Abgefuckt!

Eine Truppe Partygänger, allesamt alkoholisiert. Zu einem gewissen Grad auch stressig. Wie so viele wollten sie „gute Musik“ und kein Radiosender spielte die. Das hätte ich auch vorher sagen können 😉

Naja, ich war also die ganze Tour neben dem Fahren auch am Suchen nach einem Sender. Und wenn dann einer gefunden war, maulte irgendein einzelner rum, dass ihm das jetzt aber gar nicht passen würde.

Also anstrengend, ja. Aber als Taxifahrer mit Nerven aus Drahtseilen und einer Gutmütigkeit, die noch Mahatma Gandhi in den Wahnsinn getrieben hätte, hab ich sie ganz brav ans Ziel gebracht. Da haben es die Kollegen leichter, die einen gleich rausschmeißen, wenn man was gegen die Musik im Radio sagt, keine Frage. Aber wie üblich war das Ende schön:

„Was kriegste?“

„11,20 €.“

„Na, machste mal 15 – für die abgefuckte Fahrt.“

Der Fluch des Zinses

Jetzt hab ich neulich erst eingestanden, dass ich es bisher nicht geschafft hab, mein brasilianisches Geld loszuwerden, also umzutauschen. Aber gut, alles kein Drama. Und als ich nun in meinem Portemonnaie herumwühlte, fand ich das hier:

25 Centavos aus Brasilien: Zeugnis spontaner Geldvermehrung? Quelle: Sash

Anstatt das brasilianische Geld loszuwerden, wird es also immer mehr. Na super! Machen die Scheinchen im Geldbeutel unanständige Dinge und nach langer Zeit kommen dann Münzen dabei raus – oder wie? 😉

Das wirklich lustige daran ist, dass ich diese Münze definitiv nicht von der Familie aus dem oben verlinkten Artikel bekommen haben kann, sondern sie erst später bei mir landete. Ein wirkliches Drama sehe ich da allerdings auch nicht drin. Sicher, wahrscheinlich ist das Ding irgendwann mal statt einem 50ct-Stück oder einer Euro-Münze bei mir im Geldbeutel gelandet, aber der Verlust durch falsch erkannte Münzen hält sich bei mir doch stark in Grenzen. Waren bislang drei Fälle mit einem Gesamtschaden von um die 4 €. In dreieinhalb Jahren Taxifahren. Falls es vorsätzlich war, war es nicht nett – aber ansonsten passiert sowas halt mal. Im Gegenzug haben die Kunden im Laufe der Zeit sicher schon über 50 € bei mir im Auto verloren …

Selektive Wahrnehmung

Die Kundin stand schon eine ganze Weile am Ostbahnhof am Taxistand rum. Sie telefonierte, checkte dies und machte das, am Ende habe ich nicht mehr erwartet, dass sie ein Taxi braucht. Manche kommen ja auch nur zum Rauchen vor das Bahnhofsgebäude und verschwinden nach einiger Zeit wieder darin. Aber jetzt hab ich schon Kundin geschrieben, was den Überraschungseffekt natürlich etwas mindert, wenn ich sage, dass sie dann zu mir ans Taxi kam.

Würde meine bessere Hälfte mich fragen, so würde ich sagen, dass sie nicht mein Typ war, alle anderen dürfen sie sich aber gerne als  Klischeebild einer attraktiven Frau vorstellen. Glücklicherweise stellte sie sich umgehend als sehr sympathische Person heraus, eine eloquente und gebildete Frau um die 30, die aus den Niederlanden kam und mich in perfektem Deutsch fragte, ob ich sie zur Adresse ihrer inzwischen in Deutschland wohnhaften Kumpels bringen könnte. In die Stralauer Allee. Keine sonderlich lukrative Tour, aber so ist das Leben.

Wir fuhren an der East Side Gallery entlang und bei der für die O2-World in die Mauer geschlagenen Lücke meinte sie:

„Oh, ist das hier der Fluss, die Sprih? Ich bin mir nicht sicher, wie man das ausspricht.“

„Die Spree? Ja, das ist sie.“

„Oh, Spree heißt das. Danke.“

Keine zwei Minuten später waren wir am Ziel und sie fragte:

„Welcher Stadtteil ist das hier?“

„Das ist noch Friedrichshain.“

„Ist das Ost- oder Westberlin?“

„Es war Ostberlin, aber – wir sind ja gerade an der Mauer entlanggefahren – nicht sehr weit im Osten.“

„Die Mauer? Echt, wir sind an der Mauer vorbeigefahren?“

1,3 km Mauer. Die nur 40 Meter Loch in dieser Mauer haben gereicht, dass sie den Fluss erkennt … das ist beachtliche Verdrängung! 🙂

Sucherei

Ich musste unwillkürlich an das Sprichwort mit dem Hund und der Pfanne denken, als ich die beiden Winker sah. Schon wieder welche! Die Nacht lief super und jeder weitere Winker sollte daran natürlich einen Anteil haben.

