Ist das weit?

Da fahr ich am Ostbahnhof weg, weil nix los ist. Die Straßen waren voller Winker, also warum sich die Reifen plattstehen? Und siehe da: Ich fahre nur einmal ums Eck und in der Straße der Pariser Kommune, direkt vor dem Ostel, standen zwei Mädels. Kurzes Reinklettern, dann die Ansage:

„Einmal Kurzstrecke ins Berghain.“

Na gut, wenn es das wert ist. Ich hab keine Diskussion gestartet, die die Kurzstrecke haben wollen, wissen in der Regel Bescheid. In dem Fall wäre der Normaltarif vielleicht sogar 20 bis 40 Cent billiger gewesen, aber wayne? Dann meinte Madame auf dem Beifahrersitz:

„Und, is des weit?“

„Äh, nee. Quatsch, das sind vielleicht 400 Meter.“

„Orrr, ich bring Dich um!“

Das war glücklicherweise nicht an mich gerichtet, sondern ihre Freundin. Die konterte:

„Hey, letztes Mal hat des irgendwie weiter gewirkt. Und da sind wir dann durch irgendwelche ewig langen Gassen gelaufen …“

Gut, war vielleicht doch sinnvoll, dass sie ein Taxi genommen haben. Irgendwelche Gassen liegen auf dem kürzesten Weg nämlich nicht.

Prioritätensetzung

Manchmal klappt alles. Ich bin hinter zig Taxen die Warschauer Brücke Richtung Norden entlang getuckert – und alle sind sie in die Revaler Straße abgebogen. Keine 50 Meter weiter in der Warschauer Straße standen dann Winker. Hihi.

So ganz in ruhig ging die Fahrt aber auch nicht. Von ihren Halloween-Kostümen ließ ich mich wenig schocken, die Ansage aber lautete dann:

„Klinikum Friedrichshain! Schnell bitte!“

Aha, die Strecke bin ich schon mal gefahren, zumindest fast – damals mit Donald. Ich hab mich vorsichtig umgesehen, um zu checken, ob das Blut wenigstens unecht ist … war es auch. Es ging gar nicht um die beiden, ein guter Freund hätte wohl eine dieser typischen Meldungen abgegeben, von denen ich bis heute nicht weiß, wie viel man trinken muss, um sie zu artikulieren:

„Ich bin im Krankenhaus, bitte kommt schnell!“

Ich meine, eine kleine Diagnose kann doch nicht schaden. Man kann seinen Freunden eine Menge Leid ersparen, wenn man einfach „Knie aufgeschürft“ dazu sagt.

Kleiner Einschub: Ich hab solche Anrufe nur selten tätigen müssen, aber auf einen bin ich sehr stolz. 2008 habe ich in Spanien eine Kinderfreizeit mitbetreut und mich dummerweise am ersten Abend ziemlich verletzt. Binnen zweier Tage war dann klar, dass es keinen Sinn hat, das bis zum Schluss durchzuziehen, also hab ich Ozie angerufen und ihr verkündet, dass ich früher zurückkommen werde. Völlig verständlich, dass sie mich fragte, was ich denn hätte. Ich hab geantwortet mit:

„Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es ist kein Beinbruch …“

Aber gut, zurück zu meinen Fahrgästen. Die saßen inzwischen angespannt und angeschnallt bei mir im Fond und ich hab die Warschauer Straße nach allen Regeln der Kunst möglichst zielorientiert befahren. Glücklicherweise ging dank des Verkehrs ohnehin nicht mehr als die erlaubten 50. Aber es sah ansprechend hektisch aus, was ich tat, damit war allen geholfen … 😉

Plötzlich kam die Erkenntnis:

„Scheiße! …“

Was denn nun? Doch ein anderes Krankenhaus? Mama noch anrufen? Nummer des Bestatters vergessen? Was denn?

„Ich brauch noch ’n Mate! Sonst steh ich das nicht durch!“

Also am nächsten Späti angehalten und zwei Club Mate geholt. So ist’s recht! Nur nicht die wichtigen Dinge im Leben vergessen … 😀

Sympathie ist viel wert …

„Ich hab das jetzt ja auch nur gemacht, weil Du mir, sag ich jetz‘ mal so, sympathisch warst.“

Was gemacht? Mir die Schicht gerettet!

Der Freitag Abend soll ein schlechter Freitag gewesen sein. Nahezu alle Kollegen prahlten selbstmitleidig mit hammerschlechten Umsätzen. Ich stand etwas deplaziert und debil grinsend daneben. Der Grund war meine dritte Tour an dem Abend. Eine, über die ich mich gleich zu Beginn gefreut hatte. Eine junge Frau (tatsächlich ein paar Jahre älter als ich) hat mich im Boxhagener Kiez rangewunken und mit der Aussage, sie möchte keine 10 Minuten auf den Bus warten, zum Ostbahnhof geschickt. Gute Idee, denn da wollte ich sowieso hin.

