Sparen im Taxi

Ein netter Fahrgast, die Fahrtstrecke war Standard. Vom Ostbahnhof nach Neukölln. Er hatte sich von seinen Jungs frühzeitig losgeeist um pünktlich ins Bett zu kommen. Kurzer Dialog am Ende:

„So, dann wären wir bei quasi aalglatten 10 €.“

„Oh! Na dann machen sie mal bitte 12!“

„Das mach ich sehr gerne. Vielen vielen Dank!“

„Ach, ich hab ja so viel Geld dadurch gespart, dass ich so früh weg bin…“

Gefällt mir wesentlich besser als diese Preisdrückerei mit dem Argument, der Abend wäre bisher so teuer gewesen 🙂

Flowerpower-Headquarter

Manchmal geht es auch mit mir durch. Ich bin zwar hier und da knallharter Pragmatiker, aber dennoch einem Späßchen nie abgeneigt. Und manche Dinge schreien ja geradezu danach, seltsam interpretiert zu werden. Der Blumenladen an der Ecke Oranienstraße/Adalbertstraße ist so ein Fall:

24 Blumen pro Stunde, Quelle: Sash

Meines bescheidenen Wissens nach ist das der einzige 24h-Blumenladen. Das ist ok und wer weiss: vielleicht rettet er damit mal mich, bzw. meine Kundschaft. Ist also immer gut, sowas zu kennen. Aber natürlich hab ich mich schon gefragt, ob das Geschäftsmodell aufgeht.

Vor ein paar Tagen hatte ich dann einen Fahrgast im Taxi, der zwar etwas müde war, allerdings auch gut drauf im Sinne von lustig. Und wir sind beim Blumen Dilek vorbeigekommen. Ich hab mich dazu hinreissen lassen, mit ihm über den Laden zu diskutieren, und so sind wir auf die ein oder andere Idee bezüglich der Kundschaft gekommen.

Zunächst: Klar! Die ganzen Väter und Ehemänner, die den Hochzeitstag oder Valentinstag vergessen haben, können hier auch bei spätem Feierabend noch eben schnell etwas Gestrüpp erwerben. Wir haben uns auch Gedanken darüber gemacht, dass spontanverliebte Töffel hier ebenso schnell auf dem Weg von Club zu Club die Holde (jetzt hatte ich versehentlich Hilde getippt – epic Fail!) noch mit einem improvisierten Kräutergarten als Mitgift beeindrucken können.  Eine weitere Theorie war, dass es sich quasi um einen vegetarischen Dönerladen handelt, weil die potenzielle Kundschaft nachts die erworbenen Blumen sicher eher isst als irgendwo abgibt. Letztlich haben wir uns aber auf die plausibelste Lösung – ganz im Sinne von Ockhams Rasiermesser – geeinigt:

Das muss das Hauptquartier von diesen ganzen „Wolle-Rose-kaufen“-Typen sein! Schließlich müssen die irgendwoher Nachschub bekommen und es erklärt natürlich auch die nächtliche Arbeitszeit!

Das mag nicht die wichtigste Erkenntnis des derzeitigen Jahrtausends sein, aber ich denke, man sollte sie würdigen. Schon alleine, weil sie am frühen Morgen in einem Taxi erarbeitet wurde 🙂

Nicht verhaftet

Manchmal hat auch der gar nicht so kleine Sash ein wenig Glück beim Taxifahren. So passierte es vor ein paar Tagen, dass ich eine ungeplant lange Pause während der toten Stunden am Wochenende eingelegt hab, allerdings schon bei meiner Rückfahrt „in die Stadt“ wieder Winker hatte.

Ein Mann, etwa in meinem Alter – nennen wir ihn für mein Ego einfach mal jung – stand mit einem kleinen Kind am Straßenrand und winkte. Super Sache!
Als die beiden das Auto bestiegen, beäugte die Kleine den großen bösen Mann – also mich – argwöhnisch und verweigerte für einen kurzen Moment fast den Gehorsam. Sie wollte lieber nicht einsteigen. Ich bin gefasst genug, um das bei Vierjährigen noch nicht als Beleidigung aufzufassen und so lächelte ich freundlich. Ihr Vater erklärte ihr liebevoll:

„Na komm, alles in Ordnung! Wir fahren mit dem Auto.“

So ganz anfreunden konnte sich das kleine Mädchen mit der Situation nicht. Es war nur eine Kurzstrecke, aber sie ließ mich nicht aus den Augen und sah sich auch sonst fast schon mit einem Anflug von Panik um. Viel Beachtung geschenkt hab ich dem nicht, denn irgendwann ist eben mal die erste Taxifahrt im Leben, völlig verständlich, dass man dieser Situation mit großen Augen begegnen muss. Derletzt hatte ich ja erst so einen untergroßen Vorerwachsenen bei mir im Fond, und aus dieser Situation entstand ja schon eine sehr niedliche Nachfrage.

