Styleberatung?

„Sieht das gut aus so?“

„Äh, ja. Warum nicht?“

Und damit war sie zufrieden. Dann passte das wohl.

Ich hab jetzt halt nicht unbedingt viel Ahnung, was ich eigentlich genau bewertet hatte, denn sie hat sich für die Frage zum Abschluss der Fahrt vor die Beifahrertür gestellt und ich hab im Wesentlichen ihren Bauch gesehen, der allerdings für mein persönliches  Empfinden durchaus kleidsam zwischen Jeans und kurzes Top passte.

Wobei sie eigentlich schon fünf Minuten vorher beschlossen hatte, statt des Schminkspiegels mich zu bitten, zu bewerten, ob ihr Gesicht gut aussehe.

Oder sie glaubte, ich hätte sowieso schon alles weitere gesehen, da ihre ersten Worte nach der Zieladresse „Ich zieh mich kurz um!“ waren und sie das anschließend auch neben mir in die Tat umgesetzt hat.

Ich muss zu guter Letzt allerdings gestehen: Ich bin schon allgemein ein schlechter Berater. Das sieht man mir auch an. Aber richtig schlecht bin ich dabei, wenn – wie dieses Mal – die Person auf meiner ganz persönlichen Attraktivitätsskala schon eine 12 von 10 erreicht und sich im Vorfeld einfach mal halb auszieht.

Dass ich dann „Komplimente“ wie obiges austeile, erklärt vermutlich ganz gut, weswegen ich vor meiner heutigen Beziehung so lange Single war. 😉

Berliner, ganz klar!

Ich bin gerade auf die letzte Standposition zugerollt, da kam er von der Seite angesprintet: Ein kahlrasierter wuchtiger Typ mittleren Alters, Military-Cargo-Shorts und ein grünes Shirt, das folgendes verkündete:

„Ick ♥ Berlin“

So mittel suspekt. Für Vormitternachtsverhältnisse.

Und das war der geilste Typ des Abends. Nicht etwa ein Ostberliner Rechtsaußen-Proll, sondern ein Kopenhagener, der seit 1990 (!) regelmäßig Berlin besucht. Einfach, weil er’s mag. Der war bei der Räumung der Mainzer Straße dabei, hatte die Anfänge des Tresors mitbekommen, der dieses Wochenende das 25-jährige Bestehen feierte, war bei jeder Berliner Loveparade und konnte für jeden Stadtbezirk irgendwas nennen, was er cool fand oder – trotz all des Wandels – immer noch cool findet.

Dieses Mal nur zwei Übernachtungen, aber in zwei Wochen wären er und seine Frau dann ja auch mal wieder länger da. Auf der Oranienburger Straße ist er kurz rausgesprungen, um noch einen Kellner zu grüßen, den er seit 10 Jahren kennt.

Ich weiß, dass Touris auch eine Menge Mist verzapfen in der Stadt und auch unschöne Entwicklungen befeuern. Aber könnte man nicht irgendeinen unbürokratischen Weg finden, solche Leute zu Ehrenbürgern zu erklären? 😀

Übergabe

Mal eben für eine nahezu 30 € Umsatz bringende Fahrt rausgewunken zu werden, ist immer schön. Noch dazu, wenn der Fahrgast nett ist und am Ende sogar das Trinkgeld stimmt. Das trifft ja selbst an gut laufenden Wochenendschichten nicht auf alle Fahrten zu.

So, und nun hat mein Fahrgast sich also verabschiedet und ist leicht angetrunken zu seinem Häuschen in einer kleinen Stadtrandsiedlung getorkelt. Ich hab die Daten der Tour kurz notiert, als plötzlich 30 Meter hinter mir eine dunkle S-Klasse heranrollt und Lichthupe gibt.

Ich wollte erst losfahren, aber als es nochmal blinkte, bin ich ausgestiegen. Ein junger Mann, groß und kräftigt, aber am Ende doch sehr nett, fragt mich, ob ich ihn gleich nach Neukölln mitnehmen könne. Er hätte nur eben seinen Chef heimgefahren und bräuchte jetzt selbst ein Taxi. Was halt so passiert.

Unnötig zu erwähnen, dass die Fahrt genauso viel brachte wie die erste und nicht weniger nett war. Manchmal hat man dann halt auch Glück.