Während der 7€-Tour kamen wir recht schnell ins Gespräch. Auf den Zug müsse sie noch eine Stunde warten, aber wenigstens gäbe es im Bahnhof Speis und Trank. Am Zielbahnhof würde dann allerdings auch nur wieder ein nasser Motorroller warten. Danach aber – endlich – ein gemütliches Heim mit 3 Katzen und somit der lang ersehnte Ruhepol nach mehr als 12 Stunden Arbeit!

In Fürstenwalde.

Ich hatte dann nur beiläufig erwähnt, dass ich vor kurzem auch in Fürstenwalde gewesen wäre, leider mit einer eher unzufriedenen Kundin, die dem Hunni sehr hinterhergeweint hätte. Der Sieg war meiner, das ahnte ich bereits als sie fragte:

„Echt, ’nen Hunni würde des kosten?“

Als wir am Ostbahnhof auf die Vorfahrt rollten, war der Gedanke so fest eingepflanzt (und nein, ich hab es nicht forciert!), dass ich einfach frech sagen konnte:

„Also ICH würde mich natürlich freuen, sie nach Fürstenwalde zu bringen!“

Die Antwort kam schnell:

„Dann machen wir das doch jetzt einfach!“

Zack, Bombe! Ungelogen 5 Meter vor dem ursprünglichen Ziel hab ich gewendet und bin gen Südosten davongeschossen.

Die selbe Hammertour noch einmal, nun jedoch mit einer frisch verliebten und redseeligen jungen Frau an Bord, mit der wieder sehr schnell die Arbeit nicht mehr wie Arbeit wirkte. Zwischenrein ein Halt an der Tanke für Bier und fortan ein langes Gespräch über Beziehungen und die Liebe nebst vor sich hinratternder Uhr. Herrlich!

Wie viel besser kann es einem als Taxifahrer ergehen, als wenn man nach einer Tour 105 € ausgehändigt bekommt mit der recht eindeutigen Aussage:

„Es war mir ein Fest!“

Genau. Gar nicht! 😀

Keine Angst

Der Anfang der Schicht war zum Kotzen verlaufen, inzwischen war aber aus anderen Gründen ein längerer Toilettenaufenthalt von mir ins Auge gefasst worden. Ich war zwar schon mehr in Eile und hab auch einiges an Durchhaltevermögen, aber ich stand eben auch an zweiter Position am Ostbahnhof. So schnell war keine Erlösung zu erwarten.

Aber sie kam dennoch. Und zwar in Form eines gar nicht unsympathischen Kerls, der eine Tour für fast zwanzig Euro an der Hand hatte – er musste nach Neu-Hohenschönhausen. Lange Tour war jetzt zwar eher nicht mein Traum – allerdings wäre von da aus der Weg nach Hause recht kurz und ich könnte gleich noch eine Kaffeepause machen. Also beschloss ich, mich zu freuen.

Die Tour war prima, nette Unterhaltung, mit Trinkgeld gab es sogar über zwanzig Euro und nach Hause war es nicht mehr weit. Kurz über die Pablo-Picasso und die Bitterfelder auf die Märkische – und dann könnte ich meine Wohnung schon sehen, wenn nicht das Eastgate im Weg stehen würde. Darüber hinaus leere Straßen, kaum Ampeln und kein Laufpublikum:

Großes weißes Telefon, ich komme!

Ein kleiner Rest Jagdinstinkt bleibt am Ende aber doch meistens. Fackel ausmachen ist nicht so mein Ding. Und so kam es, wie es kommen musste: Das Oktoberfest in seiner Eastside-Version hat wieder zugeschlagen und als ich schon am Blinken war, um in die Marzahner Promenade einzubiegen, winkte es rechts am Straßenrand. Ich hab mit mir gehadert, dann aber doch den Blinker rausgenommen und das Lenkrad gen rechts eingeschlagen. Das alleine war kaum nötig, denn Hilde und Eugen ruderten mit ausladenden Armbewegungen bereits auf die Fahrbahn. Das war soweit in Ordnung, die Straße war frei, also hab ich sie eingeladen. Großes Juchhei, endlich ein Taxi usw. usf. alles mit eingeschlossen.

„Na immerhin nehmen sie uns mit!“

„Warum auch nicht?“

Sprach’s und presste die Beine etwas enger zusammen …

„Naja, da war doch vorher der andere, ne Eugen?“

„Jaja, der wollte nich!“

„Der hat jesacht: Aber bitte, ich bin doch nicht mehr im Dienst. Aber der war doch an!“

„Jaja, voll an war der, hat aber gesagt, dass er aus wäre. Und bitte, wir sin vielleicht’n bisschen betrunken, aber doch nich so, dass man Angst haben müsste vor uns, ne?“

„Ja, Eugen.“

„Aber sie ha’m keine Angst vor uns, oder?“

Ich hab mir das Bild der beiden beim Einstieg nochmal vor Augen gehalten und mir gedacht, dass abgesehen von Bierfässern wirklich keiner Angst vor den beiden haben müsste. Beide gute zwei Kopf kleiner als ich, ein paar ATÜ Kesseldruck zu viel, ansonsten aber passendes Oktoberfest-Publikum: Jemütlich. Janz jemütlich.

