Sündenbock

Als ich nach dem Winken angehalten hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich mir mit der Fahrt einen Gefallen getan hatte. Vier Jungs, allesamt Brecher meiner Größe und ziemlich laut unterwegs.

„Mach mal Kurzstrecke, Digger!“

Während einer gleich angefangen hat, mir zu beschreiben, wie genau ich fahren soll, meinte ein anderer:

„Ey, mein Bruder is‘ auch Taxifahrer, weisste, Digger?“

Damit war alles ok. Im Ernst. Die größte Sorge bei einem Rudel Betrunkener ist, dass sie irgendwie Ärger machen, wegen Bullshit. Leute aber, die von Bruder, Vater, Tante oder Großcousine wissen, wie der Job so ist, sind  fast automatisch immer lieb. Die sehen in uns halt nicht einfach irgendeinen potenziellen Abzocker am Steuer, wie manch andere in angespitztem Zustand.

Der junge Mann holte dennoch verbal bedrohlich aus, brachte dann aber eine 1A-Pointe:

„Aber weisste, Digger, wenn ich mir anschau, wie so manche Taxifahrer heizen … weisste, die so glauben, dass ihnen die Straße gehört … wenn ich sowas seh, Digger, dann … dann würde ich am liebsten zu meinem Bruder fahren und ihn schlagen!“

😀

Das Ende vom Lied waren zwei Euro Trinkgeld auf eine Kurzstrecke und gute Laune. Und der Bruder hat diese Nacht vermutlich auch nix abbekommen. 😉

Berliner Stilleben

Ich hätte es fotografieren sollen, aber das Handy hing noch im Auto. Aber ja, da stand ich nun und neben der geöffneten Fahrzeugtüre standen auf dem Bürgersteig in Friedrichshain eine leere Flasche Beck’s, ein nur noch viertelvolles Glas Rotwein und eine volle Babyflasche mit Milch. Und ich würde gleich Geld für die dazugehörige Fahrt kriegen.

Das allerdings wurde etwas verzögert, weil zunächst irgendeine Hippie-Gestalt die Bierflasche mitnehmen wollte und zudem irgendwas von den guten und bösen Kräften der Erde und des Himmels erzählen musste, während ich ihr das untersagte. Berlin eben.

Bald aber kam der Bräutigam wieder und wimmelte sie ab.

Ja, ehrlich.

Im Grunde war es eine zwar lukrative, aber unspektakuläre Fahrt: Ich wurde im äußersten Südosten der Stadt rangewunken und habe die Fahrgäste bis nach Friedrichshain bringen dürfen. Tatsächlich war es ein Brautpaar, das aufgrund nicht näher zu beschreibender Ereignisse vor allen anderen Gästen die Hochzeitsfeier verlassen musste, weil sonst ihr junges Baby nix zu trinken gehabt hätte. Und, ich zitiere die beiden mal:

„Ohne Flasche geht da gar nix!“

Eine unglückliche Verkettung von Umständen, die letztlich dazu führten, dass die beiden sowohl mit ihren Getränken als auch der Babynahrung mal schnell für 30 € den „schönsten Tag ihres Lebens“ beenden mussten. Ich hab Bonuspunkte durch besonnene und doch schnelle Fahrweise sammeln können und ebenso durch den Bericht von meiner Hochzeit, die ich – wie Insidern bekannt sein dürfte – auf dem Standesamt mit Restalkohol und bei der Feier mit Fieber durchgestanden habe.

Und am Ende haben die beiden eben alle Getränke auf den Gehweg gestellt, die Braut ist zur Sparkasse gewuselt und der Bräutigam gab kurz darauf bekannt, dass er mal kurz, also gegenüber, er müsse wirklich ganz ganz dringend …

Und ich durfte dann die freilaufenden Hippies abwehren. Was halt so passiert. 🙂

Immer zu Diensten

Eine Winkerin. Gar keine schlechte Fahrt, wenn auch nicht herausragend. Aber hey, 17 € sind 17 €.

„Jetzt … wow, schön, dass Sie angehalten haben. Ich wollte da gerade über die App … und dann kamen Sie aber schon.“

„Schneller als die App, da können Sie mal sehen!“

Da ist Berlin natürlich ein spezielles Pflaster, schon klar. Rund 8.000 Taxis können die wenigsten Städte vorzeigen. Natürlich klappt das mit dem Winken nicht überall so wie hier in der Innenstadt. Aus Sicht der Kunden: Leider. Natürlich.

Andererseits muss ich an der Stelle auch mal wieder anmerken:

Alle Firmen, die in den letzten Jahren mit schneller Fahrtvermittlung Werbung gemacht haben – und da schmeiße ich, ohne sie gleichstellen zu wollen, sogar MyTaxi und Uber in einen Topf – bieten ihre Dienste in genau den Städten an, in denen es so viele Fahrer und so viele Kunden gibt. Aus deren Sicht verständlich, keine Frage. Mehr Umsatz, mehr Gewinn. Kenne ich so aus meinem Alltag auch. Die eigentliche Kunst wäre trotzdem, eigentlich unausgelasteten Fahrern Kunden und lange wartenden Kunden einen Fahrer zu vermitteln.

Insofern auch mal: Danke an all die Kollegen auf dem Land und in kleinen Städten, die den Job auch ohne all das gemeistert kriegen!

Don’t judge a book by its cover!

