Ungewollte Stammkundschaft

Es gibt Vorteile und Nachteile daran, oft die gleiche Halte aufzusuchen. Ich beispielsweise fahre gerne an den Ostbahnhof, weil ich dort immer wieder ein paar Kollegen aus meiner Firma treffe, es Nachts einfach recht locker zugeht bezüglich Aufrücken, Hinten-Einsteigen-Lassen und natürlich, weil es die Umgebung ist, in der ich mich am besten auskenne.

Als Nachteil weiß ich zu benennen, dass man natürlich weniger in der Stadt rumkommt und oftmals das gleiche Publikum hat. Sicher, gewisse Stammkundschaft will man gar nicht missen. Bei anderen… naja. Ich lasse mir beizeiten mal einen netten Satz dazu einfallen.

Als der Kunde an mein Taxi herantrat, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich ihn kenne. Ich hab es ja nicht so groß mit Gesichtern. Völlig gesichtsblind bin ich zwar nicht, aber Tendenzen dazu habe ich sicher. Manchmal erkenne ich Fahrgäste kaum wieder, nachdem sie nur mal eben kurz in einen Spätkauf unterwegs gehuscht sind. Aber gut, genug von meinen Behinderungen, auf zu denen des Fahrgastes.

Er ist ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn und arbeitet dort im Speisewagen. Ich hatte ihn bisher dato zwei-, jetzt dreimal im Auto. Im Grunde ist er ein ganz passabler Fahrgast. Die Fahrt geht nach Mitte, dieses Mal habe ich ihn prompt am Straßennamen erkannt. Er hat keine besonderen Routenwünsche, weiß meine Arbeit zu schätzen und gibt wenigstens ein Bisschen Trinkgeld. Soweit, so gut.

Das Problem ist: Er ist nicht nur um einiges redseliger als ich, er muss sich auch noch die ganze Fahrt über auskotzen. Jedes Mal. Am liebsten sind ihm die Eskapaden seiner weiblichen Kollegen, die er aber immer so geschickt formuliert, dass ich ihm einfach nicht mit Bestimmtheit Sexismus unterstellen kann. Er echauffiert sich dann die ganze Strecke darüber, wie blöd seine Kollegen und Kolleginnen sind, dass sie zu langsam arbeiten, es nicht blicken, wenn sie ihn in Ruhe lassen sollen (sic!) und überhaupt macht ja jeder alles falsch, außer ihm.

Es ist nicht so, dass ich solche Gedanken nicht auch manchmal hätte, aber seine Ausführungen über Aushilfen, die die Gläser nicht schnell genug herausholen sind jedes Mal aufs Neue sehr ermüdend. Bisher hatte ich wirklich noch keine Chance, irgendwann mal ein paar sinnvolle und beschwichtigende Worte einzustreuen. Er redet vom Einstieg bis zum Ausstieg ununterbrochen und lässt höchstens mal einen Platz für ein zustimmendes Ja. Ich glaube, das nächste Mal schlage ich ihm vor, er soll sich einen neuen Job suchen. Das Elend kann man sich ja nicht mit ansehen anhören.

12 Kommentare bis “Ungewollte Stammkundschaft”

  1. Du verstehst da was falsch. Was du und ich mit unseren Blogs machen, das macht er bei dir im Taxi. Er sucht einen neutralen Außenstehenden, wo er sich eben mal gepflegt auskotzen kann. Nicht jeder ist leider in der Lage, das so geschickt zu machen, dass andere Menschen das noch angenehm finden. Und bei seinen Freunden kann er es eben nicht mehr tun, weil die ihm bereits mehrmals das geraten haben, was du ihm raten möchtest.

  2. Ana sagt:

    Der Vorteil eines Taxis gegenüber dem Psychologen ist eben, dass nicht in kompletten Stunden abgerechnet wird. Der Kerl ist einfach gewieft.

  3. Falcon030 sagt:

    So ein Blog wäre aber auch arg langweilig, würde jeden Tag nichts anderes als Klagen über unfähige Kollegen drinstehen.
    Aber der gute Mann könnte natürlich auch ein echtes Tagebuch schreiben – da kann er dann seinen ganzen Frust ablassen und belästigt keinen unbeteiligten Außenstehenden.
    Damit wäre dann jedem geholfen.