Die beiden Jungs, vielleicht 20 Jahre alt und mit einer Hautfarbe gesegnet, die man als latent rassistischer Spitzenpolitiker in einem EU-Land als „gut gebräunt“ bezeichnen könnte, blickten mich etwas ratlos an, waren dann aber zumindest froh, dass wir uns gut auf Englisch unterhalten konnten. Sie wollten in einen „It-Club“ – der natürlich keine Adresse hatte. Kaum drei Minuten später haben wir uns immerhin auf eine Schreibweise einigen können: AET-Club, oder nur AET. Aber ganz sicher AET. Kommunikationsfail ausgeschlossen dank Buchstabeneingabe im Navi.

Der sagte mir gar nichts.
Der sagte dem Robertha gar nichts.
Und, das vielleicht bedenklichste – er sagte auch Google nach einer kurzen und dank Smartphone eingeschränkten Suche gar nichts.

Ob diese Fahrt zustande kommen würde, war also höchst unklar. Denn ich will das einfach nicht mehr machen: dieses suchende Herumkurven mit ungewisser Ankunft. Am Ende besteht immer die Gefahr, dass man als Taxifahrer natürlich schuld ist. Ob am nicht gefundenen Club oder einfach nur am hohen Preis bis dorthin. Und wenn Ortskunde, Robertha und Google nicht helfen können, dann muss man auch mal zugeben, dass es eine reichlich schwierige Adresse ist.

Mein neugewonnener Möchtegern-Kunde vertröstete mich kurz und begann damit, gefühlt das komplette Adressbuch durchzutelefonieren. Und nach meiner Schätzung hatte sein Handy 64 GB Speicherplatz. Nur fürs Adressbuch.

Die meisten Telefonate freilich kamen gar nicht zustande, da es fast vier Uhr morgens war und er offenbar einige Kumpels mit vernünftigen Schlafenszeiten hatte. Ein paar Wortfetzen wechselten allerdings dann doch den Besitzer und so bekam ich als Ansage den Alexanderplatz. Zum einen nicht gerade eine bombige Tour von der Friedrichstraße aus, zum anderen für meinen Geschmack immer noch ein bisschen grob. Der Alexanderplatz ist schon in der Ortskundeprüfung ein Ungetüm, aber im Wissen, dass manche Berliner den Alex gedanklich vom Schloßplatz bis zum Volkspark Friedrichshain und vom Straußberger Platz bis zur Jannowitzbrücke verorten, war meine Sorge übers Auffinden eines Clubs immer noch präsent. Gut, im eben genannten Gebiet wäre mir zwar eine Handvoll eingefallen, aber eben keiner mit dem gewünschten Namen.

Aber mir wurde versichert, dass man den Platz erkennen würde, wenn wir am Alex wären. Also Uhr an und los. Jetzt hatte ich so viel Zeit mit den beiden Jungs rumdiskutiert, jetzt wollte ich die Tour auch machen!

Kaum dass wir auf Unter den Linden angekommen waren, eröffnete ein weiteres Telefonat als Adresse dann die Rosmarinstraße (die mir dank einer anderen Fahrt dauerhaft im Gedächtnis geblieben ist). OK? Das war nun wirklich irrwitzig, da das – noch dazu Ecke Friedrichstraße – kaum 300 Meter Luftlinie vom Startpunkt entfernt gewesen wäre. Und wir inzwischen gut 12 Minuten miteinander zugebracht hatten …

Aber – ein bisschen hab ich mich ja sogar darüber gefreut – dank der perversen Sperrungen dort sind wir auf einem mehr als nur abenteuerlichen Weg letztlich am Club gelandet:


Größere Kartenansicht

(Am Ende stimmt die Route übrigens nicht ganz, denn ich habe durchaus an der Ecke Friedrichstraße/Behrenstraße das Angebot gemacht, sie sollten die paar Meter laufen. Aber den Weg über die Behren- in die Charlottenstraße wollte Google Maps mir gerade nicht erlauben.)

