Humor ist, wenn man trotzdem kotzt

Ich wurde an der Potsdamer Straße rangewunken. Ein sehr nervös wirkender Mann fragte mich, ob ich vielleicht einen Freund von ihm, aber dem gehe es nicht so gut – aber betrunken sei er nicht! Kreislauf, schlechtes Essen, was auch immer. Wäre auch nicht weit. Ich schaute mir den Typen kurz an. Obwohl er von einer Freundin gestützt wurde, sah er wirklich zurechnungsfähig aus. Hat der Typ wahrscheinlich die Wahrheit gesagt. Naja, irgendwie müssen die ja auch heimkommen. Und es sollte ohnehin nur eine knapp zwei Kilometer lange Tour werden.

Ich war mit meiner Schicht durch, ich war quasi auf dem Weg nach Hause. Das als letzten Abschluss und gut is! Die gute Tat als Ausgleich für einen beachtlichen Umsatz in dieser Nacht …

Kurz nach dem Anfahren meinte ich dann:

„Also wenn Ihnen schlecht ist: Bitte rechtzeitig Bescheid sagen, damit ich …“

„Rechtzeitig? Jetzt!“

„Ist das Ihr Ernst?“

„Ja, schnell!“

200 Meter. Respekt. Ich sollte an meinem Fahrstil arbeiten.

Aber da er eben nicht völlig unzurechnungsfähig war, ging das ohne Probleme und ich machte mir tatsächlich – so heftig das auch immer wieder ist – mal keine großen Sorgen. Und es gehört zu den lustigsten Aktionen, mitten auf der Potsdamer Straße zu stehen, um einen Kunden aus dem Auto kotzen zu lassen. Was man uns Taxifahrern durchgehen lässt … mittlere Spur … – aber anders war es nicht zu machen. In dem Moment war die rechte nicht frei.

Der Rest verlief völlig stressfrei. Kein weiterer Stopp, flotte Fahrt, ein paar Minuten, nettes Danke, gutes Trinkgeld, Ende. Danach hab ich dann aber sogar die Fackel ausgemacht. Damit war der Tag dann wirklich vorbei.

Cash und Nippelbars

„Hallo, ich bin der Pascal, bin 20 Jahre alt und bin das erste Mal hier bei den offensichtlich untervögelten Jungs.“

So hat er sich nicht wirklich vorgestellt, aber gepasst hätte es …

Er saß auf dem Beifahrersitz meines Taxis und versuchte die ausschließlich aus jungen Herren bestehende Gemeinschaft auf der Rückbank darauf einzuschwören, das Fahrtziel zu ändern:

„Nee Jungs, ohne Scheiß: Ich will noch inne Nippelbar!“

Die Adressaten seiner Ansprache nahmen ihn nicht sonderlich ernst. Sie hatten gemeinsam verkündet, ich solle sie zu ihrem Hotel bringen und bloß nicht auf den Spinner hören.

„Aber ich will inne Nippelbar! Herr Taxifahrer, wie sehen Sie das? Nippelbar ist doch besser als Hotel, oder?“

„Für die anderen offenbar nicht …“

(ein erstaunlich oft funktionierender Kniff in der Gesprächsführung, der mir schon manchen Ärger erspart hat)

„Aber … aber … scheiß auf die anderen! Ich hab das Cash, wir fahren inne Nippelbar! Kennste eine?“

„Klärt das erstmal untereinander!“

Natürlich kam von hinten ein mehrstimmiges Nein, außerdem wurde mir versichert, dass sie mich selbstverständlich bezahlen würden.

„Ach, ihr habt euer Geld doch versoffen! Ich hab das Cash, glaubense mir, Herr Taxifahrer!“

„Ich befürchte, Du bist überstimmt. Aber wenn Du willst, fahren wir danach weiter …“

„Ey verdammt, ich will nicht in das verfickte Hotel! Ich will inne Nippelbar!“

So kindisch rummachen hab ich lange niemanden mehr gesehen, der schon ein Interesse für Geschlechtsmerkmale entwickelt hat. Ich blieb brav auf der Hotelstrecke und kam letzten Endes auch dort an, wo die Jungs (außer Pascal) hinwollten.

