über die Unlogik der Unterteilungen beschwere, bzw. bemängele, dass zum korrekten Verständnis ruhig noch hier und da ein Wort mehr in diese ansonst leeren Zeilen gepasst hätte. Oder?

Aber wozu sollte man das ernst nehmen? Schließlich ist es ja auch nicht so, dass diese Blätter an alle verschickt werden, ungeachtet des Bildungshintergrundes. Mich persönlich stellen Aufgabenstellungen wie diese auf die Probe:

„Familienname/Geburtsname/Vorname (Rufname unterstreichen )“

Bei der Angabe eines Vornamens den Rufnamen zu unterstreichen ist sicher eine knifflige Hausaufgabe für Waldorfschüler, im Grunde aber nur kurios. Ich bin jetzt mal davon ausgegangen, dass sie hier trotz Verwendung des Singulars gerne alle Vornamen aufgezählt hätten. Ob davon jetzt einer als Geburtsname in irgendeiner Akte landet, weiß ich glücklicherweise nicht. Der Teil mit den persönlichen Daten ist im allgemeinen aber doch ohne Studium lösbar.

Im zweiten Abschnitt – zum Sachverhalt – hab ich nur kurz schmunzeln müssen als ich mir überlegt habe, ob ein Polizeipsychologe sich wohl eine Belobigung dafür holen durfte, als er angeregt hat, die Frage ob man aussagen möchte, vor die Frage zu setzen, ob man überhaupt Zeuge ist. Dass hier die Aussageverweigerung wieder in expliziten Bezug zu den Regelungen gebracht wird, die eigentlich nur vor Gericht gelten, finde ich wirklich furchtbar! Das ist schlichtweg Irreführung, möchte ich meinen.

Aber gut, dann folgte natürlich der nervige Teil. Die Unfallhergangsbeschreibung. Man kann bei solchen Dingen ja nie pingelig genug sein, und so hab ich den ganzen zur Verfügung stehenden Platz aufgebraucht. Auch wenn dabei sicher ein paar Informationen gewissermaßen redundant waren. Aber es ist eben auch meine Art von Humor, zu schreiben

„Ich befand mich zum fraglichen Zeitpunkt am Steuer (vorne links) meines Fahrzeugs […]“

Der Abschnitt 3 – Bei Verkehrsunfällen – behandelt dann nur die Fragen, ob es mir und/oder meinem Autochen gut geht. Bezüglich der Tatsache, dass ein Idiot vor mir geflüchtet ist, als ich sein Kennzeichen vor der Nase hatte, hat mich überlegen lassen, bei der Frage, ob ich verletzt wurde, „ja“ anzukreuzen, und dahinter zu vermerken:

„intellektuell“

Das könnte es gewesen sein. Aber eine Behörde würde sich keinen so schicken Namen wie „Der Polizeipräsident in Berlin“ geben, wenn sie nicht auch noch Zusatzfragebögen in der Schublade liegen hätte. Also noch ein Blatt:

Hier werden in 14 einfachen Fragen nochmal Angaben zu den Personen und dem Fahrzeug verlangt. Ich bin übrigens wirklich ein klassischer Zeuge, und kann mich bis auf das sofort notierte Kennzeichen an so gut wie gar nichts erinnern. Ich weiß nicht einmal, ob das Auto ein Stufen- oder Steilheck hatte, geschweige denn Marke, Modell oder Besonderheiten.

Amüsant ist dann Nummer 14:

„Bitte tragen Sie sicherheitshalber noch einmal die genaue Unfallzeit und den Unfallort ein!“

Damit kann das Ding dann wohl zur Post. Ach ja, eine Frage noch: Ich bin ja eigentlich echt ein sozialer Mensch. Aber wer bitte hatte jemals eine „Marke zur Hand“, als ihn der Briefumschlag danach gefragt hat?

Mindestlohn

Taxifahren ist ja nun wirklich ein interessanter Beruf, und er hält für die dort angestellten einiges an Absurditäten und Überraschungen bereit. Ein besonders kurioser Fall hat sich neulich ergeben, als ich vier französische Puff-Besucher im Auto hatte, die mich nicht nur ermutigt haben, mich mehr ihrer Heimatsprache zu widmen (ja, sie meinten tatsächlich die Sprache!), sondern es auch bedauerten, dass es hier keinen Mindestlohn für Taxifahrer gäbe, so angenehm und nett wie ich und meine Kollegen doch bisher gewesen seien.

Balsam für die Seele. Zufriedene Kunden mit Wertschätzung fürs Gewerbe. Ich hoffe, ihr Umgang mit den Prostituierten ist ähnlich!

Aber dann das Wort: Mindestlohn!

Ich will ehrlich sein: Ich hab mich um das Thema immer herumgedrückt. Ich habe nach wie vor nur teilweise Ahnung von der Struktur des Gewerbes in dem ich arbeite (vor allem in anderen Orten!), und zudem übersteigt die Thematik in manchen Punkten meine Kompetenz bezüglich ökonomischer Zusammenhänge.

