Schon passiert

Ich überlege ja seit meinem Zwischenfall mit dem Koffer in meinem Taxi immer öfter darüber nach, ob der Spruch mit dem mitgenommenen Gepäck nicht irgendwie doch albern ist. Zur Erinnerung: Ich sage gerne, wenn Gepäck an Bord ist:

„So, dann befreien wir mal ihr Gepäck. Ist immer ein schlechtes Ende für die Fahrt, wenn der Taxifahrer damit abhaut.“

Aber er kommt gut an. Immer und immer wieder. Manche Leute lachen schon über den Ausdruck „befreien“…

Vor einer Weile dann gab es ja den Fall, wo mir ein Kunde gesagt hat, ich könne sein Bürozeug behalten, wenn ich die Arbeit gleich erledige. Jetzt hab ich aber ein neues Highlight. Irgendwie. Meine Kundin kam mir reichlich verunsichert vor. Keine Ahnung, ob ich ihr von meinem Erscheinungsbild her unheimlich vorkam, ob sie generell schüchtern war oder ob sie gerade etwas schlimmes erlebt hatte. Über den üblichen Smalltalk übers Wetter sind wir nicht rausgekommen.

Insbesondere in solchen Fällen ist Humor natürlich etwas tolles, um die Fahrt abzurunden, noch ein bisschen aufzulockern. Bei ihr hat das leider nicht so ganz geklappt. Sie ist noch während meines Satzes ausgestiegen, das Geld hatte ich schnellstmöglich mit einem „Stimmt so!“ in die Hand gedrückt bekommen. Als ich ausgestiegen war und mit einem Grinsen den Satz beendete, meinte sie etwas geistesabwesend:

„…is auch schon passiert.“

Na hoffentlich ist das nicht die Ursache für ihr Verhalten mir gegenüber gewesen 🙁

Ungewollte Stammkundschaft

Es gibt Vorteile und Nachteile daran, oft die gleiche Halte aufzusuchen. Ich beispielsweise fahre gerne an den Ostbahnhof, weil ich dort immer wieder ein paar Kollegen aus meiner Firma treffe, es Nachts einfach recht locker zugeht bezüglich Aufrücken, Hinten-Einsteigen-Lassen und natürlich, weil es die Umgebung ist, in der ich mich am besten auskenne.

Als Nachteil weiß ich zu benennen, dass man natürlich weniger in der Stadt rumkommt und oftmals das gleiche Publikum hat. Sicher, gewisse Stammkundschaft will man gar nicht missen. Bei anderen… naja. Ich lasse mir beizeiten mal einen netten Satz dazu einfallen.

Als der Kunde an mein Taxi herantrat, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich ihn kenne. Ich hab es ja nicht so groß mit Gesichtern. Völlig gesichtsblind bin ich zwar nicht, aber Tendenzen dazu habe ich sicher. Manchmal erkenne ich Fahrgäste kaum wieder, nachdem sie nur mal eben kurz in einen Spätkauf unterwegs gehuscht sind. Aber gut, genug von meinen Behinderungen, auf zu denen des Fahrgastes.

Er ist ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn und arbeitet dort im Speisewagen. Ich hatte ihn bisher dato zwei-, jetzt dreimal im Auto. Im Grunde ist er ein ganz passabler Fahrgast. Die Fahrt geht nach Mitte, dieses Mal habe ich ihn prompt am Straßennamen erkannt. Er hat keine besonderen Routenwünsche, weiß meine Arbeit zu schätzen und gibt wenigstens ein Bisschen Trinkgeld. Soweit, so gut.

Das Problem ist: Er ist nicht nur um einiges redseliger als ich, er muss sich auch noch die ganze Fahrt über auskotzen. Jedes Mal. Am liebsten sind ihm die Eskapaden seiner weiblichen Kollegen, die er aber immer so geschickt formuliert, dass ich ihm einfach nicht mit Bestimmtheit Sexismus unterstellen kann. Er echauffiert sich dann die ganze Strecke darüber, wie blöd seine Kollegen und Kolleginnen sind, dass sie zu langsam arbeiten, es nicht blicken, wenn sie ihn in Ruhe lassen sollen (sic!) und überhaupt macht ja jeder alles falsch, außer ihm.