„Besonders nett“

Auch wenn ich gestern noch einmal einen Rant loswerden musste: Ich bin ja im allgemeinen sehr dankbar über Kundschaft und entsprechend auch nett zu ihr. Manchmal hab ich die Vermutung, ich wäre sogar nett, auch wenn sie mir kein Geld bringen würde, aber schließt daraus bitte nicht auf psychologische Anomalien!

Nun also ein Kunde am Tierpark. Gott sei Dank! Ich war einen ziemlich weiten Weg in Richtung Heimat gefahren, in der steten Hoffnung, auf die verkorkste Schicht wenigstens noch ein kleines Winkerkrönchen setzen zu können. Der Kunde war zwar leicht angeschlagen, aber das wirklich nur in dem Sinne, dass man merkte, das er getrunken hatte. Gefahr durch Brockenlachen, Totalausfall oder völlige Enthemmung war nicht gegeben. Aber wir mussten umdrehen. Weil er seinen Schlüssel vergessen hatte.

„Kein Problem, kriegen wir hin!“

„Ehrlich jetzt? Na Du bist ja mal’n besonders netter Taxifahrer!“

„Wieso? Für sowas sind wir doch da.“

„Naja, aber manche Kollegen gucken immer gleich so und …“

„Kann sein. Das sind dann die, die meiner Meinung nach Pakete ausfahren sollten. Pakete quatschen nicht und haben keine Sonderwünsche.“

„Hihi. Naja, ick bin ja auch betrunken … aber nicht so, dass ich jetzt von mir aus irgendwie Stress mache oder so.“

„Dann wird das ok sein. Ich von meiner Seite aus hatte auch nicht vor, jetzt Streit anzufangen.“

Waren am Ende satte 30 €, Streit gab’s ebenso keinen. Und ich war nüchtern genug, ich hätte das bemerkt. 😉

Fußballschichten

Obwohl ich auch gerne mal über Fußball und die dazugehörigen Fans meckere: Ich gehöre ja auch zu den Leuten, die sich bei größeren Turnieren gerne mal ein paar Spiele ansehen. Und ja: Ich verstehe sogar die Kritik der Hardcore-Fans an dieser selektiven Teilnahme, muss aber zu meiner Verteidigung einwerfen, dass mir einfach diese bedingungslose Liebe zu einer Mannschaft völlig abgeht und ich bei stets wechselnder Sympathie wenn dann wenigstens gute Spiele sehen will.

Mit meinen Arbeitszeiten vertragen sich die 21-Uhr-Spiele der EM derzeit allerdings nur bedingt, also lasse ich einige ausfallen.

Das Deutschland-Spiel gestern natürlich nicht. Aus Gründen. Immerhin sind die Straßen bei so einem wichtigen Spiel weitgehend leergefegt, es gucken ja alle Fußball. Nun könnte man vermuten, dass das auch auf die Taxifahrer zutrifft und es somit auch weniger Konkurrenz gibt, aber das ist eine Fehleinschätzung: Denn zum einen gibt es einen Haufen nichtdeutsche Fahrer, die dann oft auch keinen Grund sehen, für ein Spiel die Arbeit abzusagen; zum anderen verbinden viele Fahrer dann auch das Angenehme mit dem Nützlichen und sehen sich das Spiel im Taxi an. So lange, wie wir teilweise am Stand stehen, ist das auch kein völlig utopisches Unterfangen.

Das mache ich nicht. Anfangen tut’s schon damit, dass ich nicht wegen einem Monat Fußball alle zwei Jahre einen mobilen Fernseher kaufen muss. Außerdem hab ich das große Glück, mir die paar Spiele zu Hause ganz einfach mit meiner besseren Hälfte ansehen zu können anstatt wie viele andere einen Kampf ums Fernsehprogramm führen zu müssen. Und wenn die Alternative zu wenig Umsatz auf der Straße eben ist, gemütlich zu zweit mit einer Tüte Tortilla-Chips vor dem großen Bildschirm rumzulümmeln ist, dann fällt mir die Entscheidung nicht sonderlich schwer. 🙂

Also gestern Deutschland gegen Italien in voller Länge inklusive Beinahe-Herztod beim Elfmeterschießen zu Hause.

Und dann ab ins Auto! Man lässt einen Samstag ja dann trotzdem nicht komplett links liegen und ich hab mir ohnehin nie angewöhnt, beim Fußballgucken immer Bier zu trinken. Also spricht ja nix dagegen, danach Jagd auf all die anderen zu machen, die nach dem Kneipen- oder Kumpelbesuch heimwollen.