Was kaum zu glauben, dafür umso schöner war: Die beiden zeigten mir sichtbar stolz den Clubeingang und bezahlten die inzwischen aufgelaufenen 8,40 € trotz des Trubels und des Irrsinns der Fahrt mit glatten 10 €. Ich war trotzdem froh, dass die nächsten Winker mich für sogar etwas mehr Geld nicht einmal die Hälfte der Zeit gekostet haben. Aber wie sagt man so schön: Ende gut, alles gut! 🙂

Redselige Kundschaft

Gequasselt wird ja viel im Taxi. Dieser Fahrgast jedoch hat es geschafft, mir ganze drei Minuten Gespräch unterzujubeln, bevor wir überhaupt losgefahren sind. Bevor er nämlich einen Zielort benannt hat, hat er erstmal erzählen müssen, dass er sein Handy, vermutlich, vielleicht, im Taxi hat liegen lassen und wollte nun von mir…

Eigentlich wollte er nur reden. Denn die Nummern der Funkzentralen und den Hinweis aufs Fundamt hatte ihm ein anderer Kollege bereits gegeben. Er wollte es einfach nochmal erzählen. Zwischen den Zeilen keimte bei mir bereits die Hoffnung auf, ihn zu seinem Hotel bis nach Siemensstadt fahren zu können, das wäre das Warten auf jeden Fall wert gewesen. Am Ende aber wollte er nur, naja:

„Dann bring mich mal zu dem Turm!“

„Zu welchem Turm?“

„Ach ja richtig, gibt ja ein paar Türme hier! Da zum, dem am Alex …“

„Zum Fernsehturm?“

„Ja, genau!“

Ob ich ihn direkt zum Turm oder doch zum Alex bringen sollte, beschäftigte ihn dann die ganze Fahrt über, am Ende hab ich ihn doch am Platz rausgelassen. Magere 6,80 € hatte ich auf der Uhr – aber wenigstens einen typisch klischeemäßigen gesprächigen Rentner im Wagen. Da sollte das mit dem Trinkgeld wenigstens …

Denkste.

„Machste sieben!“

Immerhin hatte ich nicht lange gewartet auf die Fahrt.

Die Geschmäcker sind verschieden …

Das jedenfalls konnte man aus der Tour lernen. Mami hatte Hunger und wollte zu einem Lokal in Prenzl’berg. Papi wollte nach der Reise lieber gleich nach Hause. Und Söhnchen? Der hat lautstark geflennt, weil niemand mit ihm Sushi essen gehen wollte …
Und ich meine das ehrlich: Der war vielleicht 5 Jahre alt, hat die Bude aber so nach Sushi zusammengeschrieen, dass ich das von anderen Kindern nicht mal bei Süßigkeiten kenne. Am Ende sind Mami und Papi eingeknickt und mit mieser Laune zum Japaner gegurkt. Der hatte nun aber dummerweise zu.

Da haben sie dann beschlossen, dass sie sich zu Fuß nach was essbarem umsehen. Und den quengelnden Jungen war ich damit auch los. So – und ich verwende ganz bewusst den Terminus meiner alten Heimat – schleckig war ich als Kind sicher nicht! Also nicht so ganz, ein bisschen vielleicht, aber nicht … 😉

Lesertour

Lange keinen von euch mehr im Auto gehabt? Nee, erst Mittwoch wieder. Florian, seines Zeichens treuer Stammleser seit geraumer Zeit, hat es geschafft, mit mir einen Termin zu finden, obwohl er nur kurz in Berlin war. War ein riesiges Durcheinander, weil bei sich bei mir mit freien Tagen, krankem Tagfahrer und allerlei sonstigem Wirrwarr, den ich mein Leben nenne, ständig was geändert hat. Aber am Ende hab ich ihn und seine Begleitung dann doch wie ganz ursprünglich angedacht nach einem Musicalbesuch zu einem Restaurant gefahren. Anbei ist folgendes Foto entstanden, zu dem ich anmerken muss, dass Aliens mir zufällig genau am Mittwoch meine Frisur entführt hatten. Aber es deswegen nicht zu zeigen, wäre ja auch doof …

1925 mit Frontbesatzung, Quelle: Bislang den Namen nicht genannt habende Begleiterin

War eine angenehme und leider viel zu kurze Tour und ich werde abstreiten, dass ich irgendeine Ahnung hab, wie das Auto dort ins Halteverbot gekommen ist …

Und wenn ich die Aliens erwische, is eh Sense! 🙂