„So Pascal, jetzt rück Dein Cash raus – wer vorne sitzt, zahlt!“

„Ihr … ihr … ihr könnt mich mal!“

„Zahlst Du oder sollen wir?“

„Nee, ich mach das ja … scheiße hier, nicht mal inne Nippelbar kann man … oh oh!“

„Was is?“

„Ich hab kein Geld mehr.“

Das wäre ja heiter geworden, hätte ich ihn alleine zu irgendeinem Stripclub gebracht …

Too much information …

Jaja, das Geplapper von Taxifahrern! Jedes Mal, wenn ich einen Artikel über recht wortkarge Kunden schreibe, findet sich darunter irgendwann ein Kommentar, der beinhaltet, dass der Kommentator auch lieber in Ruhe gelassen wird und nicht auf Smalltalk im Taxi steht. Das ist soweit ja auch ok und obwohl ich eine Quasselstrippe sein kann, respektiere ich den Wunsch nach Ruhe auch und glaube sogar, ein gewisses Gespür dafür zu haben, ab wann es jemanden nervt.

Gerade der letzte Punkt ist wichtig, mit die unangenehmsten Menschen auf diesem Planeten sind die, die es nicht merken, wenn sie nerven.

Aber sag das mal einer den Fahrgästen!

Meine Kundin war eine zierliche Frau, gut 50 bis 60 Zentimeter kleiner als ich. Sie fragte höflich an, wie viel es bis zu ihrer Zieladdresse kosten würde. Ich ermittelte in meinem Gedächtnis grobe 11 bis 13 Euro und sie freute sich, da ihr Limit offenbar bei 20 lag. Das – und nebenbei auch die Tatsache, dass sie arbeitslos ist, einen Motorradunfall hatte und jetzt zu ihrem Mann fährt, wusste ich bereits, als ich die Startrampe am Ostbahnhof noch nicht einmal verlassen hatte. Details folgten umgehend. Die Tour war zwar in 10 Minuten erledigt, aber bis dato wusste ich einige unrühmliche Details über ihren Mann, der sie in Empfang nahm, z.B. den Verlauf ihres letzten Streits und dass er dabei war, ihr Ex zu werden, sie jetzt aber auf seine Bitte zu ihm gefahren sei.
Die näheren Umstände des Unfalls inklusive Geschwindigkeiten, Himmelsrichtungen und Nachnamen der Beamten, die das ganze aufgenommen hatten kenne ich jetzt. Außerdem wo sie wieviele Metallplatten im Körper hat, wer bei welchem Amt welche Hilfen nicht bewilligt hatte, ihr Alter, Einkommen, die Namen der Kinder und Haustiere, Interpretationen des Berliner Verkehrsgeschehens im Vergleich zu anderen europäischen Großstädten (und ihrer Heimatstadt), wer beim letzten Bingo gewonnen hatte, warum sie mit ihrer Mutter gebrochen hat und natürlich allerlei nebensächliche Krankheiten und Details vom letzten Ikea-Einkauf.

Boah, Fuck!

In diesem (nie enden wollenden) Moment fühlte ich mit all den Leuten, die ihre Ruhe haben wollen. Ansonsten war sie aber nett und sie gab sogar noch ein kleines Trinkgeld, obwohl es ihr nach eigener Aussage ohnehin schwer fiel mit der Entscheidung fürs Taxi. Eines weiß ich trotz des langen Monologes immer noch nicht: Ob ich glücklicher bin, weil ich nicht sie bin, oder weil ich nicht ihr Mann bin … 😉

Ein Kurzstreckenbeispiel

Wie schon öfter mal erwähnt: nicht alle Kollegen sind mit der Kurzstrecke glücklich. Auf der einen Seite bin ich natürlich froh um jeden Euro extra, auf der anderen Seite denke ich, dass es durchaus ein paar Kunden gibt, die nur an ein Taxi denken, weil es diesen Billig-Tarif gibt. Und da zählt dann halt auch wieder, dass man um jeden Euro extra froh sein kann.

Drei von der Sorte hatte ich derletzt. Junge Typen, alle unter 20 und wahrscheinlich nicht rasiert, sondern noch natürlich bartlos. Bewaffnet waren sie mit jeweils drölf Taschen, die sie keuchend absetzten, um mich heranzuwinken. Sie fragten nach einer Kurzstrecke und kurz darauf luden wir ihr Gepäck auch schon ein. Also … Gepäck …

Leergut, ein knapper Kofferraum voll. Dauerte dennoch keine 20 Sekunden zum Reinwuchten und dann ging es zum Kaiser’s am Kotti, wo sie die Flaschen nach eigenem Bekunden in Getränke für den nun folgenden Abend einzutauschen gedachten. Da musste ich doch sofort wieder an meine alte WG und diverse Pfandbons denken …

Und mehr als 4 € hätten wir damals auch nicht für ein Taxi übrig gehabt 😀

Zu lang? Ehrlich?

Ich hab ja gestern schon geschrieben, dass ich mich über eine Kundin geärgert habe. Viel schlimmes ist nicht passiert, das gleich vorweg. Aber manchmal nerven einen ja die Kleinigkeiten mehr als die großen Dramen.