Das allerdings toppte die Kleine noch um Längen, als sie ihren Vater ansah und mit einer tiefen kindlichen Besorgnis fragte:

„Papi, ist das ein Polizeiauto?“

Ich hab mir fast die Lippe blutig gebissen, um nicht so laut zu lachen, wie es zweifelsohne angebracht gewesen wäre. 😀

Gut, dieses Missverständnis war bald aus dem Weg geräumt, und so langsam taute sie auf. Zu guter Letzt war sie gar nicht mehr so sicher, ob sie die gute 1925 verlassen will:

„Wir sind zu Hause, Kleine!“

„Hmm… ok, ich komm mit.“

Ich sag es euch: Nach so einem Anfang kann einem kaum noch was die Schicht verhageln! Das ist einfach nur geil! 🙂

Besprochen.

Man trifft ja nicht nur Leute in Feierlaune bei der Arbeit im Taxi. Ich versuche ja, die Quote recht hoch zu halten, aber man weiss ja nie, wie die Kunden so drauf sind. Manchmal trifft man auch auf ziemlich fertige Gestalten, die nicht nur Redebedarf haben, sondern auch sonst unter jeder Zuwendungsgrenze liegen und das wissen. Den wahrscheinlich schwierigsten dieser Fälle hatte ich Mitte letzten Jahres, das war die Geschichte mit Mike.

Ein bisschen harmloser gestaltete sich die Frau in den 50ern, die ich neulich aufgegabelt habe. Aber nachdem ich für sie in Lichtenberg eine Vollbremsung hingelegt habe, war die gute Laune aus meinem Auto auch schlagartig verflogen – und das nicht nur, weil ich die Musik ausmache, wenn Kunden einsteigen. Sie nannte das Fahrtziel nicht gleich und wollte mir zeigen, wo es lang geht. Während wir allerdings über die erste Kreuzung fuhren, bei der Rechtsabbiegen für den kürzesten Weg sinnvoll gewesen wären, war sie längst am Erzählen, wie sehr sie ihr Asthma plagt und dass sie nur deshalb jetzt schon heimgeht. Abgefüllt war sie bis Oberkante Unterlippe, das Reden fiel ihr schwer, aber sie tat es mit ausladenden Gesten, großer Lust und nicht zuletzt einer gehörigen Portion Verachtung gegenüber allen Themen, die sie ansprach. Ihr Mann, das Asthma, die Kneipe, die Wohnung, die Stadt, die anderen Menschen und eigentlich die ganze Welt…

Aus kleinen Satzfragmenten bastelte ich mir in Gedanken eine Zieladresse, die mir dann auch noch überhaupt nichts sagte. Das Navi wusste mal wieder mehr als ich, und so kam ich immerhin nicht in die Verlegenheit ihren ziemlich wirren Routenansagen folgen zu müssen, mit denen wir zwar sicher auch in Friedrichshain gelandet wären, allerdings eher mit einem dreistelligen Betrag auf dem Taxameter oder gleich nach einer Rundfahrt an den größten Sehenswürdigkeiten des Kontinents vorbei.

Ein paar total unehrliche „Ja sicher“ meinerseits später war sie immerhin wieder soweit, einen Witz zu machen. Gut, da waren wir schon am Ziel, aber immerhin. Wir standen in einer Sackgasse und ich fragte, ob ich hier halten solle. Daraufhin lallte sie schwungvoll, dass ich sie gerne auch noch bis in den vierten Stock fahren könne. Na also 🙂

Aber ich hab von ihr einen neuen Spruch gelernt, mit dem man Trinkgeld ansagt. Sehr beliebt ist ja das „Machen se eine Rechnung über…“ oder ganz simpel „Machen se…“. „Der Rest ist für sie“ ist mir verständlich und auch wenn jemand einen Betrag mit 3 Ausrufezeichen nennt, ist das Wink mit dem Zaunpfahl genug. Sie reichte mir allerdings einen Zehner mit den Worten:

