Dicke Luft

…und zwar ganz dicke.

Ich war froh, in der Nacht noch Winker zu haben, so häufig waren sie nämlich nicht. Diese beiden allerdings waren eher speziell. Man kriegt im Taxi ja eine Menge mit von den Leuten, auch vieles, das man eigentlich nicht unbedingt hätte mitkriegen wollen.

Aber gut, zunächst stiegen sie ein und er nannte ein Fahrtziel. Ich schätzte Pi mal Daumen einen Betrag von 10 €, eine angenehme mittellange Tour. Wie üblich fragte ich dann nach, ob für heute die Party schon zu Ende sei, bekam dieses Mal aber statt einer fröhlichen Antwort ein scharfes:

„Keine Nachfragen!“

von ihr an den Kopf geworfen. Alles klar, kein Problem. Bin ich halt ruhig. Auch wenn viele das nicht glauben – auch das kann ich. Und während ich schwieg, begann sie hinter mir zu heulen. Gut, dass ich nicht einmal nachfragen durfte, da hatte ich nämlich auch gar nicht so große Lust drauf. Ich hab mich aufs Fahren konzentriert und gar nicht wirklich mitbekommen, welche Rolle er bei der ganzen Sache gespielt hat. Ein bisschen sah es zwar nach Beziehungskrise aus, aber ich weiß es bis heute nicht.

Eine denkwürdige Szene ereignete sich dann nicht einmal einen Kilometer von ihrem Ziel entfernt. Sie wollte nun, dass ich anhalte, er meinte, wir würden weiter fahren. Wie üblich hab ich klargestellt, dass ich schon irgendeine Form von Kompromiss brauchen würde. Naja, am Ende standen wir da und er ließ sie sogar zu seiner Seite hin aussteigen. Sie beharrte darauf, zu laufen und bezahlte die 9,20 € auf der Uhr auch gleich mit einem Zehner. Für die traurige Nacht sogar ein recht stattliches Trinkgeld. (Ja, war eine miese Nacht …)

Aber er war mindestens so stur wie sie und wollte weiterfahren. Ins Stadium einer vernünftigen Diskussion hat es dieses Gespräch nie gebracht: Sie blieben beide bei ihrer Meinung und am Ende stieg er wieder ein und bat mich, weiterzufahren, ungeachtet ihrer Bitte, doch zusammen den Rest zu laufen. Ich hätte ihm gerne den Tipp gegeben, dass er sich damit ganz offensichtlich erheblichen Ärger einhandelt, aber ich hab dann beschlossen, dass es mich eigentlich nichts angeht.

Also bin ich losgefahren.

Sie trat immerhin nicht gegen mein Auto, sondern blieb bedröppelt und frustriert stehen. Konnte ich ihr nicht verübeln, aber in dem Moment war ich einfach froh, nur Taxifahrer zu sein und nicht verantwortlich für das, was Menschen sich gegenseitig antun. Also los!

Seine Aussagen ließen mich ebenso im Unklaren wie alles andere zuvor:

„Tut mir auch leid, dass Du jetzt Zeuge werden musstest, von dem was hier passiert ist.“

Am Ende stand die Uhr bei 10,20 €.

„Wat kriegste?“

„Na mindestens 20 Cent. Aber im Ernst: Der Rest der Fahrt hat genau einen Euro gekostet.“

„Stimmt so.“

Sprach’s und reichte einen Fünfer herüber. Trinkgeld? Schmerzensgeld? Schweigegeld? Mir egal. Und auf dem Rückweg hab ich versucht, die offenbar in hasserfüllte Selbstgespräche vertiefte und mit den Armen wild umherfuchtelnde Frau zu ignorieren, die mir entgegen kam. Dass sie kein Taxi wollte, wusste ich ja …

20 Kommentare bis “Dicke Luft”

  1. elder taxidriver sagt:

    ‚Traurig traurig, traurig‘ hätte, ich glaube Theo Lingen war es, an dieser Stelle gesagt, aber lachen muss man doch..

  2. Kingman sagt:

    Du schreibst echt klasse!

  3. Ich hätte mich in dieser Situation so unbeschreiblich unwohl gefühlt…

  4. Bernd K. sagt:

    Das ist immer ein besch…eidenes Gefühl, sowas bei anderen mitzubekommen. Immerhin muss dich das nach der Fahrt nicht mehr kratzen. Neben dem Trinkgeld, das sicher auch einen Schmerzensgeldanteil enthalten hat, könnte das Erlebnis auch noch als abschreckendes Beispiel dienen, es selber nie so weit kommen zu lassen… Aber dafür bist du wohl auch gar nicht der Typ, wenn du schon als Fahrer so nett zu deinen Kunden bist 😉

  5. Sash sagt:

    @elder taxidriver:
    Das stimmt. Aber auch nur im Nachhinein. Währenddessen war es ziemlich nervig.

    @Kingman:
    Vielen Dank!
    Und jetzt stell Dir mal vor, ich würde auch noch eine Rechtschreibkontrolle verwenden … 😉

    @zartbitterdenken:
    Ging mir auch so. Insbesondere als er losfahren wollte und sie draußen stand.

    @Bernd K.:
    Ja, das sage ich mir am Ende auch immer: Noch 5 Minuten, dann ist das alles vorbei. Und zwar für mich endgültig und total. Als abschreckendes Beispiel brauchen mir die zwei aber nicht dienen, dass man sich so nicht verhält, ist doch eher das kleine Einmaleins in Beziehungen, das jeder beherrschen sollte.

