Zuckunglücke

Ich hab den Artikel über die 5 besten Methoden, ein Taxi heranzuwinken nicht zufällig geschrieben.

In letzter Zeit treiben mich die Zucker in den Wahnsinn. Ich bin ja nun wirklich mit offenen Augen unterwegs und ich bin nach nunmehr bald 4 Jahren im Taxi auch recht geübt darin, potenzielle Kunden zu erkennen. Leute, die in Erwägung ziehen, ein Taxi heranzuwinken, verhalten sich am Straßenrand anders als sonstige Spaziergänger. Selbst wenn sie einem nicht das Gesicht zuwenden. An der mangelnden Übung kann es also kaum liegen, meist habe ich Recht.

Allerdings passieren in der Stadt eine Menge komische Dinge. Menschen winken sich gegenseitig über die Straße hinweg zu, manche scheinen tatsächlich unter unkontrollierbaren Zuckungen zu leiden, manche winken sogar tatsächlich nach einem Taxi – das aber nur zum Spaß.

Man kann als Taxifahrer also auch schlecht bei jeder seltsamen Bewegung anhalten. Der Zeitverlust wäre verkraftbar, aber allzu oft bedingt ein solcher Stopp, dass sich ein Kollege vor einen setzt und damit nunmehr die besten Karten hat, die nächsten zu erwischen.

Und ich erwarte von Kunden nicht viel. Ehrlich nicht. Niemand muss sich Leuchtbändchen umhängen, wie wild mit den Armen fuchteln oder sich sonstwie zum Klops machen. Ein sichtbar ausgestreckter Arm, vielleicht eine leichte Bewegung dabei (optional) und Blickkontakt. Das reicht!

Aber in letzter Zeit hatte ich mehrmals Leute, die z.B. kurz die Hand in Schritthöhe anheben als eine Art Bremssignal, das ja keiner mitkriegen soll. Wenn ich sie dann fixiert habe in der Hoffnung, sie meinten mich, blickten sie weg. Um dann – wenn ich vorbeifuhr – Zeter und Mordio zu schreien, mir hinterherzuwinken oder mir nachzublicken.

Mich reizt es oft, in solchen Situationen eine Vollbremsung hinzulegen, die Tour noch zu retten, ja: meinen Umsatz und damit mein Gehalt aufzubessern. Meist indes fahre ich weiter und ärgere mich über die Blödheit dieser Zeitgenossen. Meist dem Verkehr geschuldet, manchmal aber auch aus Trotz. Ich meine: Mal im Ernst – was soll das? Auch wenn ich es gerne wäre: Ich bin kein Gedankenleser und ich habe zudem auf den Verkehr um mich herum zu achten. Wenn man ein Auto aus so einer Situation heraus anhalten möchte, dann ist es nunmal unabdinglich, das irgendwie kenntlich zu machen!

Wenn wir Taxifahrer bei jedem Schulterzucken und jeder kurz zuckenden Hand anhalten würden, dann ginge wirklich gar nichts mehr in den Straßen Berlins. Ehrlich! Denkt daran, wenn ihr euch ein Taxi ranwinken wollt. Wir Fahrer sind sicher die letzten, die sich diese Chance entgehen lassen. Aber ihr müsst sie uns auch geben …

15 Kommentare bis “Zuckunglücke”

  1. elder taxidriver sagt:

    ‚Zuckunglücke ‚ würde ich gern für das GNIT -Wort des Jahres einreichen, geht das ?
    Aber eigentlich es ist noch zu früh, es könnte gut sein, dass es noch getoppt wird..

  2. Jens sagt:

    Subjektive Erfahrung: Viele Taxiwinker scheinen keine Ahnung zu haben, dass Taxis mit ausgeschalteter Fackel besetzt sind. Zumindest sehe ich oft Leute, die einfach jedes Taxi heran winken und sich dann darüber ärgern, ignoriert zu werden, obwohl oben auf dem Wagendach nix leuchtete.

