Auf der Schwelle

…aber nicht darüber hinaus. Immerhin.

Die beiden Mädels, die mir vergangene Nacht unverhofft einstiegen, während ich gerade an Position 3 am Ostbahnhof darüber wachte, ja nicht zu viel Geld zu verdienen, waren nett. Und völlig unkompliziert. Sie hatten eine Adresse in Mitte für mich, sagten aber gleich an, dass es da einen Kniff gäbe, man von hinten ranfahren müsse und so weiter. Lustige aber zurechnungsfähige Fahrgäste. Die Königsklasse. Sollte man meinen.

Auf dem Weg zum Molkenmarkt erfuhr ich schon einiges – so zum Beispiel, dass die Dame auf dem rechten Sitz der Grund für ihr frühes Aufbrechen war. Ihr ginge es nicht so sonderlich gut. Immerhin wusste sie, warum:

„Wissense, ich hab nicht viel getrunken. Aber ich mach gerade Diät. Und da hab ich also nix gegessen …“

Alkohol auf nüchternen Magen. Da bleibt immerhin die Rechnung niedrig.

Hat mich nicht beunruhigt, hätte es aber sollen. Am Molkenmarkt kam dann das leider schon zu vertraute Spielchen: Von jetzt auf gleich musste sie nicht nur kotzen, sondern verlor zusätzlich auch noch die Fähigkeit, die Tür aufzumachen. Beziehungsweise sie kam nicht auf die Idee.

„Das war’s dann also für heute!“

hab ich mir so gedacht, während ich zeitglich brüllte, sie solle sich nicht so blöd anstellen und gefälligst die Tür aufmachen. Im Großen und Ganzen blieb es erstmal harmlos. Sie hatte sich ein wenig auf die Bluse gekotzt, der Rest ging dann brav zur Tür raus. Nach zweimaligem Hin und Her hab ich die Kiste dann mal an den Rand gefahren. Ich wollte mir schnell ein Bild vom Schaden machen. Nur: Da war im Grunde keiner. Einmal mehr prophylaktisch über den Sitz gewischt, einmal die Türschweller – und ihre Freundin übernahm die drei einzelnen Tropfen auf der Gummimatte im Fußraum. Und Ende. Ich will’s nicht schönreden, aber wenn es das wäre, was man gemeinhin unter Ins-Taxi-Kotzen subsummiert, dann wäre das eine eigentlich nette Freizeitbeschäftigung.

Meine Hände haben trotzdem gezittert. Ich bin da immer umgehend auf 180.

Allerdings sollte es das wirklich gewesen sein. Den letzten Kilometer nach Hause – den ich brav immer ganz rechts gefahren bin – schaffte sie und am Ende war es Entschädigung genug, dass während des kurzen Stopps die Uhr weitergelaufen ist. Im Taxi kotzen und am Ende doch nur einen Zehner zahlen – das schaffen auch nur die wenigsten. Respekt!

Die hunderttausend Entschuldigungen danach hab ich mit einem Lächeln wegstecken können. Am Ende ist eben alles besser, als die Schicht zwangsweise zu beenden …

12 Kommentare bis “Auf der Schwelle”

  1. Will Sagen sagt:

    Auch ein Vorteil der Diät: Da kann nicht viel kommen … 😉

  2. Dicker Mann sagt:

    Eh, die waren doch lieb! Aber wie blöd ist das denn: Die ganzen tollen Effekte der meist völlig dämliche xy-* Diät einfach wegzusaufen?
    *an der Stelle bitte Lieblingsblödsinn-Diät eintragen

  3. Sash sagt:

    @Will Sagen:
    Ich will da eigentlich nicht zu sehr ins Detail gehen, aber: Ja! Das war wahrscheinlich wirklich einer der glücklichen Umstände.

    @Dicker Mann:
    Ich hab mir auch gedacht, dass das wohl etwas kontraproduktiv ist. Auf der anderen Seite: Wenn man es dann wieder auskotzt …

  4. Dicker Mann sagt:

    Das ist doch die Idee: Diät zum auskotzen!
    Nee, Neee, Nee
    Die Mädels mir Bulimie versuchens ständig — is‘ voll daneben, versuchts erst gar nicht.

  5. Kontertanz sagt:

    Stelle es mir auch unheimlich fies vor, in einem Wagen voll von süßsaurem Kotzegestank durch Berlin zu tingeln.

  6. Sash sagt:

    @Dicker Mann:
    Als ernste Handlungsempfehlung wollte ich das auch keineswegs verstanden wissen …

    @Kontertanz:
    Ist es auch. Deswegen sehe ich ja auch zu, dass das Auto so schnell wie möglich wieder sauber ist. Spaß am Putzen ist – man glaubt es kaum – nicht der vorrangige Grund 🙂

  7. elder taxidriver sagt:

    Es gibt ein altes Taxifahrer-Rezept für die Beseitigung unangenehmer Gerüche:

    Man zerknüllt eine Zeitung, legt sie auf eine Radkappe, hält das in den Innenraum der Taxe und setzt die Zeitung in Brand.
    Das lodert kurz auf und sinkt in sich zusammen. Der dabei entstehende Rauch frisst den Geruch auf..

  8. Sash sagt:

    @elder taxidriver:
    Interessant. Könnte mir sogar vorstellen, dass das klappt. Heute stellt sich wahrscheinlich die Frage, ob das mit dem Nichtraucherschutz konform geht 😉

  9. leserin sagt:

    Ja man kann nicht viel kotzen mit leerem Magen, aber man kotzt auf jedenfall pure Galle. Nicht sehr klug, darauf unvorbereitet in ein Taxi zu steigen.

  10. highwayfloh sagt:

    @ Sash:

    hättest gleich die Gelegenheit für ein neues Geschäftsfeld ergreifen können:

    „Soda-Wasser“ verabreichen, bevor die „Tat“ vollendet wird, und schon haste im Fall des Falles völlig unbedenkliche „Gall-Seife“, die Du exklusiv unter der Marke „GS-1925“ verhökern kannst… 😉

    PS:

    Die Markenidee hab aber „ich“ gehabt… bitte nicht vergessen… 😉

  11. Sash sagt:

    @leserin:
    Dann gehe ich halt doch ins Detail: Leer war der Magen ja nicht, war aber halt nur Flüssigkeit 😉

    @highwayfloh:
    Eine etwas abgefahrene Idee. Wobei mich nicht wundern würde, wenn sich nicht sogar dafür noch Kundschaft findet …

  12. highwayfloh sagt:

    @Sah:

    weisst ja: selbst mit der „dümmsten Idee“ lest sich bekanntlich Geld machen…

    … das „Marketing“ muss halt stimmen… 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: