Sprachpoker

Die Truppe, die ich plötzlich im Auto sitzen hatte, sprach überwiegend portugitalospanisch, etwas außerhalb meiner Kernkompetenz deutsch. Mit der jüngsten Mitreisenden konnte ich mich auf englisch einigen und so ging es nun daran, ein gemeinsames Ziel zu definieren. Ist in der Regel ja keine große Sache.

Nun wollten die Leute aber – und ich lass sie hier mal selbst zu Wort kommen – folgendes:

„We go to Jesberstraße.“

Ich will nicht einmal ausschließen, dass es eine gibt, aber ich hab beschlossen, dass jetzt auch ohne Navi bereits zu hoch gepokert würde, gestand mir innerlich ein, passen zu müssen und wollte nun sehen. Die Adresse, die sie mir zeigten, war in Anbetracht der englischen Aussprache sogar fast identifizierbar.  Na, jemand eine Ahnung?

Nicht sehr hilfreicher Tipp: Sie liegt im Westen – die Jessnerstraße ist es also schon mal nicht 😉

Die Auflösung gibt es im Artikel morgen früh …

Zuckunglücke

Ich hab den Artikel über die 5 besten Methoden, ein Taxi heranzuwinken nicht zufällig geschrieben.

In letzter Zeit treiben mich die Zucker in den Wahnsinn. Ich bin ja nun wirklich mit offenen Augen unterwegs und ich bin nach nunmehr bald 4 Jahren im Taxi auch recht geübt darin, potenzielle Kunden zu erkennen. Leute, die in Erwägung ziehen, ein Taxi heranzuwinken, verhalten sich am Straßenrand anders als sonstige Spaziergänger. Selbst wenn sie einem nicht das Gesicht zuwenden. An der mangelnden Übung kann es also kaum liegen, meist habe ich Recht.

Allerdings passieren in der Stadt eine Menge komische Dinge. Menschen winken sich gegenseitig über die Straße hinweg zu, manche scheinen tatsächlich unter unkontrollierbaren Zuckungen zu leiden, manche winken sogar tatsächlich nach einem Taxi – das aber nur zum Spaß.

Man kann als Taxifahrer also auch schlecht bei jeder seltsamen Bewegung anhalten. Der Zeitverlust wäre verkraftbar, aber allzu oft bedingt ein solcher Stopp, dass sich ein Kollege vor einen setzt und damit nunmehr die besten Karten hat, die nächsten zu erwischen.

Und ich erwarte von Kunden nicht viel. Ehrlich nicht. Niemand muss sich Leuchtbändchen umhängen, wie wild mit den Armen fuchteln oder sich sonstwie zum Klops machen. Ein sichtbar ausgestreckter Arm, vielleicht eine leichte Bewegung dabei (optional) und Blickkontakt. Das reicht!

Aber in letzter Zeit hatte ich mehrmals Leute, die z.B. kurz die Hand in Schritthöhe anheben als eine Art Bremssignal, das ja keiner mitkriegen soll. Wenn ich sie dann fixiert habe in der Hoffnung, sie meinten mich, blickten sie weg. Um dann – wenn ich vorbeifuhr – Zeter und Mordio zu schreien, mir hinterherzuwinken oder mir nachzublicken.

Mich reizt es oft, in solchen Situationen eine Vollbremsung hinzulegen, die Tour noch zu retten, ja: meinen Umsatz und damit mein Gehalt aufzubessern. Meist indes fahre ich weiter und ärgere mich über die Blödheit dieser Zeitgenossen. Meist dem Verkehr geschuldet, manchmal aber auch aus Trotz. Ich meine: Mal im Ernst – was soll das? Auch wenn ich es gerne wäre: Ich bin kein Gedankenleser und ich habe zudem auf den Verkehr um mich herum zu achten. Wenn man ein Auto aus so einer Situation heraus anhalten möchte, dann ist es nunmal unabdinglich, das irgendwie kenntlich zu machen!

Wenn wir Taxifahrer bei jedem Schulterzucken und jeder kurz zuckenden Hand anhalten würden, dann ginge wirklich gar nichts mehr in den Straßen Berlins. Ehrlich! Denkt daran, wenn ihr euch ein Taxi ranwinken wollt. Wir Fahrer sind sicher die letzten, die sich diese Chance entgehen lassen. Aber ihr müsst sie uns auch geben …

Haariges Kriterium

Zwei Touris aus dem Süden Deutschlands. Nett, höflich und mit einer kurzen Tour im Gepäck. Warum sie aber mich als ca. 13. aus der Schlange gepickt haben – ohne dass ich an einer Position stand, die suggerieren konnte, dass ich erster bin – das musste ich sie dann doch fragen. Die Antwort war ebenso überraschend wie überhaupt nicht einleuchtend:

„Wir nehmen immer die mit Bart. Das sind die nettesten.“

Viel Reden für nichts

Die Frau, die für alle Kollegen außer mir am Stand noch als junge Frau gegolten haben dürfte, hangelte sich bereits vom fünften zum sechsten Taxifahrer. Ich war der siebte in der Schlange. Dass mit ihrer Anfrage irgendwas nicht so recht koscher sein konnte, war unschwer abzusehen. Allerdings behalte ich meine Freundlichkeit und mein Pokerface gerne bei, denn manchmal sind es ja nur die kleinen Dinge. Selbst wenn Kartenzahlung gewünscht ist, ist unter Umständen ein Halt an einer Bank etwas, an das alle Kollegen noch nicht gedacht haben.  Oder man kann mit drei Sätzen vernünftig erläutern, warum Kurzstrecke vom Stand aus nicht machbar ist und am Ende steigen die Leute dann doch zum Normaltarif ein. Ganz zu schweigen von den Kollegen, die Leute mit Hund / Rollstuhl / Dachschaden oder kurzen Touren aus Prinzip nicht mitnehmen wollen. Also hab ich abgewartet.

Auch beim Kollegen vor mir ist sie abgeblitzt, so dass sie mir endlich ihr Leid schildern konnte. Es ging um eine Tour nach außerhalb. Na gut, warum nicht. Dank S-Bahn-Ausfall war am vergangenen Samstag um den Ostbahnhof die Hölle los und mit dieser Fahrt hätte ich Feierabend machen können. Um halb zwei – mit einem Umsatz, den ich vielleicht für halb sieben erhofft hatte.

„Wir suchen nach einer Schwarzfahrt, muss also nicht auf der Uhr …“

Wegtreten, Flitzpiepe!

Hab ich so nicht gesagt, aber gedacht. Diplomatisch hab ich eingeworfen, dass wir nach außerhalb ja ohnehin verhandeln müssten.

„Naja, das sind 37 Kilometer und wir haben noch 40 Euro …“

Das ist immerhin mal nicht oberdreist und bei meinem Kilometerschnitt an dem Abend wäre das eigentlich vielleicht ganz ausnahmsweise und überhaupt … aber: nein!

Ja, irgendwie dringewesen wäre das. Sicher. Ich hab ihr auch angeboten, dass wir es umgehend machen könnten, wenn sie noch einen Zehner drauflegen würde. Nicht aus purer Geldsucht, damit läge ich immer noch unter dem, was mein Chef eigentlich von mir erwarten würde. Aber man muss die Kundenanfragen natürlich auch erstmal so lesen, wie sie dann in Realität aussehen. Die 37 Kilometer hab ich zwar nicht gleich überprüft, aber schon während unseres Gesprächs wurden sie zu 35. Wäre also nicht verwunderlich, wenn es eigentlich 50 sind. Vielleicht sogar 37 auf dem kürzesten Weg, aber über die Autobahn ist es ohnehin schneller, bla laber keks …

Und „wir haben nur 40 Euro“ kann ich auch lesen als „und Trinkgeld gibt es dann natürlich keines“. Muss nicht stimmen, man sollte aber vorsichtshalber damit rechnen.

Und außerdem war ihr (nur mal so: es waren insgesamt vier Leute!) einziges Problem, dass sie anderthalb Stunden auf den Zug warten mussten. An einem Bahnhof mit McDonalds, vielen Leuten und und und …

Auch wenn meine Artikel es manchmal vielleicht vermuten lassen. Ich geh nicht morgens ins Bett, hol mir einen runter und denk dabei daran, wie ich heute wieder den Taxitarif hochgehalten habe. Ich hätte den Leuten gerne einen Gefallen getan, aber es hätte sich – insbesondere in dieser Nacht! – nicht gelohnt für mich. Ich hab in der grob für die Tour veranschlagten Zeit ähnlich viel Geld – mit stattlichem Tip – eingefahren. Außerdem glaube ich auch, dass wenn 10 € für eine Fahrt von 40 Kilometern pro Person ok sind, 12,50 € kein allzu abbgehobenes Angebot sind. Dafür hätte es die Fahrt vor die Türe gegeben statt zum Bahnhof und es will mir doch keiner erzählen, dass von 4 erwachsenen Leuten, die in Berlin feiern gehen, nicht wenigstens einer noch einen Zehner bei der Bank abheben kann …

Am Ende haben sie wohl gewartet, die Taxi-Schlange endete kurz hinter mir. Ich hab es überlebt, sie haben es überlebt. So kann es eben gehen. Trotzdem schade.

Auf der Schwelle

…aber nicht darüber hinaus. Immerhin.

Die beiden Mädels, die mir vergangene Nacht unverhofft einstiegen, während ich gerade an Position 3 am Ostbahnhof darüber wachte, ja nicht zu viel Geld zu verdienen, waren nett. Und völlig unkompliziert. Sie hatten eine Adresse in Mitte für mich, sagten aber gleich an, dass es da einen Kniff gäbe, man von hinten ranfahren müsse und so weiter. Lustige aber zurechnungsfähige Fahrgäste. Die Königsklasse. Sollte man meinen.

Auf dem Weg zum Molkenmarkt erfuhr ich schon einiges – so zum Beispiel, dass die Dame auf dem rechten Sitz der Grund für ihr frühes Aufbrechen war. Ihr ginge es nicht so sonderlich gut. Immerhin wusste sie, warum:

„Wissense, ich hab nicht viel getrunken. Aber ich mach gerade Diät. Und da hab ich also nix gegessen …“

Alkohol auf nüchternen Magen. Da bleibt immerhin die Rechnung niedrig.

Hat mich nicht beunruhigt, hätte es aber sollen. Am Molkenmarkt kam dann das leider schon zu vertraute Spielchen: Von jetzt auf gleich musste sie nicht nur kotzen, sondern verlor zusätzlich auch noch die Fähigkeit, die Tür aufzumachen. Beziehungsweise sie kam nicht auf die Idee.

„Das war’s dann also für heute!“

hab ich mir so gedacht, während ich zeitglich brüllte, sie solle sich nicht so blöd anstellen und gefälligst die Tür aufmachen. Im Großen und Ganzen blieb es erstmal harmlos. Sie hatte sich ein wenig auf die Bluse gekotzt, der Rest ging dann brav zur Tür raus. Nach zweimaligem Hin und Her hab ich die Kiste dann mal an den Rand gefahren. Ich wollte mir schnell ein Bild vom Schaden machen. Nur: Da war im Grunde keiner. Einmal mehr prophylaktisch über den Sitz gewischt, einmal die Türschweller – und ihre Freundin übernahm die drei einzelnen Tropfen auf der Gummimatte im Fußraum. Und Ende. Ich will’s nicht schönreden, aber wenn es das wäre, was man gemeinhin unter Ins-Taxi-Kotzen subsummiert, dann wäre das eine eigentlich nette Freizeitbeschäftigung.

Meine Hände haben trotzdem gezittert. Ich bin da immer umgehend auf 180.

Allerdings sollte es das wirklich gewesen sein. Den letzten Kilometer nach Hause – den ich brav immer ganz rechts gefahren bin – schaffte sie und am Ende war es Entschädigung genug, dass während des kurzen Stopps die Uhr weitergelaufen ist. Im Taxi kotzen und am Ende doch nur einen Zehner zahlen – das schaffen auch nur die wenigsten. Respekt!

Die hunderttausend Entschuldigungen danach hab ich mit einem Lächeln wegstecken können. Am Ende ist eben alles besser, als die Schicht zwangsweise zu beenden …

„Lass ma‘ Videothek geh’n!“

Bei dem Satz hat es mir die Zehennnägel hochgerollt. Gar nicht wegen der fortschrittlichen Grammatik, sondern eher weil ich ein paar Sekunden zuvor eine Kurzstrecke ins Taxameter gehauen habe. Es ist noch nicht lange her, dass ich die Problematik geschildert habe: Wenn man während einer Kurzstrecke anhält, dann läuft die Uhr nicht weiter. Genau deswegen ist es auch nicht erlaubt. Oder die Uhr läuft nicht weiter, weil es eh nicht erlaubt ist. Ist wahrscheinlich so eine Huhn-Ei-Problematik.

Und ich hab so meine Erfahrungen, wie es laufen kann, wenn zwei Jungs um die zwanzig „mal kurz einen Film ausleihen“ wollen. Vielleicht ist das ja etwas, über das sachma was schreiben möchte, er hat mit mir zusammen die legendärsten und längsten Aufenthalte in Stuttgarter Videotheken zustandegebracht, meist mit einem ausgesprochen banalen Endergebnis 🙂

Und nun saßen die beiden, jeder mit einem Sixer  bewaffnet bei mir im Taxi und wollten eigentlich nur kurz zum schlesischen Tor. Wenngleich die Wartezeit mich überlegen ließ, ob ich nicht einfach sagen sollte, dass das nix wird, würde die Tour auf der anderen Seite mit Umkehren und dem Zwischenstopp am Ende über die Kurzstrecke hinausgehen – und über die Kurzstrecke hinaus sind ja binnen knapp 800 Metern der doppelte Umsatz …

Also hab ich sie diplomatisch darauf hingewiesen, dass ich das eigentlich nicht dürfte – sogar das mit der Uhr hab ich angesprochen – und um Eile gebeten. Die legten sie auch tatsächlich an den Tag! Als Pfand behielt ich ihre komplette Party-Ausrüstung und die war ihnen wohl wichtig genug, um bereits nach anderthalb Minuten wieder vor dem Taxi zu stehen. Außerdem waren sie jetzt so erfreut, dass sie sich doch gleich bis ganz nach Hause bringen ließen, was am Ende knapp über 10 € Umsatz für mich bedeutete und die Sache wert war. Noch viel besser aber war, dass sie sich tatsächlich noch überschwänglich dafür bedankt haben, obgleich mein Verlust reell gesehen rund 40 Cent betragen hat 😀

Zentrale vs. Nervenkostüm

Die Tour hier ist schon ein bisschen her. Es war am Wochenende, als die Biermeile mal wieder in Friedrichshain anstand. Und angestanden hat offenbar auch der Kunde, der mir ins Auto stieg:

„Sind Sie bestellt?“

Wenn man sichergehen will, dass man an dieser Stelle keine Fahrt klaut, muss man eiskalt gegenfragen:

„Hatten Sie ein Taxi bestellt?“

Denn viele Menschen in Eile sind Egoisten, fast alle sogar. Sagt man, man sei nicht bestellt, dann freut sich der Kunde, weil angeblich ein Kollege gerade da war, der leider nicht für ihn war – sagt man, dass man bestellt sei, dann war es eben genau er, der das Auto bestellt hat. Naja, seine Antwort auf meine Gegenfrage war so ehrlich wie erregt:

„Ja verdammt, aber das ist jetzt auch egal!“

Aber er konnte es erklären:

„Ich häng hier jetzt seit Ewigkeiten in der Warteschleife bei der Zentrale, weil mein Wagen nicht kommt, aber da nimmt keiner ab!“

Blöde Geschichte. Laut dem Kunden (wie gesagt: man sollte mit der Gutgläubigkeit vorsichtig sein!) stand er da seit fast 35 Minuten. Das Taxi wäre um 5 nach 0 Uhr bestellt worden, sollte in wenigen Minuten da sein und er hatte vor – mal gucken – 10 Minuten einen Geschäftstermin in Mitte. Großes Disaster! Termin geplatzt, weil das Taxi nicht gekommen ist.

Im Laufe der Fahrt ging die Zentrale auch mal ran und er erzählte haarklein die selbe Story und beschwor Tod, Teufel und Schadensersatzklagen ob des geplatzten Treffens. Auf jeden Fall hatte er vor, dem betreffenden Fahrer das Leben schwer zu machen. Wofür ich ein kleines Bisschen Verständnis habe, wenngleich mir der Kollege erstmal leid tut.

Das ist einer der Gründe, weswegen ich auf den Funk gerne verzichte: Es gibt immer Unwägbarkeiten und am Ende steckt da noch eine dritte Partei mit drin, die im Falle einer Nichterreichbarkeit eher störend als helfend sein kann. Vielleicht war der Fahrer ja tatsächlich aus guten Gründen verhindert, vielleicht hat er das auch rechtzeitig weitergegeben …

Auf der anderen Seite war in dieser Nacht die Chance auch groß, dass er vielleicht einfach einen näheren Kunden eingeladen hat und sich dachte, das würde schon alles klappen. Denn der Besteller stand direkt an der Karl-Marx-Allee, zu diesem Zeitpunkt prinzipiell voll mit Taxen (und Kunden eben). Mich hätte es in der Nacht auch kirre gemacht, an 5 Winkern vorbeizufahren auf dem Weg zu einem Kunden, der wahrscheinlich bereits in ein x-beliebiges anderes Taxi gestiegen ist. Es hat eben alles Vor- und Nachteile. Man hat als Fahrer mit Funk hier und da einen Auftrag mehr, auf der anderen Seite ist man an solche dann auch gebunden. Auch wenn man dadurch etwas anderes verpasst oder vielleicht eine Fehlfahrt riskiert.

Ich würde ja gerne wissen, was daraus geworden ist. Ich selbst hatte Glück, denn mein Fahrgast war eher froh, dass ich da war, als dass er seine schlechte Laune an mir ausließ. Unter normalen Umständen wahrscheinlich ein guter Kunde, in der Nacht aber dennoch eine Tour, bei der ich auch froh war, als sie beendet war …