Musste ja sein …

Die Oberbaumbrücke ist derzeit in Richtung Kreuzberg gesperrt. Das bedeutet für einige Touren einen Umweg – wobei das sich meist in relativ engen Grenzen hält. Es kann ja naturgemäß nur bei Adressen schlimm sein, die relativ Nahe an der Brücke liegen – die beiden nächsten Brücken, die Elsen- und die Schillingbrücke sind ja jeweils nur rund 1,5 km entfernt.

Aber es kam, wie es kommen musste: Ich bekam eine Tour, die fast nur aus der Oberbaumbrücke bestand. Meine Kundin hat wegen einer Verspätung extra auf die U-Bahn verzichtet und nun stieg sie ein und wollte von der Warschauer Straße (Höhe Helsingforser) zur Schlesischen Straße. Etwa in der Mitte. OK, es lesen auch Nicht-Berliner mit, also ein Kärtchen von Google:


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Mal ganz ehrlich: Solche Fahrten machen irgendwie trotz der Kohle nicht mal Spaß. Aber nachdem auch noch alle Ampeln rot waren, habe ich mit ihr ausführlich die Optionen erörtert, doch an der Ecke auszusteigen und über die Brücke zu laufen, usw.

Manchmal ist es einfach Mist mit den Baustellen, so ist es halt.

Dann eben alleine …

Die Truppe war durchgehend nett. Feierwütige „Jugendliche“, gerade aus dem Fritz-Club kommend. Es gab keine Preisfeilscherei, kein Meckern über irgendwas, alles super. Also, wo soll es hingehen?

„Erst mal nach Pankow!“

Erst mal? Das klingt gut! Pankow ist ohnehin ein Stückchen vom Ostbahnhof weg, aber wenn es dann noch weitergehen soll …

Wenn!

Die Truppe tratschte lustig vor sich hin und das Hauptziel schien darin zu bestehen, mich nicht durchblicken zu lassen, wo wir hinfahren. Wer denn jetzt wie und wann bei wem wo pennen könnte, das war das Thema Nummer 1. Also im Grunde, die Taxifahrt möglichst preisgünstig zu gestalten und die Party ggf. noch fortzuführen. Allerdings waren alle Beteiligten unterschiedlicher Ver- und Auffassung, so dass da nie eine Einigung rausspringen konnte. Zumindest fast.

Denn der einzige, der keinen Bock hatte, wo anders als zuhause zu schlafen, war der mit dem am weitesten entfernten Fahrtziel. Mühlenbeck. Ein paar Kilometer hinter der Stadtgrenze, weit vorbei an den anderen Adressen, die ohnehin schon eine gute Tour bedeutet hätten.

Glücklicherweise blieb er bei seiner Einstellung, als wir kurz anhielten, weil eines der Mädels unbedingt pinkeln musste. Danach war das Geschrei nämlich erst groß, weil es ihr nicht gut ging – zu guter Letzt allerdings sollte ich eine stressfreie Tour ab Prenzl’berg haben. Dort beschloss der Rest, nicht weiter zu fahren, ich bekam allerdings die Order, den einzigen verbleibenden – der sich noch dazu auskannte und das Navi obsolet machte – bis nach Mühlenbeck zu bringen.

32,80 €.

Sehr schön. 🙂

Tierisch gut gepasst

hat mir eine Tour neulich.

Ein weiteres, heute morgen nicht angesprochenes Problem bei Vorbestellungen ist natürlich die Richtung. Wenn ich um 22 Uhr in Spandau sein soll – kann ich dann um 21 Uhr in Friedrichshain noch eine Fahrt annehmen? Ja? Und wenn die nach Hellersdorf geht? Und was mache ich, wenn die Fahrt um 20.30 Uhr nach Grünau geht? Ergo: Man ist immer schon lange vor der Fahrt eingeschränkt. Da Verspätungen bei mir nicht zum normalen Verhaltensrepertoire gehören, bin ich deswegen fast immer zu früh da, weil ich davor „nichts tun kann“.