    Je nach Temperament führt das dann entweder dazu, dass diese Menschen sich über die vermeintlich rücksichtslosen Taxifahrer ärgern, die scheinbar einfach nicht anhalten wollen, oder aber sie haben soviel Angst, sich mit ihrer erfolglosen Suche vor dem Rest der Welt lächerlich zu machen, dass sie versuchen, den Taxiwunsch so konspirativ wie möglich zu äußern.

  3. Jürgen sagt:

    Erinnert mich daran, dass Radfahrer oftmals zum Zeichen des Richtungswechsel bei angelegtem Arm gerade mal eine Hand abwinkeln. Übersieht man als Radfahrer wie auch als Autofahrer sehr leicht und ist ebenfalls nicht wirklich eindeutig.

    Vielleicht haben die Leute Angst, in so einer Situation aus sich rauszugehen bzw. es ist ihnen peinlich, damit auch die Aufmerksamkeit aller möglichen anderer Leute auf sich zu ziehen?

  4. elder taxidriver sagt:

    Genauso wie es verschiedene Kulturen gibt, gibt’s eben auch verschiedene Taxi-Winke-Kulturen.
    Vor einigen Jahren noch habe ich schon sofort gesehen , dass es ein Russe ist, wenn wer die Hand nur so ein
    bisschen gehoben hat, auf Hosentaschenhöhe, von Gürtel nicht zu reden. Die Erklärung: In der Sowjetunion, vornehmlich in Moskau, gab es viele illegale Taxis. Deshalb musste man schon beim Winken konspirativ vorgehen.

    Irrtümer inbegriffen: Einmal dachte ich: ah, wieder ein Russe. Er kam aber aus Manhattan. Wie er auf Anfrage sagte. Nicht etwa New York oder United States., nein: Manhattan. Und da ist der Konkurrenzdruck, die Service-Mentalität,
    oder die Geier-Mentalität , wie man es auch nennen möchte eben so ausgeprägt, dass kleinste Zeichen reichen um bedient zu werden.

    Und solange bis ‚Taxiwinken‘ Unterrichtsfach ist, wird sich wohl auch nichts ändern., aber macht nichts.

  5. owyanna sagt:

    Den Post-Titel würd‘ ich auch gerne für irgendwas nominieren, sehr gelungen.
    Außerdem stimme ich Jens & Jürgen (hey, macht ’ne Band auf mit dem Namen!) zu, mein erster Gedanke war auch: Wenn ich versuche, ein Taxi aus dem Fließverkehr zu angeln – was selten bis nie vorkommt – wäre meine Haupt-Hemmung auch darin begründet, dass ich nicht weiß, ob das Taxi überhaupt frei ist. Also versucht man, das beim Näherkommen irgendwie zu erkennen – sitzt da (abgesehen vom Fahrer) jemand drin? Das wiederum interpretiert der Fahrer natürlich meist richtig, und guckt zurück, aber der Winker macht so einen uneindeutigen Eindruck, also macht auch das Taxi auf den Winker einen uneindeutigen Eindruck – und dann ist der Moment vorbei, und beide ärgern sich… Welch Tragik.
    Über ein- und ausgeschaltete Fackeln und Nicht-Überholen-Ettikette weiß ich selbst auch erst Bescheid, seit ich hier mitlese. Das ist noch nicht lang. Ich gehöre nämlich bisher zu den Menschen, die nicht gerne Taxi fahren. Auch das nur mein subjektives Empfinden, begründen könnte ich das zwar, allerdings nur mit meinen eigenen Neurosen 😉
    Insofern bin ich mir, unterm Strich, ziemlich sicher, dass diese Leute, die es nicht schaffen, ihren „Haltewunsch“ deutlich zu machen, keine Serientäter sind, sondern Leute, die einmal im Jahr spontan auf die Idee kommen, dass man in dieser Situation ja auch dieses unbekannte Wesen namens ‚Taxi‘ zuhilfe nehmen könnte.
    Jaja, da ist noch einiges an Kommunikationsbedarf, zwischen Taxifahrern und Gelegenheitstaxifahrgästen… 😉
    Bleib tapfer.

  6. elder taxidriver sagt:

    Ein alter Berliner Witz geht so:

    ‚Kommt ’ne leere Taxe, -wer steigt aus ? Asta Nielsen.