Dass ich die Tour (die im Wesentlichen aus 3 Kilometern Märkische Allee bestand) etwas zügiger als sonst zurückgelegt hab, lag folglich weniger an den beiden. Am Ende war es gerade noch so in Ordnung. Ein Zehner Umsatz war an dem Abend Gold wert, kein Vergleich jedoch zur Erleichterung hinter der geschlossenen Klotüre wenige Minuten später. Nur Angst, Angst hatte ich eigentlich gar nicht an diesem Abend.

Nach Osten!

„Guten Abend, wohin soll’s denn gehen?“

„Bahnhof Friedrichstraße.“

„Kein Problem.“

Also los! Ist ja schön. Klare Ansage, das Ziel ist mir bekannt, perfekt!

„Gibt es andere Bahnhof wo ist in Nähe?“

„Ähm, hmm … der Ostbahnhof?“

Ich hatte den Winker unweit des Ostkreuzes mitten im Boxhagener Kiez aufgesammelt. Nun also der Ostbahnhof, gut. Liegt zwar wesentlich näher und ist damit keine so gute Tour, aber was soll’s?

„Muss nur kommen in Osten!“

„Osten? Aber der Ostbahnhof ist auch westlich von hier. Wohin in den Osten müssen Sie denn genau?“

„Oh, weit in Osten. Bis Polen!“

OK, dass er dahin kein Taxi nimmt, konnte ich verstehen. 🙂

Happig

Wenn ich hier gelegentlich rumnörgel über große Scheine, soll das wirklich nicht klingen, als würde ich die aus Prinzip ablehnen oder es nicht verstehen, dass man es manchmal nicht kleiner hat. Passiert mir auch mal und man hat auch besseres vor als immer nur permanent nach dem passenden Schein in der Tasche zu suchen. Ich weise bloß – gerade weil ich mit GNIT ja inzwischen auch eine Menge Leute erreiche – darauf hin, dass uns das manchmal Sorgen machen kann.

An Tagen, an denen erwartungsgemäß viel Großgeld zu erwarten ist (am ersten und fünfzehnten, ggf. am ersten Wochenende danach) nehme ich auch etwas mehr Wechselgeld mit, um dem zu begegnen. Aber neulich hatte ich dann einen Schichtanfang, bei dem ich das zwar mit den Kunden geregelt bekommen hab, es aber doch nervig wurde.

Erste Tour kurz nach Kreuzberg rein: 7,60 €, machen ’se 8, kleiner hab ich’s nicht. Erster Fuffi.

Dritte Tour – noch keine 20 € Umsatz insgesamt – kommt der nächste: 8,80 €, machste 9!

Ich war sowieso fast zu Hause, also hab ich dort mal eben die zwei Fuffis kleingewechselt.  Alles wieder im Lot. Fahre ein bisschen rum, eine Kurzstrecke, danach wieder am Ostbahnhof. 5 betrunkene Jugendliche wollen einmal in die Manteuffelstraße. Dank Großraumzuschlag entlasse ich sie bei 7,50 € auf der Uhr, als sie mir beichten, dass sie alle nur noch Hunderter dabei hätten. Trinkgeld gab es keines. Der Typ, der dann einsteigen wollte, hatte auch nur einen Fuffi und hat auf meine Frage hin ziemlich verärgert ein anderes Taxi genommen.

Ich bin schnell zu meiner Tanke und habe ausnahmsweise bar bezahlt. Woraufhin der an der Tanke auch etwas sparsam geschaut hat und der Kollege (der mich kannte) schnell nach hinten ist und mir aus dem bereits abgezählten Geld im quasi schon verstauten Kassenbeutel den Hunni kleingewechselt hat.

Ich versuch’s wirklich – aber an dem Abend hab ich im Anschluss ein oder zweimal nachgefragt, ob das mit dem Fuffi jetzt wirklich sein müsste. Und siehe da:  nein.

Man kann darüber streiten, ob es sinnvoll ist, dass der einzelne so wenig Geld dabei hat. Aber es ist wichtig, dass die Mehrheit es so hält, da es immer noch zu viele Überfälle gibt und es im Falle des Falles nicht nur unseren Schaden begrenzt, sondern viel mehr auch die Anreize senkt. Ich fände es schön, meinem Chef nur große Scheine in die Hand zu drücken. Würde die Arbeit auch erleichtern – aber manchmal kommt man an Grenzen.

Richtig süß fand ich dann schon wieder die etwas unsicher wirkende Oma, deren Enkel mich herangewunken hat. Er meinte, die Fahrt wäre noch eine Kurzstrecke und hatte damit Recht. Oma war begeistert davon, dass das Taxi wirklich nur 4 € kostete und rundete wie die meisten auf einen Fünfer auf:

„Wo ich’s doch eh nur so groß hab …“

Ein Zwanziger. Niedlich.

Verwechslungsgefahr, braune

Ich hab heute auf dem Gehweg einen Typen gesehen, bei dem ich – insbesondere in Kombination mit seinem Outfit – einfach nicht sicher sagen konnte, ob er mich ranwinken will oder mir den Hitlergruß zeigt.

War eine belebte Straße. Wenn er ein Taxi haben wollte, hat er bestimmt noch eines gefunden …