An besagtem Freitag startete ich meine Schicht schon recht spät, 20.30 Uhr etwa. Ich wusste kaum, was ich mit der kurzen mir noch halbwegs zur Verfügung stehenden Zeit machen sollte. 22 Uhr Spandau, eine halbe Stunde Anfahrt sowieso von meinen östlichen Gefilden …

Aber das Glück kam mir zur Hilfe: Kurz nach dem Losfahren wurde ich von einer jungen Frau mit Hund herangewunken. Ob ich sie mitnehmen würde? Ob der Hundeblick von ihr oder ihrer englischen Bulldogge dabei niedlicher war, ist schlicht nicht zu entscheiden gewesen. Ausgerechnet diesem äußerst knuffig dreinschauenden Viech (ich meine den Hund!) wurde dreimal der Zutritt zur Straßenbahn verwehrt wegen fehlendem Maulkorb. Ich wusste gar nicht, dass die BVG so streng ist.
Naja, Hundi war nur zu Besuch, nur mit dem Auto unterwegs und darum war ein Maulkorb nicht vorhanden. Deswegen Taxi. Ich hatte mit dem braunen Tier schnell Freundschaft geschlossen, wir haben es wie immer im Beifahrer-Fußraum vor Frauchen untergebracht. Dass das der liebste Hund des Planeten ist, stand außer Frage. Wenngleich es durchaus bedrohlich aussehen kann, wenn so eine Bulldogge unbedingt zum Knuddeln auf den Schoß springen will.

Kurzum: Es war super! Sie war schon eine nette, aber der Hund hat alles getoppt. Zum Dank dafür, dass ich ihn beim Schalten zweimal versehentlich leicht in die Schnauze geboxt habe, hat er nur seine Zunge ausgestreckt, um mir die Hand zu lecken 🙂

Und wir hatten eine Weile miteinander zu tun – deswegen schreibe ich das ja eigentlich. Denn die Fahrt ging zum Adenauerplatz – also schonmal weit in den Westen rein, wo es mich sonst ja gar nicht so oft hinverschlägt. Also weitestgehend die richtige Richtung. Zu früh war ich zwar trotzdem, aber bei einem Umsatz von 25 € aus dem Stand lässt es sich natürlich auch mal locker darüber hinwegsehen, dass da noch ein bisschen Pause anfällt.

Und was passierte? Noch etwas sehr passendes. Als ich wartete, bekam ich noch eine kurze Tour innerhalb Spandaus. Damit war der Tag eigentlich schon gerettet – bevor er wirklich angefangen hat. 🙂

Dreisprung

„Six people?“

Diese Anfrage ist immer schön. Bedeutet sie doch, dass selbst die stursten Kollegen nicht sauer sind, wenn ich diese Tour von hinten in der Schlange annehme. Aber gut, es war am Berghain, da geht es ohnehin fast immer schnell.

6 Spanier, alle guter Laune, dennoch voll der Fragen, weswegen sie nicht in den Club gekommen sind. Naja, man gewöhnt sich dran …
Sie wollten zum Club der Visionäre, was dank Großraumzuschlägen und der gesperrten Oberbaumbrücke sogar eine recht annehmbare 12€-Tour war.

Dort angekommen waren sie voller warmer Dankesworte, aber natürlich ohne deswegen an Trinkgeld zu denken. Ich nahm es gelassen und freute mich lieber darüber, dass am Club der Visonäre nur ein weiteres Taxi stand und hab mich eingereiht. Vielleicht würde ja gleich …

Ich konnte kaum zu Ende denken, denn plötzlich stand die Truppe wieder vor mir. Auch hier wollte man sie nicht reinlassen, ob wir nicht zum Matrix fahren könnten. Na klar! Nochmal locker 8 € und auf dem Silbertablett serviert noch dazu. Das lief doch gleich ganz anders als mit dem Typen zum Ostbahnhof ein bisschen früher!

Als mir bei all der Hektik ums Rauslassen der hintersten Reihe, die Bezahlung und die abartige Verkehrssituation vor Ort gleich wieder Leute eingestiegen sind, wollte ich zunächst noch protestieren – sah dann aber, dass alle Kollegen dort plötzlich auch schon besetzt waren. Das kann man mal Glück nennen! Waren dann zwar nur noch 5 €, aber alles in allem nicht schlecht für eine halbe Stunde. Viele glauben wahrscheinlich, dass es bei uns immer so läuft. Schön wäre es …

Dicke Luft

…und zwar ganz dicke.

Ich war froh, in der Nacht noch Winker zu haben, so häufig waren sie nämlich nicht. Diese beiden allerdings waren eher speziell. Man kriegt im Taxi ja eine Menge mit von den Leuten, auch vieles, das man eigentlich nicht unbedingt hätte mitkriegen wollen.

Aber gut, zunächst stiegen sie ein und er nannte ein Fahrtziel. Ich schätzte Pi mal Daumen einen Betrag von 10 €, eine angenehme mittellange Tour. Wie üblich fragte ich dann nach, ob für heute die Party schon zu Ende sei, bekam dieses Mal aber statt einer fröhlichen Antwort ein scharfes:

„Keine Nachfragen!“

von ihr an den Kopf geworfen. Alles klar, kein Problem. Bin ich halt ruhig. Auch wenn viele das nicht glauben – auch das kann ich. Und während ich schwieg, begann sie hinter mir zu heulen. Gut, dass ich nicht einmal nachfragen durfte, da hatte ich nämlich auch gar nicht so große Lust drauf. Ich hab mich aufs Fahren konzentriert und gar nicht wirklich mitbekommen, welche Rolle er bei der ganzen Sache gespielt hat. Ein bisschen sah es zwar nach Beziehungskrise aus, aber ich weiß es bis heute nicht.

Eine denkwürdige Szene ereignete sich dann nicht einmal einen Kilometer von ihrem Ziel entfernt. Sie wollte nun, dass ich anhalte, er meinte, wir würden weiter fahren. Wie üblich hab ich klargestellt, dass ich schon irgendeine Form von Kompromiss brauchen würde. Naja, am Ende standen wir da und er ließ sie sogar zu seiner Seite hin aussteigen. Sie beharrte darauf, zu laufen und bezahlte die 9,20 € auf der Uhr auch gleich mit einem Zehner. Für die traurige Nacht sogar ein recht stattliches Trinkgeld. (Ja, war eine miese Nacht …)

Aber er war mindestens so stur wie sie und wollte weiterfahren. Ins Stadium einer vernünftigen Diskussion hat es dieses Gespräch nie gebracht: Sie blieben beide bei ihrer Meinung und am Ende stieg er wieder ein und bat mich, weiterzufahren, ungeachtet ihrer Bitte, doch zusammen den Rest zu laufen. Ich hätte ihm gerne den Tipp gegeben, dass er sich damit ganz offensichtlich erheblichen Ärger einhandelt, aber ich hab dann beschlossen, dass es mich eigentlich nichts angeht.

Also bin ich losgefahren.

Sie trat immerhin nicht gegen mein Auto, sondern blieb bedröppelt und frustriert stehen. Konnte ich ihr nicht verübeln, aber in dem Moment war ich einfach froh, nur Taxifahrer zu sein und nicht verantwortlich für das, was Menschen sich gegenseitig antun. Also los!

Seine Aussagen ließen mich ebenso im Unklaren wie alles andere zuvor:

„Tut mir auch leid, dass Du jetzt Zeuge werden musstest, von dem was hier passiert ist.“

Am Ende stand die Uhr bei 10,20 €.

„Wat kriegste?“

„Na mindestens 20 Cent. Aber im Ernst: Der Rest der Fahrt hat genau einen Euro gekostet.“

„Stimmt so.“

Sprach’s und reichte einen Fünfer herüber. Trinkgeld? Schmerzensgeld? Schweigegeld? Mir egal. Und auf dem Rückweg hab ich versucht, die offenbar in hasserfüllte Selbstgespräche vertiefte und mit den Armen wild umherfuchtelnde Frau zu ignorieren, die mir entgegen kam. Dass sie kein Taxi wollte, wusste ich ja …

„Yeah, Ostbahnhof!“

Das war das letzte was ich dachte – denn vom Berghain aus ist das nur ungefähr so eine gute Tour wie zum Berghain von selbigem aus. Aber das ist simpelste Mathematik und selbst zu der war mein Fahrgast nicht mehr wirklich fähig. Mit Ausnahmen, wie die Geschichte noch zeigen wird.