    Das war ein Stummfilmstar, die war aber so spack, das heißt dünn, dass es nicht zu sehen war, wenn sie in einer Taxe saß.

  7. Dicker Mann sagt:

    Ich denke für die meisten ist es einfach sowas von hypercool und lässig, nur mal kurz die Augenbraue zu heben und die Welt kümmert sich spontan, freiwillig und höchst erfreut um alles was einem auf dem Herzen liegen könnte.
    Vielleicht wollen auch einige Zuckgenossen beweisen, dass Sie bei den Taxifahrern ihrer Stadt so bekannt und wohlgelitten sind, dass es offensichtlich reicht sein Winken telepathisch ins Taxi gesendet wird.

  8. Aro sagt:

    @elder taxidriver
    Wie aber hat sich Asta Nielsen vorher ein Taxi winken können?

  9. elder taxidriver sagt:

    @Aro: der Hotelpage war’s.

  10. leserin sagt:

    der nette mit dem bart, der ist doch eben so nett, der merkt das doch wenn man „bescheid zuckt“ 😛

  11. Sash sagt:

    @elder taxidriver:
    Ich merke das Wort mal vor 🙂
    Hat mir aber auch gefallen, zugegeben.
    Und das mit den illegalen russischen Taxis klingt plausibel.

    @Jens:
    Ich vermute auch, dass es damit zusammenhängt.

    @Jürgen:
    Kann schon sein, mich irritiert das aber wirklich. Ich meine, es ist ja keine große Aktion, den Arm zu heben.

    @owyanna:
    Wunderbare Beschreibung des ganzen. Wirklich herrlich! 🙂
    Und ja, es besteht noch Kommunikationsbedarf …

    @Dicker Mann:
    Sowas mag es geben – aber allzu viele werden das nicht sein.

    @leserin:
    Das Problem ist ja: Merken tue ich es. Würde es mir nicht auffallen, hätte ich ja kein Problem.

  12. Paramantus sagt:

    Ich hab bis jetzt immer Glück gehabt. Immer wenn ich mir ein Taxi herbeiwünschte, was zugegebenermaßen nicht oft war, kam grad eins um die Ecke gefahren. Wie im Film… 😀

  13. Mariha sagt:

    @Jens: Manchmal vergisst man das Schild wieder anzumachen, deshalb kann es durchaus vorkommen, dass ein Taxi mit Schild aus anhält :D, bei uns winken die Leute allerdings auch nach Funkmietwagen (die dann auch anhalten und die Leute mitnehmen:() oder nach Privatfahrzeugen und beschweren sich, dass diese nicht anhalten.

    Auf dem Weg zur Pause hatte ich letztens auch so einen Spezialisten: Ich will eigentlich zur Pause, hab‘ saumäßig Hunger, fahre am taxileeren Taxenstand vorbei wo ein Mann mit zwei Kindern steht, ich werde langsamer weil ich denke:“och, eine Tour kann ich ja noch mitnehmen“, gucke den Herren an, gestikulirer fragend erst auf ihn, dann auf mich, von ihm kommt keinerlei Reaktion, als wäre ich so selbstverständlich und durchsichtig wie Luft, „okay, dann eben nicht“ dachte ich mir, habe mich gedanklich wieder meinem Abendessen gewidmet und bin weiter gefahren, der entgeisterte Blick seinerseits war schon irgendwie komisch. Als ich mein Funkgerät nach der Pause wieder einschalte sehe ich eine Nachricht: „An Taxenstand XY wird eine Taxe benötigt“…

  14. Christian sagt:

    Ich hab da so meine ganz eigene Theorie. Die Leute winken sich ein Taxi, sehen den Fahrer und denken sich „och nööö den will ich nicht“ und drehen sich halt um, um auf das nächste zu warten ^^ (nicht persönlich nehmen 😉 )

  15. Sash sagt:

    @Christian:
    Das gibt es. Aber es gibt auch eine ganze Reihe von Leuten, bei denen ich recht sicher bin, dass das nicht so ist …
    Persönlich nehme ich sowas übrigens per se nicht 🙂

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