Die Dame mit ihrer Begleitung hatte eine recht lukrative Tour um die 7 km für mich. Die Adresse war bekannt, alles kein Thema. Einzig der kürzeste Weg funktionierte nicht. Und das wusste ich. Die Adalbertstraße ist/war zu diesem Zeitpunkt gesperrt in diese Richtung. Das machte mir schon vom Ostbahnhof aus derzeit jede dritte Fahrt lukrativer. Aber was will man machen? Sowas passiert eben und obwohl sich natürlich auch an meinem Weg nochmal ein paar Meter hätten sparen lassen, ging es letztlich um eine Differenz von vielleicht einem Euro.

Im Gegensatz zu den meisten Kunden ist ihr das auch aufgefallen. Nun gut, ich weiß ja, dass manche „Kollegen“ gerne angeblich gesperrte Straßen als Ausreden verwenden, aber ich führte mit ihr eine recht sachliche Diskussion darüber, was nun wo gesperrt ist und sie schien das sogar zu wissen. Na also. Ist doch alles nicht so wild!

Kurz vor dem Ziel kam dann urplötzlich von hinten eine Aussage, bei der man das Naserümpfen geradezu hören konnte:

„Sie könnten nun aber wirklich langsam mal die Uhr ausmachen, denn das dauert mir nun wirklich schon zu lange!“

Ach?

Klar, vor der Baustelle warten, bis sie fertig sind, wäre wohl sinniger gewesen.

Nein ehrlich, das hat mich angekotzt. Und ich hätte gerne einfach erwidert:

„Dann steigen Sie bitte umgehend aus, denn das dauert mir nun wirklich schon zu lange!“

Unverschämt? Ja, sicher. Aber genau das, was sie mir meinte, an den Kopf werfen zu müssen! Ich konnte nichts für den Umweg und aus verständlichen Gründen kosten Taxen ihr Geld pro Kilometer, bzw. Zeit. Als ob mir meine Zeit in einer gut laufenden Schicht für so eine Schnöseltante, die kein Trinkgeld gibt, nicht auch zu schade wäre. Aber der Deal ist, dass man die Kunden für Entgelt dorthin bringt, wo sie hin möchten. Das ist Taxifahren, so ist es nunmal. Und ebenso wenig wie ich Baustellen verhindern kann, kann ich Flüsse überfliegen oder mal kurz über militärisches Sperrgebiet abkürzen. Es ist wohl nicht zu viel erwartet, dass ein Kunde das nachvollziehen kann. Luftlinie ist eben nur selten möglich, sorry.

Aber die Diskussion hatte ich mir gar nicht vor, mit dieser Tante zu geben. Also ganz ehrlich: Auch wenn ich mich jetzt hier bei GNIT auskotze – da steh ich drüber. Ich hab die Uhr letztlich 200 Meter vor dem Ziel und gekonnt nach dem Umschalten derselben ausgemacht. Reingewinn für die Meckerziege: 20 Cent.

Im Gegenzug dazu (Trinkgeld gab es wie gesagt – und zu erwarten war – keines) haben sie und ihr Mitstreiter ein funktionierendes Feuerzeug und eine 2€-Münze im Taxi verloren. Dass mir jegliche Wege zur Rückgabe zu weit sind, brauche ich ja kaum zu erwähnen, oder? 😉

Nennt sich Enkel …

OK, ein bisschen kaputt war er schon zu Beginn der Tour. Eine Adresse hat er trotzdem nennen können. Prima – und ab dafür!

Am Ende der rund 6 Minuten dauernden Fahrt war er nur noch bedingt zurechnungsfähig. Wir fuhren gerade in die Straße, die er genannt hat, dann wollte er aber unbedingt noch zwei mal abbiegen. Das erste Mal hab ich noch mitgemacht, dann aber besser mal nachgefragt, was der Spaß soll. Eventuell hatte er ja vor, einfach noch ein paar Runden im Kreis zu fahren.

„Nee, is weil schmusskotzen!“

„Na du Depp, sag das doch!“

Im frühmorgendlichen Kreuzberg ist das prompte Anhalten glücklicherweise kein Problem. Ich hab die Tür aufgemacht und ihn rausgelassen. Er sagte mir, dass er nicht umgehend losreihert und erst recht nicht ins Auto. Soweit, so gut natürlich. Er bat mich dann weiterhin, noch zweimal links zu fahren.