Er wollte also zum Ostbahnhof. Wie gesagt: Nicht gerade die Tour, die ich mir vom Berghain erhofft hatte – aber sowas passiert einem ja öfter mal. Also nur mal vorsichtig nachgehakt, ob er wisse, dass das nur ein paar Meter ums Eck ist.

„Yeah, Ostbahnhof!“

Wie dem auch sei. Ich sattelte die Pferde und während ich den jungen Kerl so ansah, war mir klar, dass der wirklich gar nix mehr gebacken kriegt. Wie der vom Bahnhof aus weiter wollte – echt keine Ahnung. Aber gute Miene zum bösen Spiel zu machen, lernt man ja schnell.

„Und, Party vorbei für heute?“

„Ostbahnhof!“

„Ja, schon klar. Ach so, wo denn genau? Haupteingang?“

„Yeah, Ostbahnhof!“

Ich hätte ihn wahrscheinlich fragen können, wo er geboren ist und er hätte mit „Ostbahnhof“ geantwortet. Ich hab’s aber nicht ausprobiert. Dort angekommen befürchtete ich erst, er würde versuchen, ohne zu bezahlen, davonzufallen – oder wie immer man diese Fortbewegungsart nennt. Aber er musste nur aussteigen, um an seine Taschen zu kommen. Dann nestelte er los und ich sah gleich, dass er mit einer Bankkarte oder so gleichzeitig einen gefalteten Schein in der Hand hielt, während er weiter suchte. Ich weiß nicht, wie das den Kollegen geht, aber ich bin immer erstmal erleichtert, wenn ICH weiß, wo das Geld ist. Das restliche Graben führte zu nichts, also hielt er mir schwankend den Schein hin und fragte:

„Hammsevleichwexeldings?“

Einhundert Euro.

Sorgen hat mir das gar nicht bereitet, aber dass er nicht mal nachgefragt hat, hab ich ihm auch nur durchgehen lassen, weil er es offensichtlich nicht mehr konnte. Ich hab ihm mitgeteilt, er hätte Glück. Dann hab ich hier und da das Wechselgeld ausgegraben und ihm erstmal die Scheine hingehalten:

„Hier, das sind schon mal 95.“

„Dasisalles?“

„Nee, genau genommen kriegste noch 60 Cent, aber ich muss ja auch erst mal an meine Münzen.“

„Fümmswansich?“

Sprach’s und wedelte mit einem breit gefächerten Bündel, das schon auf den ersten Blick zwei Zwannis und einen Fuffi enthielt.

„Junge, das sind 95. Fünf. Und. Neunzig.“

Hat er dann auch akzeptiert. Kurz hatte mein böses Ich die Überlegung, was ich ihm alles hätte in die Hand drücken können …

Die 60 Cent wollte er dann auch noch. Is ja klar. Hat sich damit gut eingereiht in diese Nacht, in der der Median meiner Trinkgelder bei 20 Cent lag …

Nix besonderes

Ich könnte über die Tour natürlich viel schreiben. Wo sie begann, wo sie hinging, was für Änderungen sich unterwegs ergeben haben. Ja natürlich auch wie die beiden Leute drauf waren, welche Sprache sie gesprochen haben, was sie anhatten.

Mache ich ja immer (zum Teil) so. Heute möchte ich einfach mal erwähnen, dass ich sie mit einem netten Gespräch ständig unterhalten, mich ohne großen Aufwand um sie gekümmert habe und sie mir dafür ein stattliches Trinkgeld von über 5 € haben zukommen lassen. Denn das war alles, was ich letzten Endes an der Tour so toll fand. Sollte es öfter geben, sowas …