Aber einen unbedarften, naiven Blick auf die Geschichte möchte ich doch irgendwann mal werfen – also warum nicht heute? Ich stehe dem Thema auch nach allen Überlegungen immer noch ambivalent gegenüber, lasse euch aber gerne an meinen Überlegungen teilhaben. Über fundierte Kritik wäre ich dieses Mal im Übrigen besonders froh, ich kann mir vorstellen, dass ich einiges vergessen habe.

Derzeit werde ich – wie die meisten Taxifahrer in Berlin – ausschließlich nach Umsatz bezahlt. Eine Stunde ohne Kunden bedeutet für mich – brutto wie netto – einen Verdienst von 0,00 €. Ich verfluche natürlich die schlechten Januarschichten, bei denen ich nach 10 Stunden mühsam 80 € Umsatz zusammengekratzt habe und damit mit 3,60 € brutto pro Stunde in den Morgenstunden nach Hause schleiche. Gut, immerhin plus Trinkgeld, im Normalfall dann nochmal 40 ct pro Arbeitsstunde.

Die Vorstellung, garantiert 7,50 € – oder gar 8 oder 10 € zu bekommen, reizt mich wie sie jeden Arbeitnehmer reizt.

Das Problem ist die Struktur des derzeitigen Gewerbes. Der Gesamtumsatz der etwa 12.000 Taxifahrer in Berlin ist erst einmal nicht von uns abhängig. Es ließe sich sicher durch drehen an der Tarif-Preisschraube oder Werbung etwas bewegen, aber alleine durch die Einführung eines Mindestlohnes würde sich der Umsatz nicht erhöhen. Dazu ist es schlicht und ergreifend nötig, dass mehr Leute Taxi fahren.
Nun ist es so, dass die Taxifahrer in Berlin mit Sicherheit weniger pro Stunde verdienen als ein angemessener Mindestlohn fordern würde. Das liegt auch überwiegend gar nicht an irgendwelchen ausbeuterischen Chefs, die Margen sind in dem Gewerbe einfach nicht endlos hoch.

Die daraus folgende Logik ist im Prinzip simpel: Der erreichbare Umsatz wird unter zu vielen Beteiligten gesplittet – es sind zu viele Taxen auf der Straße. Darüber darf gestritten werden, aber letztlich müsste bei gleich bleibender Kundenzahl entweder die Zahl der Taxen ab-, und damit die Wartezeit der Kunden zunehmen – oder pro Kunde mehr Geld gezahlt werden. Was für den Kunden natürlich die Wahl zwischen Pest und Cholera ist, könnte man aus unserer Sicht so zusammenfassen: Wir verkaufen unsere Dienstleistung auf unsere eigenen Kosten zu günstig, eine Verbesserung für uns schadet zwingend dem Kunden.

Sicher nicht immer merkbar. Ob das Taxi nun 5 oder 6 Minuten zum Kunden braucht, interessiert nicht wirklich – ich möchte es nur anmerken.

Aber natürlich wäre ein Mindestlohn prinzipiell durchsetzbar. Und wünschenswert. Ich hoffe nicht, dass es ernstlich eine Mehrheit da draussen gibt, die der Meinung ist, es wäre ok, für 5 € pro Stunde einen Vollzeitjob zu machen – einen Vollzeitjob also, mit dem niemand eine Familie ernähren könnte. Der Nachteil in unseren Kreisen wäre aber auch ganz deutlich: Es würden Arbeitsplätze wegfallen!
Ehrlich: Ich finde es besser, wenige „gut“ bezahlte Arbeitsplätze zu haben, als etliche schlecht bezahlte. Viele gute wird indes auch Ver.di nicht herbeizaubern können, so sehr wir uns alle das wünschen würden.

Für uns Fahrer ergäbe sich mit Einführung eines Mindestlohnes ein sehr zwiespältiges Bild:

Zum einen würde unsere Arbeitszeit endlich einen Wert bekommen. Das klingt seltsam, aber solange wir umsatzbasiert bezahlt werden, hat sie den natürlich nicht. Meinem Chef ist es bisher egal, ob ich eine oder zehn Stunden für 10 € Umsatz arbeite. Mein Lohn beträgt in beiden Fällen 4,50 € brutto. Wenn ich aber einen Mindestlohn kriegen müsste, hätte er natürlich ein Interesse daran, meine Arbeitszeit produktiv zu gestalten. Und da sind wir beim zweiten Punkt:

Zum anderen würde nämlich unsere Freiheit während der Arbeit darunter leiden. Ob das schlimm ist, muss jeder für sich selbst beantworten – aber natürlich wäre es plötzlich ein wirtschaftliches Risiko für den Chef, wenn der Fahrer lieber eine ruhige Kugel schiebt und damit am Ende nur 10 € pro Stunde einfährt. Im Übrigen etwas, das einem nicht nur durch Faulheit passieren kann, sondern auch mal durch Pech, die falsche Wahl der Halte etc.
Und wenn ich in 3 Stunden nur 5 € Umsatz gemacht habe, dann ist es ja nur zu verständlich, dass mein Chef wissen möchte, was ich bitte gemacht habe – immerhin müsste er mir dafür ja plötzlich mehr Geld zahlen, als er erhält…

Für uns würde sich also der Verdienst mit ziemlicher Sicherheit erhöhen, dafür kann davon ausgegangen werden, dass wir auch einen Mindestumsatz erbringen müssten, bzw. gewisse Einschränkungen in unserer Bewegungsfreiheit hinnehmen. Das mag bei einem freien Job wie Taxifahren Jammern auf hohem Niveau sein, aber ich mache den Job auch eher der Freiheiten, weniger des guten Verdienstes wegen.