„Aber deine Adresse war doch xy?“

„Ja, aber ich muss kotzen!“

„Junge, jetzt stell Dich nicht an. Da ist ein Busch, kotz da rein und gut is!“

Aber erstmal klingelte das Telefon. Er fingerte etwas ungelenk darauf herum, dann reichte er es mir. Ich nahm mit einer gewissen Freude zur Kenntnis, dass als Anrufer „Oma“ auf dem Display stand. OK, großes Kino, Blogeintrag. Bin ich also rangegangen. Oma war aller Verwunderung meinerseits zum Trotz gar nicht überrascht, mich am Telefon zu haben und fragte nur, weswegen ich eben an ihr vorbeigefahren sei. So richtig begründen konnte ich das auch nicht, denn der letzte verfügbare Vorschlag des Jünglings war, dass ich zweimal links fahre, wo er dann – winkend – warten würde. Da war Hopfen und Malz also endgültig verloren.

Ich versicherte der Dame, dass ich den unpässlichen Knirps so bald als möglich vorbeibringen würde. Wie gesagt: Ein Telefonat über 200 Meter Distanz. Sie wies mich noch darauf hin, dass sie ja auch das Geld hätte, der Junge wäre blank. Super, allzu lange sollte es also auch nicht dauern. Kann da ja nicht eine Rentnerin morgens um 6 Uhr ewig warten lassen …

Nachdem mir der familiäre Glücksgriff auch nach dem Telefonat nicht so recht erklären konnte, warum er nicht in den Busch kotzt und ich dazu zweimal links abbiegen müsste, sah er ein, dass ich ihn vielleicht doch kurz hinten rechts um nur eine Ecke heim – bzw. zu Oma – bringe.

Kurze dreifache Ermahnung, Platzierung an der Tür ohne Kindersicherung und sehr sehr wachsame Blicke von mir – und schon konnten wir die letzten 10 Sekunden der Fahrt antreten. Oma stand schon mit tadelndem Blick an der Straße, was aber nicht mir galt. Sie erkundigte sich freundlich nach dem Fahrpreis, ich nannte ihn und entschuldigte mich für die Wirren der letzten drei Minuten. Sie lächelte dünn, gab mir 2 € Trinkgeld und meinte zum Abschied:

„Und so wagt der es, mir unter die Augen zu treten. SOWAS (Zeigefinger auf das zerknirschte Etwas am Straßenrand) nennt sich dann Enkel …“


Also: Wenn ihr heute Abend feiern geht, beendet es mit ein bisschen mehr Würde, ok? 😉

Ansonsten wünsche ich ein schönes Wochenende – und stalkt mich nicht zu dolle …

Voll auf die 50!

Wechselgeld. Ich will da gar keinen großen Terz mehr drum machen, es ist halt eine der vielen Geschichten, bei denen sich die Interessen von Kunden und Dienstleistern gegenüberstehen und man einen Kompromiss finden muss. Monatsmitte und Monatsanfang nehm ich auch mal ein paar Euro mehr mit, so auch gestern. Was dann allerdings passierte, hatte selbst ich nicht erwartet.

Zu meiner zweiten Tour werde ich von hinten aus der Schlange am Ostbahnhof gepickt. War aber verständlich, da nur eine kurze Fahrt. Kaum die Straße in knapp anderthalb Kilometer Entfernung anvisiert, seufzte mein Kunde gleich:

„Ach und endlich diesen blöden Fuffi wechseln!“

Da hab ich mir noch gedacht:

„Herrlich, dich nervt das selbst und dann so ein Spruch …“

Aber gut, man ist ja nett und ich hatte ja sogar noch ein bisschen Geld dabei.

Dann kriege ich Winker, drei kugelige Japaner, die zu einem Hotel in Mitte wollen. Super Geschichte, 12 € etwa. Beglichen werden sie mit einem Fünfziger. Naja, passt ja alles. Außerdem sind sie nett und fragen mich, ob ich sie vielleicht in 5 Minuten gleich zum Potsdamer Platz bringen könnte, zur Spielbank. Na klar! Ist zwar auch nur eine 5€-Tour, aber 5 Minuten sind ein angemessener Zeitaufwand dafür.

Gesagt, getan, 10 Minuten später stehen wir am Marlene-Dietrich-Platz. Und jetzt reicht mir der zweite im Bunde tatsächlich nochmal einen Fuffi. Da hab ich dann höflich aber bestimmt gefragt, ob ich nicht lieber etwas vom eigenen Wechselgeld der vorherigen Tour haben könnte. Bekam ich auch. Glücklicherweise, denn die nächsten Kunden zahlten mit …

Naja, deftige Dreiviertelstunde. Lukrativ zwar, aber ich brauch auch mal eine Chance, mir Wechselgeld zusammenzufahren! 🙂