Es ist nicht so, dass ich solche Gedanken nicht auch manchmal hätte, aber seine Ausführungen über Aushilfen, die die Gläser nicht schnell genug herausholen sind jedes Mal aufs Neue sehr ermüdend. Bisher hatte ich wirklich noch keine Chance, irgendwann mal ein paar sinnvolle und beschwichtigende Worte einzustreuen. Er redet vom Einstieg bis zum Ausstieg ununterbrochen und lässt höchstens mal einen Platz für ein zustimmendes Ja. Ich glaube, das nächste Mal schlage ich ihm vor, er soll sich einen neuen Job suchen. Das Elend kann man sich ja nicht mit ansehen anhören.

Gefahren?

Ich kann es nur mit einem Ausdruck intensiver Freude sagen: Gott sei Dank irrt man sich in Fahrgästen!

Abgesehen von der ein oder anderen persönlichen Abneigung gegenüber bestimmten Personengruppen wirken manche Typen einfach erstmal so, als würde es Ärger geben.

Ich hab meine Schicht spät angefangen, hatte zu Hause noch ein paar Dinge zu erledigen, war müde, alles hat sich verzögert… bla bla bla. Plötzlich standen zwei Typen mehr oder minder vor meinem Auto. Beide offensichtlich in körperlich mehr als fittem Zustand, die Muskeln haben sich selbst unter den Lederjacken abgezeichnet. Die Frisuren waren gegelt, die Bärte gepflegt und der Gesichtsausdruck der beiden sagte ungefähr:

„Einmal ein falsches Wort und du bist fällig!“

Nun hab ich durchtrainierte Kundschaft öfter an Bord und Lederjacken sind mir kein Bisschen unheimlich. Ehrlich gesagt nehme ich lieber ein paar Punks mit als irgendwelche gestriegelten Fuzzis, die ihre Allmachtsfantasien aus ihren täglichen Börsenberichten ableiten. Aber die Typen waren mir nicht ganz geheuer. Einsteigen lassen habe ich sie dennoch, in manchen Momenten ist man eindeutig zu sehr Sklave des Geldbeutels. Sie verteilten sich, beide mit Sonnenbrille, wie die Vorzeige-Taxiräuber auf den Beifahrersitz und den Sitz direkt hinter mir.

Die Zielangabe war zunächst eher ungenau, Kreuzberg, dann wollten sie zu einem Club, von dem ich noch nichts gehört hatte. Irgendwo in einer Nebenstraße sollte er liegen. Ziemlich einsilbige Ansagen, alles eher verdächtig.

Ich bin in meinem Kopf alle Verteidigungsstrategien durchgegangen, die mir eingefallen sind. Nicht sehr viele, zugegeben.

Kurz bevor ich meinem Instinkt gehorchen und mich totstellen wollte, kam dann eine eher gut gelaunte Anfrage nach Musik. Wir kamen dann auch umgehend ins Gespräch und 10 Minuten später war ich mir sicher, dass das die angenehmsten Fahrgäste des Abends werden sollten.  Wir tauschten uns über dies und das aus, lachten viel und laut und am Ende bekam ich ein Trinkgeld, von dem ich nicht einmal zu träumen gewagt hätte: Knapp über 5 €.

Insgesamt also eher eine positive Geschichte. Allerdings hab ich mir danach Gedanken darüber gemacht, denn ich bin per se kein ängstlicher Typ, bin vielen ohnehin körperlich überlegen und vertraue auch durchaus auf meine psychologischen Fähigkeiten. Ich habe die Ängste einiger anderer Fahrer irgendwie durchaus nachvollziehen können in diesem Moment.

Aber letztlich bleibt dann doch eine geile Tour in Erinnerung. Und das wünsche ich allen Kollegen natürlich auch, wenn sie sich mal wieder denken:

„Oh-oh, was für Typen!“

Bauerntrampel. Allesamt!

Manchmal hat man es als Taxifahrer ja nicht leicht. Leider merkt man es oft zu spät.

Nachdem der Typ etliche Taxen vor mir abgeklappert hatte und mich fragte, ob ich 6 Leute nach Charlottenburg bringen könnte, war ich eigentlich noch hellauf begeistert. Ich war gerade mal seit einer Minute am Ostbahnhof aufgeschlagen, und das Alter des Protagonisten (Ü50) versprach erstmal kein großes Konfliktpotenzial.

Ich hab ihn noch vorgewarnt und gesagt, dass es aber in der letzten Reihe ziemlich eng wäre, wenn keine sehr kleinen Leute dabei wären. Das war natürlich genau so der Fall und einer hat gleich beim Einstieg zu fluchen angefangen. Da hatte ich schon längst erwähnt, dass es vielleicht sinnvoller wäre, sie würden sich gleich einen Bus kommen lassen. Aber nein.