  4. anonym sagt:

    Ja, Leute, die viel reden, können eine dauerhafte Plage sein. Weil das auch oft Leute sind, die wenig eigene Ideen haben und demzufolge immer bloß ein oder wenige Themen zur Verfügung haben. Ob hier in diesem konkreten Fall der Berufswechsel was nützen würde, darf man wohl bezweifeln … Charakterfehler behält man ja auch beim Jobwechsel.

  5. anonym sagt:

    Kleine Anmerkung zum Text: Früher gehörten ja Leute, die im Speisewagen arbeiteten, zur Mitropa oder zur DSG. Das mag heute vielleicht anders sein. Ich weiß es nicht.

  6. Wolfy sagt:

    @Maskierte:

    Das liest sich ja so, als würdest du ihn kennen – auch wenn du irgendwo aus Torsten-Ecke-mit-doofen-Namen (Paderdings da) kommst 😀

    @Sash:

    Huff das kenne ich. Bei mir meckern die Omis und Opis auch immer über alles. Über die Stadt, die Straße, das Wetter, das der Doktor zu schnell erzählt, das es blöd ist, wenn der Körper versagt, über ehemalige Arbeitskollegen, etc. pp.
    Ist nur die Frage: erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer „Tratschtante“ beim Taxi auch, wenn viel zu tun ist? Also nicht von 0 auf 1 sondern von wenige auf alle?
    Bei uns in der Praxis ist es das jedenfalls: wenn sie schon nicht mehr ins Wartezimmer passen, wollen alle noch ne halbe Stunde nach Behandlung blubbern (und beschweren sich dann bei einer anderen Med. Fachangestellten in einer anderen Praxis darüber, dass die Mitarbeiter bei Wolfs sich ja GAR keine Zeit nehmen… :D)

  7. Rainer Hohn sagt:

    schlag ihm doch vor das du ihm ein blog bastelst in dem er sich auskotzen kann. wäre sicher die ein oder andere lustige geschichte auch dabei 😉

  8. @Wolfy

    Ich habe sehr viel mit Menschen zu tun und muss aus vielen Gründen ihre Verhaltensweisen sehr genau analysieren. Und dieser Typus Mensch, den Sash da schildert, der ist so klassisch, dass er schon die berühmte regelbestätigende Ausnahme sein müsste.

    Und übrigens komme ich aus der Ecke der Stadt, die es nicht gibt. Paderdingsda ist allerdings in Autonähe. 😉

  9. malenki sagt:

    zu „gesichtsblind“: wenn ich nachts fahre, sehe ich nur wenig von den Leuten. Die Huschen vom dunklen Draußen ins dunkle Taxi; wenn sie angekommen sind, wieder ins dunkle Draußen.
    Die zehn Sekunden Innenraumbeleuchtung beim Bezahlen nutze ich lieber, um auf die (Geld)Noten zu schauen als den Leuten ins Gesicht.
    Resultat: geringer Wiedererkennungswert.

    Zum Topic: sieh es positiv: Andere gehen zum Büßen ins Kloster, du bekommst es frei Haus. 🙂

  10. Bernd K. sagt:

    @ Der Maskierte
    Stadt, die es nicht gibt: Ich war noch nie in dieser Gegend, aber tippe mal auf Sennestadt (?)
    regelbestätigende Ausnahme: ich glaube nicht, dass diese Menschen eine so große Ausnahme sind, schätze sie auf einen Bevölkerungsanteil von mind. 10 %. Mit steigender Tendenz in höherem Alter. Sind die in deinem Job wirklich so selten?

    @malenki: Wofür soll Sash denn büßen, für seine Berufswahl? 😉

  11. Sash sagt:

    @anonym:
    Ob er jetzt genau bei der Bahn angestellt ist, weiß ich auch nicht sicher, spielt eigentlich ja auch keine Rolle.

    @Wolfy:
    Naja, meistens dauert die Fahrt ja eh ihre Zeit. Dass die Leute dann draußen noch mit einem quatschen ist schon eher selten, da kann ich keine guten statistischen Daten liefern 😉

  12. highwayfloh sagt:

    Wie wärs mit dem zum allgemeinen „Kulturgut“ zählenden Spruch als Antwort: „Was Du nicht willst, das mann Dir tu … das füg‘ auch keinem anderem zu!“ als Antwort?

    Noch dazu mit dem Nachsatz: „Du nervst mich auch hin und wieder – mit Verlaub!“

    Der überlegt das nächste mal sehr wohl wie er sich verhält, da bin ich mir verdammt sicher!

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