Kofferraum Taxi

Es gibt so ganz ausgezeichnete WTF-Momente im Leben. Mein bester seit langem wartete am Abstellplatz auf mich. Ich hatte gerade eine eher mäßige halbe Schicht beendet, war aber froh um den Feierabend. Ich hab die Schichtabschreiber ausgefüllt, mein Zeug bereits übersichtlich auf den Beifahrersitz gestapelt und mich letztlich vom Taxameter abgemeldet.

Von diesem Punkt an trennen mich nur noch Sekunden vom In-die-Bahn-springen. Alles was ich dann noch zu tun habe, ist zum Kofferraum zu gehen, meine Leinentasche herauszuholen, das Zeug vom Beifahrersitz dort hinein zu verfrachten und im Weglaufen das Auto abzuschließen. So sollte es sein.

An diesem Abend ging ich zum Kofferraum, öffnete ihn und sah, dass dort ein Koffer liegt.

Für einen Moment habe ich überlegt, ob ich heute vielleicht dummerweise mit dem Koffer zur Arbeit bin, dann ist mir aber schnell wieder eingefallen, dass ich gar keinen Koffer besitze.

„Bis zu diesem Moment.“

dachte ich so bei mir. Nein! Hab ich natürlich nicht wirklich. In diesem Moment hab ich mir nur eines gedacht:

„FUCK!“

Irgendein Fahrgast vermisste also seinen Koffer. Ich war gerade dabei, darüber nachzudenken, welcher der 8 Kunden Gepäck hatte, aber ohne wieder gegangen ist. In diesem Moment kam es zum absoluten Höhepunkt, denn eine junge Frau trat an mich heran und fragte nach, ob ich sie vielleicht noch kurz nach Marzahn bringen könnte. Ich würde zu sowas niemals nein sagen, aber in diesem Moment habe ich es getan. Zwischen dem Überlegen, was ich mit dem Koffer mache und der Tatsache, dass meine Bahn in 5 Minuten fährt, passte irgendwie kein Fahrgast mehr in mein Hirn…

Polizei? Fundamt? Eigenrecherche? Was sollte ich machen? Ich wusste ja gar nix. Vielleicht bin ich ja wirklich in einem Moment geistiger Umnachtung davongerast, als der Fahrgast an den Kofferraum wollte. Vielleicht war ich ja bereits zur Fahndung ausgeschrieben!? Andererseits war es weit nach Mitternacht. Selbst wenn ich den Inhaber des Koffers noch aufgefunden hätte: Spätestens bei meinem Aufkreuzen wäre er nicht mehr erfreut gewesen 🙂

Die verbleibenden Minuten bis zur Bahn habe ich also genutzt, um einen Blick in das Gepäckstück zu werfen. Ein paar Klamotten, Zahnbürste, das übliche Reisegepäck und etwas, dessen Entdeckung der Inhaber am nächsten Abend mit den Worten

„Ich dachte mir: Wenn er das findet, dann wäre er echt clever!“

quittiert hat: Ein Namensschildchen von einer Tagung inklusive zugehörigem Lehrinstitut. Bingo! Während der Bahnfahrt habe ich festgestellt, dass es genügt, einfach alle Daten vom Schildchen bei Google einzugeben, um auf einer Seite zu landen, auf der sich sowohl eine geschäftliche Telefonnummer als auch eine Mailadresse befinden. Also bin ich etwas beruhigter nach Hause, hab meinen Bildschirm angeschaltet, eine Mail mit drei Entschuldigungen, einem Vorschlag zu einem abendlichen Treffen und der frohen Nachricht geschrieben und bin ins Bett gegangen.