Dann kam der Auftritt eines Kollegen, der aus Richtung des ersten Platzes am Stand vorgefahren kam. Er brüllte unvermittelt meine Fahrgäste an, dass es genug andere freie Taxen gäbe und er doch nicht als Depp der Nation eine Stunde auf Penner wie sie warten würde. Sinngemäß. Ganz ehrlich: Ich hab – insbesondere, da mein Beifahrer ja schon eine Weile nach einem Auto gesucht hatte – damit gerechnet, es wäre nur einer jener Kollegen gewesen, der sich etwas schwer damit tut, die Taxiordnung zu verstehen bezüglich des Hinten-Einsteigens.

Natürlich war er bestellt. Allerdings erwähnten meine Fahrgäste diese Kleinigkeit auch erst als wir schon lange unterwegs waren. Der Kollege gar nicht. Dabei hätte ich die Kerle gerne stehen gelassen. Ich klau doch verdammt nochmal keine Touren! Warum kam der Kollege denn nicht her und hat wenigstens – wenn er schon pissige Laune hat – mich gefragt, ob ich immer Touren klaue? Dann wäre die Sache doch geritzt gewesen. Aber wenn irgendein dahergelaufener Grasdackel anfängt, meine Kundschaft zu beleidigen, was soll ich dann machen? Einen Hauch Professionalität kann man doch erwarten, oder?

Im Nachhinein hätte ich sie gerne abgegeben. Wirklich dramatisch war eigentlich nichts an der Tour. Aber gestresst haben die wie ein Rudel besoffener Teenager. Der hinter mir beschwerte sich wie ein Kleinkind, dass es ihm zu eng sei. Da war was wahres dran, aber ich hab zu dieser Tour das zweite Mal überhaupt erst MEINEN Sitz nach vorne geschoben. Und all das nur, weil sie nicht warten wollten und die Töffel in der letzten Reihe auch zu blöd waren, ihre Quadratlatschen einzuziehen. Ich hab mich genauso wie eine Ölsardine gefühlt – mit dem Unterschied, dass ich dabei noch Pedale bedienen musste…

Aber gut. Dummerweise begann einer in der letzten Reihe ab der fünften Minute der Fahrt damit, ständig zu behaupten, ich würde einen riesigen Umweg fahren. Das war zwar alles irgendwie halbwegs ironisch gemeint, aber nach der achten Wiederholung nervt es einfach nur noch. Ich hab dann auch ziemlich rüde angemerkt, dass ich für sie gerne mal meine moralischen Grundsätze fallen lasse und einen wirklichen Umweg fahre, wenn er weiter so danach betteln sollte.

Das wurde natürlich alles runtergespielt, ich solle mich mal nicht so haben, blabla. Die ganze Fahrt über hab ich nicht von einem der sechs Besucher der grünen Woche (Bauern, dummes Klischee, aber hier halt leider treffend!) irgendwas gehört, das gehaltmäßig über eine Headline in der Bild-Zeitung rausging. Abgesehen von der permanenten direkten Beleidigung hab ich mich auch einfach intellektuell aufs Gröbste verletzt gefühlt, und das ist ein Gefühl, das echt an den Nerven zerrt.

Ihr werdet jetzt einen Satz von mir lesen, den ich so hoffentlich nie wieder artikulieren muss: Ich hoffe, dass diese Deppen mich in schlechter Erinnerung behalten und einfach nicht wiederkommen!

So, jetzt isses raus. Geht mir auch schon wieder besser und ich freue mich auf alle anderen Fahrgäste 😀

Jaja, ich Idiot…

Zugegeben: Die Astro-Bar kannte ich auch nicht.

In dem Wust an Kneipen und Bars rund um den Boxhagener Platz und die Simon-Dach-Straße finde ich das allerdings nicht schlimm. Im Gegensatz zum Kollegen vor mir hab ich mir jedoch auch für die kurze Tour die Zeit genommen, kurz Onkel Google zu befragen. Die Tour hat mit 6,40 € und 60 Cent Trinkgeld tatsächlich nicht gerade den Abend gerettet.

Dann wurde ich 200 Meter weiter herangewunken zu einer kurzen Fahrt (allerdings ohne Bitte um Kurzstrecke) zum Watergate. Diese mit 5,60 € noch kürzere Tour wurde immerhin gleich mit 2,40 € Trinkgeld belohnt.

Bevor ich weiter konnte, sind mir gleich noch ein paar Hansel ins Auto gehüpft und haben mich als Chauffeur für 9,00 € zum Weekend gewählt. Begeistert von Berlin und meinen Englischkenntnissen gab es satte 6,00 € Trinkgeld!