„Das haben wir alles besprochen.“

Was eine glatte Lüge war, denn neben ihrem Monolog hätten wir nicht einmal Zeit gehabt, sowas wie das Trinkgeld oder den Fahrpreis zu besprechen. Wir haben es ja nicht einmal bei der Route geschafft 🙂

Aber als ich im Portemonnaie nestelte, meinte sie abermals mit Nachdruck:

„Das haben wir besprochen!!!“

Nicht fragen. Kunde, König und so weiter…

Nix los in Berlin?

Man glaubt mit der Zeit, für jeden Fahrgast irgendwie bereits eine Schublade angelegt zu haben. Damit meine ich gar nicht die großen Vorurteile und das, was man gemeinhin negativ mit Schubladendenken assoziiert. Aber ein bisschen hat man hinterher ja doch immer eine Einordnung parat. Hier der betrunkene Tourist, der nicht genug von der Stadt sehen kann – dort ein deprimierter Rentner. Hier eine erschöpfte Nachtarbeiterin – dort wieder ein verplanter Dauerschläfer.

Das eine oder andere Klischee wiederholt sich dann auch in der Realität ständig, man ist geradezu gezwungen, sich solche Gedanken zu machen…

Den Typen, den ich in Prenzlauer Berg an der Danziger Straße eingeladen habe, hätte ich in die Kategorie „müde Selten-Ausgeher“ gesteckt. Endlich mal ein freies Wochenende, die Kinder irgendwo verstaut, die Frau mit Ausreden zu Hause gelassen und mit den Kumpels mal einen draufgemacht. Bis um 2 Uhr! Mann mann mann!

So ganz richtig lag ich damit nicht. Zunächst war auffällig, dass der Kerl nüchtern war wie ein Rudel Dreijährige. Und dazu hatte er überhaupt keinen Plan. Von gar nix. Man darf sich jetzt mal vorstellen, wie ich an einem Freitag Abend mit einem Anzugträger im Taxi von Prenzl’berg nach Friedrichshain fahre. Gemütlich haben wir die M10 überholt, die wie immer maßlos überfüllt war. Am Straßenrand standen in kleinen Gruppen immer wieder betrunkene Jugendliche, manche davon wahrscheinlich bewaffnet. Aus der ein oder anderen Kneipe drang noch Musik nach draußen, zwei getunte Golf überholten uns, indem sie mittels ihrer Subwoofer um die Wette hüpften. Und dann fragte mich der Kerl ehrlich folgendes:

„Is jetzt überhaupt noch was los in Berlin?“

Man muss dazu sagen, dass ich die Stunden zwischen etwa 0 und 2 Uhr am Wochenende gerne tote Stunden nenne. Während dieser Zeit sind offenbar die meisten Leute da, wo sie hinwollen. Folglich brauchen sie kein Taxi. Erst nach 2 Uhr wollen dann die ersten langsam nach Hause, dann geht das wirklich lukrative Wochenendgeschäft endgültig los. Aber in diesen toten Stunden ist in Berlin immer noch mehr los als in einem durchschnittlichen Apple-Store bei der Vorstellung des neuesten iPhones oder in einer Kleinstadt das ganze Jahr über.

So ähnlich hab ich das auch meinem Kunden mitgeteilt, woraufhin dieser erstaunt fragte:

„Echt? Hätte ich ja nicht gedacht.“

Wo der Mann herkam, bzw. wie lange er schon in Berlin lebt, weiss ich nicht. Hab ich nicht gefragt. Aber wie kann jemand bitte auf die Idee kommen, hier wäre am Wochenende um 2 Uhr bereits Feierabend? Wie nenne ich diese Schublade jetzt? Für die Dorfkinder-Abteilung ist er echt zu alt und zu sehr verplant gewesen…

Geldautenmat

Hat sich das Anstellen am Matrix also doch noch gelohnt. Ich war seit Monaten nicht mehr dort, entweder weil es sich nicht ergeben hat, oder weil ich keine Lust hatte. Passiert. Mein Kunde war Schotte. Ohne Kilt, aber somit immerhin auch ohne Nichts drunter. Hat ja alles Vor- und Nachteile 🙂

„I need to go zu den Europacenter, but I ich brauche ein Geldautenmat.“

Klar, kein Problem. Der Kerl hatte ordentlich einen im Tee, war aber ein wirklich total Netter. Ich hab ihn dann an der Skalitzer Straße an der Postbank Geld holen lassen – es ist mir einfach lieber, wenn ich den Eingang im Blick habe, wenn jemand mein Geld holt.