Der Rest ist so unspektakulär, wie sowas in Zeiten des Internets nur sein kann. Als ich aufwachte, fand ich eine Antwortmail von einem überglücklichen Fahrgast im Postfach und als erste Amtshandlung der nächsten Schicht bin ich kurz zu ihm gegurkt und hab ihm den Koffer in die Hand gedrückt. Ein bisschen schäme ich mich dafür, einen Fünfer als Dank angenommen zu haben, weil ich die Schuld ebenso bei mir verorte, aber letztlich ging alles gut. Die Bilanz der Geschichte sind eine halbe Stunde Panik und 5 € Minus auf seiner Seite. Auf meiner sind es 5 Minuten Panik, etwas Schlepperei und 8 Kilometer Anfahrt.

Wir haben es beide sportlich genommen und ich bin künftig etwas sparsamer mit blöden Sprüchen. Mein Lieblingsspruch zum Ausladen von Gepäck ist nämlich eigentlich:

„Na, dann wollen wir mal noch das Gepäck befreien. Ist immer ein blödes Ende für eine Reise, wenn der Taxifahrer mit dem Koffer abhaut…“

9 Kommentare bis “Kofferraum Taxi”

  1. Ralf sagt:

    Ein Hoch auf google und das Internet…

    … und natürlich auf Detektiv Sash.

    🙂

  2. Daniel sagt:

    Glückwunsch zur erfolgreichen Recherche. Und wenn sich der Blog irgendwann mal nach Costa Rica verlagert, lag wohl ein wohl gefüllter Schwarzgeldkoffer im Taxi… ohne Namensschild 🙂

  3. Nessa sagt:

    Wobei mich jetzt noch interessieren würde, hat der Fahrgast den Koffer jetzt schlicht vergessen, oder bist ihm wirklich vor der Nase davon gebraust, als er an den Kofferraum wollte?
    Aber bei beidem erschließt sich mir nicht ganz, warum er nicht einfach bei euch in der Zentrale angerufen hat?
    Aber im Endeffekt zählt ja nur: „Ende gut – alles gut“ 😉 😉 😉

  4. Der 5er ist eben Ehrensache. Man ist ja nicht miteinander befreundet und kann sich dann so eines Tages mit Muskelkraft oder ähnlichem revanchieren.

  5. anonym sagt:

    Wichtig ist natürlich, daß alles ein glückliches Ende fand. Wobei sich wieder zeigt, daß es doch nicht so blöd ist, wenn man außen am Koffer Namensschildchen hat (deren Schriftseite im Normalfall ruhig verdeckt sein kann).
    Aber verstanden habe ich auch nicht, wie es ursprünglich zu der Panne kam.

  6. alex sagt:

    und-wie war es denn jetzt dazu gekommen? bist du zu schnell weggefahren oder hat der gast seinen koffer schlicht vergessen?

  7. Sash sagt:

    @all:
    Passiert ist das Ganze total klassisch: Wir haben schlicht beide nicht daran gedacht, dass er Gepäck hatte. Er selbst hat es auch erst am nächsten Morgen bemerkt…

    @Daniel:
    Wenn, dann flüchte ich nach Uruguay 😀

    @Nessa:
    Das hätte er schon getan, aber er hatte keine Nummer von mir. Da ich seinen Namen so gefunden habe, hätte ich mich da auch nicht gemeldet. Normalerweise gehen die Fundsachenhinweise zwar an meinen Chef (der dann auch die Zentrale informiert) und vor allem ans Fundbüro. Zu letztem sind wir rechtlich verpflichtet, ersteres gibt eigentlich nur Sinn, wenn der Kunde eine Quittung bekommen hat – sonst ist ja nichtmal klar, welche Zentrale er anrufen sollte…

  8. […] einen kleiderschrankgroßen Koffer bis Feierabend spazieren gefahren hatte, ohne dies zu bemerken. (Sowas soll anderen Kollegen auch schon passiert sein […]

  9. […] überlege ja seit meinem Zwischenfall mit dem Koffer in meinem Taxi immer öfter darüber nach, ob der Spruch mit dem mitgenommenen Gepäck nicht irgendwie doch albern […]

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