Er machte die Tür auf, tat zwei bis fünf Ausfallschritte und stand dann erst einmal orientierungslos in der Gegend rum. Und das junge Pärchen, das fünf Meter entfernt stand, rief aus zweierlei Kehlen:

„AH! OH MY GOD!“

Ja, man konnte den Typen schon leicht mit einem psychopathischen Serienmörder verwechseln. Ich sag nur: „Trevor Philips“. Für mich indessen war längst klar, dass der Kerl völlig ok war. Natürlich hatte er zu viel getrunken und das hatte er mir auch unnötigerweise schon gebeichtet. Aber er war ein extrem Lieber. Er hat mit mir um den Namen einer Straße gewettet (ich hab gewonnnen), mir das höchste Trinkgeld der Nacht vermacht und hätte wahrscheinlich einen Cage-Fight gegen zwei fünf Wochen alte Kätzchen verloren.

OK, wollen wir ehrlich bleiben: Niemand würde den zwei Kätzchen was tun, aber trotzdem!

Obwohl ich die Angst des Pärchens nachvollziehen konnte: Ich hab mich gefreut, es besser zu wissen. 🙂

Wortfindungs … äh, -Dingsbums

„Wo ist denn dein Tempomat?“

„Äh … wieso?“

„Na, Du bist doch Taxifahrer?“

„Du meinst das Taxameter?“

„Äh, ja.“

„Hier oben.“

Tss! Ich zeige Kunden doch nicht meinen Tempomat. Den zu entdecken hat mich schließlich selbst über zwei Jahre gekostet! 😉

Wenn’s so richtig schief läuft

Ich hatte eine paar Runden durch den Osten der Stadt gedreht und dank mitternächtlichem Starkregen kam dabei am Ende sogar sowas ähnliches wie ein normaler Schichtumsatz raus. Der Anfang war nämlich eher mies gelaufen. Nun aber hatte ich seit rund fünf Kilometern nix mehr zu tun und obwohl es vergleichsweise früh war, steuerte mein Auto wie von Zauberhand in Richtung Heimat.

Am S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße stand dann ein Typ im Regen, die Augen aufs Handy gerichtet, ein paar LP’s in der Hand. Der wird doch hoffentlich … und zack, war die Hand von ihm oben! Nice.

„Abend. Wo darf’s denn hingehen?“

„Steglitz.“

WTF?

In jedem anderen Bundesland landet man mit so einer Strecke in einer Nachbarstadt. Ich hab mir ganz ehrlich sogar „Scheiße!“ gedacht, weil mir eine Tour für 10 € ums Eck eigentlich viel besser gepasst hätte. Aber gut, nun also Steglitz. Auch mit dem Preis war er erst einmal zufrieden und ich will auch gar nicht auf seine halblebigen Feilschereien gegen Ende der Fahrt hin eingehen. Er hat den Preis auf der Uhr zuzüglich eines kleinen Trinkgelds gezahlt, damit ist gut. Nein, viel interessanter war ja die Frage, wie jemand aus Steglitz mit drei Punkrock-Platten nachts in Marzahn landet.

Und wie erwartet: Er hat’s wirklich rausgehabt!

Er war im Cassiopeia bei einem Konzert. Im Glauben, von dort mit der S2 heimzukommen (was auch Blödsinn ist) ist er in die S7 Richtung Ahrensfelde gestiegen und hat sich dann etwas gewundert, dass das nicht so ganz geklappt hat. Und nicht nur das: Er hat auch noch die letzte Bahn erwischt, nach der folglich keine mehr zurück wenigstens in Richtung Innenstadt fährt. Ist natürlich ein unschönes Tagesende, unfreiwillig 40 € im Taxi liegenlassen zu müssen, aber  bis wir bei ihm waren, hatte ich ihn immerhin soweit, dass er wenigstens froh war, dass ich gerade vorbeigekommen bin und er nicht auch noch 20 Minuten auf ein bestelltes Taxi warten musste. Was durchaus hätte passieren können.

Dass das für mich eine Spitzentour war, brauche ich jetzt ja nicht gesondert erwähnen, oder? 😉

Ganz mieses Stadium

Zunächst war ich ganz froh, trotz des hinter mir drängelnden Kollegen halbwegs ordentlich vor dem Winker anhalten zu  können. Als ich ihn dann aber in Augenschein genommen hab: Meine Güte!

Verschwitzt und zitternd stand er da vor meinem Auto, unterbrach jede seiner Bewegungen mit einer noch hektischeren nächsten, konnte sich kaum für eine Tür zum einsteigen entscheiden und fragte in allenfalls Satzfragmente zu nennenden Strukturen:

„Alda, hi, Alda, kennst Du, Du kennst, hier, also fast hier, Flatratepuff, Nähe hier, also, Alda, nicht weit, verstehste, Puff, Alda?“

Obwohl ich da keinen kannte, hat er sich mit sich selbst trotz allen zittrigen Hin und Hers dann doch für eine grobe Adressenangabe in der Nähe einigen können. Irgendwie wollte ich ihm ja nahelegen, dass ihn in dem Zustand kein Laden, egal was für einer, mehr reinlassen würde. Aber das sind dann die Fälle, wo man sich auf den Fahrersitz zurückzieht. Ob der gerade einen Entzug durchmachte oder den Horrortrip seines Lebens: Keine Ahnung. Ihn zu ärgern hielt ich trotz seiner offensichtlichen Harmlosigkeit für eine schlechte Idee.

Also eine kurze 8€-Tour und beim Ausstieg eine Minute Extra-Zeit, damit der sich vergewissern konnte, dass er kein Koks bei mir verloren hat. Was halt so passiert. Ich hoffe mal, jetzt wo ich das schreibe, geht’s ihm besser. Was auch immer das in diesem Fall heißen soll.