Nicht so schöne Touren

Aus der Reihe „Sätze, die ich selten sage“:

„Es tut mir leid. Ich würde jetzt gerne irgendwas aufheiterndes sagen, aber mir fällt nix ein …“

Das war gelogen. Mir wäre jede Menge eingefallen. Nur eben nix, was die Fahrt erträglicher gemacht oder meiner Kundin geholfen hätte. Ihr Problem war eine leider alltägliche Geschichte: Sie war ausgegangen mit ihrem Freund, und der wollte am Ende lieber mit Kumpels weiterfeiern als heimgehen – obwohl das so abgemacht war.

Eigentlich nichts, was man in einer sonst funktionierenden Beziehung nicht irgendwie wieder hinbiegen könnte.

Oder für was man Ausnahmeregelungen hätte treffen können.

Oder überhaupt einmal ergebnisoffen drüber diskutieren.

Aber ich bin ja hoffnungsvoller Optimist bezüglich Beziehungen und wünsche jetzt wenigstens nachträglich guten Versöhnungssex. Und wenn sich sonst keine Gelegenheit zum Reden ergibt, können sie dabei gerne noch darüber diskutieren, wie viel Trinkgeld man im Taxi so gibt, nachdem man zwanzig Minuten die Laune runterzieht … 😉

Ortskunde bei Fahrgästen

Zwei Touren heute:

Tour 1: Ostbahnhof bis S-Bahnhof Hohenschönhausen.

„Bitte bring mich da irgendwie hin, ich wohn‘ erst seit kurzem in Berlin, da in Hohenschönhausen – und ich hab keinen Plan, wie ich da hinkomme und wo ich hier überhaupt bin.“

Tour 2: S-Bahnhof Hohenschönhausen bis Osloer Straße im Wedding.

„Wenn wir da sind, kann ich dir zeigen, wo ich genau hin will, aber ich hab keine Ahnung, wo ich gerade bin und in welche Richtung ich muss!“

Ich hab an meiner Ortskunde zweifelsohne noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte zu feilen. Unter den Taxifahrern steche ich sicher nicht heraus, da will ich nicht angeben oder irgendwelche Lügen erzählen. Ich hab mich neulich erst wieder verfahren und demütig die Uhr ausgemacht, als ich es gemerkt hab – aber auch ohne das würde ich mich nicht einreihen wollen in die Riege von Vollidioten, die sich selbst Unfehlbarkeit attestieren. Aber gegenüber den Fahrgästen merkt man dann doch sehr schnell, was man mit dem Lernen auf die Ortskundeprüfung tatsächlich für eine Qualifikation erworben hat. Das jetzt – mit so bekannten Zielen – ist da sogar ein schlechtes Beispiel, aber es war so auffällig bei zwei direkt aufeinander folgenden Touren.

Scharfe Tour

Ich bin immer wieder überrascht, wie unterschiedlich Fahrten ausfallen können. Heute nacht war das höchste Hoch vom tiefsten Tief nicht zu erahnen und umgekehrt. Da insgesamt aber alles gut war, möchte ich heute erst einmal die angenehmste Tour runterschreiben.

Es hat schon damit angefangen, dass sie die vierten Winker in Folge waren – ein guter Lauf, der mir insgesamt über 60 € gebracht hat und mich von Friedrichshain über Neukölln, Tempelhof, Steglitz und Schöneberg bis nach Prenzlauer Berg gebracht hat. Eine wunderbare Stadtrundfahrt mit kaum Pausen. Das junge Pärchen war wie gesagt der krönende Abschluss. Von der Potsdamer Straße bis zur Greifswalder. Nur geradeaus, nicht weit nach draußen, trotzdem über 15 €. Schon finanziell ein Gewinn. Die beiden waren angetrunken, aber auf die bestmögliche Art und Weise: Mit blendender Laune und lustigen Gesprächen auf dem Heimweg. Es ging schnell um Urlaub und darüber, dass die junge Dame Filipina ist und wie lustig es wäre, wenn sie auswärts essen würden.

Laut der Aussage der beiden wird dort viel sauer gegessen, und wie das bei Vorlieben aus der Kindheit so ist, hatte die Dame das nie abgelegt und war bekannt dafür, überall saure Gurken und Rollmops zu essen – was ihr bei seiner Verwandtschaft zunächst den Verdacht einer Schwangerschaft einbrachte. Und dann ihre Schwester: die sei ebenso drauf, nur stünde die halt total auf scharfe Sachen und leere in Restaurants gerne mal die Behälter der Chilis komplett, egal wie klein der Snack wäre … ein gleichermaßen heiteres wie harmloses Thema. Nachdem ich mich dann auch als Capsaicin-Anhänger geoutet hatte, war das eine nette Plauderrunde – das hätte so auch eine Zufallsbegegnung in einer Bar sein können.

