Selektive Wahrnehmung

Die Kundin stand schon eine ganze Weile am Ostbahnhof am Taxistand rum. Sie telefonierte, checkte dies und machte das, am Ende habe ich nicht mehr erwartet, dass sie ein Taxi braucht. Manche kommen ja auch nur zum Rauchen vor das Bahnhofsgebäude und verschwinden nach einiger Zeit wieder darin. Aber jetzt hab ich schon Kundin geschrieben, was den Überraschungseffekt natürlich etwas mindert, wenn ich sage, dass sie dann zu mir ans Taxi kam.

Würde meine bessere Hälfte mich fragen, so würde ich sagen, dass sie nicht mein Typ war, alle anderen dürfen sie sich aber gerne als  Klischeebild einer attraktiven Frau vorstellen. Glücklicherweise stellte sie sich umgehend als sehr sympathische Person heraus, eine eloquente und gebildete Frau um die 30, die aus den Niederlanden kam und mich in perfektem Deutsch fragte, ob ich sie zur Adresse ihrer inzwischen in Deutschland wohnhaften Kumpels bringen könnte. In die Stralauer Allee. Keine sonderlich lukrative Tour, aber so ist das Leben.

Wir fuhren an der East Side Gallery entlang und bei der für die O2-World in die Mauer geschlagenen Lücke meinte sie:

„Oh, ist das hier der Fluss, die Sprih? Ich bin mir nicht sicher, wie man das ausspricht.“

„Die Spree? Ja, das ist sie.“

„Oh, Spree heißt das. Danke.“

Keine zwei Minuten später waren wir am Ziel und sie fragte:

„Welcher Stadtteil ist das hier?“

„Das ist noch Friedrichshain.“

„Ist das Ost- oder Westberlin?“

„Es war Ostberlin, aber – wir sind ja gerade an der Mauer entlanggefahren – nicht sehr weit im Osten.“

„Die Mauer? Echt, wir sind an der Mauer vorbeigefahren?“

1,3 km Mauer. Die nur 40 Meter Loch in dieser Mauer haben gereicht, dass sie den Fluss erkennt … das ist beachtliche Verdrängung! 🙂

7 Kommentare bis “Selektive Wahrnehmung”

  1. elder taxidriver sagt:

    Ja, vor Gericht, als Zeugin, hätte sie womöglich gesagt ‚da war keine Mauer, nur die Sprih‘. Und ein schönes Beispiel mit
    der Wahrnehmung ist von Virginia Woolf, aus ihrem Roman ‚Die Wellen‘:

    ‚Es braucht bloß ein Mann aufzustehn und zu sagen: ‚Seht, dies ist die Wahrheit‘, und sogleich gewahre
    ich eine sandfarbene Katze die irgendwo im Hintergrund ein Stück Fisch stibitzt. ‚Sehn Sie nur, Sie haben die
    Katze vergessen‘, sage ich‘.

    P.S:: Wenn ich bei Holländern, Münzen rausgeben musste und keinen Beatrix-Euro gefunden
    habe, hab ich mich immer entschuldigt..

  2. Das ist wirklich eine starke Verdrängungsleistung….
    Ich dachte immer das würde nur mein Göttergatte mit der Wohnungsordnung in dem Maße schaffen.

  3. Der Banker sagt:

    @zartbitter,
    nee, das schaffen meine Kunden auch. In einem Maße, dass es für mich schon normal und sogar amüsant ist.

  4. Lanchid sagt:

    Habt ihr in Berlin denn keine anderen Mauern? ;.)
    Ich glaube in anderen Städten kann es in bestimmten Gegenden auch passieren, dass man an (durchschnittlich) 2x 615m Mauer vorbeifährt, von daher kann ich mir schon vorstellen, dass man manche Leute darauf hinweisen muss, dass man gerade an DER Mauer vorbeifährt…
    Flüsse gibt es dagegen selten mehr als ein oder zwei in einer Stadt (zumindest Flüsse, die man auch mit der Stadt in Verbindung bringt^^), also wird man „Fluss in Berlin“ auf jeden Fall sehr schnell mit „Spree“ assoziieren…

  5. Taxi 123 sagt:

    Ohne Scheinwerfer, Wachposten u.ä. sieht det Dingens ja auch nach nix aus.

  6. opatios sagt:

    Ach was, so ne Mauer kann ja überall stehen, ich hab jahrelang in der Nähe einer großen Chemiefabrik gewohnt und da war auch so ne Mauer drumrum, konnte man Kilometer dran langfahren…

    Aber wo in Berlin ist denn noch so richtig „Mauer“ stehengeblieben, wenn nicht dort? Auch wenns „nur“ Hinterlandmauer ist.

  7. Sash sagt:

    @elder taxidriver:
    Die Wahrnehmung – und gerade die Selektion dabei – ist ein interessantes Thema. Es wird einem nur selten in so einem Alltagsfall vor Augen geführt 🙂

    @zartbitterdenken:
    In der Wohnung ist sowas ja auch oft nötig … 😉

    @Lanchid:
    Das stimmt. Aber zum einen ist „die“ Mauer schon recht auffälig (schon dank der 100 Gemälde darauf), zum anderen erwarten die meisten Touristen ja im Gegenzug überall auf die Mauer zu stoßen. Da fällt sowas eben auf.

    @Taxi 123:
    Ja gut, nach Grenzanlage sieht es nicht mehr aus, das stimmt.

    @opatios:
    Eben. Ein besseres Stück findet man ja kaum in der Innenstadt. Aber da haben viele sicher auch zu hohe Erwartungen.

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