Und heute Nacht war das eine grandiose Entscheidung!

Natürlich bin ich vergleichsweise nur kurz rausgefahren und natürlich hätte ich bei einer ganzen Schicht mehr Umsatz gemacht. Aber am Ende hab ich meinen wenigstens so grob eingeplanten Hunni in unglaublich kurzer Zeit erreicht; und das sogar inklusive des Luxus‘, gar nicht erst in die City zu cruisen. Ich hab einfach in Marzahn und den umliegenden 5 Stadtteilen Leute auf der Straße eingesammelt und bin damit auf einen äußerst erquiklichen Schnitt von deutlich über 30 € pro Stunde gekommen. Anstatt mich auch nur einmal an einen Stand zu stellen bin ich nur einmal zum Geldwechseln nach Hause gefahren und hab das Auto mit gutem Gewissen doch sehr schnell wieder abstellen können. Aber auch müssen, denn am Ende kommt dann halt doch zum üblichen Zeitpunkt die Müdigkeit, auch wenn man nicht den ganzen Arbeitstag auf der Straße verbracht hat.

Das, was mir zu einer wirklich guten Wochenendschicht gefehlt hat, werde ich aber auch heute nicht mehr einfahren. Im Gegenteil, denn heute spielt dann ja wieder Island und als Underdog-Liebhaber ist mir das Spiel nochmal wichtiger als das gestrige. Ich werde also wieder erst spät starten und im Gegensatz zu gestern werden danach nicht Massen an glücklichen Fans beim Heimtorkeln versehentlich ein Taxi ranwinken. So viele Isländer gibt es einfach nicht in Berlin. 😉

Ich glaube, ich mag das mit dem Fußball vor allem, weil es für mich eher eine Abwechslung als der Alltag ist. Vielleicht aber auch nur, weil’s eine gute Ausrede fürs Freimachen ist. Aber wer will bei sowas schon kleinlich sein? 😀

Dann halt so

Ich war bereits ein paar Stunden auf der Straße und hatte nur einen semiguten Umsatz zusammengefahren. Dass die Schicht noch nicht verloren war, wusste ich auch – aber so langsam drängte sich mir doch die Frage auf, wie ich mein Ziel noch würde erreichen können; ich lag einfach wirklich etwas arg unter Soll. Und dann ein Winker, in Mitte:

„Kurze Frage: Potsdam?“

Hat sich fast ein bisschen wie Cheaten angefühlt. 😀

Ganz wie erwartet …

Ich hatte meine Stunden runtergerissen, fast sogar mein Umsatzziel erreicht, es war also alles gut und ich war auf dem Weg nach Hause. Also zumindest war ich gerade gestartet, aber an einer Stelle noch so weit in Mitte, dass sich Hotels dort den Beinamen „Alexanderplatz“ geben dürfen, wurde ich rangewunken. Ein junges vietnamesisches Pärchen. Und mein erster Gedanke war:

„Yes! Die wollen in meine Richtung, das wird eine super Abschlusstour!“

Ich hab oft genug geschrieben, dass ich solche Verallgemeinerungen doof finde und ich weiß auch, dass man nach so einem Gedanken meist umgehend eine Fahrt in die völlig falsche Richtung an der Backe hat. Aber viele Klischees haben halt auch eine Entsprechung in der Wirklichkeit und historisch bedingt leben ja nun eben wirklich viele der Vietnamesen in Berlin irgendwo zwischen Lichtenberg und Marzahn und genau in die Richtung wollte ich. Und die beiden?

„Ga’au! Seigdi!“

Ja gut, da war die Sache mit der Sprachbarriere, aber das ist bisher auch immer gut gegangen. Und dass er eben „Geradeaus, zeig ich Dir!“ gesagt hatte, war für mich ohnehin offensichtlich.

Die Landsberger also. Richtig, genau richtig!

Wir haben’s unterwegs ein wenig versucht miteinander, aber egal ob ich ihm wenigstens einen Stadtteil zu entlocken versuchte oder er mich fragte, ob bei mir alles gut sei – am Ende blieb doch jedes Mal ein Fragezeichen zwischen unseren Blicken hängen. Aber egal: Wir hatten alle gute Laune, insbesondere ich so kurz vor Feierabend und der Typ neben mir, der sichtlich froh war, sich, und sei’s mit Händen und Füßen, verständigen zu können. Seine Freundin hat indes auf der Rückbank irgendwas in ihr Handy getippt.