Dass ich auf dem weiten Bogen über die Schönhauser und die Danziger zurück zu meiner Lieblingshalte noch schnell eine Tour für 13 € machen konnte, komplettiert das Bild einer verdammt guten Stunde – selbst für einen Freitagabend.

Aber ich weiß, was bin ich doch für ein Idiot, dass ich diese „Kunden“ überhaupt fahre, die diese unsagbar kurzen Strecken fahren wollen, obwohl sie doch eigentlich die zwei Kilometer auch laufen könnten…

Kleinigkeiten nebenbei:

Morgen Abend entscheide ich drüben bei Facebook, wer mal mein Buch probelesen darf – und wer sonst noch was zu lesen sucht: Im Taxihaus-Blog gibt es auch einen neuen Eintrag.

Noch lange?

„Und? Müssen sie noch lange?“

„Wie man es nimmt. Aber ich bin schon noch bis um 7 Uhr unterwegs.“

“ Och! Das ist aber schon ganz schön lange, da müssen sie doch auch mal müde sein.“

„Wann sind sie denn aufgestanden?“

„Na um 5 Uhr wie immer!“

„Sehen sie, da bin ich erst ins Bett. Ich bin um 16 Uhr aufgestanden.“

„Dann, dann arbeiten sie nur nachts?“

„Ja.“

„Also ich, ich würde ja, also nicht, oder doch. Das ist hart!“

„Hat alles Vor- und Nachteile.“

„Ja. Nein, aber sie tun mir echt leid!“

Wenn er das wenigstens mit einem angemessenen Trinkgeld ausgeglichen hätte…

OK, so schlimm finde ich es nicht, nachts zu arbeiten, aber wenn jemand schon so besorgt ist…

Die Frage, ob ich noch lange müsste, ist übrigens inzwischen die wohl verbreitetste Frage der Fahrgäste überhaupt. Weder der klischeehafte Einstieg mit der Frage danach, ob es gut läuft, noch das sinnlose „Sind sie frei?“ am Taxistand können da mithalten.

Schriftliche Ansagen

Als er mir ins Auto sprang, war uns beiden schnell klar, dass das keine Fahrt mit viel Dialog werden würde. Er sprach so gut Deutsch wie ich Italienisch. Immerhin konnte er Englisch so gut, wie ich Spanisch. Mein Spanisch beschränkt sich darauf, mir 2 Bier bestellen zu können, in Italien würde ich sogar verdursten. Viel Übereinstimmung herrschte also nicht…

Doch: Gefahr erkannt – Gefahr gebannt! Dachte er sich zumindest und verlangte mit Händen und Füßen ein Blatt Papier. Ich hab ihm mein kleines Büchlein gereicht. Daraufhin stand dort folgendes:

Aha. Sie sind Ägypter! Quelle: Sash

 Sicher könnte ich jetzt bemängeln, dass Chalotenborg höchstens eine außerirdische Lebensform, aber kein Stadtteil sein kann – mache ich aber nicht. Ich hab schon schlimmere Ansagen gehört und krudere Texte gelesen.

Die Hausnummer konnte er übrigens ebenso wenig entziffern wie ich, denn er wusste sie schlicht nicht. Als Hinweis sollte mir „Supermarkt“ dienen. Ein paar Straßen kenne ich gut genug, um mit sowas etwas anfangen zu können. Die Schillerstraße gehört nicht dazu. Ich weiß, wo sie liegt, ich kann mir etwa vorstellen, nach wem sie benannt ist und ich habe mich über die lange Tour von Ostberlin aus gefreut. Damit hatte es sich allerdings auch schon.

Gut, das mit der Hausnummer ist kein riesiges Problem, da man sie in Ost-West-Richtung ohnehin einmal durchfährt. Nun hatte er allerdings kurz vor dem Ziel ganz andere Ideen als ich und lotste mich auf einem unsagbar kruden Weg in die Schillerstraße. Ich hätte ihn dabei gerne unterbrochen, allein mir war es der Sprache wegen nicht wirklich möglich. Andererseits fand ich es auch schön, mich nicht zwischen der Hardenberg- und der Kantstraße entscheiden zu müssen. Wir sind einfach beiden gefolgt… 😉

Am Ende noch eine Prise Verzweiflung und Verstrahlung auf seiner Seite, weil er sich plötzlich total unsicher fühlte – und fertig war die anstrengende Tour.  Trinkgeld gab es natürlich nicht einmal die 20 Cent zum nächsten ganzen Euro, dafür aber locker 2 € mehr Umsatz als nötig. Belassen wir es dabei!