Nur für mich alleine sollte es gar nicht sein. Er wolle noch in einen Strip-Club. Den Plan hat er unterwegs aber auch wieder verworfen. Naja, egal. Irgendwann nachdem er mir erzählt hat, dass er schon das dritte Mal in Berlin sei, hat er dann kleinlaut gestanden:

„Well Guy, I’m really sorry I don’t speak German. But I want to learn it!“

Über das Thema hatten wir es dann eine Weile. Ich hab ihm zu Bedenken gegeben, dass Deutsch – insbesondere für englischsprachige Menschen – eine durchaus schwere Sprache wäre. Die erstaunliche Antwort von seiner Seite aus war dann:

Das sei ihm bewusst. Aber gerade deswegen würde es ihn so freuen. Das Schwierige an der deutschen Sprache wäre die Grammatik, und er sei ein großer Freund von Grammatik. Außerdem könnte seine Mutter ganz gut Deutsch und da könne er sicher viel lernen. Binnen weniger Minuten hätte der Kerl in seiner Euphorie beinahe mich als bekennenden Grammatik-Muffel überzeugen können, dass es nichts erstrebenswerteres gibt, als eine noch kompliziertere Sprache zu lernen.

Er war richtig gefuchst, dass auf der Insel offenbar kaum jemand sich die Mühe macht, eine andere Sprache zu lernen. Er spreche immerhin auch Französisch, obwohl er – da traten dann wohl doch alte Feindschaften zu Tage – NIEMALS Französisch sprechen würde! So ganz gestimmt hat das nicht. Er hat sich bei mir dreisprachig verabschiedet 😀

Es sind seltsame Vögel, die im Matrix unterwegs sind. Glücklicherweise sind auch solche wie er dabei…

Kleines Off-Topic-PS:
Los, wer von euch war der Spaßvogel mit der Danksagung am Ostbahnhof dieses Wochenende? So gefährlich, dass man gleich weiterrennen muss, sind Taxifahrer gar nicht. Auch nicht im Rudel!
Was ich eigentlich sagen wollte: Es hätte sich gelohnt, denn die Fragezeichen, die den Kollegen auf der Stirn standen, als sie darüber sinnierten, was „Blogeinträge“ sein sollen, waren unglaublich lustig 😀

Lügenbarone

Was mir heute mal wieder bewusst geworden ist: Wie verdammt oft ich im Taxi mit Lügen konfrontiert werde. In der Regel sind es die üblichen Kleinigkeiten, und meist nehmen sie im Gespräch keinen Raum ein, der einen eigenen Blogeintrag rechtfertigen würde.

Ich meine nicht diese dummdreisten Lügen, wo man dem Taxifahrer erzählt, man hätte aber leider nur noch 20 €, obwohl man in Wirklichkeit einfach nur nicht mehr zahlen will. Ich meine die Lügen der Menschen untereinander. Heute hatte ich einen im Auto, der direkt nacheinander zwei Freunde oder Freundinnen angerufen hat. Person 1 bekam zu hören:

„Ja du, mir geht es grad nicht so gut. Ein anderes Mal. OK, ciao!“

Für Person 2 war folgendes bestimmt:

„Ja, bin schon im Taxi. Nee, geht klar. Bin in zehn Minuten da. Bis dann!“

Außer mir hat das natürlich keiner mitbekommen…

Es gibt einem zu denken. Ein bisschen unehrlich ist man natürlich öfter mal. Ich vermute, keiner hat noch nie eine Notlüge benutzt – mir persönlich wäre es allerdings ein wenig peinlich, das so dreist vor einem Dritten zu zelebrieren. Wahrscheinlich geht das nur des alten Irrglaubens wegen, Taxifahrer würden einer Schweigepflicht unterliegen 🙂

Ach ja, bei der ganzen Geschichte musste ich dann allerdings an den Oberchef schlechthin denken, der wirklich die mieseste Lüge ever gebracht hat.