Zuletzt kam der junge Mann auf die Idee, er müsse mir unbedingt die geile Soße zeigen, die sie zu Hause rumstehen hätten. Eine von den „Pain is Good„-Saucen (Link zu Amazon), die mir zwar wohl ein Begriff sind, aber zu denen gehören, die ich nie probiert hatte. Müsse ich aber unbedingt, ist sehr geil, meinte mein Fahrgast und sprintete an der Zieladresse gleich los, um mal eben die Flasche aus dem 15. Stock zu holen. Ich unterhielt mich derweil weiter mit der Freundin und sie rundete die Fahrt von 16,60 € großzügig auf 20 € auf. Nach nur kurzer Wartezeit kam der Kerl wieder runter, anbei die Flasche und ein Esstäbchen – was man halt so braucht, wenn man on the fly Chilisauce im Taxi probieren muss. 😉

Ich nahm artig einen Haps und musste zugeben, dass sie wirklich lecker ist. Und gut scharf, aber ich hatte schlimmeres befürchtet, es bedurfte keines Ablöschens. Mal davon abgesehen, dass mir die vollkommene Absurdität der Situation ja auch bewusst war.

„Na dann nimm‘ mit! Wir haben ja noch ’ne Flasche!“,

wurde mir aufgetragen. Und ja, hier ist sie:

Ganz so gucken musste ich nicht, eher ein bisschen dankbar … Quelle: Sash

Ganz so gucken musste ich nicht, eher ein bisschen dankbar … Quelle: Sash

Damit kann ich dann wohl – nach über fünfeinhalb Jahren – die Staffel fürs kurioseste Trinkgeld weiterreichen. Den Stab hielt bisher immer dieser nette Geselle hier.


Ich weiß nicht, ob Menschen das verstehen, die nie Dienstleistungen angeboten haben. Mich jedenfalls freut sowas immer maßlos. Mal abgesehen davon, dass die Sößchen mit über 6 € pro Flasche ja auch nicht mehr ganz in die Kategorie „nicht der Rede wert“ fallen, wenn man mal die durchschnittlichen Trinkgelder ansieht.

Phantombezahlungen

Phantomschmerzen – davon haben die meisten schon gehört. Die suchen Amputierte häufig heim. Das heißt, es werden Schmerzen empfunden an einem Körperteil, das gar nicht mehr existiert. Oder zumindest anwesend ist. Der Gedanke hat mich schon in Kindertagen ein wenig fasziniert, muss ich gestehen.

Gestern hatte ich dann eine waschechte Phantombezahlung, also einen Kunden, der eine Strecke bezahlt hat, die er gar nicht gefahren ist. Eine überaus seltene, aber nette Geste.

Eigentlich wollte er vom Ostbahnhof aus nach Rummelsburg. Wir sind auf seinen Wunsch hin durch den Boxhagener Kiez gefahren und ausgerechnet, als ich endlich den langsamen Bus vor uns überholen konnte, bat er mich, anzuhalten.

„Ich hab da einen Bekannten gesehen, ich steige hier schon aus.“

Kein Problem, warum auch nicht? Das ist ja der Vorteil von Taxis: Man kann sich während der Fahrt noch umentscheiden.

„Dann wären wir bei 7,20 €.“

„Hier, machen Sie mal bitte 11 €.“

Sowas nimmt man gerne an, aber schon das Aufrunden auf einen Zehner wäre ein sehr gutes Trinkgeld gewesen. Dementsprechend hab ich wohl etwas sparsam geguckt. Daraufhin meinte mein Fahrgast:

„Naja, so  viel hätte es doch ungefähr bis nach Rummelsburg gekostet, oder?“

Ich kann nicht ausschließen, dass er das nur gemacht hat, weil er schon an meckernde Kollegen geraten ist. Das wäre natürlich schade. Aber einfach so, in diesem Moment, war es eine verdammt geile Sache für mich. 🙂