Ich mag so Fahrten ins Ungewisse nicht, aber es gibt Umstände, da passt das schon. Natürlich hätte ich gerne eine Straße ins Navi eingetippt, aber nachdem mir mein Kunde mehrfach bestätigte, dass es immer noch geradeaus gehen würde und dabei völlig locker war und auch den Preis auf dem Taxameter im Blick hatte, machte ich mir keine Sorgen. Er hatte irgendwas mit „M8“ gesagt, deren Verlauf wir eher parallel folgten, aber als wir dann sogar an der Rhinstraße geradeaus weiterfuhren, war mir klar, dass es wirklich bis irgendwo vor meine Haustüre oder noch weiter in Richtung Stadtgrenze gehen würde.

Und so war es. Der mir gezeigte Weg entsprach nicht ganz meinen persönlichen Ansprüchen an die kürzeste Strecke, aber wer will da meckern? Am Ende stoppten wir nur ungefähr zwei Kilometer Luftlinie von meiner Haustüre entfernt. Also vier Kilometer Straßenweg durch Marzahner Plattenbausiedlungen.

Ich dachte schon über meine letzte Fahrt mit vietnamesischer Besetzung neulich nach, da kam dann nach all den „Hiecks“ und „Hilins“ tatsächlich noch die Frage, ob ich „deiminud waad“ könnte.

Na, aber hallo!

Mal abgesehen davon, dass es auf die unerwarteten 23,50 € Umsatz immerhin auch nochmal 1,50 € extra gegeben hatte.

Im Gegensatz zum letzten Kunden wusste ich dieses Mal allerdings noch nicht einmal, wo es danach hingehen sollte. In diesem Fall hätte ich mir die Rücktour in die Stadt gar nicht wirklich gewünscht, aber ja: Mitgenommen hätte ich sie. Meine Hoffnung indes war, dass es nur noch etwas weiter ins Wohngebiet rein geht.

Nach etwas mehr als 3 Minuten (ich hatte noch sehr gemütlich eine geraucht) kam mein Fahrgast auch wieder und entschuldigte sich doppelt und dreifach für die anderthalb Minuten Verspätung. Ach Gottchen! Zumal ich wie bei der oben verlinkten Tour mit seinem Landsmann auch dieses Mal die Uhr gestoppt hatte und auf satte 3,90 € Startgebühr für diese lächerliche Pause hoffen konnte.

Nach dem Einstieg manövrierte er mich weiter durch die Siedlung, allerdings mit noch schlechterer Ortskenntnis als zuvor. Obwohl das insgesamt nur eine kurze Fahrt bleiben sollte, war ich erstaunt, wie locker er es hingenommen hat, dass wir zum Einsparen von 20 Meter Fußweg 200 Meter mit dem Auto außenrum fahren mussten oder dass wir am Ende so falsch landeten, dass ich sogar wieder wenden musste.

Klar: Ich hatte da auch kein schlechtes Gewissen, denn mit einer Zieladresse hätte ich halt kurz das Navi angeschmissen, aber das konnte ich unter den gegebenen Umständen ja so nicht. Aber ja, bei vielen gehört da der bange Blick auf die Uhr dazu und am Ende ist ja doch der Taxifahrer schuld, dass es heute so teuer ist. Nicht so hier: Mein Fahrgast strahlte mich jedes Mal an, wenn ich ihn verstanden hab und wenn wir, teils nach langem Verharren auf einer Kreuzung, damit der sich umsehen konnte, den richtigen Weg einschlugen. Es sind solche eigentlich belanglosen Kleinigkeiten, die es am Ende ausmachen, dass man sich als Dienstleister wertgeschätzt fühlt.

Trotz allen Hickhacks sind am Ende gerade mal 7,50 € für die zweite Fahrt zusammen gekommen. Mein Fahrgast war überglücklich, ich war meiner Wohnung inzwischen sogar wieder 500 Meter näher gekommen und außerdem wurde die Fahrt nach einem argwöhnischen Blick aufs Taxameter mit folgenden Worten beendet:

„Sensokee!“

Ja, zehn ist ok. Sowas von ok. Eigentlich war sogar die ganze Fahrt sehr ok. Genau wie erwartet, aber sehr ok. 🙂