Es droht aber auch noch Ungemach von ganz anderer Seite. Zum Beispiel die Selbstständigen. Von selbstständigen Unternehmern lässt sich kein Mindestlohn einfordern. Die stellen aber einen nicht unbedeutenden Anteil an Taxifahrern. In Berlin verteilen sich beispielsweise 12.000 Fahrer auf 5.000 Unternehmen. Dass da viele Unternehmen aus nur einem Fahrer bestehen, kann man sich denken – genaue Zahlen habe ich allerdings auch nicht. Fakt ist aber, dass Selbstständige einige „Vorteile“ haben. Nicht nur, dass ihr Lohn schlecht reglementiert werden kann: Auch ihre Arbeitszeit ist frei. Im Gegensatz zu Angestellten unterliegen sie keiner Beschränkung der Arbeitszeit, sie könnten theoretisch jeden Tag 24 Stunden fahren. Das ist insbesondere deswegen interessant, weil im Falle eines Mindestlohns die Schwarzarbeiter der Branche sich sicher darauf verlegen würden, statt wie bisher die Umsätze, nun eher die Arbeitszeiten kleinzurechnen. Die Selbstständigkeit wäre hier ein Ausweg, und wahrscheinlich würden sich sogar sehr lukrative Wege der Scheinselbstständigkeit finden lassen, um letztlich Fahrer unter dem gesetzlichen Lohn fahren zu lassen.

Insbesondere, wenn wegen des Mindestlohnes das Modell der umsatzabhängigen Bezahlung zugunsten eines Stundenlohnes flächendeckend eingeführt werden würde, würde dies auch die Fahrer dazu ermutigen, hier und da mal besser illegal ohne Uhr zu fahren.

Im Endeffekt würde das bedeuten, dass das System mit einem Mindestlohn nur funktionieren würde, wenn – mal rein kapitalistisch gesprochen – eine schnelle Auslese einsetzt. Entweder die Unternehmen würden ziemlich rigoros jeden Fahrer feuern, der zu wenig Stundenumsatz bringt – oder die Unternehmen, die das nicht tun, würden recht schnell von der Bildfläche verschwinden, weil sie pleite sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Selektionsprozess zu Ungunsten der ehrlichen Unternehmer ausfällt, ist nicht allzu gering, da schon jetzt Schwarzarbeit ein riesiges Thema in der Branche ist.

Worauf will ich hinaus?

Naja, wie ich sagte: Ich habe eine ambivalente Meinung!

Zum einen wäre ein Mindestlohn natürlich klasse, denn sobald man den Job macht, um vielleicht mehr als sich selbst halbwegs zu versorgen, verdient man da bisher zu wenig. Das zu ändern ist eigentlich dringend notwendig, und langfristig liegt sicher eine enorme Chance darin, dass nicht jeder Idiot Taxifahrer werden kann, weil auch die Chefs sich entscheiden müssten für die Leute, die ihren Job gut machen, vielleicht Stammkunden binden etc.

Zum anderen würde eine plötzliche Umsetzung auch Probleme bereiten. Es könnte sein, dass sich die Schwarzarbeit sogar noch mehr durchsetzt als bisher, dass unseriöse Kollegen in die Selbstständigkeit flüchten, und somit nicht nur das Ziel verfehlt wäre, sondern sogar Nachteile geschaffen würden. Ganz abgesehen davon, dass wir Fahrer wesentlich weniger Freiheiten hätten.

Nun stehe ich auf Freiheit mindestens genauso sehr wie auf ordentliche Entlohnung meiner Arbeit. Deswegen würde ich an dieser Stelle ein unverbindliches Fazit bevorzugen: Gerne ein Mindestlohn, aber bitte nur, wenn man sich gleichzeitig um die anderen Probleme des Gewerbes kümmert!

Lebenszeichen

So, eine Woche frei… vorbei!

Heute Abend stürze ich mich wieder ins Getümmel und dann passiert hier auch mal wieder ein bisschen mehr. Taxigeschichten schreiben ohne sie erlebt zu haben, ist dann eben doch nicht so einfach. 🙂

Leider gibt es auch mal wieder einen Überfall zu vermelden. Wenngleich die Fahrerin unverletzt geblieben ist, erschreckt es mich doch ein wenig, dass die Täter zum einen gleich mit Schußwaffe aufgekreuzt sind und zum anderen um 20.30 Uhr zugeschlagen haben.

Link zur Polizeimeldung

Nun gibt es freilich einiges, was ich diesen Dösbaddeln wünschen würde, am allermeisten aber, dass die betreffende Kollegin etwa Arbeitszeiten wie ich hat, und sie gerade mal einen Zehner Umsatz eingefahren hat…