  6. elder taxidriver sagt:

    Ergänzung: Ich wollte ja nur das sagen, was Kingman gesagt hat..

  7. Sash sagt:

    @elder taxidriver:
    Ach so! 🙂
    Also auch ein Dich einmal mehr ein Danke!

  8. Aro sagt:

    Na, wenn es Schweigegeld war, musste es jetzt wohl zurückgeben 🙂

  9. Aro sagt:

    … oder nimmst Du etwas extra Geld dafür, um NICHT mit Deinen Kunden zu reden?

    Kreatives Geschäftsmodell. Tja, Ideen muss man haben…

  10. elder taxidriver sagt:

    Danke muss ich ja sagen, weil: Ich erlebe hier ja mein ganzes Taxifahrerleben noch einmal..

  11. Sash sagt:

    @Aro:
    Jaja, sehr gutes Geschäftsmodell. Und die Unterhaltungen bekommen so einen lustigen Unterton, wenn davon das Geld abhängt … 😉

    @elder taxidriver:
    Wenn das so ist, dann verrate mir mal bitte, was noch alles schönes und schlimmes kommt …
    PS: Hab das Paket erst heute von der Post geholt und bin danach zur Bank. Die schauen alle so lustig nervös, wenn da große chwarz gekleidete Männer mit selbstgebastelten Paketen reinkommen. Meine Beraterin wirkte so richtig glücklich, als ich gegangen bin 😀

  12. nadar sagt:

    @ elder taxidriver: Bei sowas könnte ich auch Wochen später nicht lachen…

    @ Sash: Solche Fahrten finde ich bitter. Zum Glück habe ich die eher selten.

    Lieber sind mir solche, wo das knutschende Pärchen im Fond vergisst zu sagen, wo genau sie denn nun aussteigen wollten und ich nochmal durch den halben Ort zurückfahren darf. 🙂

  13. Sash sagt:

    @nadar:
    Sowas passiert mir glücklicherweise auch selten. Inzwischen schaffe ich das aber ganz gut, ad acta zu legen. Und hey, Beziehungsstress – das ist wahrscheinlich alleine in Berlin zum selben Zeitpunkt hundertfach und teilweise schlimmer passiert. Ging ja jetzt nicht um Mord oder so.
    Ich versuche lieber, mir die schönen Fahrten im Gedächtnis zu behalten und daraus ein wenig Energie zu ziehen. So gesehen sind mir die knutschenden Pärchen auch lieber. Die beiden da oben hab ich abgehakt, sollen sie doch …
    Und hey: Wenigstens Stoff zum Bloggen! 😀

  14. elder taxidriver sagt:

    Wiederholung:

    Es geht mir hier nur um die Art wie Sash es schreibt, das finde ich gekonnt und auch komisch. Und es passiert mir selten, dass ich beim Lesen mal kurz laut auflache sogar wenn ich allein im Zimmer ( = Raum) bin..

    Ich kann es hier nur kurz machen, aber ich hatte zum Schluss immer das Gefühl ich verpasse etwas, wenn ich zu Hause war.
    Da wo ich gefahren bin, das war ein so angenehmes Publikum, viele kannte ich auch schon gut, es war einfach wunderbar. Gut, es gab Ausnahmen , aber das waren dann Ausnahmen..

  15. Sash sagt:

    @elder taxidriver:
    Das kenne ich auch von manchen freien Tagen – dieses Gefühl, etwas zu verpassen 😀

  16. Nessa LG sagt:

    „Und hey, Beziehungsstress – das ist wahrscheinlich alleine in Berlin zum selben Zeitpunkt hundertfach und teilweise schlimmer passiert. Ging ja jetzt nicht um Mord oder so.“

    Stimmt, da werden statt Taxis die blau-silbernen Partybusse über den Berolina-Funk bestellt… 😉

    Ich persönlich finde es bewundernswert, wenn Du da so reagieren kannst (oder eben nicht). Liegt aber sicher an der Routine. 🙂

  17. Sash sagt:

    @Nessa LG:
    Naja, was soll man machen? Arg viel Routine hab ich mit steitenden Leuten nicht, vielleicht allgemein mit Menschen. Und da gab es andere Fahrten, die mich durchaus länger beschäftigt haben, weil sie eben schlimmer (oder schöner) waren. Aber bei aller Empathie muss mich der Streit zweier Fremder auch nicht bis in meine Träume begleiten.

  18. MsTaxi sagt:

    @Sash

    Stimmt, sowas hakt man ab, sonst würde ich jetzt immer noch davon träumen, dass am Wochenende SIE IHM in meinem Taxi die Lippe blutig schlug, weil SIE lieber betrunken in ihrem Auto schlafen wollte als im Hotel und ER SIE dann doch überredete. Positiv: ER schlug, obwohl auch betrunken, nicht zurück. Bitter: Die kamen von einer Hochzeitsfeier (zum Glück nicht ihrer eigenen :-))

  19. Sash sagt:

    @MsTaxi:
    Das sind dann die ganz tollen Erfahrungen 😉

  20. MsTaxi sagt:

    @Sash

    Naja, dem einen Paerchen moechte man halt ein Kondom reichen, dem anderen Hansaplast… (sorry, mein tablet hat ne amerikanische Tastatur)

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