Problembewusstsein

„Wofann wi’nnin?“

„Wilde Renate.“

„Boahfagg!“

„Ja Benni, ich glaub auch, Du fährst besser heim jetzt.“

Hat der Benni auf Anraten seines Kumpels auch gemacht. Er hat zwar hier und da noch versucht, zurechenbar zu wirken, aber eigentlich war’s ihm recht, dass er vorher Abschied von der Party nahm. Ein bis fünf Drinks zu viel, das passiert in jungen Jahren halt mal. Und wenn die Lösung so nahe liegt, weil man eh im Taxi sitzt …

„Bringste ihn sicher heim, ja?“

„Selbstverständlich.“

Ich wurde für die Tour bis zum Club bezahlt, die drei Partypeople stiegen aus und Benni hing bei mir am Seitenfenster und schnarchte. Als er aufwachte, hatte er die letzten 5 Minuten völlig vergessen und fragte panisch:

„Alla, hamimi Geld dalassn?“

„Nein.“

„Boahfagg!“

„Aber sie haben die Fahrt bis zur Renate bezahlt. Für dich isses nachher noch ein Fünfer oder so.“

„Boahfagg, dangealla!“

Er hat die für ihn sehr günstige Fahrt dann schwankend mit einem ordentlichen Trinkgeld bezahlt und sich noch dreimal bedankt. Dann war die Sache für uns beide gegessen und für ihn war es sicher besser. Mit anderen „Freunden“ endet das ja gerne mal anders.

Natürlich sind nicht alle Fahrten dieser Art und natürlich nehme ich Geld für meine Dienstleistung – aber manchmal isses auch wichtige Hilfe, die man in dem Job leistet, davon bin ich fest überzeugt.

Das tägliche Lotto

„Jungs, nehmt Ihr uns mit?“

Ich hab gerade mit einem Kollegen geplaudert, den ich nicht wirklich kannte, hab mich entsprechend schnell aus dem Gespräch gelöst und der Dreiertruppe zugesagt:

„Logo.“

Ich stand ganz vorne, der Kollege war der einzig weitere. Die Kunden konnten sich nicht gleich entscheiden:

„Wo stei’n wir ein? Opel, Daimler, Daimler, Opel?“

„Mir egal, aber mach hinne! Es ist kalt!“

Ich hab auch gleich gesagt, dass sie sich’s aussuchen können – angetrunkene Jungs, die rummeckern, braucht ja niemand. Sie haben sich dann aber spontan doch für mich entschieden und sind zügig eingestiegen.

„Du weißt aber schon …“

begann der erste fast schon bedrohlich irgendwas einzuwerfen, so dass ich vorsichtshalber gleich das Schlimmste erwartet hab. Aber nee:

„… dass Du jetzt ’ne ganz schöne Strecke vor Dir hast?“

Und wo ging’s hin? Tatsächlich bis nach Falkensee – und der kürzeste Weg war auch nicht ihr Ding:

„Ach, fahr ruhig Heerstraße.“

Und auch sonst war das die definitiv beste Fahrt der letzten Wochen. Sie hatten einen im Tee, und einem war sogar schlecht. Aber das Verantwortungsbewusstsein in Person. Man kann sich immer mal vertun, aber der hat mich umgehend überzeugt, dass er sich eher eine Tasche zum Reinreihern häkeln würde, bevor er das Auto in Mitleidenschaft zieht. Er hat mir gesagt, dass er sich nur gerne an die Scheibe lehnen würde, aber eine Mütze aufhätte, und sie deshalb nicht verschmieren würde. Die Scheibe nicht verschmieren! Der Kerl hat mit dem einen Satz 80% der Normalkundschaft hinter sich gelassen. Aus irgendeinem Grund sind Taxischeiben ja besonders anziehend für die Fahrgäste. Würde man die Scheiben mal ein Jahr nicht waschen, würde man die Fingerabdrücke und DNA-Spuren einer mittleren Kleinstadt mit sich rumfahren. Und ausgerechnet einer, der mit „Mir ist schlecht!“ das Gespräch beginnt, achtet darauf. Noch dazu Dorfis, die zum Feiern in der Stadt waren …

Am Ende hab ich mit den dreien großzügig scherzend übers Ins-Taxi-kotzen gelästert, tatsächlich vernünftigen Gesprächen gelauscht und zuletzt einen Fünfziger bekommen, auf den ich nicht einmal mehr etwas rausgeben musste.

Was der Kollege für eine Tour bekommen hat, weiß ich natürlich nicht. Aber ich hab arge Zweifel an der Theorie, dass sie besser war.